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Kolumne „Rome reloaded“

Ein neuer abendländischer Cäsarismus?

Donald Trumps zweite Präsidentschaft als entscheidender Schritt zum abendländischen Cäsarismus – selten sind historische Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart so offensichtlich gewesen. Im antiken Rom stellte sich ebenso wie in der heutigen westlichen Welt die Frage nach der Zukunft partizipativer Systeme in Zeiten zivilisatorischer Ermüdung, politischer Entfremdung, sozialer Spaltung und wachsender Sehnsucht nach starker Führung.

Beide Gesellschaften, die spätrepublikanische römische und die gegenwärtige abendländische, zeugen dabei von einem bemerkenswert ähnlichen Spannungsverhältnis zwischen formaler bürgerlicher Mitbestimmung und faktischer demokratischer Ohnmacht, zwischen republikanischen Idealen und zunehmender oligarchischer Machtkonzentration.

Die EU beruft sich gern auf das Ideal der Demokratie als fundamentalem Grundwert europäischer Identität. Gleichberechtigte politische Mitbestimmung, Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und Repräsentation sollen das politische Fundament der Union bilden.

Mit der Demokratie unzufrieden

Doch der Demokratieindex des Eurobarometers zeigt immer wieder eine deutliche Unzufriedenheit. Die Zahl der Europäer, die mit der Demokratie innerhalb der Europäischen Union zufrieden sind, liegt nur bei 57 Prozent, und im Durchschnitt leidet auch der Nationalstaat unter ähnlichen Zweifeln, sind es doch lediglich 58 Prozent der Bürger im EU-weiten Schnitt, die mit dem Funktionieren der Demokratie ihres eigenen Staates zufrieden sind.

Ähnlich wächst von Wahl zu Wahl die Menge der Menschen, die ihre Stimme für rechte und linke Protestparteien abgeben, welche vor allem die Disruption des gegenwärtigen, als „eingefahren“ geltenden Systems oder „Parteienkartells“ versprechen.

Kein Wunder, dass in Frankreich Anfang 2025 ganze 73 Prozent der Bürger die Rückkehr „eines echten Chefs“ in die Politik befürworteten, der endlich „Ordnung wiederherstellt“, und dass 41 Prozent bereits für eine Abschaffung von Parlament und Wahlen waren, um dem entsprechenden Politiker den nötigen Freiraum zu geben. Dies geht aus einer Untersuchung des Centre de recherches politiques de Sciences Po (CEVIPOF) hervor, einem renommierten französischen Forschungszentrum für Politikwissenschaften.

Krise und Untergang der römischen Republik

Diese zunehmende Skepsis, zusammen mit der Sehnsucht nach dem starken Mann, erinnert frappierend an die späte römische Republik, als sich das römische Volk schrittweise von der politischen Klasse entfremdete und in Opposition zu dieser konstituierte. Zwar bestanden die republikanischen Institutionen formal im ersten Jahrhundert v. Chr. weiter fort, doch die Herzkammer der Republik, der Senat, war mittlerweile ganz vom Amtsadel der nobilitas dominiert, die vor allem ihre eigenen Interessen verfolgte und kaum noch Neulinge in die hohen Magistraturen gelangen ließ.

Der römische Geschichtsschreiber und Politiker Sallust beklagte daher regelmäßig, dass das republikanische Ideal nur noch zu einer Fassade geworden sei, da die Magistraturen zur Beute ehrgeiziger Politikerdynastien degradiert worden waren, deren interne Absprachen und Klientelnetzwerke die Gemeinwohlorientierung ersetzten.

Denn bei jenen (den Vorfahren) gab es ein einziges Gemeinwesen, für das sorgten alle, Partei wurde gegen die Feinde ergriffen, Körper und Geist betätigte jeder für das Vaterland, nicht für seine eigene Macht. Doch zur heutigen Zeit im Gegensatz dazu verfügen die Männer der Nobilität, deren Geist Stumpfheit und Schlaffheit befallen hatten, unbekannt mit Anstrengung, Feinden, Kriegsdienst, daheim in Cliquen gerüstet, in Hochmut über alle Völkerstämme. Darum werden die Senatoren, durch deren Herrscherweisheit früher ein schwankendes Gemeinwesen gefestigt wurde, unter Druck aufgrund fremder Begierden hierhin und dorthin schwankend getrieben; bisweilen beschließen sie das eine, darauf das andere; wie es Feindschaft oder Gunst derer, die herrschen, mit sich bringt, so schätzen sie das öffentliche Wohl und Übel ein. (Sallust, Brief an Caesar 1,10,8–11,1)

Da diese Oligarchie sich zunehmend unfähig zeigte, den Reformstau zu bewältigen, der sich aufgrund der Ausweitung der stadtstaatlichen Verwaltungsstrukturen Roms auf ein Weltreich ergeben hatte, häuften sich Fälle eigenwilliger Politiker, die nicht mehr im Einklang mit der Elite, sondern vielmehr in Opposition zu ihr diverse Missstände zu beseitigen suchten: Von den Gracchen über die Politiker und Feldherren Marius und Sulla bis hin zu Pompeius und Caesar war die Geschichte der späten Republik gezeichnet von tragischen und gescheiterten Reformversuchen aller Art.

Den Aufstieg eines charismatischen Herrschers verhindern

Immer wieder zerschellten sie an den Beharrungskräften des Status quo, unterminierten aber gleichzeitig auch jegliches Vertrauen in die staatlichen Strukturen und die politischen Eliten und bereiteten somit schrittweise das vor, was letztere mit allen Kräften zu verhindern suchten: den Aufstieg eines charismatischen Herrschers. Kein Wunder, dass allmählich auch jene großen Einzelnen sich nicht mehr als Reformer, sondern quasi-monarchische Staatschefs in spe betrachteten und entsprechend auch ihre eigene Politik darauf ausrichteten, das Chaos zu vergrößern, das sie an die Macht bringen sollte:

Was nun die anständigen Bürger betrifft, so zogen sie sich aus diesen Gründen vollständig von den Staatsgeschäften zurück, so dass die Stadt schließlich einmal sogar acht Monate ohne Regierung blieb. So groß war die Unordnung, während Pompeius ganz bewusst alles noch schlimmer werden ließ, damit man das Bedürfnis nach einem Diktator verspüren sollte. Und viele sprachen zueinander im Vertrauen, dass das einzige Mittel gegen die bestehenden Zustände die Herrschaft eines Einzigen sei, aber er solle sowohl mächtig als auch moderiert sein – und damit meinten sie Pompeius […]. Er selbst natürlich wies alle Vorschläge, die in diese Richtung zielten, weit von sich; in Wirklichkeit aber zielte sein gesamtes geheimes Handeln darauf, und es war bewusst und mit Absicht, dass er den Staat in Unordnung geraten ließ, und von der Unordnung in die völlige Anarchie. (Appian, Bellum Civile 2,19–20)

Auch Europa erlebt eine Phase schwerer politischer Unzufriedenheit. Der moderne Bürger, wie damals der römische Plebejer, zieht sich schrittweise aus der aktiven politischen Teilhabe zurück und versteift sich auf eine Haltung der Fundamentalopposition.

Der Westen auf dem Weg in den Cäsarismus?

Die Ursachen hierfür sind ähnlich: ein wachsendes Gefühl von Ohnmacht angesichts der Komplexität der politischen Prozesse, des Fehlens echter Entscheidungsoptionen und der zunehmenden Dominanz einer teils technokratisch, teils wirtschaftlich legitimierten Elite, welche obskure Absprachen, ideologische Brandmauern und Verliererkoalitionen an die Stelle echter demokratischer Selbstrechtfertigung gesetzt hat.

In der EU manifestiert sich dies nicht nur in der Macht der Kommission, die nicht direkt gewählt ist, aber zentrale Weichenstellungen trifft. Auch der EU-Rat agiert letztlich hinter verschlossenen Türen, und selbst in den Nationalstaaten verhindern nur noch breit nach links ausgreifende zentristische Bündnisse sogenannter „demokratischer“ Parteien die Einbindung der Protestkräfte, so dass die Bürger Politik nicht als Ergebnis eigener Mitwirkung, sondern als Exekution von Maßnahmen wahrnehmen, die kaum noch den Bedürfnissen der Mehrheit entsprechen.

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Kein Wunder also, wenn sich in diesem Rahmen allmählich die Überzeugung herausbildet, dass demokratische bzw. republikanische Strukturen nur noch eine Fassade darstellen. Und somit schmieden auch die Kräfte, die außerhalb der Elite stehen, nach dem Vorbild ihrer Gegner umfassende Bündnisse, um faktisch die Grundlagen von Gewaltenteilung außer Kraft zu setzen. Diesmal eben nur unter veränderten Vorzeichen.

So folgten in Rom auf den Konsens der Nobilität die diskreten Absprachen des Ersten Triumvirats, während in den USA der „Deep State“ der Demokraten durch das Bündnis zwischen Trump, dem Milliardär Elon Musk und einem Großteil der Tech-Elite abgelöst wurde. In beiden Fällen wurde durch eine Mischung aus Einschüchterung, Populismus, Propaganda, Bestechung, disruptiver Personalpolitik, Personenkult und der Macht des Faktischen eine Fülle an verfassungsmäßig mehr als fragwürdigen Gesetzen gegen den Willen der Oligarchie durchgesetzt und somit autoritäre Präzedenzfälle geschaffen, nach denen es kein Zurück mehr geben kann.

Zwar bejubeln die Massen jene Entwicklungen als anscheinende Umsetzung eines demokratischen Mandats, doch ist klar, dass auch unter den neuen Voraussetzungen der Respekt für den Mehrheitswillen weniger das zwingende Resultat institutioneller Mechanik ist als vielmehr die Konsequenz eines individuellen Machtstrebens. Es instrumentalisiert den diffusen Wunsch der Massen nur als Sprungbrett für eine Herrschaftsposition, welche zumindest der Zielsetzung nach nie mehr aufgegeben werden soll. Selbst im Falle einer wechselnden politischen Stimmung.

Gaius Iulius Caesar und Augustus

In diesem machtpolitischen Vakuum treten also zunehmend Charisma und Cäsarismus auf den Plan: die Faszination für die starke, scheinbar unabhängige Führungspersönlichkeit und die Reduktion des politischen Kampfes auf eine Auseinandersetzung zwischen großen Einzelpersönlichkeiten, die ganz an die Stelle von Parteien oder Ideologien treten und in eine zunehmend gewaltsame Rivalität miteinander geraten, geht es doch um nichts weniger als die Weltherrschaft.

Im Rom des ersten Jahrhunderts v. Chr. war es Gaius Iulius Caesar, der als erster siegreich aus dem Kampf gegen seine Konkurrenten hervorging und nicht nur die Hoffnung auf Wiederherstellung der Ordnung verkörperte, sondern auch den Kampf der Massen gegen ihre Entrechtung durch die Oligarchie.

Seine persönliche Ausstrahlung, seine großzügigen Spenden, seine militärischen Siege – all das machte ihn vorübergehend zu einem Liebling der Massen, obwohl er schrittweise die Republik demontierte und an ihre Stelle eine eher sakrale, monarchische Legitimation setzte, die eher im hellenistischen Königskult als im republikanischen Staatsideal verankert schien. Für eine solche Revolution waren allerdings in letzter Instanz weder die Senatsaristokratie noch das Volk reif, auch wenn selbst die größten Verfechter der alten Republik wie Marcus Tullius Cicero begriffen hatten, dass eine Stabilisierung der politischen Lage ohne eine gewisse Form monarchischer Zuspitzung unmöglich geworden war:

Daher sei dies die erste Form, Gestalt und Entstehung des Tyrannen […]; ihm sei entgegengestellt der andere, der Gute und Weise und sich auf den Nutzen und die Würde der Bürger Verstehende, gleichsam ein Beschützer und Betreuer des Gemeinwesens; so soll nämlich jeder genannt werden, der ein Lenker und Steuermann der Gemeinde ist. Sorgt dafür, dass ihr diesen Mann erkennt; der ist’s nämlich, der durch Rat und tätige Bemühung die Bürgerschaft zu schützen vermag. (Cicero, de re publica 2,29)

Die Iden des März, die Monatsmitte, vor der Caesar gewarnt wurde und gleichzeitig der Zeitpunkt seines Todes, zeigten dann zu Genüge, dass es nur selten der erste cäsaristische Alleinherrscher ist, dem die langfristige Gründung einer neuen Ordnung gelingt. Auch der Übergang zwischen ersten autoritären Reformen und einer andauernden Monokratie ist ein langsamer und vor allem blutiger Prozess, und zwar umso mehr, als die bisherige politische Tradition auf der Grundannahme politischer Partizipation gegründet ist.

Auch heute erleben wir offensichtlich die Rückkehr des Charismatikers, allen voran, aber nicht nur in den Vereinigten Staaten, wo Donald Trump in nur wenigen Monaten eine schon fast karikaturhafte Umsetzung zentraler cäsaristischer Vorgehensweisen in die politische Realität des 21. Jahrhunderts vorgenommen hat, welche von seinen Gegnern der „No King“-Bewegung instinktiv als das begriffen worden ist, was sie im Kern darstellt.

Das macht Trump vielleicht nicht zum abendländischen Caesar an sich, aber sicherlich zu einem der vielen kommenden Cäsaren, deren rein persönliche und kaum noch ideologisch-institutionell motivierte Auseinandersetzung die Zukunft prägen wird. Politische Prognostik ist zwar eine heikle Angelegenheit, aber nicht nur das Beispiel Caesars, sondern auch das anderer vergleichbarer Herrscher wie Qin Shi Huangdis, der im 3. Jahrhundert v. Chr. in China das Kaiserreich gründete, des altägyptischen Königs Horemhabs in Ägypten oder des persischen Großkönigs Kavadhs I. im Iran suggeriert, dass die Zeit eines finalen zivilisatorischen Imperiums in greifbare Nähe gerückt ist, auch wenn sie noch nicht ganz auf der Tagesordnung steht.

Anstelle einer Festigung der bisherigen Situation werden wir zumindest in den USA wohl eher mit einem erneuten Fall der gerade erst in größter Eile hochgezogenen Machtstrukturen und einer Zeit des Chaos zu rechnen haben, bis es dann schließlich in einigen Jahren zur Ankunft eines echten Augustus – oder Han Gaotsu, Sethos oder Chosroes – kommen mag. Und sollten sich die Dinge nicht schnellstens ändern, wird Europa in dieser Entwicklung nur die Rolle eines provinziellen Zuschauers und Untertanen spielen dürfen.

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