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Zum Fall Ulmen

Es fängt im Kleinen an

Auf meinem Instagram-Account geht es normalerweise fast ausschließlich um Abtreibung, nur sehr selten äußere ich mich zu anderen Themen. Doch als letzte Woche der „Fall Ulmen“ aufkommt, bricht etwas in mir hervor, was mich nicht schweigen lässt.

Der Fall Ulmen dreht sich um schwere Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann, den bekannten Moderator und Schauspieler Christian Ulmen: Sie wirft ihm vor, über mehr als zehn Jahre hinweg pornografische Deepfakes von ihr erstellt, mit einer KI-Stimme Sextalks in ihrem Namen geführt, Fake-Profile auf Social Media angelegt und damit Hunderte von Männern kontaktiert sowie intime Inhalte in ihrem Namen verschickt zu haben – rechtlich eine Form digitaler sexualisierter Gewalt mit System. Fernandes beschreibt dies selbst als „virtuelle Vergewaltigung“ und „Körperklau“.

Mir werden haufenweise Statements zu dem Fall in die Timeline gespült, auch einige von Männern – ausschließlich von tendenziell linken Männern, die sich mit der feministischen Welle der Wut solidarisieren. Sie sprechen viele wichtige Punkte an, fordern Gesetzesänderungen, rufen andere Männer zur Selbstreflexion auf, bekommen dafür Lob und Zuspruch. Gut so, denke ich. Und heute Abend schalten die einen oder anderen unter ihnen sich einen Porno ein und machen trotzdem eine Frau zum Objekt ihrer Fantasien.

Objektifizierung von Menschen widerspricht immer der Menschenwürde

Mich schmerzt die Blindheit vieler Menschen darüber, dass die Verharmlosung von Pornografie, Prostitution und andere Arten der Objektifizierung von Frauen, die heutzutage oftmals geradezu als „female empowerment“ gefeiert werden, Kern des Problems sind. Sie fordern ein Verbot von Deepfakes, von durch KI erzeugte oder manipulierte Bilder realer Personen also, doch sie übersehen, dass auch echte Bilder Menschen zum Objekt machen. Das Problem sei nicht Pornografie oder Prostitution, sondern fehlender Konsens, schreibt ein Kommentator unter meinem Beitrag (und sowieso wolle ich ja nur wieder Frauen die Selbstbestimmung absprechen).

Dabei übersieht er drei Dinge:

Erstens: Dass selbst ausgesprochener Konsens gar kein sicheres Zeichen für echte Zustimmung ist. Gerade junge Frauen werden viel zu oft manipuliert oder fühlen sich zu Dingen gedrängt, die sie eigentlich gar nicht wollen – auch ein Ja ist nicht immer ein Ja. Ich kenne leider zu viele Frauen, die sich aus Gruppendruck, (vermeintlichen) Erwartungen oder Ängsten heraus zu Dingen bereit erklärt haben, die sie im Nachhinein bereut haben. Zustimmung ist ein absolut notwendiges, in meinen Augen jedoch keinesfalls ein hinreichendes Kriterium dafür, dass jemand wirklich aus freiem Herzen handelt.

Zweitens: Dass die Objektifizierung von Menschen immer der Menschenwürde widerspricht, auch wenn sie mit Konsens geschieht. Auch deshalb, weil sie über die individuelle Betroffenheit hinaus gesellschaftliche Folgen hat und das Menschenbild prägt.

Und drittens: Wie er meinen Punkt bestätigt, der im Grunde war, dass Lippenbekenntnisse und Solidaritätsbekundungen einfacher sind, als das Frauenbild und die eigenen Schattenseiten kritisch und ehrlich zu reflektieren.

Der Feminismus verrät kollektive Güter an individuelle Freiheiten

Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass das nicht einfach ist. Es ist schließlich sehr menschlich, an Überzeugungen und liebgewonnenen Gewohnheiten festzuhalten, haben sie sich erst einmal etabliert. Doch gerade an diejenigen, die hohe moralische Ansprüche an sich und andere stellen, legt sich ein besonders hoher Maßstab an, und das trifft in diesem Fall eben auch und gerade Vertreter des modernen Feminismus, wie er in Kultur, Medien und Politik derzeit weit verbreitet ist.

Dieser Feminismus verrät kollektive Güter an individuelle Freiheiten – Selbstbestimmung um jeden Preis, auch wenn er lautet, dass die Gemeinschaft der Frauen für die Freiheit einzelner Privilegierter zurückstecken muss. Wie unverständig sind sie doch gegenüber den nackten Strukturen, die die frauenfeindlichen Dynamiken aufrecht erhalten, die der Feminismus vorgeblich abschaffen will. Können OnlyFans, feministische Pornografie oder der Verkauf des weiblichen Körpers der Gipfel von Selbstbestimmung und Freiheit sein, wenn sich beim Konsumenten dadurch das Bewusstsein festigt, dass Körper käuflich sind und das Besitzdenken dadurch zementiert wird?

Wenn immer noch viel zu viele Frauen in Deutschland Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution sind? Wenn der Konsum pornografischer Inhalte Denken und Sexualität langfristig negativ beeinflusst? All das wird im Namen der Selbstbestimmung in Kauf genommen, doch zu welchem Preis?

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Angesichts der rasanten technologischen Entwicklung stellt sich unwillkürlich die Frage, ob es vielleicht nicht ganz verkehrt sein könnte, wieder etwas prüder zu werden, und die Causa Ulmen gibt dem Recht. Nicht allein die menschenunwürdige Verwendung technologischer Möglichkeiten beängstigt hier. Fast noch schockierender scheint mir die schiere Vorhersehbarkeit angesichts Ulmens medialer Produktionen wie der Serie „jerks.“, in der sich Realität und Fiktion bei oftmals abstoßendem Bruch mit sexuellen und gesellschaftlichen Konventionen vermischen. Damals auch von Feministinnen gefeiert, bewerten sie sie heute allesamt in neuem Licht.

Frauenfeindliches Verhalten und Denken zieht sich durch alle Lager

Als Mutter von drei kleinen Kindern habe ich jetzt schon Angst um sie. Wann werden sie zum ersten Mal mit pornografischem Material in Kontakt kommen? Der Durchschnitt liegt heutzutage angeblich bei elf Jahren. Ich würde mir so sehr wünschen, dass sich meine Söhne einen reinen Blick auf Frauen bewahren könnten. Ich möchte sie so sehr zu guten, respektvollen Männern erziehen und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass meine Tochter nur ebenso respektvoll erzogenen Männern über den Weg läuft.

Ich fühle mich derzeit fast schon machtlos gegenüber der Brutalität der Welt. Und alle glauben, es seien in erster Linie die anderen. Dabei zieht sich frauenfeindliches Verhalten und Denken durch alle Lager. Von Rechts bis Links. Vom braven Gläubigen aller Konfessionen und Religionen bis hin zum aufgeklärten, woken Atheisten.

Die AfD wirbt einerseits mit „Schützt unsere Frauen und Töchter“, aber als die Aktivistin und Wissenschaftlerin „Huschke Mau“ im Bundestag ein Plädoyer für das Nordische Modell hält, gibt man sich gelangweilt bis belustigt. Man könnte auf die Idee kommen, der ein oder andere fühlte sich ertappt. Ebenso enttäuscht der linke Influencer El Hotzo, der sich online jahrelang als Vorzeige-Feminist inszenierte, aber offline Frauen nach Strich und Faden manipuliert und hintergangen hat. Von den Männern als Priester und Pastoren, die im kirchlichen Kontext ihre Macht missbrauchen, ganz zu schweigen.

Wut allein löst das Problem nicht

Als konservative Frau und als Lebensschutz-Aktivistin, der ihr Herz für Frauen gern auch mal abgesprochen wird, kann ich heute nicht anders als in den Tenor einzustimmen, der sich in der digitalen Welt zum wiederholten Mal regt: Wir haben ein Problem, und es betrifft in erster Linie Männer. Doch es geht mir nicht um Spaltung, sondern um eine bessere Welt für unsere Kinder.

Wut allein löst das Problem nicht. Es müssen Menschen aller Lager zu der Erkenntnis kommen, dass die Art, wie wir hier und heute mit Sexualität umgehen, nicht mehr gesund ist und die Auswüchse der sexuellen Revolution unser Menschenbild nachhaltig zerstört haben. Dass es nicht so richtig zusammenpasst, die irrsinnigsten Fetische für normal zu erklären, aber zu glauben, dass Menschen dann einfach da Halt machen, wo andere Schaden davontragen.

Ich habe leider zu viel mitbekommen, und meine Naivität wurde einmal zu oft enttäuscht, als dass ich hier von Ausnahmen sprechen könnte. Ich kenne keine Frau, die nicht schon einmal von einem Mann grenzüberschreitend behandelt wurde, und mit hoher Wahrscheinlichkeit ist jeder Mann schon einmal dementsprechend mit einer Frau umgegangen. Das ist kein Vorwurf, es ist eine reine Feststellung.

Auch wir Frauen sind in der Gefahr, Macht zu missbrauchen

Jeder einzelne, ob Mann oder Frau, sollte seinen Teil dazu beizutragen, dass Respekt und gesellschaftliche Verantwortung gelebt werden. Und auch wir Frauen sind in der Gefahr, Macht zu missbrauchen und Privilegien auszunutzen. Seien wir uns dessen bewusst. Jeder Einzelne muss angesichts der Realität die eigenen Schattenseiten reflektieren.

Ist es der Humor? Das starre Rollenbild? Die Fantasien, auch wenn sie nur im Kopf stattfinden? Oder halte ich es in bestimmten Fällen für legitim, andere zu benutzen? Versuche ich Täter zu rechtfertigen? Oder habe ich einen blinden Fleck bei Strukturen, die mir nützlich sind?

Mach doch heute den ersten Schritt. Sei wahrhaftig mit deiner Frau. Überdenke deine Überzeugungen deiner Tochter zuliebe. Es fängt im Kleinen an.

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