Ups, Männer dürfen ja auch wählen
Es fängt mit der Sprache an. Eine „Einladung“ für moderne Männlichkeit betiteln die Grünen ihr neues Männermanifest. Männer bräuchten die Fähigkeit, „Räume zu öffnen, statt sie zu verschließen“. Es gehe darum, „gemeinsam zu wachsen“. Das ist genau der Sozialpädagoginnen-Sound, der die Grünen für viele Männer so unerträglich macht. Es ist aber nur einer der Gründe, warum das Männermanifest der Partei verunglückt ist.
Wohlgemerkt: Das nach außen genannte Anliegen hinter dem Papier ist richtig. 13 Grünen-Politiker, darunter prominente Namen wie die Parteivorsitzende Franziska Brantner oder ihre Vorgängerin Ricarda Lang, wollen ein neues, positives Männerbild schaffen. „Wir haben definiert, was Männer nicht sein sollen: Nicht gewalttätig, nicht dominant, nicht unterdrückend. Alles richtig. Alles wichtig. Aber wir haben vergessen, ein Angebot zu machen, was Männlichkeit stattdessen sein kann“, schreiben sie selbstkritisch.
Allerdings offenbart das dann folgende „Angebot“, wie groß das Dilemma ist, in dem sich die Partei befindet. Die Grünen haben Männer jahrelang verächtlich gemacht. Nun plötzlich umzuschalten und positiv über Männlichkeit zu sprechen, ist ein nahezu unmögliches Unterfangen.
Feminismus schadet Männern
Es darf daher niemanden wundern, dass das Manifest hauptsächlich aus Worthülsen besteht. „Männer übernehmen Verantwortung“, heißt es etwa. „Du darfst stark sein wollen. Du darfst Ambitionen haben.“ Oder: „Moderne Männlichkeit kämpft gegen Systeme, die uns alle einschränken“. Diese Sätze können alles bedeuten. Jeder kann hineinprojizieren, was er will.
Die 13 Grünen-Politiker können gar nicht anders, als sich an nichtssagende Sprechblasen zu klammern. Andernfalls würden sie ihre Wählerinnen und Parteikolleginnen verschrecken – noch mehr als ohnehin schon. Es dauerte laut Spiegel nämlich nur wenige Tage, ehe die Hardcore-Feministinnen in der Partei wie die Bundestagsabgeordneten Lena Gumnior, Ulle Schauws und Kirsten Kappert-Gonther in einer Fraktionssitzung ihren Unmut über das Manifest deutlich machten.
› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge
Ihre feministische DNS verbietet es den Grünen, Politik für Männer zu machen. Die Autoren des Manifests behaupten zwar, der Feminismus sei kein Nullsummenspiel, er käme Männern ebenso zugute wie Frauen, und „es gibt einen Weg, wie wir alle gewinnen“. Aber das ist Unfug. Die Verteilung von Macht ist immer ein Nullsummenspiel. Wenn Vorstände paritätisch besetzt werden sollen, bedeutet das, dass Männer Frauen weichen müssen. Wenn der nächste Bundespräsident eine Frau sein soll, bedeutet das, dass Männer keine Chance haben. Wenn die Bildungsexpansion der Frauen dazu führt, dass inzwischen 69 Prozent der Medizinstudenten weiblich sind, bedeutet das, dass viele junge Männer im Kampf um einen Studienplatz gegen junge Frauen verloren haben.
Das Manifest enthält auch kluge Gedanken
Nicht nur die erbitterten Feministinnen bei den Grünen wissen das, sondern auch die Autoren des Manifests. Ginge es ihnen darum, Männern ein ernsthaftes „Angebot“ zu unterbreiten, würden sie diese ungemütliche Wahrheit aussprechen und zumindest die gravierendsten Auswüchse des Feminismus anprangern. Das, also das Aussprechen unangenehmer Wahrheiten gegen Widerstände, ist übrigens ein wesentliches Merkmal gesunder Männlichkeit.
Dasselbe gilt für die Verteidigung des Eigenen, das im krassen Widerspruch zur ultraliberalen Migrationspolitik der Grünen steht. Ein weiteres Merkmal positiver Männlichkeit besteht darin, Vernunft über Gefühle zu stellen und verantwortungsethisch statt gesinnungsethisch zu handeln. Mit ihrem Moralismus und der Methode, Andersdenkende zu schlechten Menschen herabzuwürdigen, praktizieren die Grünen das Gegenteil.
› Lesen Sie auch: „Männerhass breitet sich wie ein Gift in der Gesellschaft aus“
Dass diese und ähnliche wichtige Punkte fehlen, heißt nicht, dass das Papier gar keine bedenkenswerten und klugen Gedanken enthält. Ein Rollenbild, das „schwule, sensible oder künstlerisch interessierte Männer“ als unmännlich abqualifiziert, sollte tatsächlich der Vergangenheit angehören. „Du kannst Muskeln aufbauen oder Poetry Slams schreiben, und sogar beides“ – auch damit haben die 13 Grünen-Politiker recht. Dass sich Väter Zeit für ihre Kinder nehmen und „Tränen trocknen“, also mit den Kindern über Gefühle sprechen sollten, gehört ebenfalls zu den Dingen, die man gerne einmal zu viel wiederholen darf.
Reine Wahltaktik
Unterm Strich ist das Männermanifest der Grünen trotzdem ein stümperhaftes Manöver. Es ist schlicht zu durchschaubar. Ähnlich wie die Demokraten in den USA sucht die Partei nach einem Weg, männliche Wähler zu gewinnen, besonders junge männliche Wähler.
Denn die stimmten bei der vergangenen Bundestagswahl mit Abstand am häufigsten für die AfD: 27 Prozent der 18- bis 24-jährigen Männer machten ihr Kreuz bei der Weidel-Chrupalla-Partei. Für die Grünen stimmten nur zehn Prozent der Männer in dieser Altersgruppe. Bei der Bundestagswahl 2021 hatte der Wert noch bei etwa 20 Prozent gelegen.
› Lesen Sie auch: Warum wir eine Emanzipationsbewegung für Männer brauchen
Es ist beileibe nicht verwerflich, neue Wählerschichten erschließen zu wollen und dafür passende Strategien zu ersinnen. Doch dafür braucht es mehr Substanz – und ein ehrliches Interesse daran, sich wirklich für die Belange von Männern einzusetzen.
Den 13 Autoren dieses ehrliche Interesse pauschal abzusprechen, wäre unfair. Allerdings macht eine andere prominente Grüne keinen Hehl daraus, dass es sich beim positiven Männerbild um reine Wahltaktik handelt. Jette Nietzard, die schillernde ehemalige Grüne-Jugend-Chefin, die schon mehrfach mit männerfeindlichen Aussagen auffiel, sagte im Spiegel, sie halte wenig von dem neuen grünen Projekt, Männlichkeit neu zu definieren.
Gleichzeitig finde sie es aber gut, dass ihre Partei nun versuche, junge Männer etwa mit Videos aus dem Fitnessstudio zu erreichen. „Man muss in diese Szene reinreichen, auch mit populistischen Mitteln“. Mit anderen Worten: Nur die Verpackung soll sich ändern. Der Inhalt bleibt der gleiche.
› Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?
Kommentare
Der Kampf für die Frauen ist nicht immer der Kampf für die Schwächeren. Das hat der Feminismus ausgeblendet.