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Interview mit Anthropologe Martin Fieder

„Die Gesellschaft wird mit jeder Generation konservativer werden“

Ein Demograf untersucht die Entwicklung und Zusammensetzung von menschlichen Bevölkerungen. Demografie ist die Wissenschaft der Populationen. Geburtenverhalten, Alterung, Bevölkerungszusammensetzung, man kennt es. Und dann gibt es die evolutionäre Demografie. Sie betrachtet viele demografische Felder durch die Brille der Evolutionstheorie. In die stark sozialwissenschaftlich geprägte Forschung kommen naturwissenschaftliche Modelle. Warum kommt eine Frau X ausgerechnet mit Mann Y zusammen und nicht mit Mann Z? Welche Rolle spielt Intelligenz, Geld, sozialer Status? Warum bekommt jemand wie viele Kinder? Wer bleibt alleinstehend zurück?

Das alles sind Fragen, mit denen sich Martin Fieder beschäftigt. Der Biologe und Anthropologe ist Assoziierter Professor für evolutionäre Demografie am Department für evolutionäre Anthropologie der Universität Wien. Vor kurzem veröffentlichte er zusammen mit Susanne Huber eine Studie in einer Fachzeitschrift, laut der der jüngste Rückgang der Geburtenziffern in den USA unter das Bestandserhaltungsniveau auf das politisch linke und ethnisch weiße Milieu zurückgeht. Fertilität korreliere mit der politischen Orientierung und der Religiosität. Was im deutschsprachigen Raum kaum beachtet wird, stieß im angelsächsischen Raum auf reges Interesse.

Corrigenda verabredete sich kurzerhand zum Videointerview. In dem Gespräch schildert der Wissenschaftler auch seine Erkenntnisse über das Partnerwahlverhalten, politische Optionen im Kampf gegen den Kindermangel und er macht eine für Konservative und Christen erfreuliche Vorhersage: Die kommenden Generationen werden konservativer und religiöser sein.

Herr Prof. Fieder, Sie lehren unter anderem evolutionäre Demografie. Was ist das?

Evolutionäre Demografie unterscheidet sich von der normalen Demografie dadurch, dass wir sehr viele Bereiche aus der Perspektive der Evolutionstheorie betrachten, etwa wie viele Kinder jemand bekommt, warum jemand Kinder bekommt, die Partnerwahl, all diese Sachen. Das Wissenschaftsfeld leitet sich interessanterweise von der Tierforschung ab. Wir versuchen, in die stark sozialwissenschaftlich dominierten Bereiche mit naturwissenschaftlichen Fragestellungen und Modellen reinzugehen.

Machen Sie bitte ein konkretes Beispiel, welche Fragestellung ist typisch für die evolutionäre Demografie? 

Warum die Partnerwahl von Frauen so stark anhand des sozialen Status stattfindet. Wir wissen, dass Frauen auch in modernen Gesellschaften Männer ganz stark nach Status wählen. Wenn Sie als Mann wenig Einkommen, wenig Eigentum, wenig Bildung haben, haben Sie eine hohe Wahrscheinlichkeit, alleinstehend zu bleiben. Das Muster kennen wir bereits von Naturvölkern.

Warum ist das so?

Weil es früher für eine Frau ein enormes Risiko war, eine Familie zu gründen. Sie musste sich auf den Mann verlassen können, denn wenn ein Mann nicht mehr im Stande war, für sie zu sorgen, konnte das tödliche Folgen haben. Frauen haben zwar gesammelt und Kleintiere gejagt, Männer aber haben Großtiere gejagt, das war relevant für eine ausreichende Protein- und Kalorienzufuhr. Deshalb war es unter vielen Naturvölkern auch so, dass sie erst ab einem höheren sozialen Status heiraten und Kinder bekommen konnten.

Das heißt, es gibt gewisse Konstanten in der Geschichte, die bis heute gelten? 

Absolut, zu 100 Prozent. Wir sehen in modernen Gesellschaften, dass vor allem jüngere Männer übrigbleiben mit niedrigem Status, mit niedrigem Einkommen. Frauen kommen lieber mit einem Mann zusammen, der schon eine Beziehung hinter sich hat, der vielleicht schon Kinder hat, als dass sie nach unten heiraten.

Verändert sich das Verhalten, wenn Frauen jetzt wirtschaftlich und sozial aufschließen? 

Nein, das führt vor allem dazu, dass es weniger Kinder gibt. Schauen Sie, es gibt zwei Probleme: Männern mit wenig Einkommen, wenig Bildung, die finden keine Partnerin, und auch gut verdienende und hochgebildete Frauen finden keinen Partner. Das Partnerverhalten bleibt mehr oder weniger gleich. Es gibt eine Tendenz, vielleicht sich ein bisschen zu adaptieren, aber im Großen und Ganzen ist der soziale Status nach wie vor extrem wichtig.

Soziologen sagen oft, dass das Umfeld prägt. Wenn sich das Umfeld jetzt verändert, heute auch eine Frau Bundeskanzlerin und Vorstand eines Konzerns werden kann, dann könnten sich die Partnerwahlmechanismen ja ändern. 

Es wird natürlich viel beeinflusst durch die Umwelt, aber es ist einfach so, dass die Partnerwahlkriterien vom Prinzip her gleichbleiben. Wir sind in dieser Entscheidung nicht so frei, weil die Entscheidung oft aufgrund sehr alter, angeborener Mechanismen erfolgt.

Kinder sind auf der linken Seite schlicht „nicht mehr passiert“

Wir befinden uns jetzt auf dem Feld der Evolutionsbiologie, richtig?

Ja, diese Mechanismen sind tatsächlich evolutionsbiologisch. Unsere sozialen Phänomene sind oft stärker evolutionsbiologisch bedingt, als wir glauben.

Vor Kurzem haben Sie und Ihre Kollegin Susanne Huber eine neue Studie publiziert. Darin haben Sie herausgearbeitet, dass der demografische Niedergang der USA unter das Bestandserhaltungsniveau seit 2007 quasi allein auf das politisch linke und ethnisch weiße Milieu zurückgeht. Kann man das so sagen?

Ja, das kann man so sagen. Das ist der Haupteffekt, der nicht alles erklärt, aber den Großteil des demografischen Rückgangs in den Vereinigten Staaten geht darauf zurück. Das heißt, wir haben wirklich deutlich weniger Kinder bei linken weißen Frauen.

Sie untersuchten 16 Fünfjahreskohorten. Die Divergenz zwischen den linken und rechten politischen Gruppen begann ab der Kohorte 1943 bis 1947. Haben Sie eine Erklärung dafür, was diese Entwicklung ausgelöst hat? 

Diese Kohorte ist in den sechziger Jahren ins reproduktive Alter gekommen und dann setzten die ersten modernen Verhütungsmittel ein. Das ist unsere Haupterklärung. Mit ersten modernen Verhütungsmitteln konnten sie perfekt verhüten. Kinder sind auf der politisch linken Seite „nicht mehr passiert“.

Endgültige Kinderzahl nach Kohorten und politischer Ausrichtung in den USA

Weil Linke sowieso weniger Kinder wollten und nun haben sie auch die technischen Möglichkeiten gehabt, ihre Fertilität zu kontrollieren? 

Sie wollten vor allem öfters später Kinder haben. Ab den 1960ern konnte man das erste Kind effektiv hinauszögern. So weit, bis dann eben gar kein Kind mehr kommt oder maximal ein oder zwei Kinder. Das politisch linke Milieu wollte also schon vor der Kohorte 1943-47 später Kinder, aber bis dahin stellte sich eben eine Schwangerschaft ein und die Kinder kamen, sind eben passiert, wie es umgangssprachlich oft hieß.

Ja, Kinder sind passiert. Das sind auch geliebte, sehr zufriedene Kinder. Es ist nicht so, dass politisch Linke ihre Kinder nicht lieben. Ganz im Gegenteil. Diese lieben die Kinder genauso wie Konservative. Da gibt es genug Daten, die das belegen. Aber durch das Hinauszögern kommt es bei Menschen links der Mitte auch öfter zu ungewollter Kinderlosigkeit; das zeigt, dass politische und gesellschaftliche Einstellungen auch für die Fertilität extrem wichtig sind.

Was meinen Sie damit?

Wenn sie moralisch, gesellschaftlich auf der linken Seite sind, dann ist zum Beispiel Sexualität sehr wichtig, Sexualität ist ein wesentlicher Teil der Identität für viele Menschen links der Mitte.  Aber man kann heute perfekt kontrollieren, ob daraus ein Kind folgt oder nicht. Und meistens haben sie dann eben weniger Kinder.

„Seit 1968 hat die Linksliberalität sehr stark dominiert – und Konservative sind mitgezogen“

Konservative Bevölkerungsgruppen in den USA haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in einigen gesellschaftspolitischen Fragen deutlich liberalisiert. Könnte diese kulturelle Liberalisierung erklären, weshalb die Kinderzahl auch innerhalb konservativer Bevölkerungsgruppen zurückgegangen ist, wenn auch weniger stark als innerhalb linker Bevölkerungsgruppen?

Natürlich haben sich auch die Konservativen verändert. Seit 1968 hat die Linksliberalität sehr stark dominiert, vor allem in den westlichen Ländern. Und natürlich sind da auch die Konservativen mitgezogen, was ihnen nicht immer gut getan hat, wenn man sich die Stimmverluste ansieht. Das heißt, die Konservativen Parteien müssen keine Rechtspopulisten werden, aber sie sollten bei gewissen Themenfeldern konsequent konservativ bleiben. 

Ihre Studie kam zu dem klaren Ergebnis, dass der Kindermangel bei weißen amerikanischen Linken deutlich stärker ist als bei schwarzen. Woran liegt das?

Das können wir leider nicht genau sagen. Es gibt die Theorie, dass die politische Wahrnehmung bei Afro-Americans klassischer geblieben ist. Dass neue Entwicklungen weniger verhaftet sind. Das afroamerikanische Milieu hat bestimmte Themen nicht diskutiert, oder nicht so sehr wie das weiße. Wenn man sich die Schwarzen als Ganzes ansieht, dann sind die traditionell sozialdemokratisch, klassisch links. Sie sind für Umverteilung, soziale Gerechtigkeit usw., aber diese ganzen neulinken Themen haben sie nicht mitgemacht.

Schwarze Linke sind also tendenziell weniger radikal links?

Weniger neulinks, weniger linksliberal. Sie hängen klassischen linken Werten an, wozu sicher auch die Familie gehört. Im Gegensatz zu den extrem individualistischen Werten wie absolute Selbstverwirklichung oder Karriere machen um jeden Preis.

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Woran liegt das?

Durch die soziale Benachteiligung, die nach wie vor massiv ist. Es gibt keine Gruppe, die sozial so benachteiligt ist wie die Black Americans. Die Männer wählten deshalb auch zuletzt Trump. Weil er den benachteiligten Amerikanern viel versprochen hat. Wertemäßig sind das Positionen, wie sie vor 30, 40 Jahren zum Beispiel die SPD vertreten hat.

Und weil Schwarze weniger individualistisch und linksliberal sind, kriegen sie immer noch mehr Kinder. 

Genau, sie haben auch einen höheren Kinderwunsch.

„In der nächsten Generation um 10 bis 15 Prozent mehr Rechtskonservative geben, in der Enkelgeneration wiederum 25 bis 30 Prozent mehr“

Seit 80 Jahren, also seit fast vier Generationen, besteht nun Ihren Daten zufolge diese Divergenz bei der Fertilität zwischen den politischen Lagern. Aber immer noch gehen die Wahlen in den USA sehr knapp aus. Man würde ja annehmen, nach 80 Jahren Geburtenvorteil bei Konservativen hätten die das Ruder längst an sich reißen müssen. Es müsste heute viel mehr konservative Wähler geben.

Das gibt es auch. Ich würde nicht von einem Zeitraum von 80, sondern von 60 Jahren sprechen, weil die Geburtenjahrgänge in den 1960ern schlagend waren. Man darf nicht vergessen: Die Demokraten haben vor allem früher auch ganz klassisch ein Milieu angesprochen, das einfach klassisch sozial linksorientiert war. Die waren nicht immer so linkswoke. Ich bin mir auch sicher, wenn jemand von den Demokraten kommen und sagen würde „Ich bin für mehr Sozialstaat, für mehr Umverteilung, für mehr soziale Gerechtigkeit, aber gegen Wokeness und gegen überbordende Migration, also für klassisch linke Werte“, dann könnte der Wahlen gewinnen.

Das heißt, aus Ihren Forschungsergebnissen kann man keine politischen Wahlergebnisse ableiten?

Man kann sie nicht ableiten, aber man kann Tendenzen ableiten. Das rechtskonservative Milieu wird stärker werden, das kann man definitiv ableiten. Vor allem, was die gesellschaftspolitischen Fragen anbelangt. Das heißt aber nicht, dass diese mehr werdenden konservativen Wähler sich ausschließlich von konservativen Parteien repräsentiert sehen oder sein müssen. Schauen Sie nach Schweden oder Dänemark, wo die Sozialdemokraten wieder einen klassischen Weg einschlagen, weg von Wokeness und überbordender Migration. In der Politik hängt auch immer viel von einzelnen Personen ab. Wenn ein klassischer Sozialdemokrat kommt, der charismatisch ist, dann kann der auch in Zukunft Wahlen gewinnen.

Ein Typ wie Helmut Schmidt?

Ja, selbstverständlich würde der heute und vor allem in Zukunft gut ankommen.

Das heißt, wenn Sie als Wissenschaftler Politikberater spielen müssten, dann würden Sie der SPÖ oder der SPD raten, wieder mehr wie die Schmidt-SPD zu sein? 

Ganz genau so. Das sage ich auch, aber von der Richtung werde ich weniger gehört. 

Gibt es diese Tendenz, dass die Gesellschaft in Zukunft konservativer wird, auch in Europa?

Absolut. Aber für Europa haben wir keine so guten Daten. Wenn wir von einer Basisgeneration ausgehen, dann wird es in der nächsten Generation um 10 bis 15 Prozent mehr Rechtskonservative geben, in der Enkelgeneration wiederum 25 bis 30 Prozent mehr. Das variiert natürlich etwas von Land zu Land, aber die Tendenz ist die gleiche wie in den USA.

Wenn jemand zum Beispiel christlich-konservativ ist, dann kann er mit einer gewissen Zuversicht in die Zukunft blicken?

Ja, definitiv. Auch Religion wird stärker werden. Religiöse Menschen haben mehr Kinder und einen größeren Kinderwunsch. Über alle Gruppen und Länder hinweg haben religiöse Menschen einen größeren Kinderwunsch. Den stärksten Effekt haben Sie bei politisch konservativen und religiösen Menschen, wobei die politische Einstellung gemäß unserer Daten wichtiger ist als die religiöse.

„Man müsste schauen, dass die Menschen während des Studiums Kinder kriegen“

Bei der Bildung deuten Ihre Ergebnisse aber auch eine klar negative Korrelation hin. Woran liegt das?

Der stärkste Effekt ist das Postponing, also das Verschieben des Kinderkriegens. Wenn man studiert, hat man weniger Zeit für Kinder. Das ist ganz simpel. Es gibt übrigens eine ganz kleine genetische Korrelation, dass also die gleichen Gene, die Sie eher gebildeter machen, Ihr Interesse an Nachwuchs verkleinern. Das ist aber ein ganz kleiner Effekt, der maximal zwei bis drei Prozent des Kinderwunsches ausmacht. Menschen, die eine Universität besuchen, die bringen also später Kinder zur Welt oder sie kriegen gar keine.

Was könnte man dagegen tun? Die Studienplätze radikal verringern?

Man müsste schauen, dass die Menschen während des Studiums Kinder kriegen können. Wir bräuchten eine Umverteilung von Alt zu Jung, sodass Studenten eben zwei, drei, vier Jahre länger studieren, in dieser Zeit Kinder bekommen. Wenn sie dann in ihren Dreißigern sind, sind sie aus der Rush Hour ihres Lebens heraus, die Kinder sind im Kindergarten oder in der Schule und sie können arbeiten. Mit einem oder mehreren Kleinkindern kann es aber auch Mitte dreißig schwierig werden. 

Zur Person Martin Fieder

Martin Fieder, 1964 geboren, römisch-katholisch, verheiratet, ein Kind, lebt am Stadtrand von Wien. Studium der Biologie und Informatik. Für mehrere Jahre im Rektorat der Universität Wien im Rahmen von Unireformen tätig. Seit 2017 assoziierter Professor für evolutionäre Demografie am Departement für evolutionäre Anthropologie der Universität Wien. Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, zur Partnerwahl, sozialer Status, Religion, Verhaltensgenetik und zu politischer Orientierung und Fertilität.

Daran ändert übrigens auch die Kinderbetreuung nichts. Wir haben europäische Daten, wonach der weitere Ausbau der Kinderbetreuung, um den politisch so viel Aufhebens gemacht wird, für die Fertilität nicht viel bringt. Ob sie viel Kinderbetreuung haben oder wenig, die Geburtenraten sind überall gleich niedrig. Ganz einfach, weil die Vereinbarkeit von Kleinkindern und Beruf extrem schwierig ist. Das heißt natürlich nicht, dass es gar keine Kinderbetreuung braucht.

Hinzu kommt noch die Sandwich-Situation. Wer erst Mitte oder Ende dreißig Kinder bekommt, der muss sich noch mindestens 14 Jahre intensiv um sie kümmern. Gleichzeitig bedürfen dann aber auch eventuell die Eltern, die dann schon über 70 sind, einer gewissen Aufmerksamkeit oder Pflege. Die Sandwich-Belastung kann abschreckend sein.

Ja, das ist ist ein Riesenproblem. Es ist in jeglicher Hinsicht, auch biologisch, besser, früher Kinder zu bekommen. 

Kann man das strukturell lösen? Kann die Politik Vorgaben machen? Oder liegt es schlicht an den Werten einer Gesellschaft?

Es ist eine Wertefrage. Erzwingen kann man gar nichts. Die Leute müssen verstehen, dass es viel besser ist, in den 20ern Kinder zu bekommen als in den 30ern. Und dass man auch während des Studiums mehrere Kinder zur Welt bringen kann.

Noch eine Frage zur Geburtenlücke zwischen Links und Rechts. Spielt auch Abtreibung eine Rolle, weil Linke, vor allem nicht-religiöse, wahrscheinlich mehr abtreiben?

Ja, es ist zu erwarten, dass Abtreibung auch eine Rolle spielt, aber ich kann das nicht beziffern, kenne dazu keine Daten.

„Das hohe männliche Gehalt hat positive Effekte auf die Kinderzahl. Das hohe weibliche Gehalt hat negative Effekte, was ganz logisch ist“

Finden Sie in Wien oder generell in Europa ein gutes Umfeld vor, um in diesen Themenbereichen zu arbeiten? 

Jein. Ich habe einen festen Vertrag an der Uni. Die Universität schränkt mich nicht ein. Ich kann forschen, habe ein Team, habe zwar nicht immer die nötigen Daten, aber doch ausreichend. Aber wenn es um Drittmittelprojekte geht, wenn ich in die Sozialwissenschaften reinkomme, dann wird es sehr schwierig. Wenn ich mit evolutionsbiologischen Ansätzen deren Feld betrete, bekomme ich wie viele andere internationale Kollegen auch große Schwierigkeiten.

Und woran liegt das? 

Weil an den führenden Stellen Leute sitzen, die aus den Sozialwissenschaften kommen, und die die evolutionsbiologische Betrachtung des Menschen ablehnen. Da stoßen Sie auf eine große Gegenwehr.

Lieber wollen diese Leute, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommt, weil ihnen die Wahrheit nicht passt?

Sie definieren Wahrheit anders. Sie haben ihre Modelle, wo Biologie nicht vorkommt. Man hat das ja sehr schön in der Debatte über die Geschlechter gesehen. Als Biologe fasst man sich da an den Kopf, weil es da nicht mehr um die Realität geht. In den Universitäten gibt es aber einen ganz großen Bereich von postmodernen Sozial- und Geisteswissenschaften.

Im vergangenen Jahr haben Sie einen bemerkenswerten Fall von Wissenschaftseinschränkung öffentlich gemacht. Ihnen wurde von einem Wissenschaftsverlag die Publikation einer Arbeit verwehrt, bei der herauskam, dass ein höheres Gehalt bei Männern in der Regel zu einer höheren Fertilität führt. Ein höheres Gehalt bei Frauen aber mit einer niedrigen Fertilität einhergeht.

Ja, das hohe männliche Gehalt hat positive Effekte auf die Kinderzahl. Das hohe weibliche Gehalt hat negative Effekte, was ganz logisch ist. Ein Mann kann Arbeit und Familie eher vereinbaren, mehr Ressourcen aufwenden als eine Frau, die dann weniger Zeit hat für die Kinderbetreuung. Bei allem Fortschritt, die Schwangerschaft sowieso und auch die erste Zeit mit einem Kind ist nach wie vor überwiegend die Aufgabe der Mutter.

Das klingt einleuchtend, geradezu banal. Wieso wurde das nicht publiziert?

Es ist noch viel skurriler, allein schon dass wir das Thema Kinderlosigkeit thematisieren, war denen ein Dorn im Auge. Ich habe die genauen Gründe offiziell nie erfahren, nur hintenrum hab ich einiges gehört. Wir konnten die Arbeit aber dann woanders veröffentlichen und der Verlag ging fast pleite.

Was würden Sie dem Bundeskanzler raten? „Konservativ sein“

Wenn Österreichs Bundeskanzler Christian Stocker, ein Konservativer, auf Sie zukommen und bitten würde, ein paar Punkte zu nennen, mit denen er die österreichische Demografie wieder in Schwung bringen könnte, was wären Ihre Ratschläge?

Eine konservative Partei sollte vor allem eines tun: konservativ sein. Der Rest kommt von selbst. Der ehemalige Kanzler Sebastian Kurz hatte es zu vermitteln geschafft, dass er konservativ ist und hat den Rechtspopulisten in kurzer Zeit das Wasser abgegraben. Die Leute wählen eher den seriösen konservativen Kandidaten, bevor sie Rechtspopulisten wählen, auf Deutschland übertragen eben CDU/CSU und nicht AfD. Aber nur, wenn die wirklich klar konservativ sind. Sie müssen klassische Familienwerte, klassisch konservativere Werte, glaubhaft vermitteln.

Dann würden die Menschen wieder zuversichtlicher sein und mehr Kinder kriegen? Oder würden Sie sagen, es braucht gezielte familienpolitische Maßnahmen? 

Wenn die allgemeine Lage, auch die wirtschaftliche, wieder besser wird, dann würden vor allem die Konservativen wieder mehr Kinder bekommen.

Man kann in bundesdeutschen Wahlkreisen einen Zusammenhang feststellen: Dort, wo viel CDU oder CSU gewählt wird, gibt es die meisten Kinder. Ob es sich um Kausalität oder Korrelation handelt, ist allerdings unklar.

Unsere Daten sprechen genau dafür, dass CDU-Wähler eben konservativ sind und Konservative mehr Kinder kriegen. Also zurück zu Helmut Kohl!

Und gezielte Fördermaßnahmen für Kinder?

Es braucht eine allgemein gute Politik, die kinderfreundlich ist, die propagiert, dass Kinderkriegen normal ist, die Migration regelt, die die Wirtschaftslage verbessert, also eine klassische konservative Politik. Eine solche Politik hätte Zustimmungswerte von 75 Prozent. Da braucht es keine gezielten Fördermaßnahmen. Wichtig ist der Optimismus.

Das ist ja heute das Problem in Deutschland, dass die Leute nicht mehr glauben, dass es bergauf geht. Politiker haben die Verantwortung, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass es den Kindern besser geht, dass es den Kindern gut geht.

Wie passt diese Optimismus-These zusammen mit Ländern, die im Krieg sind oder waren, und in denen die Leute trotzdem Kinder bekommen. Etwa während des Zweiten Weltkriegs oder heute in Israel? 

In Israel bekommen die sehr konservativen Gruppen sieben bis acht Kinder pro Frau und die weniger Konservativen auch noch drei. Dasselbe im Zweiten Weltkrieg, wenn zum Beispiel Frankreich von den Deutschen bedroht wurde. Unmittelbare Bedrohung kann auch ein Bewusstsein für Kinder schaffen. Diese Bedrohungslage ist natürlich negativ, niemand wünscht sich das, aber diesen Effekt gibt es. Da gibt es noch sehr viel zu erforschen. Zum Beispiel haben wir konkrete Anhaltspunkte dafür, dass die Teenager-Schwangerschaften unter Bedrohungen, bzw. gefühlter Bedrohung zunehmen, und zwar wegen und nicht trotz der Bedrohung.

„Was strebe ich an, ja, diese Einstellung ist maßgeblich. Heute ist die Karriere wahnsinnig wichtig für viele“

Also ist die Einstellung zum Leben, die Einstellung zur Zukunft wichtiger als Politik?

Was strebe ich an, ja, diese Einstellung ist maßgeblich. Heute ist die Karriere wahnsinnig wichtig für viele. Karriere ist alles. Gerade auch für Akademikerinnen. Und ich arbeite ja selbst im Universitätsbetrieb. Aber ist Karriere wirklich das Wichtigste im Leben? Ist es wichtiger als eine Familie zu haben? Was wird mit all den kinderlosen Menschen im Alter sein, wer wird sich um diese kümmern?

Womit wir wieder bei den Werten sind. 

Ja, nun ist es umgekehrt natürlich auch so, dass man nicht nichts arbeiten kann. Aber diese totale Überhöhung von Arbeit und Karriere, die wird Leute enttäuschen.

In fast jedem Land ist die gewollte Kinderzahl höher als die reelle. Häufig liegt der Grund bei der erfolglosen Partnersuche. Würden Sie als Evolutionsdemograf sagen, es liegt an der Bildung der Frauen, dass heute weniger Paare existieren?

Ja, weil die Partnerwahl nach wie vor evolutionär geprägt ist und deshalb wählt eine Frau in der Regel einen Mann mit gleichem oder höherem sozialen Status. Bleiben wir in den USA, weil wir da harte Zahlen haben: In den USA entscheidet das Einkommen des Mannes zu 25 Prozent der Varianz, ob er jemals eine Frau finden wird.

Das muss für betroffene Männer frustrierend sein.

Ja, denken Sie an die Incel-Bewegung oder an die Manosphere, die sind besonders aggressiv, aber dass es sie gibt, hat einen Grund. Weil immer mehr junge Männer ledig bleiben. Gleichzeitig gibt es hochgebildete Frauen, die ebenfalls ledig bleiben. 

Aber irgendwann muss sich das doch anpassen, dass auch Frauen hypogam heiraten, also sozial nach unten.

Da bin ich sehr pessimistisch. Ein kleiner Teil der Frauen tut das. Aber das reicht nicht aus, um die Situation zu stabilisieren. Und dann kommt noch das Problem mit der Migration hinzu, dass viele junge Männer einwandern. Das verstärkt die Schieflage noch, wird zu weiteren Konflikten führen.

Die evolutionär bedingte Einstellung von Frauen, sich partnerschaftlich nach oben zu heiraten, wird die nächsten Jahrzehnte so bleiben?

Ja, nicht nur Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte.

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