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Rücktritt von Andreas Rödder

Land der geistigen Verarmung

Politiker und Meinungsmacher, die sich selbst als „bürgerlich“ oder „der Mitte angehörig“ bezeichnen, beklagen gerne, die Gesellschaft habe sich von gewissen demokratischen Grundlagen entfernt. Es mangle an objektivem Diskurs, bei dem sich das bessere Argument durchsetze. Die gegensätzlichen Lager müssten wieder miteinander ins Gespräch kommen, Maß und Mitte sei das Gebot der Stunde. In der Versammlung der griechischen Polis, im römischen Parlament, der Wiege unserer Demokratie, sei das schließlich auch so gewesen.

Das sind schöne und löbliche Ideale. Doch was die Bürgerlich-Mittigen scheinbar vergessen haben, ist, dass mit diesem Politikmodell Voraussetzungen einhergehen: Nämlich das persönliche beziehungsweise parteiliche Verankert-Sein und Feststehen auf einem Wertesystem, welches wiederum von intellektuellen Wurzeln getragen wird.

Mit dem Rückzug des Historikers Andreas Rödder aus der CDU-Grundwertekommission, dessen Vorsitzender er war, zieht sich einer der letzten Denker und Intellektuellen der CDU mehr oder weniger frustriert zurück. Der Geschichtsprofessor leitete die Fachkommission „Wertefundament und Grundlagen“, die vor einem Jahr ihre Arbeit an der neuen CDU-Grundwertecharta fertiggestellt hatte. Auslöser für seinen Abgang waren Äußerungen Rödders in einem Stern-Interview und die Reaktionen darauf seitens einiger CDU-Politiker.

Rödder: „CDU soll nicht länger über falsche Brandmauern streiten“

Dort empfiehlt er den Christdemokraten, „nicht länger über falsche Brandmauern zu streiten“. Die CDU müsse „selbstbewusst auftreten und eigene Positionen formulieren“. Darüber hinaus zeigte sich der Leiter der liberal-konservativen Denkfabrik „Republik21“ offen für eine CDU-Minderheitsregierung im Osten, auch wenn diese ab und zu von der AfD unterstützt würde, wie das zuletzt in Thüringen der Fall war. Dort hatte die CDU mit Stimmen der AfD eine Senkung der Grunderwerbssteuer durchgesetzt.

„Soll die CDU aus Prinzip gegen ihre eigene Überzeugungen stimmen? Parlamentarismus heißt, die Inhalte an erste Stelle zu setzten“, erklärt Rödder gegenüber dem Stern.

Kritik an diesen seinen Aussagen kommt unter anderen von den Merkelianern Thomas Rachel, Bundesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, und Monika Grütters, Vorsitzende des Stephanuskreis der CDU/CSU, der sich für den Schutz verfolgter Christen einsetzt. Rödder wollte das „C“ aus dem Parteinamen streichen, wirft sie ihm vor, was im Übrigen nicht stimmt. Tadel kommt allerdings auch von CDU-Parteichef Friedrich Merz und Generalsekretar Carsten Linnemann, welcher, wie Merz, dem wirtschaftsliberalen Flügel der CDU angehört. „Andreas Rödder spricht nicht für die CDU“, konstatiert Linnemann.

Verleihung des ökumenischen Predigtpreis an Luisa Neubauer

Die CDU tut nicht gut daran, einen ihrer letzten Propheten aus den eigenen Reihen zu vertreiben. Anstatt sich auf ihr christliches Denkfundament zurückzubesinnen beziehungsweise ein neues zu erarbeiten und intellektuelle Vordenker um sich zu scharen, kreist sie um Brandmauern und darum, den Parteien links der Mitte keinen Grund geben, um Anstoß an ihr zu nehmen.

Doch dieses denkerische „Lost“-Sein der Christdemokraten ist nur ein kleines Puzzleteil des allgemeinen intellektuellen Verfalls Deutschlands. Die Versozialwissenschftlichung der geisteswissenschaftlichen Universitätsfächer tut ihr übriges dazu. Sinnbild für die geistige Verarmung ist die Verleihung des ökumenischen Predigtpreis an „Fridays for Future“-Aktivistin Luisa Neubauer. Die 27-Jährige mit einem Geografie-Bachelor-Abschluss wurde in der Kategorie Lebenswerk ausgezeichnet.

Das ist nicht nur eine Verhöhnung vormaliger Preisträger wie dem ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) oder dem Schriftsteller, Professor und Mitglied der „Gruppe 47“ Walter Jens. Es drückt auch eine Ignoranz gegenüber jenen aus, die sich seit Jahrzehnten auf gesellschaftlicher, politischer oder kultureller Ebene bemühen, Deutschland voranzubringen.

Ein sokratischer Moment

Andreas Rödder hat alles richtig gemacht: Er tritt für eigene fundierte Positionen ein und gleichzeitig für das gute alte demokratische Ideal, sich mit jedem politischen Partner zusammenzutun, der diese teilt. Vor die Wahl gestellt zwischen seiner „intellektuellen Freiheit“ und der „Leitung der Grundwertekommission“, entschied Rödder sich für das Erstere, wie aus seinem persönlichen Schreiben an Friedrich März hervorgeht, welches Nius und Welt vorliegt.

Ohne Rödder überhöhen zu wollen: Hierin liegt ein fast sokratischer Moment. Der Philosoph soll sein Recht auf öffentliche Rede verteidigt haben mit den Worten: „Ich will lieber dem Gott als euch gehorchen, und solange ich atme und die Kraft dazu habe, nicht ablassen, zu philosophieren und euch zu mahnen.“ Dass diese Einstellung wieder salonfähig wird, kann man für Deutschland nur hoffen.

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Kommentare

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Kommentar
1
Sepp Hampflinger
Vor 5 Monate

Volle Zustimmung zu Ihrem Artikel, Frau Sutter!

Eine 27jährige für ihr Lebenswerk zu ehren ist vollkommen grotesk; wer weiß schon, wie sie sich noch entwickeln wird.

Andreas Rödder ist zu seinem souveränen Schritt nur zu gratulieren: So geht geistige Unabhängigkeit. Umso bedauerlicher der Kleingeist und die Dummheit in der CDU: So wird es nichts mit einer neuerlichen Regierungsübernahme, und wenn, dann würde die CDU-Regierung genauso wenig taugen wie die derzeitige. Leute wie Rödder sollten in höchsten Staatsämtern sein – wie überhaupt nach Platon der Philosoph regieren sollte, gerade weil er es nicht anstrebt.

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Xanthippe
Vor 5 Monate

Philosophen, die den ganzen Tag reden, aber nicht zupacken, wo es um konkrete Arbeit geht?
Heutige Politiker ohne Ausbildung/Lehre/Studium/Lebenserfahrung kommen diesem "Ideal" recht nahe. Da ist eine aktuelle Petition unterstützenswert, die mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung voraussetzt, bevor jemand "in Politik macht". Und eine Haftung für schädliche Entscheidungen wäre vielleicht auch nützlich.

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Paul D.
Vor 5 Monate

Die CDU lähmt und amputiert sich selbst, lässt sich in die Rechtfertigungs-Ecke treiben, während die Linke dreist und unbeschadet gegen die demokratisch zustande gekommene Grundsteuer-Absenkung Klage einreicht. Dabei hatte Ramelow 2020 selbst schon mit der AfD gestimmt, was ihm parteiintern üble Kritik einbrachte:

"...verspielt der Ministerpräsident.. Haltung der LINKEN.., indem er bei der Wahl des Vize-Landtagspräsidenten – als einziges Mitglied seiner Fraktion – für den Kandidaten der AfD stimmt."
https://www.demokratisch-links.de/category/internationales/europa/deuts…

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Sepp Hampflinger
Vor 5 Monate

Volle Zustimmung zu Ihrem Artikel, Frau Sutter!

Eine 27jährige für ihr Lebenswerk zu ehren ist vollkommen grotesk; wer weiß schon, wie sie sich noch entwickeln wird.

Andreas Rödder ist zu seinem souveränen Schritt nur zu gratulieren: So geht geistige Unabhängigkeit. Umso bedauerlicher der Kleingeist und die Dummheit in der CDU: So wird es nichts mit einer neuerlichen Regierungsübernahme, und wenn, dann würde die CDU-Regierung genauso wenig taugen wie die derzeitige. Leute wie Rödder sollten in höchsten Staatsämtern sein – wie überhaupt nach Platon der Philosoph regieren sollte, gerade weil er es nicht anstrebt.

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Xanthippe
Vor 5 Monate

Philosophen, die den ganzen Tag reden, aber nicht zupacken, wo es um konkrete Arbeit geht?
Heutige Politiker ohne Ausbildung/Lehre/Studium/Lebenserfahrung kommen diesem "Ideal" recht nahe. Da ist eine aktuelle Petition unterstützenswert, die mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung voraussetzt, bevor jemand "in Politik macht". Und eine Haftung für schädliche Entscheidungen wäre vielleicht auch nützlich.