Die Alternative zum Homo oeconomicus
Dies ist Teil drei einer dreiteiligen Artikelserie. Teil eins bot eine Kritik des Liberalismus und seines Menschenbildes aus christlicher beziehungsweise personalistischer Perspektive. Teil zwei lieferte einen Überblick über den vor allem im angelsächsischen Raum diskutierten Postliberalismus samt historischem Hintergrund. Hier wurde auch ein Teil der postliberalen Kritik am Liberalismus referiert, konkret jene an den Auswirkungen des Liberalismus. Teil drei soll nun die verschiedenen Fäden aus den ersten beiden Teilen zusammenführen und zu einem – vorläufigen – Abschluss bringen.
Bei aller notwendigen Kritik am einseitigen Menschenbild des Liberalismus ist doch wiederum festzuhalten, dass der Liberalismus durchaus wichtige Anliegen formuliert und formuliert hat. Der Mensch hat – auch! – eine Individualnatur. Persönliche Initiative und individuelle Kreativität sind daher sowohl wesentliche Aspekte eines erfüllten Lebens wie auch ein unerlässlicher Beitrag zum Gemeinwohl. Sie müssen garantiert werden und waren in der Vergangenheit sicher nicht immer hinreichend garantiert.
Ebenso wenig sollte man den Beitrag des Marktes zu Wohlstand und Innovation geringschätzen. Auch die liberale Kritik an einem aufgeblähten, bürokratischen, ineffizienten, unpersönlichen und allzu oft Abhängigkeiten zementierenden Wohlfahrtsstaat ist nicht einfach von der Hand zu weisen, wie schon Johannes Paul II. vor nunmehr fast vier Jahrzehnten in der Enzyklika „Centesimus annus“ erkannte.
Menschen haben ein Recht auf Fürsorge
Der – seinem Individualismus geschuldete – Fehler des Liberalismus liegt in seiner Betonung der Bedeutung von Rechten und Verträgen für zwischenmenschliche Beziehungen. Tatsächlich grundlegend für zwischenmenschliche Beziehungen ist aber die Gabe, zuallererst die Gabe des Lebens. Jeder Mensch, der sich in einer Machtposition vorfindet – und wenn man Geschwister hat, kann das schon sehr früh im Leben geschehen – kann dies nur deshalb, weil er zunächst die Gabe des Lebens und entsprechende Fürsorge empfangen hat, ohne dafür zuvor irgendetwas geleistet zu haben.
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Dies wiederum macht es zu einer Frage der Gerechtigkeit, dass er nun, wo er selbst in einer Position der Macht gegenüber anderen ist, diesen ebenfalls Fürsorge zukommen lässt. Man könnte sagen: Es ist seine aus der ursprünglichen Gabe entspringende Pflicht. Diese Pflicht des Machthabenden gegenüber Abhängigen begründet umgekehrt das Recht auf Fürsorge der letzteren. Man beachte: Das Recht ist nicht freischwebend und voraussetzungslos, sondern gründet in der Pflicht des anderen – beide aber in einer vorgängigen Gabe, die Pflicht unmittelbar, das Recht mittelbar.
Mit dem Recht auf Fürsorge ist damit das umschrieben, was Isaiah Berlin positive Freiheit nannte. Wenn die Gabe des Lebens – und der Fürsorge – aber eine echte Gabe sein soll, muss sie letztlich, wie Ferdinand Ulrich betont hat, ihren Empfänger dann auch in die – im Sinne Berlins negative – Freiheit entlassen und seine persönliche Initiative und Kreativität umfassen. Hier erst kommen dann auch Verträge, in beschränktem Rahmen, als Faktoren zwischenmenschlicher Beziehung in den Blick.
Der Mensch ist ein schenkendes Wesen
Pflichten und Rechte, positive und negative Freiheit sowie Verträge gründen also in der grundlegenderen Realität der Gabe. Vor dem Hintergrund der Gabe kann man über all diese Dinge sprechen. Dennoch sollte man es eigentlich eher vermeiden. Weshalb?
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Weil durch eine Fokussierung auf Pflichten und Rechte der falsche Eindruck entstehen kann, Menschen würden Leben, Fürsorge und Freiheit primär deshalb schenken, weil sie aufgrund von Pflichten und Rechten geschuldet wären. Das ist durchaus nicht falsch. Viel entscheidender ist jedoch, dass der Mensch ein schenkendes Wesen ist, wie bereits Marcel Mauss herausgearbeitet hat, auf den sich etwa die postliberalen Denker John Milbank und Adrian Pabst immer wieder beziehen. Das Empfangen und Geben ist konstitutiv für ein erfülltes und glückliches menschliches Leben.
Intuitiv ist das im Alltag auch den meisten von uns – immer noch? wie lange noch? – bewusst. Doch aufgrund der Dominanz eines liberalen Welt- und Menschenbildes wird dies auf den Ebenen von Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik kaum noch reflektiert. Das Unbehagen hierüber ist sicher auch ein Grund für die verblüffend anhaltende Anziehungskraft linker Politikentwürfe, die dann aber zumeist in die bastardisierte Form der Fürsorge in Gestalt eines allzuständigen Wohlfahrtsstaates münden.
Menschen, nicht Käufer und Verkäufer
Ziel der Zivilökonomie ist es so auch, die Realität der Gabe in der ökonomischen Theorie und Praxis sichtbarer zu machen. Zwei Bausteine hierfür – ein neu-altes Ethos sowie die Leistungsgemeinschaften – haben wir bereits kennengelernt.
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Zum genannten Ethos gehört es, den Tausch – etwa von Geld gegen Waren oder Dienstleistungen – nicht nur als nützlich zur Befriedigung individueller Bedürfnisse und Wünsche zu begreifen, sondern darüber hinaus und noch grundlegender als einen Vorgang wechselseitiger Gabe, dessen Ziel und Bedeutung es ist, eine Beziehung zwischen Geber und Geber zu etablieren, welche den individuellen Tauschakt transzendiert. Ein so verstandener Markt bringt also nicht nur Käufer und Verkäufer, Anbieter und Abnehmer zusammen, sondern vor allem Menschen. Das Primat der Gabe macht auch verständlich, warum aus der Perspektive der Zivilökonomie Großzügigkeit und Solidarität, Vertrauen und Wohlwollen als eigentlich normal anzusehen sind und nicht als Ausnahme.
Ebenso wäre es ein Fehler, unter Absehen von der Dimension der Gabe die Leistungsgemeinschaften ausschließlich als Interessenvertretung derer, die in ihnen zusammengeschlossen sind, gegenüber Außenstehenden zu begreifen. Es handelt sich vielmehr um Gemeinschaften, deren Glieder durch wechselseitiges Empfangen und Geben von Fürsorge in unterschiedlichen Formen und Graden nicht nur untereinander verbunden sind, sondern durch ihre gemeinsamen Gaben zum Gemeinwohl auch mit der Allgemeinheit als Ganzem.
Warum das BIP den Wohlstand falsch misst
Natürlich bleibt dabei Alasdair MacIntyres in seinem Buch „Whose Rationality? Which Justice?“ formulierte Einsicht gültig, dass Institutionen und die von ihnen getragenen Praktiken in einem permanenten Spannungsverhältnis zueinander stehen. Institutionen laufen demnach permanent Gefahr, sich als Selbstzweck zu begreifen und der Versuchung zu verfallen, die eigene Selbsterhaltung gegenüber der Praxis – hier des Empfangens und Gebens – zu priorisieren.
Diese Gefahr besteht jedoch bei sämtlichen Institutionen, weshalb es nicht nur das zuvor erwähnte Ethos unbedingt braucht, sondern es außerdem von entscheidender Bedeutung ist, Institutionen so zu konzipieren, dass das Risiko möglichst minimiert wird. Das aber verlangt ein möglichst unmittelbares Mitspracherecht jener, für die eine Institution gedacht ist. Hier ist es relevant, dass Leistungsgemeinschaften, die Milbank und Pabst als Zusammenschüsse auf rein freiwilliger Basis denken, gerade nicht einfach Zusammenschlüsse von Betrieben sind, sondern von allen in ihrem Bereich Beschäftigten sowie den eventuell beteiligten Investoren.
Zudem kritisiert die Zivilökonomie die rein quantitative Messung von Wohlstand in Form des Bruttoinlandprodukts (BIP). Letzteres führt etwa dazu, dass, wenn eine Mutter kleiner Kinder den ganzen Tag für Geld putzen geht und dafür ihre Kinder in dieser Zeit professionell betreuen lässt, dies sich statistisch als Wohlstandsgewinn niederschlägt, wiewohl es für das Familienleben eine Verarmung bedeutet. Aus dem gleichen Grund schlägt sich dann auch die Legalisierung von Prostitution – oder Leihmutterschaft – ein Jahr später positiv im Wirtschaftswachstum und dem im BIP gemessenen Wohlstand eines Landes nieder.
Oder man macht es gleich wie die EU, die seit 2010 alle freiwilligen wirtschaftlichen Transaktionen im Rahmen des BIP erfasst, unabhängig davon, ob sie legal oder illegal sind – so unter anderem Drogenhandel und Schmuggel, die somit seitdem als Wohlstandsgewinne zu Buche schlagen. Vordenker der Zivilökonomie wie Luigino Bruni oder Stefano Zamagni fordern daher, unseren Wohlstandsbegriff um qualitative Aspekte zu ergänzen. Wohlstand bemisst sich demnach nicht nur im – formal freiwilligen – Fluss von Waren, Dienstleistungen und Geld, sondern ganz wesentlich in lebendigen Beziehungen und Gemeinschaften.
Eine neue Art, Wohlfahrt zu denken
In diesen Kontext gehört auch eine neue beziehungsweise in gewisser Weise auch alte Art, Wohlfahrt zu denken – jenseits von der Unzuverlässigkeit privater Wohltätigkeit und einem entmündigenden Wohlfahrtsstaat.
Der traditionelle Wohlfahrtsstaat ist uns in seiner Grundstruktur wohlbekannt: Hauptakteur ist der Staat, die Finanzierung läuft über Steuern und staatliche Abgaben, unter die auch Sozialversicherungsbeiträge zu rechnen sind. Der einzelne Bürger ist passiver Empfänger von Leistungen. Ziel ist zumeist die Kompensation entstandener sozialer Schäden im Nachhinein. Die auf diese Weise gestifteten Beziehungen sind bürokratisch und unpersönlich.
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Bruni und Zamagni plädieren demgegenüber für eine „zivile Wohlfahrt“, die sich an einer „zirkulären Subsidiarität“ orientieren soll. Hauptakteure sind hier die lokalen Gemeinschaften aus Genossenschaften, Religionsgemeinschaften und Bürgern. Für die Finanzierung soll ein Mix aus social finance, staatlichen Zuschüssen, Spenden sowie erwirtschafteten Erträgen sorgen. Der einzelne Bürger ist – nach Möglichkeit auch aus der Position des Empfängers heraus – als Mitgestalter gefragt, also als jemand, der ebenfalls etwas gibt, um auf die konkrete Situation passende Lösungen zu entwickeln. Ziel ist es dabei, soziale Probleme nach Möglichkeit bereits im Vorfeld am Entstehen zu hindern. Auf diese Weise sollen auf Gegenseitigkeit und Vertrauen basierende Beziehungen entstehen. Damit wird darüber hinaus der soziale Zusammenhalt gestärkt und politischer Radikalisierung entgegengewirkt.
Teilweise sind die Ideen schon umgesetzt worden
Wie im Falle der Leistungsgemeinschaften bleibt es dabei Sache des politischen Gemeinwesens, Aufsichtspflichten wahrzunehmen und sicherzustellen, dass die zirkuläre Subsidiarität nicht dem Gemeinwohl zuwiderläuft und einzelne, auch einzelne Gemeinschaften, sich nicht unrechtmäßig bereichern oder grob fahrlässig handeln, ohne dass dies aber zu staatlichem Mikromanagement und Regulierungswut führen darf. Hier wird deutlich, dass auch von Seiten des Staates, bei aller zu wahrenden Verantwortung, eine Grundhaltung der Großzügigkeit und des Vertrauens den Bürgern und Gemeinschaften gegenüber gefordert ist. Damit ist bereits angedeutet, dass das Primat der Gabe nicht nur Implikationen für den ökonomischen, sondern ebenso für den politischen Bereich hat, auf die an dieser Stelle aber leider nicht weiter eingegangen werden kann.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Ideen zur zivilen Wohlfahrt keinesfalls reine Theorie, sondern zum Teil längst schon in der Praxis angekommen sind. In Italien, nicht zufällig auch das Ursprungsland der Zivilökonomie, wurden bereits in den 1970er Jahren erste Sozialgenossenschaften gegründet, die sich nicht nur an die eigenen Mitglieder, sondern auch an die Allgemeinheit wandten. Seit 1991 sind sie gesetzlich anerkannt. Heute gibt es 14.000 Sozialgenossenschaften in Italien, bei denen 400.000 Menschen hauptberuflich beschäftigt sind.
Auch in Deutschland haben Bundesländer wie Bayern und Niedersachsen inzwischen Projekte zur Förderung von Sozialgenossenschaften gestartet. In dieselbe Richtung wies schließlich das unter dem Schlagwort „Big Society“ propagierte Programm des konservativen britischen Premierministers David Cameron, das allerdings an handwerklichen Mängeln scheiterte.
Was Papst Leo mit dem Postliberalismus zu tun hat
Man beachte, dass all diese Ausführungen bisher ganz ohne theologische und religiöse Bezüge auskamen und damit für Menschen unterschiedlicher – aber längst nicht aller – religiöser Hintergründe einsichtig sein können. Dennoch ist es so, dass sie natürlich in besonderer Weise christlichen Grundüberzeugungen entsprechen und ohne das Ereignis der christlichen Offenbarung vielleicht überhaupt nicht in dieser Klarheit hätten erkannt werden können.
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Vom Primat der Gabe auszugehen, bedeutet für uns, die wir in der liberalen Mentalität sozialisiert wurden, einen nicht unerheblichen Umlernprozess. Es bedeutet, auf ganz neue Weise auf Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu schauen und hierbei Beziehung, Gemeinschaft und Bindung zu priorisieren als jene Räume, in denen auch persönliche Gestaltungskraft und individuelle Kreativität sich in erfüllender Weise entfalten können.
Das beinhaltet, anzuerkennen, dass Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik keine ethisch oder weltanschaulich neutralen Räume sind, die im Sinne des technokratischen Paradigmas nach rein technischen Gesetzmäßigkeiten ablaufen, sondern dass sie von ethischen Gesichtspunkten durchdrungen werden müssen, um wirklich menschengemäß zu sein, ethisch aber nicht im Sinne von Rechten und Pflichten, sondern im Geist der Gabe. Man muss sich nur einmal vor Augen führen, welchen Unterschied es beispielsweise für den Abtreibungsdiskurs macht, ob das zivilisatorische Leitbild der Homo oeconomicus (Der nutzenmaximierende Mensch) oder der Homo donans (Der gebende Mensch) ist.
Leistungsgemeinschaften und Sozialgenossenschaften sind dabei just solche intermediären Körperschaften, auf die zum einen Papst Leo XIV. immer wieder in seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“ zu sprechen kommt und die auch etwa ein Liberaler wie Alexis de Tocqueville als unverzichtbar für den Erhalt der Freiheit unter demokratischen Verhältnissen angesehen hat. Dies offenbart zum Schluss einen liberalen Traditionsstrang, an den der Postliberalismus anknüpfen kann. Zugleich erklärt das Zurücktreten dieses spezifischen Stranges in der liberalen Gesamttradition, weshalb mindestens diese Form des Postliberalismus überhaupt nötig wurde.
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