Ein Land verliert seine Seele
Am 10. November 2025 veröffentlichte das Schweizer Bundesamt für Statistik (BFS) eine nüchterne Medienmitteilung. Ihr Inhalt hätte eine politische Debatte auslösen müssen. Er tat es nicht.
Die zusammengefasste Geburtenziffer lag 2024 bei durchschnittlich 1,29 Kindern je Frau – so tief wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Schweizerinnen bringen laut dieser wichtigen demografischen Kennzahl in ihrem Leben 1,2 Kinder zur Welt, Ausländerinnen 1,5. Auch die Erst- und Zweitgeburten gingen zurück, das heißt, es gab weniger neue Mütter, und die, die schon ein Kind hatten, bekamen weniger weitere Kinder. Ihre Zahl ging seit 2019 um rund neun Prozent zurück, die Geburten der dritten Kinder sogar um 13,6 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil junger Menschen, die überhaupt keine Kinder mehr wollen, markant an. Bei den 20- bis 29-Jährigen hat er sich innerhalb von zehn Jahren fast verdreifacht.
Was wir hier erleben, ist kein statistischer Ausrutscher. Es ist ein seit Jahren stattfindender historischer Bruch. Und er wird politisch und medial behandelt wie ein Betriebsunfall.
Die Schweiz ist auf dem Weg in eine demografische Sackgasse. Schon heute ist fast jeder fünfte Einwohner über 65. In wenigen Jahrzehnten wird es jeder Vierte sein, dann vielleicht sogar jeder Dritte, wie in einigen asiatischen Ländern bereits heute. Altersheime klagen über Personalmangel, Spitäler über fehlende Pflegekräfte, Unternehmen über Fachkräftemangel, die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) über Finanzierungslücken. All diese Probleme haben einen gemeinsamen Nenner: Uns fehlen Kinder.
Doch selbst diese nüchterne Diagnose greift zu kurz. Denn der eigentliche Skandal steht nicht in der BFS-Mitteilung. Er steht in einer anderen Statistik.
Mehr als 12.000 Abtreibungen pro Jahr
Seit Einführung der Fristenregelung im Jahr 2002 wurden in der Schweiz über 250.000 Schwangerschaftsabbrüche registriert. Allein 2023 waren es 12.045, 2024 sogar 12.434 – so viele wie nie zuvor. Demografisch entspricht das dem Verschwinden einer Kleinstadt pro Jahr.
Und dennoch erklärt der Bundesrat in seiner Stellungnahme, es sei „problematisch“, Abtreibung mit demografischen Überlegungen zu verknüpfen. Sozioökonomische Argumente drohten die „menschliche und ethische Dimension“ zu überlagern. Man sehe keinen Widerspruch zwischen Klimapolitik für kommende Generationen und dem Recht auf Abtreibung.
Das ist eine bemerkenswerte Form politischer Realitätsverweigerung. Denn die demografische Entwicklung besteht nicht nur aus Kinderwunsch-Umfragen und Fertilitätskurven. Sie besteht auch aus Kindern, die bereits da waren – und nicht leben durften. Wer über Geburtenraten spricht, aber über Abtreibungszahlen schweigt, betreibt Statistik ohne Wirklichkeit.
„Selbstbestimmung“ oder struktureller Druck?
Noch irritierender ist die Gleichgültigkeit, mit der diese Zahlen hingenommen werden. Keine Sondersendung. Kein Leitartikel. Kein Aufschrei. Man hat sich offenbar daran gewöhnt, dass jedes Jahr über 12.000 ungeborene Kinder, die, nochmal betont, schon da waren, verschwinden. Dabei zeigt selbst die offizielle BFS-Studie, dass Schwangerschaftsabbrüche in 97 Prozent der Fälle aus psychosozialen Gründen erfolgen: Überforderung, Angst vor der Zukunft, Unvereinbarkeit mit Ausbildung oder Beruf, Partnerschaftskrisen.
Der Bundesrat bestätigt diese Befunde – und erklärt gleichzeitig, es bestehe kein Handlungsbedarf. Die Gründe seien „individuell“, die bestehenden Beratungsangebote ausreichend, weitere Studien unnötig.
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Das ist zynisch. Denn wer Frauen zuhört, hört selten von individueller Freiheit. Er hört von Druck. Von Einsamkeit. Von dem Gefühl, keine echte Alternative zu haben. Was politisch als „Selbstbestimmung“ etikettiert wird, ist in der Realität oft eine Entscheidung unter Zwangsbedingungen.
Eine Wahl ohne Alternativen aber ist keine Wahl.
Demografie ohne Moral
Besonders grotesk ist der moralische Spagat der offiziellen Politik: Man beschwört Nachhaltigkeit, Generationengerechtigkeit und Vorsorge für die Zukunft – und erklärt gleichzeitig, ungeborenes Leben habe in dieser Debatte nichts verloren.
Nationalrat Andreas Gafner stellte in zwei Interpellationen genau diese Frage: Welche demografischen Folgen haben über 250.000 Abtreibungen seit 2002? Welche Auswirkungen hat das auf Altersstruktur, Fachkräftemangel, Innovationsfähigkeit? Welche Vision von Generationengerechtigkeit verfolgt der Bundesrat überhaupt?
Die Antwort: keine. Man sehe keinen Zusammenhang. Man sehe keinen Widerspruch. Man sehe keinen Handlungsbedarf. So sieht politische Verantwortung in der heutigen Schweiz aus.
Ein Zeichen der Hoffnung
Dass inmitten dieser demografischen Winterstarre neue, kraftvolle Lebenszeichen entstehen können, beweist ein Ereignis, das am 28. Dezember 2025 die neblige Stille von Einsiedeln durchbrach.
Es war ein kalter, grauer Sonntag, an dem sich aus dem dichten Nebel plötzlich ein hoch erhobenes Kreuz und eine Prozession abzeichneten, die ein tiefes Gefühl von Würde und Aufbruch vermittelte. Die erste offizielle „Einsiedler-Wallfahrt für Schwangere in Not“ war weit mehr als nur ein religiöser Umzug mit geistigem Setting.
Sie war ein Akt der glanzvollen Solidarität mit jenen Frauen, die ungeplant schwanger wurden, sich in einer der schlimmsten vorstellbaren menschlichen Krisen wiederfinden – und sich gezwungen sehen, über eine Abtreibung nachzudenken. Nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie keinen anderen Ausweg sehen. Weil Gesellschaft und Politik wegschauen – und sie unter dem Deckmantel der „Selbstbestimmung“ einfach im Stich lassen.
Angeführt von zwei Benediktinern in ihren charakteristischen schwarzen Kutten bewegte sich die Pilgergruppe, eine lebendige Mischung aus Betern, Unterstützern und fröhlich umherspringenden Kindern, auf das Benediktinerinnenkloster Au zu. Fernab von politischen Slogans oder dem gewohnten Rahmen großer Kundgebungen wurde hier die oft übersehene stille Not von Frauen im Schwangerschaftskonflikt ins Zentrum gerückt. Es war ein bewegendes Bild: Inmitten der winterlichen Witterung brannte ein Licht der Hoffnung für jene, die sich in ausweglosen Situationen wähnen.
Die Wallfahrer vertrauten alle Schwangeren und ihre ungeborenen Kinder „Unserer Lieben Frau von Einsiedeln“ an – mit der Bitte um jene innere Freiheit und Stärke, die es braucht, um unter massivem Druck dennoch „Ja“ zum Leben sagen zu können.
Ein besonders symbolträchtiger Moment war der Einzug in die Klosterkirche Au, wo der Überlieferung nach die Reliquien der Unschuldigen Kinder von Bethlehem aufbewahrt werden. In diesem würdevollen Gedenken an die ersten Zeugen des christlichen Glaubens wurde nicht nur für die Ungeborenen gebetet, sondern auch für jene Frauen, die ein Kind verloren haben oder sich vergeblich nach neuem Leben sehnen.
Organisiert durch das Wallfahrtsbüro der Abtei Einsiedeln, das Kloster Au und die Initiative 1000plus Schweiz, markiert diese Wallfahrt den Beginn einer neuen Tradition. Sie soll künftig ein fester Anker im Bewusstsein unseres Landes werden. Ein jährliches, leuchtendes Zeugnis dafür, dass keine Frau allein gelassen werden darf und dass der Schutz des Lebens die edelste Aufgabe einer zivilisierten Gesellschaft bleibt. Ein Zeichen, das Mut macht, Hoffnung schenkt und zeigt: Das Licht des Lebens ist stärker als jeder Nebel.
Die eigentliche Frage
Doch viel lauter als solche Symbole zieht der Jahrmarkt der Politik durchs Land. Die Schweiz diskutiert leidenschaftlich über die 10-Millionen-Schweiz. Sie debattiert über Migration, Raumplanung, Verkehr und Klima, und sie streitet sich darüber, wie unser Verhältnis zur Europäischen Union in Zukunft aussehen soll.
Das sind zweifellos wichtige Fragen. Insbesondere der Schweizerischen Volkspartei (SVP) ist hoch anzurechnen, dass sie sich dabei leidenschaftlich für die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Schweiz einsetzt und damit auch für ihre Werte, Traditionen und Kultur.
Aber welchen Sinn hat dieser Kampf, wenn unser Land gleichzeitig seine Zukunft verliert? Für wen schützen wir die Schweiz vor Fremdbestimmung, wenn wir keine Kinder mehr bekommen? Was bringt uns das Ringen um Formulierungen in Verträgen, um die exakte Regelung der Migration, um die Zahl der Autobahnspuren, wenn gleichzeitig die banalste aller Fragen unbeantwortet bleibt: Wer soll dieses Land in drei Generationen überhaupt noch tragen?
Wer nicht geboren wird, der fehlt. Für immer. In der Feuerwehr. In der Pflege. In der Schule. In der Werkhalle. Im Parlament. Bei den Schwingern. In der Familie. Der Geburtenrückgang ist kein abstraktes Phänomen. Er ist das Protokoll eines kulturellen Rückzugs. Und jede Abtreibung ist Teil dieser Bilanz.
Eine Gesellschaft, die Nachhaltigkeit predigt und gleichzeitig ihre Kinder verliert, verliert irgendwann den Boden unter den Füßen.
Und das Erschreckendste daran ist nicht die Statistik. Es ist das Schweigen darüber.
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