Aggressiver Feminismus – und sein männliches Spiegelbild
Wenn der amerikanische Aktivist und Influencer Nick Fuentes vor laufender Kamera sagt: „Frauen sind schwer zu ertragen“, und im gleichen Atemzug erklärt, warum er in keiner Beziehung lebt, legt er unfreiwillig den Kern seiner öffentlichen Figur offen. Es ist die Haltung einer ständig verletzten Subkultur, die gerne austeilt, aber kaum einstecken kann. Seine Selbstbeschreibung als „Incel“, unfreiwillig keusch, könnte kaum besser zutreffen.
Seinen Erfolg kann man mit einer Mischung aus Selbstmitleid und Aggression erklären. Fuentes spricht jene an, die sich übersehen fühlen, und bietet ihnen ein einfaches Feindbild: Schuld sind they, die anderen. Frauen, Juden und Schwarze kommen in seinen Tiraden schlecht weg. Wiederholt betont er, dass das System manipuliert sei oder dass man ihn canceln wolle. Überall lauert die Verschwörung.
Man erinnert sich unweigerlich an radikale Formen des Feminismus, die mit Sätzen wie „Männer sind das Problem“ operieren: Auch hier wird pauschalisiert und Empörungsökonomie betrieben. Nur dass Männer die Empörten sind – die Mechanik bleibt aber dieselbe.
Ein ausgelebtes Feindbild
Am Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni 2023 durften Männer zwar teilnehmen, wurden aber dazu aufgefordert, sich eher im Hintergrund zu halten oder Frauen und FLINTAQ-Personen, das heißt Frauen, Lesben, „intergeschlechtlichen Personen“, „nicht-binären Personen“, „Transmenschen“, Menschen mit einer „Agenderidentität“ und „queeren“ Personen, den Vortritt zu lassen. Als ich mich in den sozialen Medien dagegen äußerte, im Sinne von Frauen und Männer funktionieren am besten im Team, wurde ich der Förderung des Patriarchats bezichtigt und von einer Bekannten in ihrem Instagram-Profil blockiert.
Das enge Weltbild sowie das ausgelebte Feindbild gegenüber dem anderen Geschlecht lassen sich hier sehr gut mit Fuentes’ Einstellung vergleichen.
Auffällig ist auch die geistliche Leere, die solche Figuren füllen. Viele junge Männer suchen heute nach Orientierung, nach Sinn, nach Autoritäten. Fuentes selbst inszeniert sich dabei als Erlöserfigur und spricht von einer „verlorenen männlichen Generation“. Was früher vielleicht im Gespräch mit einem Priester oder Pfarrer bearbeitet worden wäre, wird nun auf digitalen Bühnen ausgetragen – zugespitzt, monetarisiert, radikalisiert. Die Krise wird nicht gelöst, sondern verwertet. Junge Männer werden für die eigene Inszenierung ausgenutzt.
Eine permanente Opferrolle macht blind für Selbstreflexion
Tiefenpsychologisch ist das konsequent. Wer sich ständig als Opfer beschreibt, trägt keine Verantwortung und gewinnt zugleich Gefolgschaft. „Sie hassen uns, weil wir die Wahrheit erzählen.“ Solche Sätze machen blind für Selbstreflexion.
› Lesen Sie auch: Nick Fuentes und das Ende der USA, wie wir sie kennen
Es ist traurig zuzusehen, wie Fuentes seine ungelösten Konflikte öffentlich ausstellt und daraus politische Energie zieht. Unsere Gesellschaft ist an einem Punkt angekommen, wo das Wohl eines solchen Darstellers zweitrangig ist. Das kollektive Vergnügen und die monetäre Kraft für digitale Plattformen sind wichtiger. Weder ein Netz von Familie noch enge Freunde scheinen eine gesunde Barriere zu erzeugen, um die Viralität von absurden Statements zu verhindern.
Es wäre empfehlenswert, weniger auf seine Provokationen zu starren als auf das Vakuum, das sie füllen. Im Prinzip hindert ihn jeder Fan am Erwachsenwerden. Gott oder das Leben hat jedoch immer einen Streich parat, damit man wieder zur Besinnung kommt.
Gegen den Empörungsmodus vorgehen
Noch entscheidender als die Analyse solcher Figuren ist die Frage, was Männer tun können, die sich von dieser Rhetorik angezogen fühlen. Der erste Schritt ist banal und zugleich schwer: den Opferstatus zu verlassen. Wer sich permanent sagt, „die Welt ist gegen mich“, delegiert sein Leben an Feindbilder. Reife beginnt dort, wo Verantwortung übernommen wird: Was ist mir tatsächlich widerfahren und was kann ich ändern?
Zweitens braucht es reale Beziehungen statt digitaler Echokammern. Gespräche mit Freunden, Pfarrern, Seelsorgern oder Therapeuten mögen weniger spektakulär sein als virale Clips, aber sie zwingen zum Nachdenken. Gerade religiöse Traditionen sind hier eine große Hilfe: Umkehr, Beichte, innere Arbeit. Nicht als Selbsterniedrigung, sondern als Befreiung aus der Dauerschleife des Zorns.
› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge
Drittens hilft Distanz zu solchen Influencern. Wer täglich Inhalte konsumiert, die bestätigen, dass „Frauen“, „Eliten“ oder „das System“ schuld seien, trainiert sich emotional auf Dauererregung. Das Gehirn wird süchtig nach Empörung und braucht immer wieder einen neuen Schub. Bewusste Pausen, Freizeitaktivitäten, vielfältige Quellen und Gespräche außerhalb ideologischer Milieus wirken unspektakulär, können aber in akuten Fällen Wunder bewirken.
Verantwortung für das eigene Leben übernehmen
Dass diese Mechanik kein stabiles Fundament bietet, zeigt Fuentes’ eigene Entwicklung im Frühjahr 2026 eindrücklich. Nachdem der US-Präsident Donald Trump die Epstein-Akten nicht vollständig freigab und die USA in einen Krieg mit dem Iran zogen, brach Fuentes öffentlich mit seinem einstigen Idol. Er rief seine Anhänger auf, bei den Zwischenwahlen die Demokraten zu wählen: die Partei, gegen die er jahrelang gehetzt hatte. Im April 2026, nach einem US-Waffenstillstand mit dem Iran, erklärte er lapidar: „Wir haben verloren. Eindeutig. Es gibt nichts zu deuten.“ Die Empörungsmaschine braucht stets ein neues Feindbild, sonst läuft sie leer.
Eine differenzierte Betrachtung der hohen Komplexität dieses Konflikts braucht man bei ihm gar nicht zu suchen. Wer sein Selbstbild an solchen Figuren ausrichtet, übernimmt unweigerlich deren Instabilität.
Der nächste Schritt beginnt nicht im nächsten Video, sondern auf einem Blatt Papier. Konkret könnten das folgende Ziele sein: offline eine echte Freundschaft zu pflegen – ohne Likes und Kommentare. Eine neue Fähigkeit zu erlernen oder ein Hobby zu vertiefen, das Geduld erfordert und keine Bühne braucht. Einen Mentor oder Gesprächspartner suchen, der nicht selbst von Followern abhängig ist.
Und sich regelmäßig, etwa einmal pro Woche, ehrlich zu fragen: Was habe ich heute selbst beeinflusst, und was habe ich anderen überlassen? Solche Schritte klingen unspektakulär. Aber sie bauen etwas auf, das kein Influencer wegnehmen kann: ein Leben, das einem selbst gehört.
› Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?
Kommentare