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Kommunistischer Influencer Louis Althusser

Der rote Brother Louie

Louis Althusser, zu den Vordenkern der Achtundsechziger-Bewegung gehörend, ist zwar vielen politisch interessierten Zeitgenossen in Deutschland kaum bekannt, doch seine Philosophie hat marxistische Gesinnungsfreunde im studentischen Milieu wie die politische Linke, darunter auch Akteure wie den früheren Bundeskanzler Olaf Scholz, mitgeprägt, etwa in der Familienpolitik.

Im Jahr 2002, in der Zeit also der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder und Joseph Fischer, formulierte der damalige SPD-Generalsekretär Scholz einen politischen Imperativ: Martialisch forderte er, dass seitens der Regierung die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ erobert werden müsse. Die umfassende, staatlich regulierte Kinderbetreuung sollte ganztags etabliert werden, auch um faktisch das Familienmodell Vater-Mutter-Kind zu erschüttern und damit den Erziehungsauftrag der Eltern auszuhöhlen.

Für Althusser, der zu den Vätern solcher Gedanken gehörte, war die Familie nichts als ein „Ideologischer Staatsapparat“, eine Institution also, die die herrschende kapitalistische Gesellschaftsordnung stabilisiere. Wer gegen die klassische Familie argumentiert und operiert – wie seinerzeit der Streiter für die Kinderbetten-Lufthoheit namens Scholz –, wollte die Erziehungsmodelle der 1968er-Generation fördern, durch den rot-grün lackierten oder in Regenbogenfarben getünchten Vater Staat, der idealerweise gleich Vater und Mutter ergänzte, deren Erziehungsauftrag relativierte und durch eine links-woke Betreuungsfürsorge mit nahezu paternalistischem Dominanzgebaren ersetzte. Scholz artikulierte sich gewissermaßen wie ein perfekter Althusserianer, zumindest als ein entschlossener Frontkämpfer gegen die klassische Familie.

Das System abschaffen durch kommunistischen Umsturz

Althusser, ein Vertrauter, enger Weggefährte und Lehrer des umstrittenen Soziologen und Philosophen Michel Foucault, prominentes Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF), attackierte rigoros und konsequent Familie, Staat, Kirche und Gesellschaft – somit alle „Ideologischen Staatsapparate“, die er mit der Kurzformel ISA bezeichnete. Dazu zählte er Bildungsanstalten, politische Systeme und vor allem die Familie, in der der Mensch nach Althussers Meinung als Subjekt förmlich eingekerkert sei (vgl. Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Notizen für eine Untersuchung, in: Ideologie und ideologische Staatsapparate, 1. Halbband, S. 37-102).

Althusser stritt gegen die „religiösen ISA“, dem er alle Kirchen zuordnete. Zu den herrschaftsstabilisierenden Institutionen gehörten für ihn die Einrichtungen des Rechts und das politische System überhaupt. Der Philosoph identifiziert jede politische Partei als Element des gesamten politisch-ideologischen Staatsapparates, den er mit dem politischen System, sichtbar und verwirklicht in der parlamentarischen Demokratie, gleichsetzt (vgl. ebd., 109 f.), und dieses politische System will er abgeschafft wissen.

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Dazu bedurfte es aber eines Instruments. Er selbst war ein Mitglied der Kommunistischen Partei, die er kämpferisch als Werkzeug der „Arbeiterklasse“ verstand, um die Revolution herbeizuführen. Der Philosoph, der die Welt nicht interpretieren sollte, sondern sich gemäß Karl Marx dazu berufen fühlte, sie radikal zu verändern, musste darum notwendig, als Arbeiter unter Arbeitern, in der Partei mitwirken, die als Kollektiv den gesellschaftlichen Umsturz vorantreiben wollte.

Zerstören, zerschmettern, schleifen: Althusser als großer Kaputtmacher

Althusser listete in seinen Schriften eine Reihe von ideologischen Apparaten auf, etwa die „ISA der Informationen (Presse, Radio, Fernsehen usw.)“ und die „kulturelle ISA (Literatur, die schönen Künste, der Sport usw.)“ (ebd., S. 54 f.). In allen diesen additiv erfassten Institutionen erkannte er Apparate, die den Staat stabilisierten und erhielten, das Subjekt unterdrückten und auf jede nur denkbare Weise gängelten, so dass eine konsequente Befreiung nur durch die vollständige Zerschmetterung der herrschenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, damit des „Repressiven Staatsapparats“ (RSA), gelingen konnte, den er als Einheit ansah, bestehend etwa aus den Institutionen der Justiz, wie den Gerichten und Gefängnissen, und der Polizei.

In den „Ideologischen Staatsapparaten“ ginge die Ideologie allerdings der Repression voraus. So würden „ständig, sehr subtile, offen ausgesprochene oder stillschweigende Verknüpfungen zwischen dem Funktionieren des Staatsapparates und dem Funktionieren von Ideologischen Staatsapparaten“ (ebd., S. 55) hergestellt.

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Althusser unterstellte, dass die Doktrin des Kapitalismus erfordert, in den „Ideologischen Staatsapparaten“ ein harmonisches Miteinander zu organisieren, auch um den „Repressiven Staatsapparat“ zu stabilisieren, den es zu überwinden galt. Sein Angriff auf die klassische Familie, die er als „Ideologischer Staatsapparat“ auffasst, sollte der Etablierung einer neuen ideologischen Herrschaft unter marxistischen Vorzeichen dienen.

Nicht grundlos berief sich die Gender-Theoretikerin Judith Butler immer wieder auf den marxistischen Philosophen, besonders in ihrem Verständnis von Geschlechterrollen: „Wir alle sind seit der Geburt von Geschlechterrollen geprägt, die unser Handeln bis heute bestimmen, unser Handeln wird immer schon von gewissen sozialen Normen konditioniert. So etwas wie Handlungsfreiheit existiert gar nicht.“

„Berufsideologen“ und „Agenten der Unterdrückung“

Handlungsfreiheit in diesem Sinne würde erreicht, wenn die Macht und der Einfluss des „familiären ISA“ zerschlagen werden. Die vorgegebenen, determinierenden Handlungsmuster würden damit aufgehoben (vgl. Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate, 1. Halbband, S. 82 f.). Der Philosoph wollte einen endgültigen Bruch mit der herrschenden Ordnung der Gesellschaft und der sie tragenden Lebensformen (vgl. Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate, S. 121 f.).

Althusser sah außer der Familie auch die Schule als wichtigsten „Ideologischen Staatsapparat“ an, da die Schule im Kapitalismus die Fortführung der herrschenden Ideologie vermittele. Aus einigen Schülern würden „Berufsideologen“. Dazu zählte er etwa Geistliche. Andere würden zu „Agenten der Ausbildung“ sowie „Agenten der Unterdrückung (Militärs, Polizisten, Verwaltungsfachleute)“ (ebd., S. 67 f.). Die Ideologie konstituiere, so Althusser, Individuen als Subjekte (vgl. ebd., S. 85), so etwa in der Schule, durch die Ansprache als Person.

Am Gymnasium eine Nummer

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass in der Schule Ende der 1980er Jahre eine Art Nummerierung betrieben wurde, ein Ordnungsprinzip, das offensichtlich für die verwaltete Welt einfacher war als die Namensnennung. Jeder Schüler bekam beim Eintritt in die Oberstufe auf dem Gymnasium eine Nummer. Als ich aus einem unerheblichen Anlass das Gespräch mit dem Oberstufenleiter suchte, von dem ich nicht wusste, ob er mich persönlich kannte, nannte ich einfach die Nummer als Erkennungsmerkmal: „Ich bin 563.“ Der Altphilologe reagierte erstaunt und zugewandt: „Sie sind doch keine Nummer, Sie haben doch einen Namen.“ Der Schüler jedoch, ich selbst, hatte bloß pragmatisch gedacht. Durch die Nummer, dachte ich, sei ich leichter zuzuordnen. Warum vergab die Schule denn dann Nummern? Ich wurde also direkt mit Namen angesprochen. (Thorsten Paprotny)

Althusser betont, dass durch die direkte Ansprache, die namentliche Nennung, das Individuum sich unmittelbar persönlich angesprochen fühle, und dass „[d]ie Existenz der Ideologie und die Anrufung des Individuums als Subjekte [ein] und dieselbe Sache“ (ebd., S. 89) seien. Der ideologische Staatsapparat identifiziert und bestimmt das Individuum, über das er praktisch verfügt, so wie ein Kind in eine etablierte Familie hineingeboren wird, der es als Subjekt bereits vor der Geburt zugehört.

Als Subjekt sich dem Apparat unterwerfen

Die Anrufung erfolge analog auch in den christlichen Kirchen. Das Kind werde namentlich genannt, bei der Taufe, und damit unter das erdachte Subjekt Gottes gestellt, dem es unterworfen werde – bei der Beichte oder bei der Feier der Eucharistie –, denn jede Person werde mit Namen angesprochen und damit dem „SUBJEKT“ unterworfen, das im Zentrum stehe – dasselbe erfolge auch in der Schule. Die Person werde „als (freies) Subjekt angerufen, damit es sich freiwillig den Anordnungen des SUBJEKTES unterwirft, damit es also (freiwillig) seine Unterwerfung akzeptiert“ (ebd., S. 98).

Damit bestätige die Person als Subjekt den Status der Unterwerfung unter den Apparat. Der Einzelne könne sich in der Relation zu dem „SUBJEKT“ wiedererkennen (vgl. ebd., S. 96). Repräsentanten der Schule sprechen Schüler tagtäglich mit Namen an, also erkenne sich ein Schüler in der Schule wieder (vgl. ebd., S. 69).

Nach Althusser vollzieht das Subjekt im ideologischen Apparat alle Praktiken und Handlungen, um den Zustand seiner Unterwerfung zu untermauern. Dass ein Subjekt aber etwa in der Schule sich dem dort herrschenden Konformismus kritisch denkend entzieht, scheint dem Philosophen Althusser nicht in den Sinn zu kommen. Dazu denkt er zu schablonenhaft. Widerständige Individuen gab es und gibt es noch immer.

Althusser wollte Pädophilie freigeben

Dennoch sollte die Wirkmacht seiner philosophischen Gedanken nicht unterschätzt werden. Linksintellektuelle wie er inspirieren viele Politiker, die nach Lufthoheit streben, ob über Kinderbetten, wie seinerzeit Olaf Scholz, oder über die Sprache. Louis Althusser war fest integriert in die marxistisch-kommunistische Weltanschauung. Das sieht man auch daran, dass er 1977, gemeinsam mit anderen linken Intellektuellen – darunter Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Gilles Deleuze und der spätere Kulturminister Jack Lang –, einen Appell zur Entkriminalisierung der Pädophilie in Gestalt eines offenen Briefes unterstützte, der in den Zeitungen Libération und Le Monde publiziert wurde, initiiert vom pädophilen Schriftsteller Gabriel Matzneff. Wer solches fordert und für Pädophilie einsteht, demonstriert anschaulich, dass mit den Grundlagen des eigenen Denkens etwas zutiefst falsch ist.

Louis Althusser gehörte zu den führenden brandgefährlichen Denkern aus der Zeit der 1968er-Bewegung. Wer seine Schriften studiert, erkennt auch dämonische Züge in der links-woken Politik von heute – und wird misstrauisch gegenüber jedem politisch Handelnden, der die staatliche „Lufthoheit über den Kinderbetten“ erobern will.

Am 16. November 1980 tötete der schwer depressive Philosoph, mutmaßlich im Zustand einer Psychose, seine Ehefrau Hélène Rytmann und konnte oder wollte sich an das grausame Verbrechen nicht erinnern. Es beendete seine Dienstzeit als Professor an der Pariser École normale supérieure. Einige Jahre verbrachte er in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt, im Anschluss, bis zu seinem Lebensende 1990, überwiegend in weiteren psychiatrischen Kliniken.

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