Unser Töchterchen will zurück in die Spatzengruppe. Vielleicht hat sie recht
Triggerwarnung: Wenn Eltern über ihre Kinder sprechen, sind diese ohne jeden Zweifel die größten, die schlausten, die wohlerzogensten. Wer Eltern in dieser Welt zuhört, wundert sich, warum morgen, wenn die gelobte Generation am Drücker ist, nicht unmittelbar das Paradies ausbricht.
Das ist völlig normal, nur für alle anderen fühlt es sich an wie Werbepause – man muss dringend mal aufs Klo. Trotzdem steigen wir hier mit dem Satz unseres Töchterchens ein. „Ich will wieder in die Spatzengruppe“, hat sie Judith und mir mitgeteilt.
Jeder trägt eine Spatzengruppe in sich
Die Spatzengruppe war ihre Kindergartenheimat bis vor einem Jahr. Es gab Kuschelecken, Sternchenstunden, Wickelnischen. Mittlerweile ist sie zu den „Raben“ emporgewachsen, sie schlägt sich nebenbei auch im oberitalienischen „Silo“ durch, wie die Menschen in unserem Dorf, in dem wir manchmal leben, die Kinderaufbewahrungsstätte nennen.
Ein paar Brocken Italienisch kommen schon aus ihr heraus. „Buongiorno“, kräht sie gegen sechs Uhr zehn, was Judith und mich so unbändig stolz macht, dass wir jedem davon erzählen und uns wundern, warum unsere Gesprächspartner so häufig aufs Klo müssen.
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Meine Frau und ich glauben, dass jeder von uns eine Spatzengruppe in sich trägt. Das klingt nach Esoterik und Blümchentapete, aber natürlich ist die heile Welt gemeint, die irgendwann Risse bekommen hat, meistens, weil wir selbst darin herumgetrampelt sind. „Der Mensch“, sage ich zu Judith, „hat die Eigenschaft, alles, was er liebt, so lange zu verändern, bis er es nicht mehr liebt, um dann seiner verlorenen Liebe nachzutrauern.“
„Aha“, sagt Judith, so sei das also? Sie betrachtet mich scharf. Ich ahne, welche Falltür ich gerade geöffnet habe, haspele schnell, dass ich genau sie selbstverständlich auch als Raben lieben würde, wobei sie noch immer mein Spatz sei. Kurz: Ich rede mich um Kopf und Kragen.
Es lohnt sich wiederaufzustehen
Ein bisschen besser ist, dem, was vergangen ist und was wir überlebt haben und was ja schon deswegen nicht so brandgefährlich gewesen sein konnte, einen Kranz zu flechten, ihn über die Tür zu nageln und das nächste Zimmer zu betreten. Es gibt Paläste, da reiht sich so Kammer an Kammer, du blickst durch Türfluchten in Räume, die du durcheilst oder in denen du innehältst und am Ende krachst du gegen einen tückischen Spiegel und siehst dich nur noch selbst.
Wenn dann eine Stimme „Buongiorno“ kräht, weißt du, dass es sich lohnt wiederaufzustehen. Denn es kommt immer noch ein Zimmer, in dem gerade die Spatzengruppe tagt.
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