Krieg, Hunger und Christen in Not
Kennen Sie die Heilige Josefine Bakhita? In Italien ist sie als Madre Moréta, als schwarze Mutter bekannt. Im norditalienischen Schio wirkte sie bei den Canossianerinnen. Die gebürtige Sudanesin sprach nur im venetischen Dialekt. 1931 wird sie in ganz Italien bekannt, als ihre Lebensgeschichte veröffentlicht wird.
Denn „Giuseppina“ wurde als Mädchen aus ihrem Stammesgebiet von arabischen Sklavenhändlern geraubt. Jahrelang musste sie Schmerz und Pein erdulden. Sie kann die Narben an ihrem Körper zählen, die aus dieser Zeit stammen – und sie ihr Leben lang begleiten. Die meisten der tiefen Narben stammen von ihrer „Markierung“ durch ihre muslimischen Besitzer. Man ritzte ihr Wunden in ihre Brust, ihren Bauch und ihren rechten Arm, streute Salz hinein, damit sie bis zu ihrem Tod bleiben.
Die Leidensgeschichte der heiligen Josefine Bakhita: Spiegelbild eines Landes
Entführung und Versklavung hinterlassen ein schweres Trauma. Es reicht so tief, dass sie ihren Namen vergisst. Nur ihr Sklavenname bleibt: Bakhita – „die Glückliche“. Zuletzt dient sie einem türkischen General. Der muss beim Mahdi-Aufstand fliehen. Der italienische Konsul in Khartum „kauft“ sie. Das ist aber eigentlich gar nicht möglich, denn im Königreich Italien gibt es keine Sklaverei.
Als Bakhita in Italien ankommt, kann sie vor Gericht ihre Freiheit durchsetzen. In der Obhut der Canossianerinnen von Venedig findet sie zum christlichen Glauben. Papst Benedikt XVI. schreibt darüber in seiner Enzyklika „Spes salvi“:
„Nun hatte sie ‘Hoffnung’ – nicht mehr bloß die kleine Hoffnung, weniger grausame Herren zu finden, sondern die große Hoffnung: Ich bin definitiv geliebt, und was immer mir geschieht – ich werde von dieser Liebe erwartet. Und so ist mein Leben gut. Durch diese Hoffnungserkenntnis war sie ‘erlöst’, nun keine Sklavin mehr, sondern freies Kind Gottes.“
Als Canossianerin nimmt sie den Namen Giuseppina an. Sie setzt sich als Afrikanerin öffentlich für die Missionierung ihrer Heimat ein. Als sie 1947 stirbt, nehmen Tausende Menschen Abschied von ihr. Papst Johannes Paul II. spricht sie im Jahr 2000 heilig. Sie wird zur Schutzpatronin des Sudan und Südsudan; die beiden Länder sind damals zwar noch vereint, aber der Bürgerkrieg beherrscht das Land schon seit 1983. Nicht zuletzt deswegen, weil das Land in einen mehrheitlich muslimisch geprägten Norden und einen christlich und pagan geprägten Süden geteilt ist. Auch deshalb versuchen die sudanesischen Behörden, die Nachricht über die Seligsprechung und die Heiligsprechung zu unterdrücken. Für die Christen im Südsudan ist die Heilige eine potenzielle Identifikationsfigur.
Bürgerkrieg und Hungerkrise im Sudan: Droht eine neue Migrationskrise?
Obwohl sich nach zwei bitteren Bürgerkriegen Norden und Süden getrennt haben, kommt der Sudan nicht zur Ruhe. Sudanesische Sklaven gibt es etwa bis heute. Die Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI) hat erst Ende April 300 davon befreien können. Noch deutlich bedrohlicher ist aber der neue Bürgerkrieg, der seit 2023 tobt. Beobachter rechnen mit 150.000 Toten, die der Konflikt bisher gefordert hat. 30 Millionen Menschen sind laut den Vereinten Nationen von Hunger bedroht. Die Europäische Kommission ging im August 2025 davon aus, dass vier Millionen Kinder unterernährt sind. Die UN-Flüchtlingshilfe schätzt die Zahl der Flüchtlinge auf 12 Millionen. Die meisten Flüchtlinge, rund sieben Millionen, sind Binnenflüchtlinge. Die übrigen sind in die bitterarmen Nachbarländer geflohen, etwa in den Tschad.
Eigentlich müsste der Krieg im Sudan deshalb ein hochaktuelles Thema sein. Denn wie lange die Nachbarstaaten als „Auffangbecken“ für die Kriegsflüchtlinge standhalten können, ist angesichts mangelnder Ressourcen, schlechter Infrastruktur und sich ausbreitenden Hungers fraglich. Medien warnten bereits 2025 vor einer potenziellen Migrationskrise. Die Sudanesen, die in Ägypten Zuflucht suchen, sind dort nicht wohlgelitten. Im letzten Jahr verabschiedete die Regierung ein neues Asylgesetz. Seitdem versuchen einige Sudanesen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Zwischen 2024 und 2025 trafen über 14.000 Sudanesen in Europa ein – ein Anstieg um 232 Prozent seit Beginn des Konflikts. Dennoch gehört der Sudan-Krieg zu den vergessenen Konflikten auf der Welt, der lediglich zum Jahrestag des Kriegsausbruchs medialen Raum einnahm. Er wird danach vermutlich wieder vergessen – bis seine Auswirkungen spürbar werden.
Allein zwei Millionen Binnenflüchtlinge suchen im Süden, in den Nuba-Bergen Zuflucht. Das Gebiet ist wie der Südsudan nicht vom Islam geprägt, sondern vom Christentum und den traditionellen Stammesreligionen. Dass im Süden des Sudan christliche Gemeinschaften leben, ist auf die Mission im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zurückzuführen. Die britische Kolonialverwaltung förderte die Missionierung, um die Ausbreitung des Islams aus dem Norden zu blockieren.
Christliche Minderheit unter Druck
Dabei erlaubten sie auch katholische Missionare; so waren etwa die Comboni-Missionare und Comboni-Schwestern aktiv. Sie gehen auf den italienischen Heiligen Daniele Comboni zurück, der beide Orden in Verona dezidiert zur Missionierung des Sudans und Zentralafrikas gründete und in Khartum starb.
Auf protestantischer Seite waren der deutsche Missionar Karl Kumm und seine Frau Lucy Guiness für die Sudan United Mission (SUM) aktiv. Die anglikanische Kirche konvertierte mit der Church Missionary Society (CMS) zahlreiche Bewohner der Nuba-Berge. In den 1940ern und 1950ern war die anglikanische Rachel Hassan besonders erfolgreich.
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Das Erbe der christlichen Mission – Kirchen, Schulen, Kliniken – ist für diese sudanesische Region bis in die jüngste Zeit ein wichtiger Teil der Infrastruktur. Das Territorium wurde von der Zentralregierung über Jahrzehnte vernachlässigt und teils absichtlich isoliert. Denn der Bundesstaat Südkordofan rebellierte ebenso wie der heutige unabhängige Südsudan jahrelang gegen die Zentralregierung in Khartum. Islamisierungs- und Arabisierungsversuche scheiterten zwar. Aber ein Referendum, das eigentlich über die Zukunft der Nuba-Berge entscheiden sollte, verwehrt die Regierung der Bevölkerung bis heute.
Der Konflikt um die Nuba-Berge ist damit tief mit der jüngeren sudanesischen Geschichte verbunden. Denn die Unabhängigkeits- und Autonomiebewegungen sind Wurzeln der Instabilität. Seit seiner Unabhängigkeit 1956 hat der Sudan 20 Putschversuche erlebt. Neben den Bürgerkriegen führte die Zentralregierung auch immer wieder lokale Kriege gegen einzelne Regionen – neben den Nuba-Bergen ist die Darfur-Region das bekannteste Beispiel. Der häufigste Konflikt sind die Auseinandersetzungen zwischen der arabisierten Bevölkerung im Norden, die traditionell die Macht in der Hauptstadt Khartum ausübt, und den nicht-arabisierten Bevölkerungsteilen. Hier ordnete die Zentralregierung brutale ethnische Säuberungen an.
Krieg zwischen zwei Kriegsverbrechern
Helfershelfer dieser Kriegsverbrechen waren die Rapid Support Forces (RSF), eine militärische Einheit, die unabhängig von der offiziellen Armee agierte. Sie setzte sich im Darfur-Krieg aus den Nomadenmilizen der Dschandschawid (sinngemäß: berittene Geister/Teufel) zusammen. Schnell wurden die RSF von der Regierung auch in anderen Gebieten eingesetzt. In den Jahren 2019 und 2021 putschten die RSF zusammen mit dem Militär gegen die jeweilige Regierung.
Der RSF-Anführer Mohammed Hamdan Daglo, genannt Hemedti, war schon nach dem Putsch von 2019 an der Macht beteiligt gewesen, erhoffte sich aber offenbar durch den Putsch 2021 eine Ausweitung seiner Macht. General Abdel Fattah al-Burhan, der zum neuen Staatschef aufstieg, erfüllte diese Wünsche allerdings nicht. Die ehemaligen Verbündeten entzweiten sich. General Al-Burhan wollte die viel zu mächtig gewordenen RSF loswerden und stützte sich wieder auf die alten Militärzirkel Nordsudans. Hemedti bezeichnete den Putsch danach als „Fehler“. Im April 2023 kam es zum Bruch: Hemedtis RSF griff Stellungen des sudanesischen Militärs an. Seitdem tobt der Krieg zwischen beiden Lagern.
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Dass dieser kein schnelles Ende findet, hängt auch an den Unterstützern. Für ausländische Mächte ist der Sudan Erprobungsfeld von Waffen, Rüstungsgeschäft oder geopolitisches Schlachtfeld. Saudi-Arabien, der Iran und die Ukraine unterstützen die Zentralregierung, die Vereinigten Arabischen Emirate und Äthiopien die RSF. Auch die russischen Wagner-Milizen sollen die RSF in der Vergangenheit unterstützt haben, während Moskau selbst in letzter Zeit eher auf General al-Burhan gesetzt hat. Türkische Firmen beliefern beide Seiten mit Waffen. Pikant ist der Konflikt auch deswegen, weil al-Burhan wie Hemedti Kriegsverbrechen und Völkermord vorgeworden werden.
Die Not von Hungernden und Flüchtlingen verschärft sich
Überraschenderweise haben sich viele der Rebellen in den Nuba-Bergen mit den RSF zusammengeschlossen. Das ist deswegen verwunderlich, weil die Dschandschawid als RSF-Vorläufer von der Regierung auch hier eingesetzt wurden. Der Wille zur Autonomie hat aber die beiden ehemaligen Feinde nun zu einer pragmatischen Allianz zusammengeschlossen. Wie lange sie hält, ist ungewiss. Es macht allerdings die bisher ruhig gebliebene Region zum Konfliktfeld. Denn dass die Nuba-Berge trotz ihrer Illoyalität ein so hohes Gewicht in der sudanesischen Politik besitzen, hängt an den dortigen Erdölvorkommen.
Für die vielen Flüchtlinge und die christliche Bevölkerung ist dies ein schweres Los. Die zwei Millionen Menschen, die hier Zuflucht suchten, sind in 15 Lagern zusammengepfercht und müssen sich aufgrund der knappen Lebensmittel teilweise von Gras ernähren. Die wertvolle Hirse ist rar geworden. Zum Hunger kommen nun Drohnenangriffe hinzu.
Franco Majok ist für die Menschenrechtsorganisation CSI im Südsudan tätig. Er gehört einem Notprogramm an, das sich gegen den Hunger einsetzt. Er kennt sich vor Ort aus. „Die Familien leben ohne ausreichende Nahrung, Unterkunft, sauberes Wasser oder medizinische Versorgung. Viele haben alles verloren und kämpfen unter extrem schwierigen Bedingungen ums Überleben“, erzählt er. „Leider sind diese Gemeinschaften weitgehend in Vergessenheit geraten, und viele humanitäre Organisationen sind aufgrund erheblicher Finanzierungsengpässe nach Kürzungen der USAID-Unterstützung nicht in der Lage, wirksam zu helfen.“
Die Christen in den Nuba-Bergen seien besonders schwer betroffen. „Kinder, Frauen und ältere Menschen sind besonders anfällig für Unterernährung, Krankheiten und die anhaltende Unsicherheit“, so Majok weiter. „Wir bitten die internationale Gemeinschaft, Kirchen, humanitäre Partner und Menschen guten Willens, den leidenden Menschen im Sudan in dieser kritischen Zeit beizustehen.“ Jede Unterstützung zähle. In dieser Krise komme es auf jede humanitäre Hilfe an – und auch auf das Gebet. „Bitte schließen Sie die Christen und vertriebenen Familien im Sudan in Ihre Gebete ein!“
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