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Kolumne „Mild bis rauchig“

Damnatio memoriae

Im alten Rom gab es eine besondere Methode, sich seiner Gegner oder allgemein unliebsamer Personen sogar über deren meist unnatürlichen Tod hinaus zu entledigen. Wurde zum Beispiel ein Kaiser gestürzt oder umgebracht, dann beließ man es keineswegs dabei, seine sterblichen Überreste zu beerdigen oder sonst wie zu entsorgen. Nein, man versuchte, auch jede Erinnerung an ihn auszutilgen. 

Namen wurden aus öffentlichen Urkunden gelöscht und aus Steininschriften oder Münzen herausgemeißelt, Statuen und Büsten wurden zerstört, eingeschmolzen oder umgearbeitet. Eine öffentliche Ächtung bestand unter anderem in dem Verbot, den Namen der Gestürzten auszusprechen. Dieser Vorgang ist als damnatio memoriae in die Geschichte eingegangen. Er beschreibt das, was die genannten Vernichtungsversuche bewirken wollen: eine wirklich vollständige Auslöschung von Personen durch die zusätzliche Auslöschung der Erinnerung an diese Personen.

George Orwell hat später dieser Form von organisiertem Vergessen in seinem berühmten Roman „1984“ mit dem darin vorkommenden „Wahrheitsministerium“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Die Behörde fälscht Geschichte durch Auslöschung von Fakten oder Änderung historischer Dokumente bis hin zur Tilgung missliebiger Personen aus der Geschichtsschreibung. Heutzutage ist die Dystopie von George Orwell längst durch die Wirklichkeit überholt worden und die Manipulation des kollektiven Gedächtnisses durch eine allgemein akzeptierte Cancel Culture Alltag. 

Das Vergangene in die Gegenwart holen

Nun sind natürlich die administrativen Anordnungen zu einer vollständigen Löschung von Personen oder Ereignissen wie in der Antike heute durch die Digitalisierung des Lebens von nicht immer nachhaltigem Erfolg. Denn das Internet vergisst bekanntlich nichts. Dennoch hat sich ganz allgemein eine gewisse absichtshafte Geschichtsvergessenheit per Mausklick etabliert, derer man sich anerkannterweise nicht zu schämen braucht. 

Lästiges aus der Vergangenheit kann schnell abgespült werden. Und selbst, wenn es hier und da wieder nach oben gespült wird, so ist es doch durch die Löschung aus der Gegenwart eben nur eine für das „Jetzt“ bedeutungslose Archivalie. Sie liegt im Keller und ist fern des Gedächtnisses. Sollte sie am Tageslicht erscheinen, ist sie allenfalls interessant, aber nicht mehr lebendig. Geschichtlich Getilgtes ist eben tot – selbst für den Fall, dass man es nach einer Auffindung hinter Vitrinenglas stellt. 

Hier ist der Begriff der „memoria“ ganz interessant, den die alten Römer gewählt hatten, um eine Erinnerung zu bezeichnen, die eben nicht eine Archivierung meint für den Fall, dass jemand mal nachschaut, was wann wie gewesen ist. „Memoria“ meint etwas anders. Der Begriff beschreibt eine Form von lebendiger Erinnerung. Die Memoria in Bild und Schrift – oder auch Handlung - vergegenwärtigt das, was sie bezeichnet. Ähnlich wie es später die christliche Theologie der Sakramente zum Ausdruck bringt, nach der ein Ritus nicht bloß an etwas Vergangenes erinnert, sondern das Gewesene – beispielsweise das Kreuzesopfer Christi – in die Gegenwart holt. 

Und zwar ausdrücklich nicht, um das Ereignis rein erinnernd oder symbolisch zu bedenken, sondern um es im „Jetzt“ und „Hier“ wirkungsvoll zu machen. Auch die christliche Ikonographie versteht sich nicht bloß als Illustration der Heilsgeschichte, sondern als eine Form des Eintauchens in diese Heilsgeschichte. Wer eine Ikone der Gottesmutter küsst, küsst die Gottesmutter. Von daher ist die alte Sicht der antiken „memoria“ in den christlichen Raum eingezogen und lebt dort bis heute weiter als ritualisiertes Gedenken, das geschichtlich Bedeutsames in die Gegenwart holt, damit es „jetzt“ wirken kann: die Geburt Jesu, das Letzte Abendmahl und die Stunde von Golgotha, die Auferstehung und Himmelfahrt Christi, das Leben eines Heiligen oder dessen Martyrium. 

Worauf die abendländische Kultur beruht

Diese Fortexistenz der memoria im christlichen Kult ist eine der wichtigen Bauelemente abendländischer Kultur. Denn „Kultur“ ist der Ausfluss aus der kultischen Begegnung mit der Gottheit. „Kultur“ nimmt teil an dem, was in der „memoria“ gegenwärtig gehalten wird. Darin ist sie in erster Linie – wenn sie den Namen „Kultur“ verdienen will – eine in äußeren Formen lebendige Art und Weise, der Wirklichkeit als Ganzer zu begegnen. Die Formen, die im Laufe der Zeit entstanden sind, um das zu bewerkstelligen, sind daher nicht beliebig. Sie müssen in Entstehung und Gestalt geeignet sein, Wahrheit zu inkarnieren. 

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Schönheit ist deswegen ein Merkmal für den Kult, denn in Schönheit spricht sich die Güte der Gottheit aus. Und da, wo die kultische Begegnung mit der Gottheit eine Vermittlung in der Kultur bekommt, da werden diese kulturellen Äußerungen am Ende sowohl Ausfluss als auch Hinführung zur Mitte des Ganzen. Abendländische Kultur – das ist ein unzweifelhafter Befund – bildet sich also immer dort, wo der Bezug zum Ganzen der Wahrheit lebendig ist. Und dieser Bezug gelingt nur in der Vereinigung von natürlicher Bezug-nahme (Erkenntnis) und Offenheit für die übernatürliche Offenbarung (Glaube). 

Da, wo zum Beispiel im Laufe der Kunstgeschichte Darstellungen, Dichtungen, Musik oder Dramatik beginnen, sich in erster Linie aus dem Subjekt zu bedienen, verschwindet Stück für Stück die Synthese von Transzendenz und Immanenz und damit das Konstitutiv der abendländischen Kultur. Es beginnt ein Prozess des Versinkens, den die einen bejubeln, weil sie sich befreit fühlen vom Gängelband objektiver Wahrheit, und die anderen bedauern, weshalb sie zum Trost vergangene kulturelle Äußerungen ins Museum stellen. 

Die Gottesmutter ist wirklich anwesend

Damit schaffen sie eine neue Form von „memoria“, die das Vergangene nicht mehr verlebendigt und ins „Jetzt“ holt, sondern sie nur noch einer gedanklichen Erinnerung erhält. Gut, mehr als nichts! Dennoch ist es ein wesentlicher Unterschied, ob eine gotische Madonna schick ausgeleuchtet und mit erläuternden Schildchen versehen in der Vitrine steht, damit man sie bloß betrachtet, oder ob sie ohne erläuternde Schildchen und ohne LED-Spot-Bestrahlung in der Ecke einer verrußten Kirche steht und sich vor ihr Beter versammeln, die sich weder für ihre Herkunft interessieren, noch dafür, ob das Entzünden ihrer Votivkerze ein konservatorisches Problem darstellt, sondern die nur eines im Sinn haben: Der Gottesmutter zu begegnen, die dort in gotischem oder barockem Gewand vor ihnen steht. 

Für sie ist die Skulptur ein Türchen zum Himmel, wo sie sich der Anwesenheit Mariens sicher sind, weswegen sie unter Umständen auch ohne zu fragen Plastikblumen oder kitschige Ex-Votos vor dem Bild hinterlassen. Denn für die Beter ist – anders als für den üblichen Museumsbesucher – der Grund zum Staunen nicht der Hüftschwung der Parler-Madonna, sondern die wahre Gottesmutter, die ihm über die bildhafte Begegnung hinaus real zulächelt und ihm die Gewissheit schenkt, ihn gesehen und gehört zu haben. Hier hat die „memoria“ nach wie vor ihren Sitz im Leben. Und diesen würde sie sogar im Museum zurückgewinnen, sobald sich jemand anschickte, die dort ausgestellten Marien- oder Heiligenfiguren zum Anlass eines Gebetes zu machen. In dem Moment würde sich die Gefängnistüre der Vitrine öffnen, hinter die die Musealisierung den ursprünglichen Kultgegenstand gebracht hat.

Dies und nichts anderes, lieber Leser, der bis hierhin durchgehalten hat, hatte Papst Benedikt XVI. im Sinn, als er im Jahre 2007 einen Akt ungewöhnlichen Mutes setzte und mit seinem Motu proprio „Summorum Pontificum“ die Möglichkeit schaffte, den bis zur Liturgiereform des Zweiten Vatikanum weltweit verbindlichen Messritus unter recht unkomplizierten Bedingungen wieder zu zelebrieren. Bis dahin war er durch den „neuen Ritus“ der Heiligen Messe ersetzt worden und rangierte wie ein entsorgtes Möbelstück in der Asservatenkammer der Liturgiegeschichte. 

Hier und da gab es ihn als gnädig, aber unter zahlreichen Sicherheitsvorkehrungen zugelassene Feierform, was ihn faktisch aus dem Leben der Kirche verschwinden ließ. Wenn man ihn ab und zu nach langer Suche an legitimierten Orten entdeckte – in abgelegenen Klöstern, Krypten oder in den Kapellen von psychiatrischen Anstalten – hatte der Vollzug und die Teilnahme am Ende immer den schalen Nachgeschmack eines Museumsbesuches, bei dem das Gesehene zwar schön, aber aus der Zeit gefallen erscheint.

Papst Benedikt holte die „Alte Messe“ zurück

Es war nur hartgesottenen Gläubigen oder mit höherer Abstraktionsfähigkeit ausgestatteten Theologen möglich, an den oft garstigen Orten mit ungebremster liturgischer Freude etwas zu feiern, von dem man weiß, dass es in Form und Inhalt eigentlich der Urquell abendländischer Kultur ist. In einer Mischung aus Scham, etwas Verbotenes zu tun, und der mitleidheischenden Haltung von Abhängigen, denen man unter bestimmten Bedingungen Substitutionsmittel verabreicht, weil sie nun mal nicht so einfach von ihrem verbotenen Konsum lassen können, wurden die Gläubigen, die die „Alte Messe“ bevorzugten, in liturgischen Reservaten domestiziert. 

Bis auf einmal im Jahre 2007 die Befreiung gekommen schien und das, was die Katholische Kirche von den Tagen Papst Gregors des Großen (ca. 540 – 604) bis zum Ersten Advent 1969 als zeitüberhobene Kultsprache gesprochen hatte, wieder aus Kellern und Vitrinen geholt wurde. Papst Benedikt XVI. war dabei jedoch keineswegs von dem schon erwähnten Mitleid motiviert, den liturgisch meist als minderbemittelt stigmatisierten „Tradis“ einen Gnadenakt zu gewähren, sondern dem Ritus als gewachsenem und deswegen geheiligtem Ort der Wahrheit sein genuines Recht zurückzugeben. 

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Und zwar aus der Erkenntnis heraus, dass es für eine Institution wie die Kirche – selbst wenn man von allen frommen Dimensionen einmal absieht – ungesund ist, ihren kultischen Kern nicht nur einem derartigen Bruch auszuliefern und ihn damit zu verleugnen, wie es die Liturgiereform getan hatte, sondern ihn darüber hinaus auch noch aus dem Bereich des Sichtbaren zu verdammen und seine Praxis zu verbieten oder wenigstens unter ein Ressentiment zu stellen. Benedikt XVI. folgte dabei der Einsicht, dass gerade in der säkularen Welt eine Kultgestalt nötig ist, die unterscheidbar, einzigartig und zeitlos von dem spricht, was ewig ist und nicht eine Messe, die sich von der Moderation einer mit Text und Musik garnierten Fernsehsendung oft kaum unterscheidet – je nachdem wie sie gefeiert wird. 

Schon in seinen wissenschaftlichen Äußerungen vor der Erhebung auf den Stuhl Petri war es ihm ein Anliegen, die unrechtmäßige Stigmatisierung des tridentinischen Ritus zu kritisieren. Buchtitel wie „Gott und die Welt", „Salz der Erde“ und „Der Geist der Liturgie" hatten schon vor 2007 die Runde gemacht und eine größere Öffentlichkeit für die Beschäftigung mit der liturgischen Überlebensfrage gewonnen. Er scheute sich schon im Jahr 2000 nicht, die Verbannung zu benennen, die der „Alten Messe“ unrechtmäßig widerfahren war: 

„[...] die Ächtung der bis 1970 gültigen Form von Liturgie muss aufhören. Wer sich heute für den Fortbestand dieser Liturgie einsetzt oder an ihr teilnimmt, wird wie ein Aussätziger behandelt; hier endet jede Toleranz [...]. Derlei hat es in der ganzen Geschichte nicht gegeben, man ächtet damit ja auch die ganze Vergangenheit der Kirche. Wie sollte man ihrer Gegenwart trauen, wenn es so ist? Ich verstehe, offen gestanden, auch nicht, warum so viele meiner bischöflichen Mitbrüder sich weitgehend diesem Intoleranzgebot unterwerfen, das den nötigen inneren Versöhnungen in der Kirche ohne einsichtigen Grund entgegensteht.“ (Joseph Kardinal Ratzinger, Gott und die Welt – Glauben und Leben in unserer Zeit, Ein Gespräch mit Peter Seewald, 2. Aufl. München 2000, S. 357).

Franziskus war ein entschiedener Gegner der „Alten Messe“

Nun sind mittlerweile Papst Benedikt und sein Pontifikat Geschichte. Sein Nachfolger hat versucht – trotz entgegenstehender postfaktischer Beteuerungen – es stellenweise wirkungslos zu machen. Und der gegenwärtige Papst wiederum hat das Pontifikat seines Vorgängers – um es mit einem Wort von Martin Mosebach zu sagen – eingefroren. Was die „Alte Messe“ betrifft, hat Papst Franziskus sogar besonders brutal deutlich gemacht, dass der „tridentinische Frühling“ nun vorüber ist und das Motu Proprio „Summorum Pontificum“ wieder einkassiert. 

Die „Alte Messe“ ist nun zurück in Kellern und hinter Vitrinen, eingezwängt in Genehmigungskorsetts und gebunden an Antragsketten, die unwillkürlich an die Bemühungen um den Freigang von Sträflingen erinnern. Bischöfe – vor allem jene, die für die Durchsetzung des Rechts von Gläubigen auf eine ordentlich gefeierte „Neue Messe“ so gut wie unempfänglich sind und jeden liturgischen Missbrauch durchwinken – überschlagen sich in der Sorge um die liturgische Einheit der Kirche und den Gehorsam den Lehren des Zweiten Vatikanum gegenüber für den Falle einer Anhänglichkeit an den alten Ritus. 

Die meisten sehen wohl nicht, dass ihnen längst eine flächendeckende Transzendenzvergessenheit als Quittung für das hartnäckige Desavouieren der liturgischen Tradition auf die Füße gefallen ist. In jeder Verleugnung einer Herkunft liegt eben die Zerstörung einer Zukunft. Auch die harmlosen restaurativen Versuche Benedikts XVI., in einer nachbessernden „Reform der Reform“ den neuen Messritus von manchen unübersehbaren Webfehlern zu reinigen, sind par ordre du mufti vom Tisch und das Mantra von der angeblichen Kontinuität zwischen „alter“ und „neuer“ Messe ist die wieder erstarkte Liturgie-Doktrin. Kardinal Sarah hat sich in diesem Zusammenhang wiederholt pointiert geäußert und noch kürzlich auf die persönliche Demütigung hingewiesen, die dem emeritierten Benedikt XVI. noch zu Lebzeiten durch seinen Nachfolger zugefügt wurde, als er dessen sensiblen, aber weitsichtigen Akt einer Restauration der kultischen Mitte der Kirche zunichte gemacht hat. 

Nun geht es in der Kirche am Ende aber nicht um Befindlichkeiten, sondern es geht am Ende immer um die Wahrheit. Danach und nach nichts anderem bemessen sich Wert und Ruhm von Äußerungen, Anordnungen, Belehrungen und Weichenstellungen. Weswegen es dem geneigten Leser selbst überlassen bleibt, zu ermessen, worin der Wert und der Ruhm für die Nachwelt wohl bestehen wird, mit der jene „damnatio memoriae“ augenblicklich von dikasteriellen Schreibtischen aus versucht, die „Alte Messe“ dem Vergessen anheimzustellen – „the most beautiful thing this side of heaven“ (Fr. Frederick Faber, 1814-1863), die seit dem sechsten Jahrhundert fast ungebrochene und über viele Epochen und Revolutionen hin bewährte Art und Weise, den Himmel für die Menschen kultisch zu öffnen. Ein sicher unrühmlicher Ruhm wäre diese Verdammung. Wäre damit – und das ist die abschließende bange Frage des Kolumnisten – das letzte päpstliche Wort gesprochen?

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