Direkt zum Inhalt
Forderungen von Verbänden

Hebammen sollen abtreiben? Hier sprechen sich drei von ihnen klar dagegen aus

Die Angriffe auf das Leben sind vielschichtig, hinterhältig und manchmal so abstrus, dass man nicht damit rechnen würde. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht trotzdem effektiv sein könnten. Ein solcher Fall ist der Vorstoß von Verbänden, die ausgerechnet Hebammen in die Abtreibungsindustrie eingliedern wollen.

Hebammen, die Helfer ins Leben, die Müttern und Familien mit Rat und Tat zur Seite stehen, sollen also Leben verhindern? Wie gesagt: abstrus. Und doch schon Realität. In Frankreich dürfen Hebammen medikamentöse und instrumentelle Abtreibungen durchführen. Auch in Ländern wie Schweden oder Nepal dürfen sie Schwangerschaften beenden, wie Corrigenda ausführlich berichtete.

Die Abtreibungslobby hat es sowohl in die Weltgesundheitsorganisation WHO als auch in den Internationalen Hebammenverband (ICM) und den Deutschen Hebammenverband (DHV) geschafft. Alle drei sprechen sich dafür aus, dass Hebammen medikamentöse Abtreibungen vornehmen dürfen sollen. Ein DHV-Präsidiumsmitglied begründete das mit angeblichen Versorgungslücken. Und laut WHO gehören Abtreibungen zur „reproduktiven Gesundheitsversorgung“ (mehr dazu hier).

Wie stehen Hebammen dazu? Umfragen unter deutschen Geburtshelfern dazu gibt es nicht. Corrigenda hat aber rund ein Dutzend Hebammen beziehungsweise Studentinnen befragt. Die Stimmung ist eindeutig: Keine von ihnen hat den Beruf gewählt, um später einmal Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen.

Hier sprechen drei Hebammen über ihre Motive, Beweggründe und ihr Berufsbild.

Magdalena: „Eine Hebamme sollte das Leben bejahen“

Hebamme Magdalena mit ihrem Baby

Als ich von den Bestrebungen hörte, dass Hebammen angebliche Versorgungslücken bei Schwangerschaftsabbrüchen schließen sollen, nahm ich dies zunächst nicht ernst. Wie bitte? Das Berufsbild der Hebamme ist doch darauf ausgelegt, Frauen und ihre Familien während der Schwangerschaft, bei der Geburt und darüber hinaus zu begleiten und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Wie passt das mit der Beendigung eines Lebens im Mutterleib zusammen?

Ich bin seit 2021 examinierte Hebamme und durfte selbst bereits zweimal das Glück erleben, Mutter zu werden. An meinem Beruf liebe ich besonders, wie schnell man mit zuvor fremden Menschen eine innige und vertrauensvolle Beziehung aufbaut. Es ist beeindruckend zu sehen, wie Frauen ermutigt werden können, und über ihre eigenen Fähigkeiten hinauswachsen. Vor allem das Stillen und das damit verbundene intensive Erlebnis, das eigene Kind zu ernähren, fasziniert mich sowohl als Hebamme als auch als Mutter immer wieder aufs Neue.

Meiner Ansicht nach sollte eine Hebamme das Leben bejahen und Frauen sowie ihre Familien dabei unterstützen, eine Beziehung zu ihrem ungeborenen Kind aufzubauen. Der Gedanke, einer ungewollt schwangeren Frau eine Abtreibungspille zu überreichen, lässt mich erschaudern. Das entspricht nicht dem Berufsbild, das ich erlernt habe und ausüben möchte.

Ich persönlich könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, als Hebamme an einem Schwangerschaftsabbruch mitzuwirken. Es schmerzt mich, wenn ich von Kolleginnen höre, dass sie dies befürworten. Meiner Meinung nach wird den Frauen damit nicht geholfen. Im Gegenteil: Sie bleiben möglicherweise mit der schweren Last zurück, sich gegen ihr eigenes Kind entschieden zu haben.

Bernadette: „Ich müsste meinen Beruf niederlegen“

Mein Wunsch, Hebamme zu werden, entstand schon in meinen jungen Kindheitstagen. Niemals hätte ich geglaubt, dass ich tatsächlich einmal in diesem Beruf tätig sein werde. Nur 20 Bewerberinnen von 300 wurden ausgewählt und ich war eine von ihnen. Für mich ein absolutes Wunder! Meine Ausbildung absolvierte ich am Uniklinikum Augsburg, in welchem ich schon bald mit dem Thema Abtreibung konfrontiert wurde. Aktiv daran beteiligen wollte ich mich nie, denn für mich war schon immer klar, dies kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Für mich sind diese kleinen ungeborenen Menschen genauso schutzbedürftig wie eine Minute nach der Geburt. 

Hebamme Bernadette mit ihrem Kind

Leider konnte ich dennoch nicht ganz vermeiden, damit konfrontiert zu werden. Es kam einige Male vor, dass, wenn ich während meines Dienstes etwas im „unreinen Arbeitsraum“ (hier standen die Abfalleimer für Müll, dreckige Wäsche usw.) entsorgen musste, dort zu meinem Schrecken neben dem Waschbecken ein kleines totes Menschlein lag, das durch Abtreibung getötet wurde. Sie waren so perfekt und so zerbrechlich, dass mir nur die Tränen kamen ob dieses Unrechts. 

Einmal war ich bei einer Geburt anwesend, bei der Zwillinge geboren wurden. Der eine kam lebend und der zweite tot, denn er wurde in der 22. Schwangerschaftswoche aufgrund von Trisomie abgetrieben. Trotz der Freude über die Geburt des lebendigen Kindes lag eine tiefe Schwere und Trauer in diesem Kreissaal. 

Ich stand so oft in dem Konflikt, sagen zu wollen und doch nichts sagen zu dürfen, oft fühlte ich mich so schuldig, ja mitschuldig am Tod dieser Kinder, denn ich habe nichts getan und nicht eingegriffen, um das Leben der ungeborenen Kinder zu retten. Mir waren als Hebammenschülerin die Hände gebunden und oft fehlte mir der Mut zu sprechen. Dies war ein Grund, weshalb ich seitdem nur noch in Krankenhäusern arbeite, in denen Abtreibung keine Option war. Ich müsste meinen Beruf niederlegen, sollte Abtreibung tatsächlich ins Aufgabengebiet von Hebammen fallen.

› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge

Eltern bekommen während der Schwangerschaft zum Beispiel die schlimme Diagnose, dass ihr Ungeborenes nicht oder nur begrenzt lebensfähig sein wird. Für viele Eltern scheint der einzige Ausweg ein Schwangerschaftsabbruch zu sein. Dabei wird diese weitreichende Entscheidung oft unter (Zeit-)Druck und im Schock getroffen.

Eine Alternative bietet sich in der palliativen Geburt, bei der die Mutter das Ungeborene weiter trägt, bis das Kind verstirbt – noch im Mutterleib, während der Geburt oder danach. Für die professionelle Begleitung der betroffenen Familien hat das Klinikum Kempten ein Konzept erstellt, das meiner Meinung nach an allen Kliniken eingesetzt werden müsste, um eine gute Alternative für Eltern in solchen Situationen zu bieten. 

Christine: „Beratung und Begleitung von Schwangeren in Not stärken“

Hebamme Christine mit ihrem Kind

Schwangerschaft, Geburt und das Wochenbett gehören zu den prägendsten Phasen im Leben einer Frau. Als Hebammen geben wir hierbei verlässliche Orientierung und Unterstützung. Vor diesem Hintergrund lehne ich aktuelle Bestrebungen, Hebammen in die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen einzubeziehen, klar ab. Es widerspricht unserem beruflichen Selbstverständnis: Unsere Aufgabe ist die kontinuierliche, zugewandte Begleitung – nicht ein Eingriff, der das Leben eines Kindes beendet.

Die Zahl von jährlich über 106.000 Abbrüchen in Deutschland zeigt vielmehr, dass strukturelle, finanzielle und psychosoziale Hilfen oft nicht ausreichend vorhanden sind.

Dass eine Ausweitung der Durchführung auf Hebammen keine präventive Lösung ist, wie manche Verbände behaupten, beweist der Blick ins Ausland: In Schweden stagniert die Abbruchrate trotz der erlaubten Durchführung durch Hebammen seit Jahrzehnten auf hohem Niveau – in Frankreich, wo Hebammen medikamentöse und mittlerweile sogar instrumentelle Abbrüche durchführen dürfen, ist die Zahl zuletzt sogar deutlich angestiegen. Die Einbindung unseres Berufsstandes senkt also nicht die Zahl der Konflikte. Ein Abbruch darf gesellschaftlich nicht als „schnelle Lösung“ wahrgenommen werden, nur weil der Zugang zu echten Alternativen fehlt.

In meiner Praxis erlebe ich, wie essenziell Zeit, Zuhören und verlässliche Unterstützung im Schwangerschaftskonflikt sind. Wir müssen die Rolle der Hebammen genau hier stärken – in der frühzeitigen Beratung und Begleitung von Schwangeren in Not – und sie klar von der Durchführung von Abbrüchen abgrenzen.

› Folgen Sie uns schon auf Instagram oder LinkedIn?

36
0

7
Kommentare

Kommentare