Wir steigern das Bruttosozialprodukt
Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt: Wir sollen alle mehr arbeiten, sagen sie in den Nachrichtensendungen. Meine Frau Judith und ich fragen uns, ob die noch alle Tassen an der Waffel haben. Alle heißt ja jeder. Der Pfarrer in unserem Dorf zum Beispiel? Soll der noch eine Beerdigung extra anbieten? Eine Stunde mehr und haste nicht gesehen kriegt er noch zwei unter die Erde.
Oder mein Frisör, wo vor neun Uhr morgens noch nie einer saß. Niemand geht vor dem ersten Espresso zum Frisör. Oder die Orchestermusikerin: 14 Sätze Mozarts Requiem geschafft. Jetzt hängt sie noch 60 Minuten Karnevalhits dran: „Da simmer dabei. Das ist prima.“
„Was würdest du machen, wenn du eine Stunde mehr arbeiten müsstest?“, frage ich Judith, die Fotografin ist. Und die unser tägliches Überleben maßgeblich organisiert. Und die Mama ist, wie ihr unser Töchterchen klar macht, das sie etwa 750-mal am Tag so nennt. Jedes Mal mit einer anderen Aufgabe verbunden. Ökonomen gehen davon aus, dass Judith in der zusätzlichen Stunde etwa sieben Bilder mehr schießen würde, was das deutsche Bruttoinlandsprodukt dann ordentlich auf Trab brächte.
Für das Töchterchen macht eine Stunde den Unterschied
Meine Frau fragt mich, was ich machen würde: das Tagewerk getan. Der letzte Buchstabe für heute geschrieben, den letzten, der noch was wissen wollte, angerufen. Und dann noch eine Stunde extra, während zu Hause alle warten. „Sing dich schon mal ins Bett“ müsste ich dem Töchterchen am Telefon sagen. Die da oben haben beschlossen, dass es heute später wird.
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Für das Töchterchen ist eine Stunde der Unterschied zwischen Gute-Nacht-Lied und Guten-Morgen-Kuss. Ich stelle mir vor, wie ich ihr morgens erkläre, warum wir uns abends nicht getroffen haben. „Papa arbeitet jetzt mehr für Deutschland.“ Das Töchterchen nickt mit großen Augen. Sie weiß nicht genau, was Deutschland ist, aber es klingt nach jemandem, der dazwischenfunkt.
Wofür wir lieber eine Stunde investieren sollten
Die Benediktiner wussten es besser: „Ora et labora“. Bete und arbeite. In genau dieser Reihenfolge. Erst innehalten, dann anpacken. Bei den modernen Predigern klingt es gerade nach: „Labora et labora“. Und beten darfst du, dass du nicht umfällst. Damals gab es noch Glocken, die gesagt haben, wann Schluss ist. Heute gibt es Apps, die sagen, dass noch Luft ist.
„Ein bisschen besser“, sage ich zu Judith, „wäre es, eine Stunde weniger zu arbeiten.“ Und die Stunde zu investieren: fürs Töchterchen, für die Alten, für dich und mich. Für ein Requiem, das in Stille endet. Damit Pfarrer keine Extrastunden machen müssen. „Und für den Frisör nach neun“, sagt Judith, kippt den Espresso runter und rauscht los.
Kommentare
Wenn Ludwig Thoma in seinem „Münchner im Himmel“ einst spottete, die bayerische Staatsregierung warte noch immer auf die göttliche Eingebung, so kann ich nur anfügen: Sie müsste seinem Boten halt zuhören!
https://m.youtube.com/watch?v=TEo7Y71puV4&t=1m55s.
(Bischof Dr. Stefan Oster am 7. Mai 2014 bei seiner Eidesleistung in der bayerischen Staatskanzlei).
Man fragt sich bei der aktuellen „Reform-Diskussion“ und nach Debakeln wie der surrealen Brosius-Gersdorf-Verirrung, ob die Union von allen guten Geistern verlassen ist. Früher hätte sie wenigstens auf Fachleute gehört, die alle sagen, dass es für den internationalen Wettbewerb mehr Klasse, nicht mehr Masse an Arbeit bedarf. Beim aktuellen planwirtschaftlichen Impetus der Union (auch zu möglichst umfassenden Dienstpflichten) dürfte sich Ludwig Erhard im Grabe drehen. Glaubt wirklich jemand, dass bei einem „Gesellschaftsdienst“ die Defizite an sozialer Kompetenz, die durch mangelnde elterliche Zuwendung entstanden sind, ausgerechnet beim Kommiss geheilt werden?
Über den Arbeitszeitrahmen verhandeln die Tarifpartner. Im Übrigen sage ich, was früher in der Union Konsens war:
„Freiheit statt Sozialismus!“