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Modewort und Kampfbegriff

Toxische Menschen? Gibt es nicht!

Da ist dieser Mensch, der einem zu schaffen macht. Nach jeder Begegnung fühlt man sich schlecht, ausgelaugt, richtig platt. Was einem vielleicht einige Zeit erst mal gar nicht so richtig auffällt. Aber irgendwann kommt dieser Punkt, an dem man sich fragt: Warum tue ich mir das eigentlich noch an? Soll ich nicht lieber den Kontakt abbrechen?

Nun, es mag möglicherweise feige sein, wenn man Menschen, die es einem schwermachen, meidet. Freundschaften und Beziehungen sollten doch etwas aushalten können. Doch die Frage ist: wieviel? Und wann ist der richtige Zeitpunkt um zu sagen, nein, da mache ich nicht mehr mit? In jeder Beziehung ist es wichtig, Grenzen zu setzen, wenn diese Grenze erreicht ist. Aber was ist davon zu halten, dass man dem anderen zusätzlich einen Kampfbegriff überstülpt?

Populärwissenschaftlich genutzt wird seit zig Jahren der Begriff „toxische Menschen“ – und damit sind Menschen gemeint, die das Miteinander sozusagen „vergiften“. Im englischsprachigen Raum wurde „toxic“ im Jahr 2018 von den Oxford Dictionaries zum Wort des Jahres gewählt. „Toxische Menschen sind wie die Asche, die an deinen Knöcheln haftet und die dich dann auf ein Bad in ihrem vergifteten Gewässer einladen“, so formuliert es der australische Schriftsteller John Mark Green. In den sozialen Netzwerken tummeln sich hunderte von Influencern, die dieses Thema beackern. Gibt man das Stichwort „toxische Menschen“ bei YouTube ein, werden zig Videos angezeigt, die betitelt sind mit beispielsweise „Trenne dich von Menschen, die dir nicht guttun“, „25 Zeichen, dass du in einer toxischen Beziehung bist“ und „Vier Tipps zum Umgang mit negativen & toxischen Menschen“.

Unsere Lust am Pathologisieren

Woher kommen plötzlich all diese angeblich toxischen Menschen? Im Umgang mit dem Begriff gibt es offensichtlich gar kein Halten mehr: Hinter so ziemlich jeder menschlichen und zwischenmenschlichen Schwierigkeit wird inzwischen das Toxische gewittert. Beständig wird auf der Lauer gelegen, um mit Formulierungen wie „du bist toxisch“ oder „eure Beziehung ist toxisch“ zuschlagen zu können. Das passt zu dem gesellschaftlichen Trend, jedes Verhalten, das als unangenehm oder nicht konform empfunden wird, umgehend zu pathologisieren. Unter Frauen ist beispielsweise besonders beliebt, über Männer zu behaupten, sie seien „narzisstisch gestört“. Und eben auch, ihnen die sogenannte „toxische Männlichkeit“ zu unterstellen. Diese gesellschaftliche Lust am Pathologisieren könnte man fast schon selbst für pathologisch halten.

Ursprünglich hat der Begriff „toxisch“ rein gar nichts mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun. Er wird in der Chemie und unter anderem in der Medizin verwendet und meint giftig, schädlich. Abgeleitet wird er von dem altgriechischen tò tóxon, „der Bogen“. Der Ausdruck toxikòn phármakon bezeichnete ursprünglich das Gift, in das Krieger ihre Pfeilspitzen tunkten. Der giftigste Stoff, den die Ureinwohner für die Jagd nutzten, war Batrachotoxin. Er entstammt der Haut kleiner gelber Frösche. Bereits eine minimale Menge an Batrachotoxin, die der Größe von zwei Kristallkörnern Kochsalz entspricht, führt zu Herzversagen.

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Toxizität nennt man ein Maß für die Giftwirkung einer Substanz. Als Begründer der modernen Toxikologie gilt Paracelsus, der im 16. Jahrhundert als erster den Zusammenhang zwischen Wirkung und Dosis erforschte. Doch erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts schuf Mathieu Orfila die Grundlagen für das neue Fachgebiet. Seine Untersuchungen „Traité des poisons ou Toxicologie générale“ gelten als Standardwerk der Toxikologie. Mit der zunehmenden Industrialisierung und den damit einhergehenden Verunreinigungen in Luft, Boden und Wasser wandelte sich der Schwerpunkt: ausgehend von einer Wissenschaft, die sich mit Giftstoffen aus unter anderem Pflanzen beschäftigte, wurde es nun wichtiger, sich mit der möglichen Schadwirkung von Umweltstoffen zu befassen.

Wieviel Gramm braucht es von was, damit eine Beziehung toxisch ist?

Nun also ist auch der Mensch dran. Auch er: toxisch. Aber wie nur kommt es dazu, andere Menschen als „giftig“ zu bezeichnen? Wann und wie es begann, ist nicht klar zu bestimmen. Britney Spears dürfte mit ihrem im Jahr 2004 veröffentlichten Song „Toxic“ einen nicht unwesentlichen Anteil an der Verbreitung gehabt haben. So heißt es im Refrain: „Ich bin süchtig nach dir. Weißt du nicht, dass du giftig bist?“ Damit beschrieb sie freilich kein neues Beziehungsphänomen, sondern gab dem, was in der Psychologie längst bekannt war, einen anderen Namen. „Abhängige Beziehung“ oder „zerstörerische Beziehung“ sind beispielsweise Synonyme.

Doch ab welcher Dosis gilt eine Beziehung eigentlich als toxisch? In der Pflanzenwelt ist es eindeutig. Der Blaue Eisenhut beispielsweise. Die Zierpflanze mit ihren dunkelvioletten, bläulichen Blüten ist die giftigste Pflanze Europas. Alle Teile der Pflanze sind giftig. Schon zwei Gramm der Wurzel etwa sind tödlich. Hier kann es nicht nur durch Verschlucken von Blättern oder Blüten zu Vergiftungserscheinungen kommen. Das Gift Aconitin kann auch über die Haut aufgenommen werden – es genügt schon, wenn die Blätter zerrieben werden. Herzrhythmusstörungen, Krämpfe und Kreislauflähmungen sind die Folge. Frisst etwa ein Pferd die Pflanze, tritt der Tod durch Atemlähmung oder Kreislaufversagen ein.

Daher nochmal: Wieviel Gramm braucht es von was, um sagen zu können, dass eine Beziehung toxisch ist?

Man könnte nun Dutzende Psychologen und Influencer zitieren, die das angeblich ganz genau definieren können. Kein Wunder, sie haben ihr Geschäftsmodell darauf aufgebaut. Doch genau das soll hier nicht geschehen. Würde man sich auf die Beantwortung dieser Frage einlassen, dann betritt man damit ein mehr als zweifelhaftes Terrain.

So gefragt: Ist es überhaupt erlaubt, andere Menschen als toxisch zu bezeichnen? Ist ein toxischer Mensch ein Mensch zweiter Klasse, weil er anderen Menschen das Leben oft schwermacht? Lässt sich das mit einer humanistischen Sichtweise vereinbaren? Kann es nicht als Ausrede benutzt werden, um unangenehmen Situationen auszuweichen? Macht man es sich damit nicht zu einfach?

Ja, Menschen sind dann und wann unbequem

Freilich, sich nur noch mies in der Gegenwart eines anderen zu fühlen und darunter zu leiden, das muss natürlich niemand auf Dauer aushalten. Jeder hat das Recht, ein gutes Leben zu haben und sich vor dem zu schützen, was einem schadet. Doch das berechtigt nicht, diejenigen, die einem nicht guttun, als „toxisch“ zu etikettieren. Weiß man eigentlich, was man damit macht, indem man einen Menschen als „giftig“ deklariert? Ist einem klar, dass man ihn damit entwertet, sozusagen zu einem „Untermenschen“ degradiert?

Ja, Menschen sind dann und wann unbequem. Sie lassen sich nicht abstellen wie das Smartphone oder der Fernseher. Wenn wir uns aber nur noch mit Menschen umgeben, die „gemütlich“ sind, verlernen wir, mit Konflikten umzugehen und werden nach und nach immer kritischer anderen gegenüber. Statt uns empathisch zu verhalten. Denn auch der angeblich „toxische Mensch“ hat seine Geschichte, warum er sich so verhält und nicht anders.

Das, was mir nicht gefällt, ist eben das, was mir nicht gefällt – und nicht automatisch toxisch. Sondern vielleicht oft einfach ein Ausdruck des Ringens des anderen mit einem uns unbekannten Problem. Wenn wir darunter leiden, ist es an uns, die Grenzen zu ziehen. Doch das geht auch ohne Kampfbegriffe. Es gibt genug Kriege auf der Welt. Wir müssen im Zwischenmenschlichen nicht nächste Kampfzonen eröffnen.

In seinem 1994 veröffentlichten Buch „Grausames Mitleid“ kritisiert der Psychiatriekritiker Thomas Szasz zu Recht die „Entsorgung der Unerwünschten“ und fordert, alle Menschen, ob auffällig oder nicht, als Mitmenschen anzusehen. Und das bedeutet auch zu erkennen: Toxische Menschen gibt es schlichtweg nicht.

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