Dem technokratischen Paradigma die Zivilisation der Liebe entgegensetzen
Auf den ersten Blick hat „Magnifica Humanitas“, die erste Enzyklika von Papst Leo XIV., nur sehr wenig zum Lebensschutz zu sagen. Gerade einmal ein Abschnitt ist ihm gewidmet:
„Das erste dieser Menschenrechte ist das Recht auf Leben, von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende, ohne das es unmöglich ist, irgendein anderes Recht auszuüben. Wenn dieses grundlegende Recht verweigert wird, wie es bei der Abtreibung, bei der Tötung Unschuldiger und bei der Euthanasie geschieht, stehen wir vor Entscheidungen, die die Kirche als schwerwiegend unerlaubt beurteilt.“ (Magnifica Humanitas 55)
Nicht schlecht, könnte man meinen, bei einer Enzyklika, die eigentlich ganz andere Themen behandelt. Dennoch: Bei genauerer Lektüre ist die Enzyklika sehr viel relevanter für den Lebensschutz, als es auf den ersten Blick scheint.
Der entscheidende Schlüsselbegriff ist das „technokratische Paradigma“, das der Papst beschreibt als „die Tendenz, persönliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entscheidungen allein der Logik der Effizienz, der Kontrolle und des Profits zu unterwerfen“. (Magnifica Humanitas 92)
Für den Heiligen Vater hat sich dieses Paradigma in den vergangenen Jahren „auch aufgrund der Verbreitung von Künstlicher Intelligenz, von Kognitionswissenschaften, Nanotechnologie, Robotik und Biotechnologie“ (Magnifica Humanitas 93) verbreitet. Tatsächlich ist das technokratische Paradigma jedoch schon lange Zeit in sehr unterschiedlichen Bereichen präsent, ja dominant – auch in jenen, welche den Lebensschutz im Kern berühren.
Der Kampf zweier grundlegend verschiedener Weltanschauungen
Spätestens seit der Erfindung der „Pille“ in den 1960er Jahren wurde es üblich, Empfängnisregelung, ungewollte Schwangerschaft und Kinderlosigkeit vorrangig als technisches Problem und nicht als ethische Herausforderung zu betrachten. Der Mensch wurde so unversehens zu einem Objekt, das man je nach Wunsch herstellen, an seinem Entstehen hindern oder auch vernichten kann. Hiervon ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, dieses Objekt technisch optimieren (Transhumanismus) oder gleich durch ein überlegenes Objekt ersetzen (Posthumanismus) zu wollen; aber auch es zu kaufen und zu verkaufen.
Es besteht hier eine gerade Linie von „Humanae Vitae“ mit seiner Verurteilung der künstlichen (= technischen) Empfängnisverhütung über das thematisch scheinbar so ganz anders gelagerte „Laudato Si‘“, in dem Papst Franziskus den Begriff des technokratischen Paradigmas ursprünglich prägte, hin zu „Magnifica Humanitas“.
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Im Zusammenhang mit dem Lebensschutz bedeutet dies zweierlei:
Zum einen muss man sagen, dass die Macht des technokratischen Paradigmas nur dann gebrochen werden kann, wenn es auch in den Bereichen herausgefordert und überwunden wird, wo es um Sein und Nichtsein des Menschen selbst geht – in Lebensschutz und Bioethik. Der Einsatz für den Lebensschutz hat somit eine Tragweite, die selbst über seine ohnehin in sich bereits dramatische Relevanz noch weit hinausgeht.
Andererseits kann der Lebensschutz – jenseits der immer nötigen Einzelfallhilfe – aber auch nicht erfolgreich sein, wenn er die der Kultur des Todes zugrundeliegenden Vorannahmen und Grundüberzeugungen, ihre Anthropologie und Metaphysik, unadressiert lässt und es so zulässt, dass diese in unterschiedlichsten Lebensbereichen unhinterfragt weiterwirken und dadurch eben auch stabilisierend rückwirken auf jene Bereiche, die ihm am Herzen liegen.
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Mit anderen Worten: Es handelt sich bei der Frage um Leben und Tod im hier gemeinten Sinne eben nicht um einzelne Sachfragen, die erschöpfend für sich betrachtet werden könnten. Am Ende geht es um grundverschiedene Weltanschauungen, die sich auf alle Lebensbereiche auswirken und entweder – insofern sie destruktiv sind – in Gänze überwunden werden oder eben gar nicht.
Eine Bekehrung, die auch uns selbst erfassen muss
Etwas überspitzt formuliert könnte man sagen: Was es braucht, ist nicht einfach eine Meinungsänderung jener, die an einer Kultur des Todes, einem Turm zu Babel, bauen, sondern nicht weniger als eine Bekehrung, die auch uns selbst umfassen muss, insofern wir als Teil einer vom technokratischen Paradigma beherrschten Kultur gar nicht umhinkönnen, nicht in dem einen oder anderen Bereich unseres Denkens und Handelns von ihm mitgeprägt zu sein. Damit ist auch genug angedeutet, dass die hier aufgeworfenen anthropologischen und metaphysischen Fragestellungen am Ende auch theologische Implikationen haben.
Doch zurück zum technokratischen Paradigma. Dieses basiert auf einem Subjekt-Objekt-Dualismus, der wiederum mit einem kartesianischen Leib-Seele-Dualismus zusammenhängt: hier tote Materie, die nach rein mechanischen Gesetzen funktioniert und die man nach Belieben manipulieren kann, dort das geistige Subjekt, das unumschränkt herrscht.
Im Menschen kommt beides zusammen: einerseits der Techniker, der vermeintlich gottgleich alle Macht in Händen hält, andererseits die Biomasse, die beispielsweise in der Präimplantationsdiagnostik selektiert oder wie im Rahmen der embryonalen Stammzellenforschung zu Forschungszwecken zerlegt wird.
Dieser ganzen Grundstruktur liegt bereits eine Logik der Macht und der Kontrolle zugrunde, eine Logik, die, wenn man ihr folgt, auch entsprechende soziale Strukturen und kulturelle Vorstellungswelten hervorbringt. So ist sicher auch die in „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV. beklagte Normalisierung des Krieges in diesem Kontext kein Zufall.
Ein anderes Beispiel ist die Hermeneutik des Verdachts und des Misstrauens, welche sich immer weiter ausbreitet und insbesondere das Verhältnis zwischen den Geschlechtern vergiftet.
Wider diesen Geist gibt es durchaus einige Denker, die an einer Philosophie der Gabe arbeiten oder gearbeitet haben, so etwa Ferdinand Ulrich, zu dem beispielsweise der Passauer Bischof Stefan Oster promoviert hat, oder die US-Philosophen David L. und David C. Schindler, Vater und Sohn.
Eine Zivilisation der Liebe aufbauen
Hierbei geht es mitnichten um eine Verteufelung von Technik als solcher, sondern um deren Reintegration in eine umfassendere Vision dessen, was ist. Eine Vision, in der das Empfangen eines Kindes nicht mehr als Anomalie gilt oder als übergriffige Invasion eines Eindringlings missverstanden werden kann, sondern das Paradigma unserer sozialen Beziehungen bildet neben der Ehe.
In der diese nunmehr wieder verstanden wird als wechselseitige Hingabe von Mann und Frau in integraler und existentieller Weise und nicht als ein durch Machtverhältnisse charakterisierter zivilrechtlicher Vertrag auf Zeit zwischen zwei geschlechtslosen Menschen, der allein der Wahrung ihrer jeweiligen Rechte dient.
In der wir uns selbst – individuell wie gemeinschaftlich – ganz selbstverständlich begreifen als Teil einer durch Empfangen und Weitergabe gekennzeichneten Tradition, bei der jedes neue Menschenleben nichtsdestotrotz einen Neuanfang im Sinne Hannah Arendts bedeutet. In der auch die Umwelt aufhört eine ausschließlich hinsichtlich ihrer Nutzung zu optimierende Masse, genannt „Ressourcen“, zu sein und zu einer Gabe mit symbolischen Bedeutungsgehalt wird, die es zuallererst zu verstehen und dann auch darin zu achten gilt.
Die Überwindung einer Kultur des Todes verlangt den Aufbau einer Kultur des Lebens, die eine Zivilisation der Liebe ist, von der auch der Papst in „Magnifica Humanitas“ wieder sprach. Wie Leo XIV. betonte, ist es dafür nötig, dass jeder seinen Beitrag an seinem Bauabschnitt leistet. Der Beitrag von Metaphysik und Anthropologie wie auch der Theologie ist dabei nicht der unwesentlichste.
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