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Kolumne „Der Schweizer Blick“

Lasst die KI nicht schreiben

„Lasst die KI schreiben“, fordert Marcus Hebein, der Chefredaktor vom Schweizer Journalist:in in der neuesten Ausgabe des Branchenmagazins. Die Idee dürfte bei einigen Medienschaffenden auf Wohlwollen stoßen. Immerhin kann man sich schon in vielen Berufen das Leben leichter machen durch Unterstützung der Künstlichen Intelligenz (KI). Und das Schreiben von Texten war so ziemlich das erste, das ChatGPT und andere KI-Modelle richtig gut beherrschten.

Selbstredend habe ich das auch schon ausprobiert, und ja: Die Maschine kann Millius grundsätzlich. Sie kann das sogar sehr gut. Nach über 34 Jahren in diesem Beruf findet die KI tausende frei verfügbarer Texte aus meiner Feder. Daraus kann sie in Sekundenschnelle nach Angabe des Themas einen Text erstellen, der erstaunlich nach mir klingt. 

Dennoch glaube ich nicht, dass wir das Schreiben an die KI delegieren sollten – und dass es wirklich funktioniert.

Eine Seele imitieren?

Es ist zunächst eine Frage der Definition von Journalismus. Versteht man darunter die verständlich geschriebene Aneinanderreihung und Verknüpfung von Fakten, Aussagen und Ereignissen, dann ist die Debatte über den persönlichen Stil in der Tat überflüssig. Aber ist ein Text nicht mehr? Wie man eine Geschichte erzählt, wie man die eigene Sprache einsetzt, die keinem anderen gehört als nur einem selbst, das ist sehr viel mehr als die Beilage zu Recherche und Daten. Es ist die Seele eines Textes. 

Kann man eine Seele imitieren? ChatGPT, und natürlich habe ich die KI danach gefragt, charakterisiert meine Sprache als „Kombination aus Einfachheit, Rhythmus und Provokation“. Es seien „kurze harte Sätze, selten verschachtelt“, manchmal „verbale Nadelstiche“, die Texte seien „hörbar geschrieben“, „schnell und bewusst, wenig akademisch“ sowie unter „Verwendung von alltäglichen Bildern“.

Das scheint mir recht gut getroffen, und mit diesem Wissen kann mich die KI natürlich nachahmen. Indem Journalisten sie schreiben lassen, so die These des Magazins, gewännen sie Zeit für die Hintergrundarbeit: Recherche, Gespräche vor Ort, Aktenstudium, Quellen aufgabeln. Demnach läge darin die Essenz eines journalistischen Textes, und das Schreiben an sich sei nur noch die Pflichtaufgabe, welche die KI mindestens ebenso gut erledigen könne. 

Erzählen statt reproduzieren

Danke, aber nein danke. Ich möchte weit mehr als das. Ich will schreiben. Und schreiben heißt: Menschen erreichen durch Worte, die so aneinandergereiht sind, dass sie einen nicht loslassen. Ich will nicht einfach Fakten wiedergeben, sondern sie in meiner eigenen Weise erzählen. So, dass man erkennt, dass ich sie wiedergebe, ich und nur ich und kein anderer.

In meiner Generation hat man einen fertigen Zeitungstext als „Geschichte“ bezeichnet. Wie Novellen und Romane sollten auch ein Porträt, eine Reportage oder eine simple Berichterstattung als Geschichte erzählt werden. Mit einem Anfang, der nach mehr schreit, mit einem Mittelteil, der den Leser nach dem Ende lechzen lässt, mit einem Ende, das Befriedigung verschafft. Ich will selbst die grösste Banalität so erzählen, dass man am Ende weiss, wer sie gerade erzählt hat, weil sie bei jedem anderen anders klingen würde.

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Im Sinn der bloßen Wiederholung mag die KI das schaffen. Aber möchte ich ersetzt werden von einem Echo aus dem Reich der Algorithmen? Möchte ich eine Kopie dessen, was ich früher mal gemacht habe, auf Knopfdruck generieren lassen durch einen Code? Und was soll ein 20-jähriger Journalist erstellen lassen, der noch gar nichts Eigenes geschaffen hat? 

Kommt dazu, dass ich mich gelegentlich gern neu erfinde. Ich habe schon Romane geschrieben, deren Stilmittel gerade die uferlose Verschachtelung war, mit endlosen Satzungetümen, die den Leser mit der Peitsche vorantreiben sollten. Nichts mit „kurzen harten Sätzen“, wie sie mir die KI nachsagt.

KI bleibt ein müder Abklatsch

Ich kann das tun, wenn mir danach ist. Ich kann ausbrechen aus meinem Muster. Die KI kann das nicht, weil sie von Mustern lebt. Oder besser: Sie könnte, wenn sie wollte, aber sie will nicht, weil sie keinen eigenen Willen hat. Sie kann mich nur nachahmen im Sinn der größten Wahrscheinlichkeit. Sie kann nur nachlesen, was ich früher meistens gemacht habe und aus der größten Schnittfläche daraus einen Text nachahmen, den ich geschrieben haben könnte. Wenn ich das gerade gewollt hätte. Aber vielleicht wollte ich gerade etwas anderes? 

Die KI kennt mich, aber sie kennt mich nicht. Sie weiß, wer ich war, aber sie weiß nicht, wer ich werden will.

Wir alle sind die Summe unserer Genetik, sozialen Kontakte, Kultur und Erfahrungen. Das macht uns für andere unberechenbar. Die Künstliche Intelligenz darf gern versuchen, dieses komplexe Zusammenspiel zu imitieren, aber sie wird stets ein müder Abklatsch bleiben. Weil sie rein logisch agiert, während ein Autor seine Geschichten in einem Gemenge aus Logik und seinen inneren Prozessen schreibt. Als Mensch aus Fleisch und Blut und mit dem, was uns alle ausmacht: mit Gefühl. 

Journalisten erzählen Geschichten. Die KI hingegen erzeugt Geschichten, die wir eines Tages erzählt haben könnten. Aber nur vielleicht. Und deshalb sind wir ihr in dieser Aufgabe immer einen Schritt voraus. Bis ans Ende aller Tage. Und nein, dieser Text wurde nicht von einer KI verfasst.

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