Imagine all the people
Es gibt Wörter, die eine Kultur nicht deshalb verliert, weil sie alt geworden sind, sondern weil sie etwas bezeichnen, das sie nicht mehr sehen will. „Buße“ ist ein solches Wort.
Der moderne Mensch hält sich durchaus für fehlbar. Er weiß, dass er sich irren kann, dass Entscheidungen misslingen und Urteile sich als falsch erweisen. Doch zwischen einem Irrtum und einer Sünde liegt ein tiefer Unterschied. Ein Irrtum betrifft den Verstand. Die Sünde betrifft den Menschen selbst. Sie beschreibt die Entfremdung von Gott, die Unordnung des Herzens und jene Neigung, sich selbst zum Maßstab aller Dinge zu machen.
Gerade deshalb erscheint vielen Menschen heute die Taufe eines Säuglings unverständlich. Was sollte ein Neugeborenes getan haben, das der Vergebung bedürfte? Die Frage verrät bereits, wie fremd uns die christliche Sicht des Menschen geworden ist. Die Kirche hat nie gelehrt, ein Kind trage persönliche Schuld. Sie lehrt vielmehr, dass kein Mensch sich selbst genügt; jeder wird in eine Welt hineingeboren, die der Erlösung bedarf. Nicht nur die Welt da draußen. Auch wir selbst.
Wo niemand mehr Sünder ist, gibt es nichts, wovon man umkehren müsste
Mit dem Verlust des Sündenbewusstseins verschwindet zwangsläufig auch die Buße. Denn wo niemand mehr Sünder ist, gibt es nichts, wovon man umkehren müsste. Schuld wird dann zu einem Begriff, der ausschließlich den anderen betrifft: den politischen Gegner, die frühere Generation, das Wirtschaftssystem oder die gesellschaftlichen Verhältnisse. Der Blick richtet sich nach außen. Das eigene Herz bleibt merkwürdig unbeachtet.
Christus beginnt seine öffentliche Verkündigung mit einem Ruf, der heute fast verstummt ist: dem Ruf zur Umkehr. Das griechische Wort metanoia meint weit mehr als Reue. Es beschreibt die Erneuerung des Denkens, die Verwandlung des ganzen Menschen und seine Rückkehr in die Gemeinschaft mit Gott – nicht Selbstverachtung, sondern Wahrhaftigkeit, nicht Resignation, sondern Heimkehr.
Diese Sprache ist unserer Zeit fremd geworden. Wir sprechen unaufhörlich von Reformen, Transformationen und gesellschaftlichem Wandel. Fast jede Krise soll durch neue Gesetze, neue Programme oder neue Institutionen gelöst werden. Das ist verständlich, denn Politik muss handeln. Doch je mehr wir über die Veränderung der Welt sprechen, desto seltener stellen wir die Frage, ob nicht zuerst der Mensch selbst der Veränderung bedarf.
Von der auch politischen Bedeutung der Buße
Carl Gustav Jung bemerkte, dass der Blick nach innen der Anfang des Erwachens sei. Søren Kierkegaard sah die Verzweiflung des Menschen darin, nicht er selbst vor Gott sein zu wollen. Und Alexander Solschenizyn schrieb nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts den vielleicht wichtigsten Satz politischer Philosophie: Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft nicht zwischen Staaten, Klassen oder Parteien, sondern mitten durch das Herz jedes Menschen.
Genau hier beginnt die politische Bedeutung der Buße.
Dieser Ruf richtet sich allerdings nicht nur an eine säkulare Gesellschaft. Er richtet sich zuerst an die Christen selbst. Wer die kirchlichen Debatten unserer Zeit verfolgt, begegnet häufig demselben Geist, der auch den politischen Raum prägt: Man analysiert, kommentiert, kritisiert, verteidigt Positionen und weist die Irrtümer der anderen nach.
Das alles mag notwendig sein. Doch wo sind die Tränen der Buße? Wo ist die Erschütterung über die eigene Sünde? Die geistlichen Väter der Kirche betrachteten die Tränen der Reue als eine Gabe Gottes. Sie wussten, dass der Mensch Gott erst wirklich begegnet, wenn er aufhört, sich selbst zu rechtfertigen. Die geistlichen Väter wussten: Nicht der Stolz, Recht zu haben, führt zur Heiligkeit, sondern die Demut, sich von Gott richten zu lassen und der Wahrheit über sich selbst standzuhalten.
Kein Parlament beschließt Liebe, Treue oder Barmherzigkeit
Jede Gesellschaft lebt letztlich von den Menschen, aus denen sie besteht. Verfassungen können Macht begrenzen. Gesetze können Ordnung schaffen. Institutionen können Missbrauch erschweren. Aber keine Verfassung kann Demut hervorbringen. Kein Gesetz erzeugt Wahrhaftigkeit. Kein Parlament beschließt Liebe, Treue oder Barmherzigkeit. Die Grundlagen einer freien Gesellschaft entstehen, lange bevor Politik beginnt.
Deutschland erlebt gegenwärtig nicht einfach eine Reihe einzelner Probleme, sondern eine Krise, die immer mehr Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfasst. Die wirtschaftliche Substanz schwindet, Insolvenzen erreichen Höchststände, Unternehmen verlagern Investitionen ins Ausland oder geben auf. Viele Menschen blicken mit Sorge auf ihre finanzielle Zukunft. Das Bildungswesen verliert seit Jahrzehnten an Qualität, die Infrastruktur verfällt vielerorts, die Migrationspolitik spaltet das Land, und das Sicherheitsgefühl vieler Bürger hat sichtbar gelitten. Hinzu kommt ein wachsendes Misstrauen gegenüber politischen Institutionen, gegenüber den Medien und – aus Sicht nicht weniger Menschen – auch die Sorge, dass Meinungsfreiheit und rechtsstaatliche Grundsätze an Selbstverständlichkeit verlieren.
Doch die Krise zeigt sich nicht nur in Statistiken oder politischen Debatten. Sie zeigt sich auch in leeren Schaufenstern unserer Innenstädte, in verwildernden Weinbergen und auf Streuobstwiesen, deren Früchte ungenutzt zu Boden fallen. Es sind stille Bilder eines Landes, das an manchen Stellen beginnt, den Faden zu seinem eigenen kulturellen Erbe zu verlieren. Kulturen verschwinden selten mit einem Knall. Meist sterben sie leise.
Kaum jemand fragt, ob wir geistlich in eine Krise geraten sind
Über all dies wird leidenschaftlich gestritten. Die einen sehen die Ursachen hier, die anderen dort. Doch kaum jemand stellt die Frage, ob eine Gesellschaft nicht nur politisch, wirtschaftlich und kulturell, sondern auch geistlich in eine Krise geraten kann.
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Der Westen hat gelernt, fast jedes Problem als ein organisatorisches oder politisches Problem zu betrachten. Wir vertrauen auf Technik, Verwaltung, Gesetze, Experten und Reformen. Immer neue Instrumente sollen lösen, was uns bedrängt. Doch der christliche Glaube richtet den Blick auf eine andere Ebene. Die Politik fragt: Was müssen wir verändern? Das Christentum fragt zuerst: Was muss sich im Menschen verändern? Der Westen sucht die Erneuerung der Gesellschaft vor allem durch Reformen. Das Christentum beginnt mit der Umkehr des Menschen. Sie beginnt dort, wo der Mensch erkennt, dass die tiefste Unordnung der Welt ihren Ursprung nicht zuerst in den Institutionen hat, sondern im menschlichen Herzen.
Gottes Barmherzigkeit sucht den Einzelnen wie ganze Völker und antwortet auf Umkehr
Die Bibel denkt in dieser Frage anders als der moderne Mensch. Sie ruft nicht nur einzelne Menschen zur Umkehr, sondern immer wieder ganze Völker. Die Propheten sprechen nicht allein Könige oder Priester an, sondern ganze Nationen. Immer wieder steht ein Volk vor der Entscheidung, ob es seinen eigenen Weg weitergehen oder zu Gott zurückkehren will.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies im Buch Jona. Ninive, eine mächtige und gewalttätige Stadt, hört den Ruf zur Umkehr. Vom König bis zum einfachsten Bürger fastet das Volk, legt Bußgewänder an und demütigt sich vor Gott. Darauf heißt es: „Als Gott ihr Tun sah, dass sie umkehrten von ihrem bösen Weg, reute ihn das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er tat es nicht“ (Jona 3,10).
Die Botschaft dieser Erzählung ist zeitlos. Gott ist nicht gleichgültig gegenüber dem geistlichen Zustand eines Volkes. Seine Barmherzigkeit sucht den Menschen – und sie antwortet auf echte Umkehr.
Imagine all the people, die Buße tun
Man stelle sich für einen Augenblick vor, ein solcher Geist würde heute das ganze Land erfassen. Nicht als politische Kampagne, nicht als religiöse Massenbewegung, sondern als eine stille, tiefe Erkenntnis, dass wir Gott nicht deshalb verloren haben, weil er sich von uns entfernt hätte, sondern weil wir aufgehört haben, nach ihm zu fragen.
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Was würde geschehen, wenn Millionen Menschen wieder lernten, Buße zu tun? Wenn Kirchen nicht deshalb voller würden, weil Religion wieder modern geworden ist, sondern weil Menschen ihre eigene Bedürftigkeit vor Gott erkennen? Wenn das Bekenntnis der eigenen Schuld wichtiger würde als die Anklage gegen den politischen Gegner? Wenn Tränen der Reue wieder mehr Gewicht hätten als moralische Selbstgewissheit?
Niemand weiß, welche Folgen eine solche Umkehr für die Geschichte eines Volkes hätte. Das Christentum kennt keine Formel, nach der auf Buße automatisch Wohlstand, politische Stabilität oder gesellschaftlicher Erfolg folgen müssten. Gott lässt sich nicht in menschliche Berechnungen einpassen.
Die Verheißung der Umkehr: Gottes Gegenwart
Und doch verbindet sich mit der Umkehr eine Verheißung. Nicht die Verheißung eines bequemen Lebens, sondern die Verheißung seiner Gegenwart. Die Geschichte Israels erzählt nicht von einem Volk, das vor jeder Krise bewahrt wurde. Sie erzählt von einem Gott, der sein Volk durch Exil, Wüste und Niederlagen hindurchgeführt hat. Gerade darin liegt die Hoffnung des Glaubens: Gott nimmt dem Menschen nicht jede Dunkelheit. Aber er lässt ihn in der Dunkelheit nicht allein.
Vielleicht besteht unsere eigentliche Armut deshalb nicht zuerst in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, politischen Konflikten oder gesellschaftlichen Spannungen. Vielleicht besteht sie darin, dass wir vergessen haben, wohin wir uns in der Not wenden sollen. Wir haben gelernt, für beinahe jedes Problem eine politische Forderung zu formulieren. Verlernt haben wir, auf die Knie zu gehen.
Dabei beginnt jede Erneuerung mit einem einzigen Menschen, der den Mut findet, nicht länger nur die Fehler der Welt zu beklagen, sondern die Wahrheit über sich selbst anzunehmen. Aus einem solchen Menschen kann eine Familie verändert werden. Aus Familien entstehen Gemeinschaften. Und Gemeinschaften prägen ganze Völker.
Wo die Erneuerung einer Nation beginnt
Der eigentliche Gegensatz unserer Zeit verläuft deshalb nicht zwischen rechts und links, konservativ und progressiv. Er verläuft zwischen Stolz und Demut. Der Stolze sucht die Ursache des Übels fast immer außerhalb seiner selbst. Der Demütige beginnt bei seinem eigenen Herzen. Darum beginnt jede christliche Erneuerung mit der Buße.
Wir fragen, welche Partei unser Land erneuern kann. Wir streiten über Steuern, Migration, Energie, Krieg, Sicherheit und Wirtschaft. All das ist notwendig. Doch die tiefste Frage stellen wir kaum noch: Was, wenn die eigentliche Krise unseres Landes geistlicher Natur ist?
Das Christentum gibt darauf eine ebenso einfache wie unbequeme Antwort. Die Erneuerung einer Nation beginnt nicht im Parlament, nicht in Ministerien und nicht in den Schaltzentralen der Macht. Sie beginnt dort, wo Menschen die Wahrheit über sich selbst erkennen, ihre Knie beugen und Gott wieder suchen.
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