Warum wir Dinge kaufen, die wir nicht brauchen
Meine Frau Judith und ich sind noch nicht in dem Alter, wo wir allem Materiellen abgeschworen haben. Besitz ist noch nicht Ballast geworden, und wir glauben noch nicht, dass der Heißluftballon unseres Lebens unbedingt höher steigt, wenn wir diesen Ballast über Bord werfen. Deswegen waren wir am Wochenende shoppen.
Es hat leicht geregnet, was das Geldausgeben fördert, weil wir länger in den Geschäften verweilt sind. Sonne fördert das Geldausgeben übrigens auch, einfach weil Sonne leichtsinniger macht. Zeitlebens gehört zu diesem Erlebnis auch das kleine nagende schlechte Gewissen, das sich einstellt, wenn du dir etwas an sich nicht dringend Notwendiges kaufst und dein Konto noch dem Finanzamt etwas schuldet oder der Staubsauger auf dem letzten Loch pfeift.
Auch dieses Gewissen haben Judith und ich gut im Griff. „Der Wirtschaftskrise können wir aktiv nur mit Konsum begegnen“, sage ich in solchen Fällen und erkläre das Geldausgeben zur Mission.
Der Herrenflohmarkt ist „cool ab 50“
Mich zog es zu einem „Herrenflohmarkt“ ins Belgische Viertel von Köln, wo Männersachen in einem Atelier angeboten werden sollten. Im Nebenraum sollte es „geliebte Möbel“ geben, weswegen ich Judith, die eine Schwäche für Stühle und Sessel aller Art tief in sich trägt, zum Mitkommen überreden konnte. Auch ein paar Kinder hatten wir unter dem erzieherischen Aspekt mitgenommen, ihnen zeigen zu wollen, dass Gebrauchtes mehr Spaß macht als Neues.
› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge
Der Große schaute sich um in dem Atelier, das eine Werkstatt war, in der es nach Leder und Maschinenöl roch. Zwischen den ausgebeulten Cordhosen und Uhrenketten und Stiefeln und Kopfbedeckungen, zwischen angegilbter Literatur über tollkühne Männer in fliegenden Kisten war er nach dreieinhalb Minuten durch und stellte fest: „Cool – ab 50.“
Der Ballon hat seine Flughöhe gehalten
Wäre er nicht so gut erzogen, hätte er zu einem Vortrag über „Alterskultur“ angesetzt. Er kann das. Aber er schwieg. „Menschen kaufen Dinge nicht, um glücklicher zu werden, sondern um eine Geschichte über ihr Glück erzählen zu können“, hätte ich sagen können, aber fand, dass es ein bisschen besser sei, auch darüber zu schweigen.
Nach weiteren 55 Minuten waren auch Judith und ich so weit, hatten ein rotes Sesselchen am Ende stehenlassen, in Büchern geblättert, was immer gut aussieht, und uns für eine Umhängetasche aus Segeltuch und eine angeranzte Felljacke entschieden. Zu Hause haben wir alles verstaut und sind jetzt ein nicht messbares Stück glücklicher als vorher. Der Heißluftballon hat seine Flughöhe gehalten. Immerhin.
› Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?
Kommentare