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Eine theologische Geisterstunde

Franziskus und der Wolf

Es gibt Sternstunden der Theologie. Und es gibt theologische Geisterstunden. Von einer solchen möchte ich erzählen.

Es ist ein schöner alter Brauch: Sofern Franziskaner und Dominikaner in derselben Stadt einen Konvent haben, besuchen sie einander am Fest ihrer Ordensgründer. Dabei ist es üblich, dass ein Mitbruder aus dem jeweils anderen Orden dem Festgottesdienst vorsteht.

So war es auch vor wenigen Jahren am Fest unseres Ordensvaters Franziskus. Das Los der Predigt fiel auf einen deutschen Dominikaner, einen emeritierten Professor für Bibelwissenschaft. Gespannt lauschten die versammelten Brüder im braunen und im weißen Habit dem gelehrten Mitbruder.

Eine ökologische Festpredigt

Der Festprediger erinnerte zunächst daran, dass der heilige Franziskus der Patron des Natur- und Umweltschutzes sei. Zur Natur, so stellte er fest, gehörten auch die Tiere. Daraufhin fragt er: Sollten die Tiere nur um des Menschen willen oder um ihrer selbst willen geschützt werden?

Der Dominikaner erinnerte an die in der Tierethik geläufige Unterscheidung zwischen Anthropo- und Biozentrismus. Der Anthropozentrismus erachtet den Menschen, der Biozentrismus hingegen das Leben als zentralen Wert. Sein Urteil war eindeutig: Würde Franziskus heute leben, so wäre er ein Biozentrist!

Der Sonnengesang des Franziskus als egalitäre Schöpfungsvision

Dabei berief er sich auf den „Sonnengesang“, in dem der heilige Franziskus allerlei Geschöpfe emphatisch als Brüder und Schwestern bezeichnet. Der Sonnengesang enthalte eine egalitäre Schöpfungsvision. Sie richte sich nicht nur gegen eine Geringschätzung, sondern auch gegen eine Unterordnung nicht-menschlicher Lebewesen.

Damit nicht genug. Der Predigerbruder übte auch Kritik an Papst Franziskus, der in seiner Enzyklika „Laudato si“ dem Menschen einen besonderen Wert und Vorrang einräumt (vgl. Nr. 90). Aus seiner Sicht falle der Papst damit trotz guter Ansätze hinter die egalitäre Vision des Sonnengesangs zurück.

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Der Höhepunkt war erreicht, als der Festprediger meinte: Der heilige Franziskus hätte wohl kein so großes Problem damit gehabt, wenn ein Wolf ab und zu mal einen Menschen fresse. Wir schauten uns gegenseitig fragend an. Wie bitte?

Der Bibelwissenschaftler verwies auf Gen 9,5, wo Gott nicht nur vom Meschen, sondern auch von jedem Tier, das Blut vergießt, Rechenschaft verlangt. Aber was folgt daraus? Dass Tiere als moralisch verantwortliche Subjekte erachtet werden sollten? Oder etwa, dass wir ihnen zur Abwechslung auch mal Menschenfleisch gönnen sollten?

Ein Biozentrist?

Während der Predigt fragte ich mich: Warum wirkt es befremdlich auf mich, Franziskus als Biozentristen zu bezeichnen? Ich sagte mir: Einen mittelalterlichen Heiligen in tierethischen Gegenwartsdebatten zu verorten, ist sehr gewagt. Es wirkt anachronistisch. Und Franziskus passt auch gar nicht in diese Schublade. Für den Heiligen war alles auf Gott hin durchsichtig, der im Zentrum seines Denkens und Handelns stand. Wenn Franziskus etwas war, dann ein Theozentrist!

Und wenn Franziskus alle Geschöpfe mit Ehrfurcht bedachte, dann nicht um ihrer selbst willen, sondern weil sie für ihn von ihrem Schöpfer sprachen: von seiner Güte, Schönheit und Weisheit. Bisweilen hegte Franziskus zärtliches Mitgefühl für bestimmte Tiere. So erinnerten ihn Lämmer etwa an Christus, das Lamm Gottes, weshalb ihn ihr Schicksal bisweilen mit Mitleid erfüllte.

Franziskus war ein christlicher Theozentrist: Er kontemplierte die Welt im Licht dessen, durch den und auf den hin alles geschaffen ist (Kol 1,16), der in der Fülle der Zeit unsere schwache, zerbrechliche Menschennatur angenommen hat (Gal 4,4).

Ein Egalitarist?

Was aber ist mit der egalitären Vision aller Geschöpfe? Unser dominikanischer Tierfreund ist nicht der einzige Theologe, der eine Stufenleiter des Seins und Wertes überwinden möchte. Auch der habilitierte Ökotheologe Gregor Taxacher erachtet in einem Interview mit dem katholischen Podcast „Himmelklar“ eine solche Stufung als „Teil des Problems“:

„Das ist aus meiner Sicht und aus der Sicht vieler, die sich heute damit beschäftigen, eine problematische Art, die Welt zu sehen. Wir wissen heute evolutionsbiologisch, dass wir selbst Tiere sind.“

Sieht man sich den Sonnengesang genauer an, so zeigt sich: Franziskus bezeichnet darin unbelebte Geschöpfe (!) wie Sonne, Mond und Sterne, Erde, Wasser, Feuer und Wind, ja sogar den Tod als Brüder und Schwestern, weil sie für den Menschen dienlich und nützlich sind.

Vergessene Tiere?

Zudem war unserem Tierfreund entgangen: Tiere kommen im Sonnengesang gar nicht vor! Und daraus, dass Franziskus (leblose) Geschöpfe als Geschwister bezeichnet, folgt offenbar nicht, dass sie mit dem Menschen auf einer Stufe stünden! Der Sonnengesang ist kein theologischer Traktat, sondern christliche Dichtung, die sich bildlicher Stilmittel und poetischer Emphase bedient.

Für den heiligen Franziskus war es selbstverständlich, dass der Mensch einen unvergleichlich höheren Wert besitzt als Tiere. Das bringt folgende Begebenheit zum Ausdruck, die sein Mitbruder und Biograf Thomas von Celano überliefert (Cel II 199): Als einer seiner Gefährten mutmaßte, falls Weihnachten auf einen Freitag fiele, dürfe man an diesem Tag kein Fleisch essen, da hielt ihm Franziskus entgegen: An einem solchen Tag solle man die Wände mit Fleisch bestreichen, damit auch sie an der Festfreude teilhaben könnten!

Das Wichtigste: Ein Blick in die Bibel

Von einem Bibelwissenschaftler hätte ich erwartet, dass er das Buch der Bücher in fachkundiger Weise konsultiert. Bereits auf den ersten Seiten der Bibel lesen wir, der Mensch sei nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen (Gen 1,26). Zudem solle er als Stellvertreter Gottes auf Erden über die anderen Geschöpfe herrschen (Gen 1,28). Mit Egalität scheint es da nicht so weit her zu sein.

Abgesehen davon lehrt der Herr selbst die Menschen im Evangelium: „Ihr seid mehr wert als viele Spatzen“ (Mt 10,31; Lk 12,7). Ja, für ihn ist die seelische Gesundheit eines Menschen wertvoller als eine ganze Schweineherde (Mt 8,30-32). Schließlich verzehrt Jesus mit seinen Jüngern Tiere: etwa das Paschalamm beim letzten Abendmahl (Lk 22,15). All das scheint eine Wertordnung vorauszusetzen, die dem Menschen einen unvergleichlich höheren Wert bemisst als anderen Lebewesen.

Zur Ironie der Geschichte der Theologie gehört es schließlich, dass ausgerechnet das vielzitierte Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) lehrt, der Mensch sei das einzige Geschöpf, das Gott um seiner selbst willen gewollt habe („Gaudium et spes“ 24,3). Ein bemerkenswertes Bekenntnis für einen schöpfungstheologischen Anthropozentrismus, das Öko- und Tiertheologen gern unter den Tisch fallen lassen.

Was ist bloß mit den Theologen los?

Die Predigt stimmte mich nachdenklich. Wie kann es sein, dass bei einem erfahrenen Theologieprofessor beim Thema des Tierschutzes plötzlich alle theologischen Sicherungen versagen? Zugegeben, ein krasser Fall, aber kein Einzelfall. Mir kommen regelmäßig Beispiele aus der christlichen Bildungselite unter, die mich fragen lassen: Was ist bloß mit unseren Theologen los?

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Nun sind Theologen nicht erst seit gestern ideologieanfällig. Beim Schreiben dieser Zeilen erinnerte ich mich an eine Anekdote, die uns ein Philosophieprofessor in Innsbruck einmal erzählte: „In den Jahren nach dem Konzil fanden wir (als junge Priester und Theologen) nichts dabei, beim Gottesdienst statt der Lesung aus dem Alten Testament auch einmal aus dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx vorzulesen!“

Verquere Hermeneutik

Was früher der Marxismus war, ist heute die Genderforschung, Kulturrelativismus, Ökofeminismus und anderes mehr. Diese modernen Strömungen werden von „Theolog*innen“ nicht nur rezipiert, sondern geraten unter der Hand zu einem Deutungsrahmen für die Auslegung der Heiligen Schrift und der Überlieferung.

Das Ergebnis: Während die Grundlagen des christlichen Glaubens bereitwillig einer Hermeneutik des Verdachts ausgesetzt werden, ergeht man sich in unkritischer Begeisterung für allerlei gesellschaftliche Entwicklungen und akademische Trends. Anstatt die Zeitzeichen im Licht des Evangeliums zu deuten, wird das Evangelium im Licht des Zeitgeistes gedeutet – wobei man sich auf veränderte Lebensrealitäten, wissenschaftliche Erkenntnisse und sofort beruft.

Diese Tendenz geht nicht selten mit dem Einsatz für eine Vorstellung von Gerechtigkeit einher, die Rang- und Wertordnungen als problematisch erachtet. Man ist daher bestrebt, sie zu „dekonstruieren“. Im Fall der Öko- und Tiertheologen führt dies immer wieder zu einer Nivellierung des Speziesunterschieds zwischen Menschen und anderen Lebewesen sowie zur Vernachlässigung des moralisch zentralen Unterschieds zwischen Personen und Nicht-Personen.

„Einen anderen Grund kann niemand legen“ (1 Kor 3,11)

Theologia, quo vadis? Wie lässt sich dieser verhängnisvollen Entwicklung entgegensteuern? Ich weiß es nicht. Ich bin ratlos. Ich denke aber: Hier liegt ein tieferliegendes, teils strukturelles Problem vor, über das wir nachdenken sollten. Denn es steht viel auf dem Spiel: Es geht um die Ausbildung künftiger Priester, Theologen und Katecheten – und damit um die Weitergabe des Glaubens. Wir brauchen eine Theologie, die nicht auf Treibsand, sondern auf festen Grund gebaut ist (Mt 7,24-27). Dann werden wir auch die eine oder andere Geisterstunde oder Geisterpredigt verkraften können – und vielleicht sogar etwas aus ihr lernen.

Postskriptum

Im Nachgang kam mir ein Gedanke, der über eine Problemanzeige hinausführt: Es gibt ein Modell dafür, wie das Studium der Theologie heute besser gelingen könnte. Ein solches Modell erlebe ich am von Johannes Paul II. gegründeten Internationalen Theologischen Institut Trumau (Österreich).

Statt des üblichen dozentenzentrierten Vorlesungsbetriebs steht dort das Studium der Quellen im Mittelpunkt. Die Idee dahinter ist einfach und zugleich anspruchsvoll: Von Anfang an sollen die Studenten mit großen Denkern ins Gespräch kommen, indem sie klassische Texte lesen und sich darüber austauschen. So wächst ein geschärfter Blick für die kirchliche Tradition, aber auch für theologische Qualität.

Kurz: Nicht nur Sekundärliteratur lesen, sondern Originaltexte studieren. Nicht nur bei Epigonen lernen, sondern bei den Meisterdenkern in die Schule gehen – bei Platon und Aristoteles, bei den Kirchenvätern und großen Theologen: Augustinus, Thomas, Newman, Guardini etc.

Das Studium am ITI Trumau ist eingebettet in ein intensives gemeinschaftliches und liturgisches Leben. In einer Zeit, in der zwar immer mehr Wissen im Netz verfügbar ist, zugleich aber die Kultur des Lesens und Lernens zunehmend verlorengeht, könnte sich ein solches Studienmodell als zukunftsweisend erweisen.

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