Geburt und Tod des Kindes: „Der glücklichste Tag meines Lebens“
Es sei der jetzt eingetretene „Gipfel“, dass er Frauen mit ungeborenen Kindern, die an Anenzephalie erkrankt sind, nicht mehr helfen dürfe. Das sagte Frauenarzt Joachim Volz im Herbst im Interview mit Corrigenda. Schon davor habe er sich mit der katholischen Kirche überworfen, weil er ihre „Einschränkungen nicht mehr mittragen“ wollte. Als schließlich ein katholisches Krankenhaus die evangelische Klinik übernahm, in der er zuvor medizinisch indizierte Abtreibungen vorgenommen hatte, sollte er das fortan nur noch bei Gefahr für Leib und Leben der Frau tun dürfen. Es reichte ihm. Er zog vor Gericht, unterlag teilweise. Und führt einen Kampf für Abtreibungen. Auch im Bundestag, wo er Mitte April als von den Grünen nominierter Sachverständiger auftrat und sich in Rage redete (Corrigenda berichtete aus dem Parlament).
Auch dort argumentierte Professor Volz mit Anenzephalie, jener Fehlbildung bei ungeborenen Kindern in den ersten Schwangerschaftswochen, bei der sich die Schädeldecke nicht vollständig schließt und Hirnanhangdrüse, Kopf- und Hirnhaut sowie Gehirn nicht richtig ausgebildet beziehungsweise zerstört werden. Die Lebenserwartung nach Geburt beträgt nur wenige Stunden.
Den Müttern dieser Kinder möchte Volz also helfen, koste es, was es wolle. Und das geht aus seiner Sicht nur mit einer Abtreibung. Ein ungeborenes Kind töten, das wenige Stunden nach der Geburt sowieso gestorben wäre. Wo ist das Problem, fragt sich der technisch denkende und wissenschaftlich geprägte moderne Mensch von heute. „Lieber früher wegmachen, dann hab ich es hinter mir.“ Ist es wirklich so einfach?
Man kann sich als Unbeteiligter kaum vorstellen, wie es ist, als schwangere Frau in einer Praxis für Pränataldiagnostik zu sitzen und vom Arzt gesagt zu bekommen: Ihr Kind leidet leider an einem Anenzephalus.
Es folgt eine mit Bedacht formulierte Erklärung, dass das Kind unter ihrer Brust nach Geburt wahrscheinlich keine 24 Stunden überleben wird.
Das Herz bleibt stehen, das Blut in den Adern gefriert. Die Welt bricht für einen langen Augenblick zusammen. Welcher Mensch bei Verstand würde da nicht einem Professor der Medizin zustimmen und sagen: Lasst die Ärzte doch dieser armen Frau helfen?
Den Menschen als Ganzes betrachten
Die Frage lässt sich in ihrer gesamten Komplexität nur beantworten, wenn man nicht mit dem technischen Blick eines Mediziners darauf blickt. Sondern den Menschen als Teil einer generationenübergreifenden Gemeinschaft sieht, der das Leben geschenkt bekommt. Und mit ihm alles, was dazu gehört: Freude, Glück, Trauer, Leid, Ernüchterung, Erfüllung, offene Fragen, Antworten und weitere Fragen, Einsamkeit, Zweisamkeit, Stärken und Schwächen. Was wäre die Menschheit ohne die Erlebnisse von Freude und Leid, die so oft miteinander verwoben sind und von einem zum anderen führen?
Und so ist es nur im ersten Moment überraschend oder gar verstörend, wenn eine frischgebackene Mutter jenen Tag als den schönsten ihres Lebens bezeichnet, an dem ihr Sohn mit Anenzephalus geboren und gestorben ist.
Es ist der 5. April, als eine Beraterin von Profemina einen handschriftlich verfassten Brief von Katja aus Hamburg erhält. Ihm beigelegt ist ein Foto ihres Sohnes Sascha auf ihrer Brust mitsamt seinen biografischen Daten:
- 1.922 Gramm schwer
- 41 cm groß
- geboren am: 25. März 2016
- gestorben am: 25. März 2016
- geliebt: für immer
Überschrieben ist das Blatt mit den Worten:
„Der glücklichste Tag meines Lebens“
Katja hatte sich an die Beratungsorganisation Profemina (die von der auch Corrigenda verlegenden 1000plus-Profemina gGmbH umfassend finanziell unterstützt wird) gewandt, weil sie überlegt hatte, ihren Sohn abtreiben zu lassen. Namen und Daten der beteiligten Personen liegen Corrigenda vor, wir haben diese jedoch zum Schutz der Betroffenen und aus Gründen der Pietät verändert. Die Beraterin notierte damals, die 35 Jahre alte Katja und ihr Partner „wünschen sich sehr ein Kind“. Nach einer langen Zeit des Versuchens klappte es schließlich. „Diesen Montag hat sie erfahren, dass ihr Kind keine Schädeldecke hat und dass die Fruchtwasser dabei ist, das Gehirn wegzuätzen; das Kind habe keine Überlebenschance, deshalb müsse sie abtreiben.“ Katja war schon bei mehreren Frauenärzten und Spezialisten, nur einer habe gesagt, dass sie das Kind bekommen könne, alle anderen rieten zur Abtreibung.
„So viel Liebe, die für ein ganzes Leben reicht und darüber hinaus“
Katja hat keine Beschwerden, doch sie hadert. Und das, obwohl sie für Abtreibung eigentlich kein Verständnis hat, Frauen sogar verurteilt hat, die abgetrieben haben. Die Beraterin schreibt in ihren Notizen: „Doch unter diesen Umständen erträgt sie den Gedanken nicht, dass ihr Kind leidet; sie fragt, welche Abtreibungsmöglichkeiten es gibt; man habe ihr gesagt, dass eine Geburt eingeleitet werden müsste.“ Und: „Sie hält sich an jedem Strohhalm fest; nächsten Mittwoch hat sie wieder einen Termin bei einer anderen Frauenärztin.“
Schon nach dem zweiten Kontakt mit Profemina entschließt sich Katja, einvernehmlich mit ihrem Partner, das Kind auszutragen. Drei Monate später schickt sie den Brief an ihre Beraterin. Zwei Seiten bis an die Ränder vollgeschrieben. Es sind herzzerreißende Worte. Worte, wie sie wohl nur eine Mutter schreiben kann, die gerade die schwerste und gleichzeitig glücklichste Zeit ihres Leben durchgemacht hat. In dem Schreiben drückt Katja nicht nur ihre Dankbarkeit aus, sich mit Hilfe der Beratungsstelle, Freunden, Familie und Gott doch noch gegen die Abtreibung entschieden zu haben.
Dann folgt eine Schilderung jener Stunden, die sie, wie sie sagt, bis zum Lebensende nicht vergessen wird.
„Sascha kam per Kaiserschnitt am 25. März 2016 um 11:20 Uhr auf die Welt und war mir bis 21:22 Uhr vergönnt. Bis er dann friedlich auf meiner Brust eingeschlafen ist. Trotzdem ich eine unbeschreibliche Leere und Trauer verspüre, bin ich doch überglücklich, diesen kleinen, gerade wegen seiner Besonderheit wunderbaren Menschen kennenlernen, berühren und küssen zu dürfen. Bis zum Schluss genoss ich jeden einzelnen Moment dieser Schwangerschaft. (…) Mein Baby hat zehn Stunden gelebt und Gott sei Dank nicht gelitten. Er lag hauptsächlich auf meiner Brust, und wir wärmten uns gegenseitig.“
Welche Kraft kann einer Mutter, die gerade ihren kleinen, zerbrechlichen Sohn verloren hat, den sie sich so sehr gewünscht hatte, den Lebensmut erhalten? Es ist die Liebe. So schreibt Katja zum Ende ihres Briefes:
„Er war für einen Moment da und hat mir damit so viel Liebe geschenkt, welche für ein ganzes Leben reicht und darüber hinaus.“
Die große Mehrzahl der Frauen, rund 85 Prozent, die von einer Erkrankung ihres Kindes im Mutterleib erfahren, tragen die Schwangerschaft aus und nehmen das Kind in voller Liebe an, sagte der Pränataldiagnostiker Alexander Scharf-Jahns vergangenes Jahr im Corrigenda-Interview. Bedenkt man, dass jährlich rund 28.000 Fehlbildungen diagnostiziert werden, es aber „nur“ etwa 4.000 medizinisch indizierte Abtreibungen gibt, lässt das den Schluss zu, dass die mütterliche Liebe den Schrecken einer Diagnose überstrahlt.
„Man hat Horrorbilder im Kopf. Wie wird mein Kind aussehen?“
So war es auch bei Melanie. Sie lebt in einem Städtchen in Rheinland-Pfalz. Sie ist glücklich verheiratet, Mutter eines gesunden zweijährigen Kindes und gerade schwanger. Es ist spätes Frühjahr 2019. Namen und Daten haben wir auf ihren Wunsch hin verändert. Melanie geht zu einer Routineuntersuchung bei ihrer Gynäkologin. Heute soll eine für das erste Trimester typische Ultraschalluntersuchung stattfinden, reine Routine. Melanie kennt ihre Frauenärztin gut, sie vertraut ihr. Die Medizinerin hat sie auch schon während ihrer ersten Schwangerschaft betreut.
Melanie liegt auf dem Rücken, das kühlende Gel auf dem Bauch. Die Ärztin fährt mit dem Gerät umher. Und fährt umher. Und fährt umher. Aus den verschiedensten Winkeln. Melanie merkt instinktiv, dass irgendetwas anders ist als sonst. Die Ultraschalluntersuchung dauert viel länger. Dann sagt die Ärztin: „Frau Stock, ich sehe eine Fehlbildung des zentralen Nervensystems.“ Ein Schockmoment.
Was eben noch normal war, ist es jetzt nicht mehr. Melanie setzt sich hin und lässt sich von ihrer Gynäkologin erklären, was das zu bedeuten hat. Ausgerechnet heute ist Melanies Mann nicht dabei. Sie ruft ihn zusammen mit der Ärztin an, erzählt ihm alles. Es steht nicht gut um das junge Leben unter ihrem Herzen.
Noch am gleichen Tag fährt Melanie mit ihrem Mann in die Klinik, wo die Chefärztin der Gynäkologie weitere Untersuchungen anstellen soll. Melanie erinnert sich noch an die Worte der Ärztin: „Es handelt sich um eine Exenzephalie. Eine Diagnose, die nicht mit dem Leben vereinbar ist. Es ist zu einhundert Prozent sicher, dass das Kind frühzeitig stirbt, wahrscheinlich noch im Mutterleib. Eine Möglichkeit der Operation gibt es leider nicht.“
Eine Exenzephalie ist eine sehr seltene und schwere Fehlbildung, bei der sich das Gehirn außerhalb des Schädels befindet. Durch den Kontakt mit dem Fruchtwasser wird es allmählich degeneriert, aufgelöst, was in der Regel zu einer Anenzephalie führt. Für die fest im Glauben stehende Melanie zerbricht die Welt. Wie eine Glasscheibe, die auf harten Beton fällt. „Man weiß ja, dass es Fehlbildungen gibt, aber man denkt nicht daran, dass es einen selbst betreffen kann“, erzählt sie im Gespräch mit Corrigenda.
„Ich bekam es mit der Angst zu tun. Man hat Horrorbilder im Kopf. Mein Kind hat am Hinterkopf keinen Schädelknochen: Wie wird es aussehen?“ An eine Abtreibung denken Melanie und ihr Mann nicht. Zum einen wirkt der Schock nach, wodurch ihnen andere Gedanken durch den Kopf schießen. Zum anderen sagen sie sich: „Wenn unser Kind sowieso sehr früh sterben wird, dann wollen nicht wir diejenigen sein, die den Zeitpunkt festlegen. Dann soll es dann passieren, wenn es Gott möchte.“ Wenn Melanie davon erzählt, merkt man ihr die Gewissheit an, mit sich im Reinen zu sein, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Und dass die Kraft der Liebe stärker ist als die des Schmerzes.
„Es hört sich seltsam an, aber wir bin sehr dankbar für all das“
Die erfahrene Chefärztin erklärt, sie, Melanie, sei erst die dritte Frau in ihrem Berufsleben, die sich gegen eine Abtreibung entscheide. Heißt: Die Erfahrung ist gering. Hilfe findet Melanie bei einer anderen Mutter, die ein gleiches Schicksal hatte, und die sie über das Profemina-Netzwerk kennenlernt. „Das war eine große Hilfe und Erleichterung. Ich habe sie einfach alles gefragt. Und sie hat geantwortet.“
Und die Anspannung ist extrem hoch. Nicht nur muss die Mutter die Beerdigung für das Kind planen, mit dem sie gerade schwanger ist. „Die Ärzte sagten mir, ich würde einen vorzeitigen Blasensprung bekommen, weil unsere Tochter das Fruchtwasser nicht schlucken könne. Ich würde auch keine Wehen bekommen, und eine Spontangeburt würde sie sehr wahrscheinlich auch nicht überleben.“
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Fast alles ist anders eingetroffen. „In der 32. Schwangerschaftswoche habe ich Wehen bekommen. Tatsächlich hatte ich mehrere Liter Fruchtwasser im Bauch. Doch erst vor der allerletzten Presswehe bekam ich einen Blasensprung. Dann kam Elisabeth auf die Welt.“ Den Eltern war es wichtig, dass in der kurzen Zeit, die ihnen mit ihrem zweiten Kind vergönnt ist, nicht an ihm herumgewerkelt wird, keine Schläuche, Zugänge und ähnliches gelegt werden. Sie wollten Zeit mit ihrer Tocher, nicht mehr und nicht weniger.
„Es hört sich sicher seltsam an, aber es war wirklich gut. Elisabeth kam auf die Welt, lag eine Stunde bei mir auf dem Arm und ist danach friedlich gestorben. Mein Mann hat sie zuvor noch getauft. Eine Sternkinderfotografin machte Fotos. Für all das sind wir sehr dankbar!“
„Alle Ängste und Schmerzen waren weg, was da war, das war 100 Prozent Liebe“
Und die Ängste, der Schmerz, die Sorge darum, ob sie ihr Kind lieben kann?
„Sie waren in diesem Moment weg. Was da war, das war 100 Prozent Liebe. Liebe, die ich von meiner Tochter bekam. Und Liebe, die ich meiner Tochter schenken durfte. Wir waren froh und dankbar, dass unsere Tochter lebend auf die Welt kam und wir Zeit mit ihr verbringen durften.“
Natürlich sei der Tod der eigenen Tochter sehr schmerzhaft. „Aber das ist bei einem Kind, das man abtreibt, nicht anders. Auch dann verliert man sein Kind“, betont Melanie. „Wenn man sich aber wirklich verabschieden kann, ist das für das Kind wie für die Eltern viel heilsamer und für die Trauerbewältigung sehr wichtig.“ Auch das große Geschwisterchen und die Großmutter konnten sich noch verabschieden.
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Was würde sie einer Frau sagen, die gerade in einer ähnlichen Situation steckt, die mit einer schweren Diagnose für ihr ungeborenes Kind konfrontiert ist? Die Angst hat? Die unentschlossen ist? Melanie hält kurz inne. „Ich würde zunächst sagen, dass ich sie verstehen kann. Ich würde ihr alles erzählen, wie es bei mir war. Und ich würde ihr sagen, dass ich mich jederzeit wieder für mein Kind entscheiden würde.“
Und was antwortet sie Ärzten wie Professor Joachim Volz, für die Hilfe in solchen Fällen eine Abtreibung bedeutet? Melanie überlegt nur kurz, dann sagt sie einen bemerkenswerten Satz:
„Obwohl Elisabeth nur eine Stunde gelebt hat, bin ich sehr stolz, ihre Mama zu sein. Entgegen der Erwartung ist sie lebend zur Welt gekommen. Ich würde sie nicht missen wollen. Niemand darf sich anmaßen zu sagen, dass dieses Leben nicht richtig war.“
Die Chance auf unendlich starke Liebe nicht nehmen
Im ersten Korintherbrief Vers 13 heißt es: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Den Spruch wählen viele Ehepaare als Trauspruch. Im Hochzeitsfieber sagt sich das so leicht dahin. Doch wenn man die Geschichten von Katja und Melanie hört, dann merkt man, dass ihm tiefe Weisheit zugrunde liegt.
Wer sich um kranke und pflegebedürftige Familienangehöre kümmert, wer mit Hilfsorganisationen wie den Maltesern Krankenwallfahrten möglich macht oder sich ehrenamtlich um Hilfsbedürftige in Dorf oder Stadtteil kümmert, der merkt, dass man diesen Menschen nicht nur etwas gibt, sondern auch etwas dafür bekommt. Und zwar nicht „nur“ Dankbarkeit. Der merkt auch, dass er wortwörtlich über sich hinauswachsen kann und so manches bedrohliche Unbekannte bewältigen kann.
Eine Gesellschaft, die das vergisst, wird verroht und unmenschlich, wie die Geschichte mehrfach bewiesen hat. Wenn im Staat das „technokratische Paradigma“ herrscht, wird jeder, der nicht liefern kann, an den Rand gedrängt, versteckt und vergessen oder schlimmstenfalls „erlöst“.
Wer schwangeren Frauen in solchen Notsituationen helfen will, das könnte die Quintessenz der zwei geschilderten Fälle sein, der sollte den Schwangeren ermöglichen, Liebe zu schenken und Liebe zu empfangen. Eine Liebe, die bis zum Lebensende trägt. Und darüber hinaus.
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