Das Evangelium des gesunden Menschenverstands
Von welchem Autor stammt folgende Passage?
„Das außergewöhnlichste sind ein einfacher Mann und seine einfache Frau und ihre gewöhnliche Familie. Gewöhnlichen Menschen liegen Kinder und Enkel am Herzen; sie sind keine Heuschrecken, die alles verschlingen, was verschlungen werden kann, um dann zu verschwinden.“
Die verblüffende Antwort: Es sind zwei Sätze aus zwei komplett verschiedenen Federn. Der erste stammt von Gilbert Keith Chesterton, der zweite von Giovannino Guareschi. Dennoch überlappen sie sich nicht nur; sie ergänzen sich sogar. Chesterton und Guareschi sahen in den „außergewöhnlichen“ Menschen das Problem und in der Familie die Lösung.
Deutlich wird: Bis heute fehlt eine wissenschaftlich-komparatistische Studie zu zwei der bedeutendsten katholischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Chesterton wie Guareschi waren beide als Journalisten und Publizisten tätig; beide errangen Weltruhm mit der Erfindung eines Vorzeigepriesters; beide bedienten sich des Humors als Transporteur ihrer Ideen; beide opponierten gegen Materialismus, Atheismus, Hedonismus und Entmenschlichung; beide priesen das einfache Leben, das Land als Rückzugsort und den einfachen Mann als Protagonisten der Geschichte.
Anders als Chesterton war Guareschi Wiegenkatholik; anders als Chesterton schrieb Guareschi keine Essays oder bediente sich eines paradoxen Stils, denn vielmehr einfacher und direkter Sprache. Vor allem aber war der 1908 geborene Guareschi eine Generation jünger als der 1874 geborene Chesterton. Die Parallelen im Denken und Schaffen beider Männer bleibt dennoch erstaunlich – ganz abgesehen von einer bulligen Physis.
Unabhängige Zeitgenossen mit ähnlichen Gedanken
Frappierend ist, dass Guareschi den Briten kaum rezipiert hat. In einem Interview erklärte Alberto Guareschi, dass in der väterlichen Bibliothek nur ein einziges Chesterton-Buch liege: „The Man Who Was Thursday“. Das Buch stammt aus der Zeit vor Chestertons Konversion, Klassiker wie „Orthodoxy“ spielten nach aktuellem Kenntnisstand keine Rolle. Alberto fügte hinzu, dass sein Vater ihm gegenüber nie ein Wort über Chesterton verloren hätte. Dass der italienische Autor sich auf seinen britischen Seelenverwandten gestützt hätte, ist demnach eher ausgeschlossen.
Der rote Faden, der sich durch die Philosophie Chestertons wie Guareschis zieht, ist das Hohelied auf das Normale und das Gewöhnliche. Beide widmen sich der Seele des kleinen Mannes, der von der ideologisch-intellektuellen Dampfwalze der Moderne bedroht ist. Das „gute Leben“ liegt dabei nicht in der „Maschine“ der Weltmetropole.
Ihre Kritik an Industrialisierung und Millionenstädten entspringt keiner Dämonisierung aus der Ferne: Chesterton kannte das Londoner Stadtleben, Guareschi lebte in den 1930ern bis 1950ern in Mailand – mit Ausnahme seiner deutschen Kriegsgefangenschaft in den Jahren 1943 bis 1945. Mailand war als pulsierendes Zentrum von Kultur, Wirtschaft und Finanz die heimliche Hauptstadt Italiens – und damit die eigentliche Entsprechung zur britischen Hauptstadt.
Die Stadt als Dschungel
Chesterton wie Guareschi sind als Publizisten von den Möglichkeiten der Metropole abhängig. Gleichzeitig sehnen sie sich nach dem Land. Die moderne Stadt ist für Chesterton hässlich, nicht, weil sie zu viel Stadt, sondern weil sie zu wenig Stadt ist. Sie ist zum „Dschungel“ geworden, sie ist „konfus und anarchisch“ und mit „selbstsüchtigen und materialistischen Energien“ gefüllt.
Mailand betrachtet Guareschi als „die einzige wirklich lebendige unter den italienischen Städten“, weil das dominierende Element der Mensch sei. Das Mailand der 1930er ist noch vom Individuum geprägt. Doch Mailand transformiert sich: Bald bleibt nur noch die Nacht, in welcher der Mensch zum Menschsein zurückfindet, weil er wieder einen Schritt hat – der sonst am Tag untergeht. Guareschis Stadt degeneriert zum materialistischen Dschungel nach Chestertons Modell.
Wenig verwunderlich, dass die beiden Katholiken nicht nur das Landleben verklären, sondern konsequenterweise aufs Land ziehen – Chesterton nach Beaconsfield, Guareschi nach Roncole Verdi. Beide erkennen im Landleben den Hort des gesunden Menschenverstandes. Chesterton sieht darin das Ideal von „Drei Morgen Land und einer Kuh“ und den Garanten persönlicher Beziehungen – dieselben Leute, die sich unter dem Dorfbaum versammeln, können auch den Politiker am Dorfbaum aufknüpfen. Für Chesterton ist das Landleben allein menschenwürdig, weil es die sozialen Geflechte und die Unabhängigkeit des Individuums erhält.
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Das ist ein Kerngedanke, der sich ebenso in den „Mondo Piccolo“-Geschichten findet: Trotz ihrer Differenzen sind die Einwohner von Guareschis Welt dazu gezwungen, zusammenzuarbeiten. Die Weltrevolution stößt bei der Bestreikung der Milchbetriebe an die Grenzen; der kommunistische Gedanke entlarvt sich in der praktischen Lebenswelt als absurd. Nicht in der Anonymität der Metropole, sondern in den Schatten der bunten Fassaden der „Bassa Padana“ können die hitzköpfigen Originale Guareschis leben. Freilich hat die Romantisierung bei Guareschi noch einen weiteren Grund: Die Po-Ebene ist als Heimat der Ausgangspunkt von Identität, Familie und Vaterlandsliebe.
Priester als literarische Ikonen
Dort, zwischen fruchtbaren Feldern und Pappelwäldern ist der Landpfarrer Don Camillo zuhause. Guareschi hat damit den vermutlich populärsten, fiktiven Priester geschaffen. Mit Father Brown hat Chesterton einen ebenso bedeutsamen Priester ins Leben gerufen. Chesterton wie Guareschi sind damit die Schöpfer zweier katholischer Geistlicher, die zur Ikone wurden. An dieser Stelle enden die Parallelen bereits: Father Brown ist ruhig, beobachtend, empathisch; Don Camillo ist hitzig, schlagfertig und direkt.
Was sie wieder zusammenführt: Sie sind Interpretationen des idealen Priesters. In sie ist nicht ein bestimmtes Vorbild eingeflossen. Sie sind vielmehr die Sammlung dutzender, wenn nicht hunderter Priester ihrer jeweiligen Nation, die sie zum Vertreter der katholisch-kulturellen Spielart macht. Bezeichnend bleibt, dass Father Brown wie Don Camillo ein Landpfarrer ist – trotz seiner häufigen Ausflüge.
Was Father Brown wie Don Camillo überdies verbindet, ist der Humor. Chesterton wie Guareschi setzen ihn gezielt ein: als politische, als philosophische, als apologetische Waffe. Beide Katholiken beherzigen die Regel, den Gegner dabei nicht zu verletzen. Das britische Paradox und die italienische Satire verzichten auf Zynismus. Das Lachen wird bei ihnen zur metaphysischen Kraft. Auch Guareschi nutzt es nicht nur, um das Pathos der Kommunisten und ihre Lehren ins Lächerliche zu ziehen.
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Guareschis eigentlicher Feind ist die Denk- und Herzensfaulheit, die eine Ideologie übernimmt, statt dem Gewissen zu folgen. Ein Kommunist, der zu denken beginnt, kann gemäß Guareschi daher kein Kommunist bleiben. Indem beide Autoren den Irrtum vom Irrenden trennen, geißeln sie die Sünde – nicht den Sünder.
Der Brite wie der Italiener erkennen im Materialismus und Atheismus kommunistischer Prägung nicht den einzigen Gegner. Chestertons distributistische Ideen und Idealisierung des englischen Mittelalters stehen in direkter Opposition zum Kapitalismus. Father Brown bezeichnet Leo XIII. gar als seinen „Helden“ – ein klarer Hinweis auf die Wertschätzung der katholischen Soziallehre. Der Herabwürdigung des Menschen zum bloßen Lohnempfänger steht das Christentum entgegen.
Auch Guareschi kennt beide Spielarten des Materialismus. Er erlebt das „italienische Wirtschaftswunder“ als Kommerzialisierung des Alltags. Nicht mehr das gemeinsame Leben, sondern die nächste Waschmaschine bildet die Mitte der Ehe. Hedonismus und Konsumismus sind Vorboten der sexuellen Revolution, die das Kernstück italienischer Identität – die Familie – zuerst aushebelt und dann zerstört. Diesen Materialismus US-amerikanischer Prägung ächtet Guareschi explizit im Film „La Rabbia“. Am Ende bleiben nur noch die Depression und Einsamkeit.
Reaktionäre Nonkonformisten
Chesterton wie Guareschi sind deswegen reaktionäre Nonkonformisten. Beide hegen erhebliche Vorbehalte gegenüber dem „Fortschritt“. Beide sehen im Katholizismus keine überwundene, altmodische Lehre, sondern eine Trägerin allgemeingültiger Wahrheit, gegen die der Zeitgeist langweilig und verstaubt erscheint. Beide sind bereits zu ihren Lebenszeiten so populär wie „umstritten“.
Beachtlich ist, dass sie trotz ihrer traditionellen, anti-modernen Überzeugungen keine Dogmatiker im Sinne blinder Unterwerfung waren; sie beugten sich vielmehr Dogmen aus ihrer augenfälligen Selbstverständlichkeit. Chesterton erkannte die „menschlichen Fehler“ in der Kirche und kritisierte ihre Kooperation mit dem Staat.
Guareschi war ein Gegner des paternalistischen Klerikalismus. Bestimmend für den Italiener blieb, sich wie ein Pflasterstein aus der Straße zu lösen und seinem katholisch geprüften Gewissen zu folgen; eine Ansicht, die Chesterton vermutlich geteilt hätte, wäre es jemals zu einer historischen Begegnung zwischen den beiden gekommen.
Dieser Beitrag ist zuerst im Substack-Magazin LEO auf Englisch erschienen. LEO bietet katholisch-intellektuelle Analysen für ein postliberales Zeitalter.
Vom Autor erscheint in Kürze die erste deutschsprachige Biografie von Giovannino Guareschi „Don Camillos rebellischer Vater“ im Westend-Verlag.
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Kommentare
Der Beitrag über Chesterton und Guareschi ist nicht nur informativ, sondern wohltuend klar geschrieben. Besonders überzeugend ist, wie er zwei Autoren zusammenführt, die einander nie begegnet sind und doch denselben Nerv treffen: die Verteidigung des gewöhnlichen Lebens gegen die Übergriffigkeit abstrakter Ideologien.
Die Hervorhebung des Landlebens erscheint mir dabei besonders wichtig. Es wird heute häufig romantisiert oder abgetan, selten aber als das erkannt, was es tatsächlich ist: eine Lebensform, in der Verantwortung, Begrenzung und echte Beziehungen nicht verhandelbar sind. Auf dem Land bleibt der Mensch eingebunden in konkrete Gemeinschaften — Familie, Nachbarschaft, Geschichte — und gerade diese Einbindung bewahrt vor jener Entwurzelung, die viele moderne Entwicklungen begleitet.
Chesterton und Guareschi erinnern daran, dass das „Normale“ nichts Banales ist, sondern ein kulturelles Fundament. Dass der Text diese Einsicht ohne Nostalgie und ohne kulturpessimistischen Ton vermittelt, macht ihn besonders lesenswert.
Vielen Dank für diesen klugen und anregenden Beitrag.