Modefalle
Es ist jetzt nicht unbedingt mein Fachgebiet. Und irgendwie doch. Die Mode. Als Priester trage ich Klerikerkleidung – schwarze Hemden mit römischem Kragen oder die Soutane als Zeichen meines Berufsstandes und als Zeugnis von dem, was dieser Stand zu sagen hat und weshalb es ihn gibt. Mode gibt es auf dem Gebiet der Priesterkleidung eher nicht.
Es mag eine gewisse Entwicklung in den Formen der Bequemlichkeit geben. Beim sogenannten „Tippex-Hemd“ – eine Bezeichnung aus der „Generation Schreibmaschine – kann man zum Beispiel den weißen Kragen, auf den es ankommt, unkompliziert in den umgebenden schwarzen Kragen einschieben.
Abgesehen von derlei Alltagshilfen ist aber im Wesentlichen die Berufskleidung des Priesters der Mode entzogen. Das mag daran liegen, dass der gesamte Beruf keiner Mode unterlegen ist. Sein Profil ist zeitlos, weil das, was er zu verkünden hat, zeitlos ist, und deswegen ist auch sein Outfit. Beim Bäcker oder Schornsteinfeger ist es ähnlich. Alle orientieren sich in ihrer Gestaltung an dem, was sie tun.
Noch anders verhält es sich beim Priesterberuf, wenn er seine ureigenste Tätigkeit ausübt: die Zelebration der Heiligen Messe. Dann legt er jede Menge Stoff an, der aber in diesem Fall nicht einfach nur eine Berufsgruppe repräsentiert, sondern zugleich in den äußeren Formen eine wichtige Botschaft enthält.
Nachdem die Straßenkleidung des Priesters ihm trotz ihres Berufscharakters seine Individualität nicht gänzlich hinweguniformiert, sondern immer noch den lustigen Don Camillo oder den blasierten Prälaten durchschimmern lässt, deckt ihn die liturgische Kleidung in seiner Persönlichkeit weitgehend zu. Der amerikanische Kardinal Raymond Leo Burke hat dies in einem Interview mit Matthias Matussek einmal auf den Punkt gebracht.
Die Persönlichkeit wird verdeckt: Zurück bleibt Jesus Christus
Als er vor einigen Jahren in meiner Pfarrkirche im Rahmen einer internationalen Liturgischen Tagung ein feierliches Pontifikalamt im Tridentinischen Ritus zelebriert hat, wurde er – wie es darin üblich ist – in einem fast halbstündigen liturgischen Präludium in Anwesenheit der Gottesdienstgemeinde angezogen.
Die Ministranten brachten jedes der liturgischen Kleidungsstücke nach und nach zum Zeremoniar, der es dem Kardinal anlegte. Unter vorgeschriebenen Gebeten schlüpfte der Bischof in die kostbaren Gewandungen. Ein Zeremoniell, das stark an das Lever du Roi der französischen Monarchen erinnert, das vor allem Ludwig XIV. zu einer legendären Hinterlassenschaft des vorrevolutionären Frankreichs gemacht hatte.
Über zweihundert Bedienstete rückten dabei an das zeremonielle Bett des Königs, um ihn anzukleiden und damit gleichzeitig ihrer eigenen Untertänigkeit gewiss zu werden. Im Gegensatz zu dieser höfischen Demonstration eines Machtgefälles, geht es aber beim liturgischen Ankleiden des Bischofs im traditionellen römischen Ritus gerade nicht um dessen Macht, sondern um das reine Gegenteil.
Die Person des Zelebranten, so Kardinal Burke, wird Stück für Stück zugedeckt und damit quasi ausgelöscht. Zurück bleibt am Ende nur noch der, der durch den Bischof handelt: Jesus Christus. Er ist der Hohepriester, der die Liturgie feiert. In der Alten Messe steht der Zelebrant nach dem Einzug in die Kirche während der Liturgie mit dem Gesicht nach vorne, von der Gemeinde abgewandt und dem Altar zugewandt, was ihn um ein weiteres als Person unerkenntlich macht.
„Der Priester hat am Altar kein Antlitz“
Er ist eben in den heiligen Handlungen, die er zu vollziehen hat, nicht er selbst, sondern ein Werkzeug. „Der Priester hat am Altar kein Antlitz“, sagt Gertrud von Le Fort in ihren „Hymnen an die Kirche“. Die Riten, die er zu vollziehen hat, und auch seine Gewänder, machen ihn als Person unsichtbar. Kleider machen in der Liturgie eben keine Leute, sondern lassen sie in ihrer Persönlichkeit verschwinden zugunsten der Begegnung mit dem, den sie sichtbar und hörbar machen sollen: Gott.
Diese Dimension von Paramenten – also von Kleidungsstücken, die im Gottesdienst Verwendung finden – ist leider im Zuge des Anthropozentrismus einer falsch verstandenen liturgischen Erneuerung vielfach verloren gegangen. Man hat sich daran gewöhnt, dass die Person des Zelebranten wichtig ist – seine Einfälle, seine von ihm erdachte und trainierte Performance, sein Aussehen und eben auch: seine Kleidung.
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Will er schlicht und bescheiden wirken, wählt er eine „Papst-Franziskus-Casel“, ein ungefüttertes Gewand, das wie ein Bettuch wirkt, das er in seiner ärmlichen Hütte fand, um es umzunähen. Will er sich eher das Image eines gepflegten Angehörigen des oberen Managements geben, hüllt er sich in Seide und schlichte Ornamente.
Will er zeigen, dass er den Zeitgeschmack verstanden hat, finden sich auf seinen Gewändern Regenbogenfarben, um Anschlussfähigkeit an die Diversitätsdokrin zu signalisieren. Ist er fromm und marianisch eingestellt, sind seine Gewänder mit figürlichen Motiven geziert, die das nach außen tragen, und will er einen weltkirchlichen Akzent setzen, zieht er ein Messgewand an, auf dem das Logo des Heiligen Jahres zu sehen ist.
Gewänder sind hier Programmtransporteure – eine empfindliche Abweichung von dem, was die Liturgie eigentlich von Paramenten verlangt. Natürlich waren sie auch traditionell immer schon mit gestickten Botschaften geziert – mit Figuren oder Spruchbändern – aber alles in allem sollte dies keine Bilderkatechse für Taubstumme sein, sondern ein zweckfreies Darstellen der Inhalte des Glaubens.
Deren Verlebendigung besteht im christlichen Kult jedoch nicht in der Leseleistung der Anwesenden, sondern in der Feier der Mysterien, die die Gewänder lediglich umhüllen. Ganz anders heute. Man will den Menschen in der Überschätzung seiner selbst nach Kräften bestätigen, indem man die gottesdienstliche Atmosphäre gerade nicht sakral, sondern lebensweltlich gestaltet.
Was passiert, wenn der Liturge unsichtbar wird
Weniger Kult als Betriebsfeier mit Ansprache-Musik-Häppchen-Struktur, eine Sprache, die „alltagskompatibel“ sein will, um „die Menschen abzuholen“ und eine Gestik, die in erster Linie auf Kommunikation mit den Anwesenden und weniger auf den zwar auch anwesenden aber unsichtbaren Gott ausgerichtet ist.
Selbst beim gottesdienstlichen Gebet, das sich ja eigentlich an die Gottheit richtet, ist man bemüht, den Blickkontakt zum „Publikum“ nicht zu verlieren, um die versammelte Gemeinde nicht zu brüskieren. Im Sinne einer klassischen Kultfeier verzichtet man aber auf bürgerliche Floskeln und kommunikative Einlassungen und richtet die Formensprache auf die Anwesenheit des Verborgenen aus.
Denn sie lebt in der Zuversicht, dass es nicht nur beim Symbolischen bleibt, sondern es um eine Realität geht, die in der Liturgie gegenwärtig wird. Eine Realität, die jedoch nicht der Liturge produziert, sondern die sich dann ereignet, wenn der Liturge als Person inmitten dessen, was rituell passiert, unsichtbar wird.
Die menschlichen Grenzen verdecken
Deswegen umhüllt man ihn mit Gewändern, die dazu dienen sollen, seine menschlichen Grenzen zu verdecken, damit das, wozu er geweiht ist und das ihn unabhängig von seiner Person bevollmächtigt, Heilsakte zu setzen, sichtbar und wirkmächtig wird. Deswegen gibt es in der liturgischen Kleidung allenfalls einen Wandel in der Stilistik aber keine Mode.
Denn Mode ist Selbstausdruck nach sich verändernden Geschmacksempfindungen. Mode hüllt Menschen in Kostüme, die in ihnen Persönlichkeitsmerkmale unterstützen oder sie in ihnen herstellen sollen. So ist der klassischer Zweireiher in der Herrenmode Ausdruck einer solventen Virilität, von der ihr Träger möchte, dass sie nach außen etwas von ihm und seinem Standing aussagt.
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Der Slim-fit-Anzug mit knappen Maßen will hingegen Jugendlichkeit verkünden, was ab einer bestimmten Altersklasse von der Bekundung ins Wunschdenken umschlägt. Sollten die Köpermaße weder für das eine noch für das andere geeignet sein, wird die Mode zur Peinlichkeit, weil sie, statt ihren Träger als „member of the club“ erkennbar zu machen, ganz im Gegenteil als jemanden zeigt, der die erforderlichen Merkmale – hier: Jugendlichkeit und Sportlichkeit – gerade nicht aufweist und deswegen zum verkleideten Außenseiter wird.
Ähnlich verhält es sich mit der Damenmode. Sie möchte ebenfalls die Frauenwelt verschiedenen Kategorien zuordnen. Auch hier unterstützt diese Zuordnung weniger die jeweilige Persönlichkeit – wie weiland die „Machen-Sie-das-Beste-aus-Ihrem-Typ-Modezeitschriften“ – als sie von den Modeschöpfern zu erschaffen.
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Auch das geht schief, wenn die übergewichtige Oma Mitte sechzig beim Versuch, die Mode ihrer Enkelin zu tragen, erkennbar scheitert. Oder die Fraulichkeit der Frau in einem Unisexlook untergeht, der aus Menschen maoistische Massenwesen macht.
Ein ulkiger Höhepunkt des modernen Modediktats: Die Stolperfalle von Zara
Einen ulkigen Höhepunkt eines wenig zielführenden Modediktats ist die derzeit durch die Schlagzeilen tigernde Zara-Hose, eine Art Pluderhose mit üppigem Stoffaufkommen, deren ästhetische Absichten, aus ihren Trägerinnen halborientalische und damit multikulturell anschlussfähige Kommunardinnen zu machen, gehörig ins Groteske verrutscht sind.
Denn die Stofffülle führt beim Gehen nicht zur Selbstdarstellung, sondern zu fiesen Stürzen. Frauen berichten von aufgeschlagenen Knien und Knochenbrüchen, die ihnen das Produkt des spanischen Modegiganten Zara beschert hat.
„Wer schön sein will, muss leiden!“ bekommt hier eine unerwartet aktuelle Bestätigung aus dem Alltag. Aufgrund des erhöhten Gesundheitsrisikos, das derzeit auf TikTok unter dem Hastag #DeadlyZaraPants von vielen modebewussten Nutzerinnen geteilt wird, wandelt sich das Modeprodukt zu einer Bedrohung des Körpers statt etwas zu sein, das ihm dient.
Spätestens seit TikTokerin Stefanie sich nach dem Tragen einer modische Zarahose und einem durch sie verursachten Sturz per Video aus dem Krankenhaus meldete, ist es um das Trendteil geschehen. Interessanterweise tut dies aber dem Verkaufsschlager keinen Abbruch. Nachbessern sollte man allenfalls mit Warnschildern auf der Hose und Helmempfehlungen – sagen die Zara-Fans aus der Damenwelt. Der Stolperhose aus luftigem Satin soll jedenfalls im Verordnungskatalog der Modeindustrie verbleiben.
Ein Leben ohne Gottes zeitlose Schönheit landet stets in der Modefalle
Wie anders ist da doch die haute couture des Lieben Gottes, der sich in Gerechtigkeit und Liebe hüllt und deswegen den Menschen, die sich Ihm nahen wollen, Mode in jedweder Hinsicht erspart.
Er lässt sich finden, da wo Menschen sich für Ihn in Dienst nehmen lassen und auf ihr „Ich“ weitgehend verzichten. Er ist sichtbar, wo es Schönheit gibt und da, wo es menschengemäße Lebensverhältnisse gibt, wo die Wahrheit regiert und den Menschen reich und schön macht – reicher und schöner als es Kleidungs-, Denk- und Handlungsmoden jemals leisten können.
Denn in aller Regel, das hat die „Fallmode“ von Zara gezeigt, steuert ein Leben ohne Gottes zeitlose Schönheit stets in die Modefalle. In ihr sitzen alle fest, die zu spät gemerkt haben, dass Kleider eben keine Leute machen und dass das „Ich“ dem Menschen solange zur Stolperfalle wird, solange es nicht unter dem Gewand der Heiligkeit verschwindet.
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Kommentare
Ich habe den Sinn des Textes nicht verstanden.
Damit kann ich leben.