Mehrgenerationenhaus und Plattenbau: Christentum gegen Sozialismus
Architektur ist Weltanschauung in Stein. Kaum ein Gewerbe ist so ideologisch aufgeladen wie das Bauen von Wohnungen, und kaum eines gibt sich so unpolitisch. Wo und wie ich wohne, determiniert mein Leben nicht, aber es gibt ihm eine Form: Es entscheidet darüber, ob ich einen Baum pflanzen kann, ob ich etwas besitze, das ich weitergeben könnte, ob ich eine Tür habe, für die es einen zweiten Schlüssel gibt. Bauen ist geplant, gefördert, in Gesetzesparagrafen normiert. Und in jeder dieser Normen steckt ein Menschenbild.
Die Frage, ob jemand im Einfamilienhaus oder im Plattenbau wohnt, drückt darum nicht nur seine finanzielle Lage aus, sondern zuvor schon, welche Wohnform der Staat für förderungswürdig gehalten hat.
Allerdings bleibt auch festzuhalten, dass sich meist verschiedene Motive miteinander verbinden bzw. vermischen und man nicht nur politisch-ideologische Gründe annahmen kann. Denn die Erfindung der Platte war vor allem eine Sparmaßnahme. Erfunden wurde die Technik mit den fertigen Betonwänden schon Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA. In Frankreich wurden bereits in den 1930er-Jahren erste größere Wohnungsbauprojekte mit standardisierten und teilweise vorgefertigten Bauteilen erprobt, etwa die Cité de la Muette bei Paris. Der eigentliche Durchbruch des industriellen Wohnungsbaus mit großformatigen Betonfertigteilen erfolgte jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg.
Im Westen nutzte man die „Westplatten“ wie in der West-Berliner Gropiusstadt, in München-Neuperlach oder in Hamburg-Steilshoop. In der DDR machte man aus dieser Sparmethode jedoch eine echte Weltanschauung. Die Platte war dort das Traumhaus des Sozialismus auf dem Weg zur kommunistischen klassenlosen Gesellschaft. Egal ob Arbeiter oder Professor – alle sollten unter genau den gleichen Bedingungen leben. Zu den neuen Siedlungen gehörten deshalb häufig Schulen, medizinische Einrichtungen und Einkaufszentren, um Wohnen und Versorgung gemeinsam zu planen. Auch beim privaten Eigenheimbau setzte die DDR auf standardisierte Typenhäuser wie das EW 58 oder EW 65. Damit spiegelten sich sozialistische Vorstellungen von Gleichheit und staatlicher Planung auch in der Architektur wider: Alles sollte vom Sozialismus durchdrungen werden.
Bauen im materialistischen Messianismus
Welche Annahmen macht das sozialistische Denken? Karl Marx (1818-1883) hat einen berühmten Satz getätigt, der die materialistische Ideologie perfekt auf den Punkt bringt: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ Wer glaubt, dass der Mensch das Produkt seiner Umstände ist, muss die Umstände anpassen.
Wer dagegen glaubt, dass der Mensch an sich gefallen ist und seine Erlösung nicht in dieser Welt findet, wer ein christliches Menschenbild hat, erwartet von der gebauten Umwelt etwas anderes. Er baut Schutzräume, zieht Grenzen, strebt Dauer an und organisiert die Weitergabe. Das sind nicht zwei Geschmacksfragen, sondern zwei gegensätzliche Antworten auf die Frage: Wer ist der Mensch?
Der Marxismus versteht sich als Wissenschaft, folgt strukturell aber einer Heilsgeschichte ohne Gott, er ist in gewisser Weise ein materialistischer Messianismus. Sein Geschichtsbild ist dialektisch: Am Anfang habe es eine klassenlose gute Urgesellschaft gegeben. Mit wachsenden Produktivkräften seien Arbeitsteilung, Mehrprodukt und Privateigentum entstanden – und damit die Spaltung in Besitzende und Besitzlose.
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Der Mensch habe sich von seiner Arbeit und sich selbst entfremdet, Geschichte sei zur Geschichte von Klassenkämpfen geworden. Im Kapitalismus spitze sich der Widerspruch zu, bis das Proletariat als universale Klasse die Revolution vollziehe. Nach einer Übergangsphase, der Diktatur des Proletariats, entstehe die klassenlose Gesellschaft, in der Staat und Entfremdung absterben würden. Das wäre dann die neue erlöste Zeit, das „Reich der Freiheit“ (Marx).
Erlösung wird hier innerweltlich verstanden, kollektiv und sogar geschichtsnotwendig, nicht als Gnade, sondern als Produkt menschlichen Handelns. Als eine Art weltliche Ersatzreligion bildet der Marxismus das materialistische Spiegelbild des Christentums, vor allem der katholischen Kirche. Er tritt bewusst in Konkurrenz zu ihr und will sie als flachen Trost und falsche Hoffnung, als „Opium des Volkes“, bekämpfen.
„Die Familie muss theoretisch und praktisch vernichtet werden“
Zentrale Begriffe auf dem Weg zum marxistischen „Reich der Freiheit“ sind: Privateigentum, Entfremdung, Ungleichheit. Der Mensch ist nach Marx stark formbar; verdorben ist die Struktur. So schreibt Marx in seinen Thesen über Feuerbach: „Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ Wer den Menschen ändern will, ändert nicht ihn, sondern das Ensemble, sein Umfeld, seine Umgebung. Wie radikal das gemeint ist, zeigt eine oft überlesene Stelle derselben Handschrift: „Nachdem z. B. die irdische Familie als das Geheimnis der heiligen Familie entdeckt ist, muss nun erstere selbst theoretisch und praktisch vernichtet werden.“ Das Wort „vernichtet“ steht in Marx’ eigener Niederschrift; Friedrich Engels hat es 1888 zu „umgewälzt“ gemildert, als er die Thesen veröffentlichte.
Im „Manifest der Kommunistischen Partei“ wird daraus ein politisches Programm: „In diesem Sinn können die Kommunisten ihre Theorie in dem einen Ausdruck: Aufhebung des Privateigentums zusammenfassen.“ Und wenige Seiten später: „Aufhebung der Familie! … Worauf beruht die gegenwärtige, die bürgerliche Familie? Auf dem Kapital, auf dem Privaterwerb.“ An die Stelle der häuslichen Erziehung soll die gesellschaftliche treten.
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Entscheidend sind die zehn Maßregeln, weil sie den Städtebau als Programmpunkt der Revolution führen: Punkt 3 „Abschaffung des Erbrechts“, Punkt 9 „Hinwirken auf die allmähliche Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land“. Wer das Erbrecht abschafft und den Gegensatz von Stadt und Land beseitigt, hat Bauernhaus, Handwerkerhaus und Familienhaus in einem Zug erledigt. Ein Haus ohne Erbrecht ist kein Eigenheim mehr, sondern eine Unterkunft auf Lebenszeit.
Der Kampf gegen das Erbe hat mit dem Kampf gegen die Familie und der Tradition zu tun. Engels begründet es so: Die Monogamie sei „die erste Familienform, die nicht auf natürliche, sondern auf ökonomische Bedingungen gegründet war, nämlich auf den Sieg des Privateigentums“. Sind Familie und Eigentum aber ein historisches Paar, fällt mit dem einen das andere: „Mit dem Übergang der Produktionsmittel in Gemeineigentum hört die Einzelfamilie auf, wirtschaftliche Einheit der Gesellschaft zu sein. Die Privathaushaltung verwandelt sich in eine gesellschaftliche Industrie.“
Es gibt auch politisch-revolutionäre Beispiele, warum Marx und Engels gegen das Eigenheim waren. Engels beschreibt den Handweber mit Häuschen, Garten und Feld: „Bei aller Misere und bei allem politischen Druck ein stiller, zufriedener Mann‚ in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, zog den Hut vor den Reichen, Pfaffen und Staatsbeamten und war innerlich durch und durch ein Sklave.“ Die Vertreibung von Haus und Herd sei „gerade die allererste Bedingung ihrer geistigen Emanzipation“ gewesen. Und die Frage, die alles enthält: „Wird der Troglodyte mit seiner Höhle, der Australier mit seiner Lehmhütte, der Indianer mit seinem eignen Herd jemals einen Juniaufstand und eine Pariser Kommune aufführen?“
Die sechzehn Grundsätze des DDR-Städtebaus
In der Sowjetunion der zwanziger Jahre entstand das Kommunehaus mit Gemeinschaftswohnungen, den Kommunalkas, mit kollektiven Küchen und Wäschereien, das Narkomfin-Haus als erklärter „Übergangstyp“, die Entwürfe des Stadtplanungstheoretikers Leonid Sabsowitschs, in denen der einzige private Raum die „Schlafkabine“ gewesen wäre.
Die DDR hat den Kommunismus in praktische Gesetze gefasst. Die „sechzehn Grundsätze des Städtebaus“ vom 27. Juli 1950 sind Weltanschauung in Verwaltungsdeutsch. Grundsatz 6 enteignet die alte europäische Stadtmitte: „Das Zentrum der Stadt ist der politische Mittelpunkt für das Leben seiner Bevölkerung. (…) Auf den Plätzen im Stadtzentrum finden die politischen Demonstrationen, die Aufmärsche und die Volksfeiern an Festtagen statt.“
Grundsatz 12 sagt der Gartenstadt ab: „Die Stadt in einen Garten zu verwandeln, ist unmöglich.“ Grundsatz 13 dem Einfamilienhaus: „Die vielgeschossige Bauweise ist wirtschaftlicher als die ein- oder zweigeschossige.“ Mit dem Aufbaugesetz vom 6. September 1950 wurden diese Grundsätze verbindlich; am 7. September begann der Abriss des Berliner Schlosses. Mindestens sechzig Gotteshäuser wurden gesprengt, die meisten in Umsetzung dieser Grundsätze.
Kulturpalast statt Kirche
Wo die Kirche in der Mitte der Stadt stand, standen nun Kulturpalast und Paradeplatz. Aus diesen städtebaulichen Grundsätzen erwuchs folgerichtig die Dominanz des industriellen Plattenbaus, der ab den späten 1950er Jahren und insbesondere mit dem Wohnungsbauprogramm von 1973 zur absoluten Regel wurde.
Strukturell bildete sie einen pragmatischen Mittelweg: Während sie den radikalen, von der Bevölkerung abgelehnten Utopien der frühen sowjetischen Kommunehäuser eine Absage erteilte und den Familien eine eigene, private Küche und ein Bad garantierte, holte sie das Kollektiv über die Wohnumgebung ein. Durch die direkte Integration von staatlichen Kinderkrippen, Schulen, Großwäschereien und Kaufhäusern in die neuen Wohnkomplexe wurde der Alltag im Sinne der sozialistischen Haus- und Lebensgemeinschaft organisiert.
Dem steht die christliche Anthropologie gegenüber: Nicht die Verhältnisse sind gefallen, sondern der Mensch. Er sündigte in seiner eigenen Natur, indem er Gottes Gebot übertrat, um selbst wie Gott zu sein. Dieser Fall lässt sich nicht durch gesellschaftliche Weltverbesserung heilen, sondern allein durch Gott. Daraus folgen fundamentale Konsequenzen für den Raum: Wegen seiner gefallenen Natur braucht der Mensch Schutz – vor den anderen wie vor sich selbst. Mauern, Zäune und verschlossene Türen sind die Folge.
Wer das Böse für ein Strukturproblem hält, sieht in Zäunen das Symptom eines falschen Bewusstseins; wer es hingegen im Herzen jedes Menschen vermutet, erkennt in ihnen einen Akt der Nächstenliebe. Da die Welt ein Jammertal bleibt, erfordert dieser Schutz Dauer. Aus diesem Geist heraus wurden Burgen gebaut und in Jahrhunderten gedacht. Wer einen Hof bewirtschaftet, ein Gewerbe betreibt oder Eigentum aufbaut, will bleibende Werte schaffen – und braucht Erben, denen er sie hinterlassen kann.
„Für die mäßig Armen ist das Heim der einzige Ort der Freiheit“
Diese Lebensform fördert ganz organisch die Ehe und eigene Kinder. Da in dieser Weltordnung Gott die zentrale Rolle einnimmt, fordert auch die Heilung ihren architektonischen Ausdruck: Die traditionelle europäische Stadt stellte die Kirche ins Zentrum – nicht die Tribüne, das Hochhaus oder die Stadthalle.
Der englische Schriftsteller G. K. Chesterton hatte ein ganz eigenes Argument für das Eigenheim:
„Denn die Wahrheit ist, dass für die mäßig Armen das Heim der einzige Ort der Freiheit ist. Mehr noch, es ist der einzige Ort der Anarchie. Es ist der einzige Fleck auf der Erde, wo ein Mann die Ordnung plötzlich umstoßen, ein Experiment machen oder einer Laune folgen kann. Wo immer sonst er hingeht, muss er die strengen Regeln des Ladens, des Gasthauses, des Vereins oder des Museums befolgen, das er gerade betritt. Er kann in seinem eigenen Haus seine Mahlzeiten auf dem Boden einnehmen, wenn er will.“
Das Heim ist also nicht der eine zahme Ort in einer Welt des Abenteuers, sondern „der eine wilde Ort in einer Welt von Regeln und zugewiesenen Aufgaben“.
Dann folgt die Feststellung, dass das Eigenheim der Ort der Familie ist:
„So wie jeder normale Mann sich eine Frau wünscht und von einer Frau geborene Kinder, so wünscht sich jeder normale Mann ein eigenes Haus, um sie hineinzubringen. Er will nicht bloß ein Dach über sich und einen Stuhl unter sich; er will ein gegenständliches und sichtbares Königreich; ein Feuer, an dem er kochen kann, was ihm gefällt, eine Tür, die er öffnen kann, wem er will.“
Und unmittelbar davor unterscheidet Chesterton Bauformen: „Er will zum Beispiel ein separates Haus; er will kein Doppelhaus. … Ebenso wünscht er keine Etagenwohnung. … Ein Eisenbahnzug ist kein Haus, weil er ein Haus auf Rädern ist. Und eine Etagenwohnung ist kein Haus, weil sie ein Haus auf Stelzen ist.“
Später hat er das an einem konkreten Konflikt ausgebaut: Die Bewohner der Limehouse-Slums zogen ihre alten Häuser den neuen Wohnblöcken vor, weil sie Hinterhöfe für Hühner hatten. „Und dann, wenn eine ganze Menge von ihnen Hühner halten will, zwingen wir sie, in Etagenwohnungen zu leben. Wenn eine ganze Menge von ihnen Zäune haben will, lachen wir und weisen sie in Gemeinschaftskasernen ein.“
„Eigentum ist nichts anderes als die Kunst der Demokratie“
Natürlich lässt sich Chestertons Kritik nicht eins zu eins auf Großstädte anwenden, denn in einer dicht besiedelten Stadt sind Etagen- und Eigentumswohnungen schlichtweg eine Notwendigkeit. Es wäre völlig utopisch zu fordern, dass jede Familie mitten in der Stadt ein eigenes, freistehendes Haus mit Garten bekommt – dafür fehlt schlicht der Platz. Es geht nicht darum, das Wohnen zur Miete oder in einem Mehrfamilienhaus zu verurteilen. Vielmehr soll auf die Bedeutung von Schönheit hingewiesen werden und verhindert werden, dass Architektur aus ideologischen oder politischen Gründen zur Hässlichkeit verurteilt wird. Der wahre Kern der Frage lautet: Wo verläuft die Grenze zwischen echtem, familienfreundlichem Wohnraum und einer seelenlosen, industriellen Vermassung der Menschen?
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Chesterton selbst sieht im Eigentum eine Form der Kreativität, nicht des Konsums: „Eigentum ist nichts anderes als die Kunst der Demokratie. Es bedeutet, dass jeder Mensch etwas haben soll, das er nach seinem eigenen Bild formen kann.“ Und die Familie ist bei ihm ein Verfassungsorgan: „Ohne die Familie sind wir hilflos gegenüber dem Staat. (…) Die Familie ist die einzige Formation, in der der Angriff der Reichen abgewiesen werden kann.“
Ihre Funktion sei, „dem Bürger eine Provinz der Freiheit zu geben; eine Begrenzung, innerhalb derer ein Bürger König ist. (…) Es ist ein Verfassungsgrundsatz, dass der König niemals stirbt. Es ist der ganze Grundsatz der Familie, dass der Bürger niemals stirbt.“ Hilaire Belloc hat die Alternative 1912 in einen Satz gebracht: „Wenn wir die Institution des Eigentums nicht wiederherstellen, können wir der Wiederherstellung der Institution der Sklaverei nicht entgehen; einen dritten Weg gibt es nicht.“
Wie Wohnform und Kinderzahl zusammenhängen
Laut Eurostat lebten 2025 in Deutschland 47,2 Prozent der Bevölkerung in Eigentümerhaushalten – der niedrigste Wert der gesamten EU, gegenüber 68,5 Prozent im Durchschnitt. Das Land, das das Reichsheimstättengesetz und Familienheimgesetz erfunden hat, ist heute das Mietland der Europäischen Union. Einen niedrigeren Eigentumsanteil in Europa hat nur die Schweiz. Der Ost-West-Gegensatz ist bei den Flächenländern viel schwächer als behauptet – Brandenburg (44,3 Prozent), Sachsen-Anhalt (42,4 Prozent) und Thüringen (42,1 Prozent) liegen über Nordrhein-Westfalen (38,6 Prozent) und weit über Hamburg (20,3 Prozent); der niedrige Ostwert wird von Berlin (15,9 Prozent) getrieben, was ein Stadtstaateneffekt ist.
Wohnform und Kinderzahl hängen eng zusammen. Eine Untersuchung aus Finnland zeigt, dass die Fertilität bei Paaren in Einfamilienhäusern am höchsten und bei Paaren in Wohnungen am niedrigsten ist. Ein erheblicher Teil dieses Unterschieds lässt sich durch Selektion erklären: Paare mit Kinderwunsch ziehen schlicht häufiger in ein Haus. Darüber hinaus bleibt jedoch ein eigenständiger Zusammenhang bestehen: Paare, die bereits in einem Einfamilienhaus leben, bekommen im Durchschnitt mehr Kinder als jene in Wohnungen.
Selbst wenn man also den ursprünglichen Kinderwunsch beziehungsweise eine Schwangerschaft als Ursache des Umzugs ins Eigenheim betrachtet und nicht umgekehrt, lässt sich der Befund nicht vollständig darauf reduzieren. Das Einfamilienhaus scheint vielmehr auch selbst Bedingungen zu schaffen, unter denen Paare eher bereit sind, mehr Kinder bekommen.
Der Plattenbau ist die radikalste architektonische Ausprägung des Sozialismus. In seiner Praxis ging es nicht länger um die traditionelle Förderung von Ehe und Familie, sondern um den Übergang zu einer „gesellschaftlichen Industrie“, in der Kochen, Waschen und Kinderbetreuung als öffentliche, professionelle Dienstleistung organisiert werden sollten. Dieser Versuch einer totalen Kollektivierung führt zur „Verorkung“ des Menschen – nicht zu der verheißenen paradiesischen klassenlosen Gesellschaft, sondern zum Nihilismus.
Als die DDR in den 1980er-Jahren in den wirtschaftlichen Bankrott steuerte, zeigte sich diese Entmenschlichung bis in die Bestattungskultur: Auf erstmals 1985 in Rostock eingeführten Aschestreuwiesen und anonymen Gemeinschaftsanlagen wurde das materialistische Kollektivprinzip bis über den Tod hinaus verlängert. Der Tote wurde verstreut, als bliebe von ihm nichts, keine Seele, keine Auferstehung, nur Asche im Wind.
In Generationen denken – und mit Generationen leben
Es ist wichtig, nicht nur für das Hier und Jetzt zu leben, sondern in Generationen zu denken und Ziele zu haben, die über uns hinausreichen. Dafür brauchen wir keine Utopien. Es reicht schon, wenn wir etwas weiterzugeben haben, für das sich der Aufbau eines Zuhauses und die Gründung einer Familie lohnen.
In Generationen zu denken, könnte, angewandt auf das Wohnen, auch bedeuten: in mehreren Generationen zu leben. Das Einfamilienhaus ist die gebaute Form einer einzigen Biografie. Die Sprache der Neubaugebiete drückt meist genau das aus: Es entsteht etwas Neues für eine konkrete Familie, und die Geschichte endet auch mit ihr. Ein Haus, das für drei Generationen gedacht ist, beantwortet noch eine andere Frage. Nicht nur: Wie will ich leben? Sondern: Wer soll nach mir hier leben, und wem schulde ich etwas?
Mehrgenerationenhäuser werden ohnehin wieder notwendig werden. Die Pflege wird nicht nur unbezahlbar, es wird auch schlicht zu wenig professionelle Pfleger geben. Damit kommt die Verwandtschaft ins Spiel als das, was verlässlich bleibt.
Das ist keine Aufforderung, sich mit den Großeltern eine Küche zu teilen. Ein Haus für mehrere Generationen braucht getrennte Eingänge, eigene Bäder und Wände, die dick genug sind. Ein Mehrgenerationenhaus funktioniert nur dort erfolgreich, wo Rückzug möglich bleibt.
Es gibt auch einen christlichen Sinn dieser Bauform. Es geht darum, wieder mehr im Sinne der Rede Benedikts XVI. im Deutschen Bundestag anzuerkennen, dass es „auch eine Ökologie des Menschen [gibt] … Der Mensch macht sich nicht selbst.“ Man hat eine Geschichte, hat empfangen und gibt weiter. Ein Haus, in dem drei Generationen unter einem Dach leben, übersetzt diesen Gedanken in Wände und Türen. Es ist nicht nur praktischer, es ist am Ende menschlicher.
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