Sie weiß, worunter junge Frauen leiden
Ihre Kernthese ist simpel: Mädchen und junge Frauen litten schon immer unter den Unsicherheiten und Versagensängsten, die das Erwachsenwerden mit sich bringt. Doch heute, im Zeitalter von Social Media, haben diese Ängste ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Wenn sich junge Frauen nicht aus der Logik der sozialen Medien befreien, können sie nicht glücklich werden.
Also hat Freya India, selbst erst 26 Jahre alt, das Buch „GIRLS®“ geschrieben – für die jungen Frauen und Mädchen, die sich im digitalen Leistungsdruck verlieren, aber auch für die Erwachsenen, die Mütter, Väter, Tanten, Onkel oder Lehrer, die keine Ahnung haben von der Lebensrealität der Generation Z. In Großbritannien, ihrem Heimatland, gilt India seit dem Erscheinen des Buches im Frühjahr als Stimme ihrer Generation. Auf Substack, einer der wichtigsten Autoren-Plattformen weltweit, haben 55.000 Nutzer ihre Texte abonniert, eine außergewöhnlich hohe Zahl.
Ins Deutsche ist das Buch noch nicht übersetzt worden, hierzulande ist die junge Autorin noch unbekannt. Das sollte sich ändern; die Gefahren, die India für sich und ihre Altersgenossinnen diagnostiziert, machen nicht am Ärmelkanal halt, sondern sind globaler Natur. Instagram oder TikTok gibt es in London, genauso jedoch in Tokio, auf der finnischen Seenplatte oder in Fürstenfeldbruck.
Follower und Likes werden zum Sinn des Lebens
India buchstabiert in „GIRLS®“ all die falschen Ideen von einem guten, erfüllten Leben aus, die die Internetkultur schon Teenagerinnen ins Gehirn pumpt. Gliedern lassen sich die toxischen Ideen in drei Bereiche: Aussehen, Beziehungen und psychische Gesundheit.
Dass sich Frauen unter dem Einfluss der Massenmedien unrealistischen Schönheitsidealen unterwerfen, ist vielfach beschrieben worden, ganz prominent Anfang der Neunziger Jahre von der Feministin Naomi Wolf in ihrem Weltbestseller „Der Mythos Schönheit“, an den „GIRLS®“ bisweilen erinnert. Es war damals allerdings noch relativ einfach, zwischen einem Werbeplakat mit einer spindeldürren Kate Moss und der Realität zu unterscheiden.
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Heute halten immer mehr junge Frauen – übrigens auch Männer – die Werbung für die Wirklichkeit. Zu omnipräsent ist die Bilderflut von makellosen Frauenkörpern und -gesichtern in den sozialen Medien. Mädchen verbringen so viel Zeit an ihrem Smartphone, dass sie am Ende eines Tages weitaus mehr stark bearbeitete Bilder gesehen haben als echte Menschen mit ihren natürlichen Unzulänglichkeiten.
Doch die Logik der sozialen Medien führt noch tiefer in die Misere, sagt India. Junge Frauen lassen sich nicht mehr nur von der Werbung dazu verführen, fortwährend ihr Aussehen anzupassen und bestimmte Produkte zu kaufen. Sie machen sich selbst zum Produkt, dessen Wert sich an der Zahl der Follower und Likes bemisst. Darauf spielt der Untertitel des Buches an, „Gen Z and The Commodification of Everything“, den man übersetzen könnte mit: „Wie alles im Leben der Gen Z zu einer Ware wird“.
Da Social Media von der täglichen Dosis lebt, muss das Produkt, also man selbst, täglich neu in Szene gesetzt werden. Neue Selfies, neue Reels sollen Tag für Tag beweisen, dass man schön und erfolgreich ist, mit den richtigen Leuten verkehrt, dass man die angesagten Events besucht und ein aufregendes Leben führt. Der Selbstwert hängt von äußerer Bestätigung ab, von der Reaktion der anderen, oft gänzlich fremden Social-Media-Nutzer auf den eigenen Account.
Freundschaften verkümmern, Liebe zerbröselt
Eine gesunde Beziehung zu sich selbst ist unter diesen Bedingungen unmöglich. Selbiges gilt für die Beziehungen zu anderen Menschen. „Freundschaften“ verlagern sich vom echten Leben in die digitale Welt, mit verheerenden Folgen, wie India am eigenen Beispiel durchexerziert. Sie rekapituliert:
„Die Freundschaften, die ich hatte, kamen mir oberflächlich und seicht vor; es ging mehr darum, gemeinsam Selfies zu machen, als um irgendetwas anderes. Meine einzige Gemeinschaft fand ich online; das, was einer Freundin am nächsten kam, waren die Influencerinnen, denen ich jeden Abend zusah.“
Aber es sind nicht nur Freundschaften, die verkümmern. Liebesbeziehungen zerbröseln im gleichen Tempo, wobei man präziser sagen müsste: Sie, die echten, tiefen Liebesbeziehungen, kommen unter dem Online-Regime immer seltener überhaupt zustande.
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Hier liegt wohl die Antwort auf die Frage, warum viele Kommentatoren India als Konservative labeln. Die junge Autorin wuchs zwar nach eigenen Angaben in einem Umfeld auf, in dem Konservatismus – und das Christentum – nicht nur als „rückständig und archaisch galten, sondern zudem als peinlich, beschämend und als etwas, das in eine andere Welt gehörte“. Sie ordnet sich selbst keinem politischen Lager zu.
In Beziehungsfragen vertritt sie indes dezidiert konservative Standpunkte und spricht sich vehement für feste, monogame und deshalb wirklich erfüllende Beziehungen und für die Ehe aus. Dass Linke, in deren Milieus die Erzählung von der Ehe als patriarchalem Unterdrückungswerkzeug dominiert, hier skeptisch werden, liegt auf der Hand.
Zumal India die moderne Hookup-Kultur, also die Normalisierung von unverbindlichem Sex ohne feste Partnerschaft und große Gefühle, nicht nur auf die Etablierung entsprechender Dating-Apps und die Allgegenwart von Pornografie zurückführt. Ebenso sind in ihren Augen Linke und Feministinnen verantwortlich, indem sie jungen Frauen den Floh ins Ohr setzen, ständiger unverbindlicher Sex statt monogamer Liebe sei eine Form von Befreiung und Selbstermächtigung. In Wahrheit führt dieser Lebenswandel in die Einsamkeit und über kurz oder lang in eine schwere Sinnkrise, so die wichtige Botschaft in „GIRLS®“.
Die Psyche leidet
Die digitale Selbstvermarktung und die Implosion der Beziehungsfähigkeit laufen im dritten großen Feld, das India beackert, zusammen: Dem Niedergang der psychischen Gesundheit, der mehr und mehr Mädchen erfasst. Statt die krankmachende Online-Welt zu verlassen, wird den jungen Frauen eingeredet, nur dort, online, sei die Heilung zu finden. Unternehmen, so Indias These, bewirtschaften die weiblichen Ängste und verkaufen Scheinlösungen.
Gemeint sind Gesundheits- und Therapie-Apps, der Hype um „Selfcare“-Produkte und vor allem auch die unüberschaubare Menge an Gesundheitscontent auf den sozialen Plattformen. Die Algorithmen bombardieren vulnerable Frauen mit Mental-Health-Videos, bis sie überzeugt davon sind, ein gesundes Leben sei nur möglich, indem sie kontinuierlich die Ratschläge von Influencern konsumieren.
Ist Kulturchristentum die Lösung?
Kritiker mögen bemängeln, dass Indias Beobachtungen nicht allzu originell seien. Wissen wir nicht längst, dass Menschen unglücklich werden, wenn sie zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen? Ist es nicht trivial, den destruktiven Sog zu thematisieren, den die sozialen Medien auf heranwachsende Frauen ausüben? Wäre es nicht längst an der Zeit, Lösungen zu präsentieren, statt das x-te Buch über die Problemlage ins Rennen zu schicken?
An diesen Einwänden ist etwas dran. „GIRLS®“ ist kein perfektes Buch. Dass ein sinnerfülltes, glückliches Leben auf stabilen, liebevollen Beziehungen in der realen Welt beruht, ist eine einfache Wahrheit, für jedermann eingängig auch ohne ausschweifende Lektüre. Aber Wahrheiten sind meistens einfach. Die Aufgabe kluger Autoren besteht darin, die Nebelkerzen aus dem Weg zu räumen, die in der Debatte kursieren und den Blick auf die Wahrheit verstellen. Genau das tut India, mit einer Detailschärfe und profunden Kenntnis über die Lebensrealität der weiblichen Gen Z, die nur selten zu finden ist.
Dabei ist das Verweben der Generationenanalyse mit ihren persönlichen Erlebnissen eine besondere Stärke des Buches – wobei dies tatsächlich nur für die Problembeschreibung gilt. Lösungen kommen auf den gut 300 Seiten zu kurz. Gerade weil sie ihren eigenen Leidensweg so eindrucksvoll bilanziert, hätte man sich gewünscht, dass die 26-Jährige auch ihren Lösungsweg greifbar macht. Wie hat sie eine gesunde Balance gefunden zwischen digitalem Mitteilungsdruck und sozialer Isolation? Schließlich hat sie einen beträchtlichen Teil ihres Erfolgs ihrer Onlinepräsenz zu verdanken.
Monieren könnte man außerdem den übermäßigen Fokus auf die Gefahren der Internetwelt, während ein anderer zentraler Faktor für die Krise der jungen Frauen wenig Beachtung findet, nämlich der Zerfall der Familie. India weiß um diesen Aspekt, reißt ihn allerdings lediglich an, etwa wenn sie über ihre eigene kaputte Familie schreibt:
„Es waren nicht nur die sozialen Medien, die mich so fühlen ließen. Meine Familie war auseinandergebrochen, als ich drei Jahre alt war, ich war am Boden zerstört, völlig niedergeschlagen, und dieses Gefühl begleitete mich durch meine gesamte Jugend und meine Zwanziger. Einen Großteil meiner Kindheit verbrachte ich damit, zwischen meiner Mutter und meinem Vater vor deren Haustüren hin- und hergereicht zu werden, bevor ich dann in meinem Zimmer saß, auf einen Bildschirm starrte und meinen Freunden Nachrichten schrieb.“
Die schwindende Bedeutung der Religion bleibt ebenfalls weitgehend unberücksichtigt. India betont zwar: „Neben dem Rückzug ins eigene Leben, mehr Privatsphäre, der Pflege echter Beziehungen und dem Versuch, uns um andere zu kümmern, müssen wir auch den Glauben finden.“ Zugleich schränkt sie ein: „Nicht unbedingt religiöser Glaube, sondern der Glaube an etwas Größeres, die Überzeugung, dass mehr als dieses Leben möglich ist, etwas, das über Hedonismus, Konsum und Wettbewerb hinausgeht.“
Diese Meinung hat sie inzwischen – „GIRLS®“ erschien im Februar, die Idee dafür entwickelte sie schon 2021 – geändert. Zumindest sieht es danach aus. Auf ihrem Substack-Blog und in Magazinartikeln beschäftigt sich Freya India seit Monaten verstärkt mit dem Christentum, in einem Interview sagte sie, dass Frauen der Gen Z Gott brauchten. Geht es hier um Kulturchristentum oder den genuinen christlichen Glauben? Vielleicht dreht sich darum ihr nächstes Buch.
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