„Wer fleißig ist und mehr verdient, wird ja nicht automatisch zu einem schlechteren Menschen“
Noch bevor man die dreistöckigen Büroräumlichkeiten in der Münchner Altstadt betritt, fällt dem Reporter eine Vitrine ins Auge. Zentral hängt eine schön geschmückte Segensurkunde. „Der Heilige Vater Papst Leo XIV. erteilt Peter Werner Maria Löw anlässlich seines 65. Geburtstages von Herzen den Apostolischen Segen und erbittet die Fülle der göttlichen Gnaden.“ Links und rechts davon sind Bücher ausgestellt: „Flusenflug“, „Jungenhaft“, „Die Wolke“, „Der Freund“, eine Abhandlung über Theologie und Wirtschaft sowie eine Formularsammlung für die Berliner Rechtspraxis. Und in einem schmucken Ledereinband mit goldener Schrift: „Jesus von Nazaret. Das eine Evangelium“.
Herausgegeben oder verfasst sind die Bücher von Peter Löw. Der Unternehmer und zweifach promovierte Jurist zählt laut Manager-Magazin zu den 500 reichsten Deutschen. Mit seinem Wohlstand hält Löw nicht hinterm Berg, auf Instagram oder in YouTube-Videos zeigt er, wie sein Alltag aussieht. Oder wie man am schnellsten von seinem Wohnort Starnberg zum Gardasee kommt (nicht mit dem Auto).
Und doch ist der wortgewandte Unternehmer nicht irgendein „Reicher“. Löw ist Katholik und achtfacher Vater. Seinen Glauben lebt er auch. Mitglieder seiner Gemeinde berichten, dass er regelmäßig in der Sonntagsmesse zu sehen ist. Er trug zur Kirchenrenovierung bei und hilft neuerdings auch Familien, die Tauffeierlichkeiten zu begehen. Bei der Aktion „Starnberger Schutzengelchen“ erhalten Eltern, deren Kinder getauft werden, 500 Euro. Das hat Löw nicht nur Lob eingebracht. Im Interview mit Corrigenda spricht der erfolgreiche Unternehmer über die Vereinbarkeit von Glauben und Reichtum, über den politischen und kulturellen Zustand Deutschlands und über Beziehungen.
Herr Professor Löw, Sie unterstützen Familien in Ihrer Gemeinde, die ihre Kinder taufen lassen, mit 500 Euro. Was wollen Sie damit bezwecken?
Man muss schauen, wo die Geschichte herkommt: Ich war vor einigen Wochen auf einer Veranstaltung, auf der auch ein Pfarrgemeinderat aus Starnberg dabei war. Nach dem dritten Bier erzählte er mir, dass es in diesem Jahr so wenige Taufen gebe. Ich fragte ihn, woher das komme. Zum einen seien weniger Menschen konfessionell gebunden. Zum anderen gebe es aber auch solche, die vielleicht nicht sonderlich aktiv im Glauben seien, aber ihre Kinder schon taufen lassen würden. Bloß scheuten sie den Aufwand drumherum, also das Fest, viele Gäste einladen, was Gutes zum Anziehen … Und da habe ich gesagt: Das ist doch schade für die Kinder, denn für die wäre es ja gut, wenn sie getauft sind. Als startete ich diese kleine Aktion, um den Menschen einen kleinen Schubser zu geben.
Könnte es nicht sein, dass Sie Eltern in eine unangenehme Situation bringen? Dass sie sich in ihrer Ehre gekränkt fühlen, vielleicht zum Almosenempfänger zu werden, die sich keine Taufe „leisten“ können?
Eltern lieben ihre Kinder. Und wir geben den Kindern ein Taufgeschenk. Sie bekommen auch nicht nur Geld, sondern auch ein kleines Stofftier und ein Evangelium. Ich bemühe mich auch immer, bei den Taufen persönlich vorbeizukommen. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Eltern unglücklich sind deswegen. Bisher haben sie sich immer gefreut. Ich kann mich noch gut an die erste Taufe erinnern, bei der ich dabei war. Der Vater sagte, er fahre mit dem Geld mit den Kindern in den Bayernpark, einen Freizeitpark für Familien, was er sich sonst nicht hätte leisten können.
Wie viele Taufen gab es bisher?
Sechs. Und das war erst der erste Monat. Jetzt enden die Sommerferien, und dann stehen weitere zehn in der Pipeline.
„Soll mir verwehrt sein, anderen Leuten ein Geschenk zu machen, bloß weil ich nicht zu den ganz Armen gehöre?“
Sie haben auch auf Instagram von der Aktion berichtet. Einige Wochen zuvor hatten Sie ein Video veröffentlicht, in dem Sie fragten: Was ist der schnellste Weg von Starnberg zum Gardasee? Und dann antworteten: Mit einem Helikopter. Und wenige Wochen später starten Sie die Schutzengelchen-Aktion. Wirkt das nicht gönnerhaft oder arrogant?
Das weiß ich nicht. Die 500 Euro sind an keine Gegenleistung geknüpft. Es gibt nur ein paar Bedingungen: Das Kind sollte nicht älter als drei Jahre alt und in Starnberg gemeldet sein. Damit nicht irgendwelche Erwachsene aus Berlin daherkommen, sich taufen lassen und sich mit den 500 Euro zehn Flaschen Alkohol kaufen. Es hat mich ehrlich gesagt verwundert, warum das so ein überregionales Echo erzeugt hat. So viel dazu. Und wenn ich jetzt erzähle, dass wir mit dem Hubschrauber zum Gardasee fliegen, dann ist das gar nicht süffisant, sondern es ist mit den vielen Kindern tatsächlich viel angenehmer als mit dem Auto. Sie könnten mir genauso vorwerfen, dass ich Kindern 500 Euro gebe und abends in einem Fine-Dining-Restaurant esse oder in einem großen Haus lebe.
Bestimmt gibt es Menschen, die das tun.
Soll mir verwehrt sein, anderen Leuten ein Geschenk zu machen, bloß weil ich nicht zu den ganz Armen gehöre?
Die Bibel lehrt uns, unsere Talente zu nutzen. Noch öfter aber warnt sie vor materiellem Reichtum. Ist ein gottgefälliges Leben auch als wohlhabender Mensch möglich?
Ich glaube schon. Es gibt zwei Konzepte: Das eine ist, allen persönlichen Besitz herzugeben und Jesus nachzufolgen. Wenn Sie sich aber mal umschauen, dann macht das kein Mensch, außer Priester und Ordensmitglieder. Alle anderen tun das nicht, einschließlich Ihnen, Sie tragen eine Uhr und gescheite Schuhe. Jetzt kann man sagen, gut, der eine ist reich, deswegen müsste er eigentlich noch mehr machen. Und jetzt kommen wir zum zweiten Konzept: In der Bibel stehen sehr viele Gleichnisse, und ganz oft stellen sie eine wirtschaftliche Situation dar. Der Gutsbesitzer mit seinen drei Angestellten etwa, wobei derjenige, der es zu etwas gebracht hat, nicht als der Böse dargestellt wurde. Ich glaube, im Evangelium stehen deshalb so viele wirtschaftliche Beispiele, weil sie aus dem Leben der Menschen gegriffen sind, aus ihrem Alltag. Und Jesus sagt nicht, dass die Situation des Gutsherrn, des Weinbergbesitzers, des Königs, der zur Hochzeit lädt, des Hauptmanns von Kafarnaum, der für seinen Diener was will, völlig abartig ist und sie erst mal ihren Besitz aufgeben sollen.
Richtig ist aber auch: Ein größerer Besitz führt dazu, dass man leichter in Versuchung kommen kann, eben nicht was Gescheites damit anzustellen. Die Beispiele, auf die Sie anspielen, die gibt es, ja, ich kenne solche Leute, die ihre Talente dafür nutzen, um Rembrandts zu kaufen, die nicht einmal mehr einer anschauen kann, weil sie in der Hoffnung auf Wertsteigerung in den Keller gestellt werden.
Wenn man ganz normal am Wirtschaftsleben teilnimmt und es ein gewisser Erfolg und Wohlstand mit sich bringt, dass man viele Angestellte hat, denen man Lohn und Brot gibt, dann würde es auch dem einfachen Menschen schlechter gehen, wenn es diesen Arbeitgeber plötzlich nicht mehr gäbe. Wer fleißig ist und mehr verdient, der wird ja nicht automatisch zu einem schlechteren Menschen. Dieser Verzicht steht auch nicht in den Zehn Geboten und auch nicht im elften. Die Frage ist, was man mit den Mitteln macht.
„Die Unternehmen, die in irgendwelche Gutmenschensachen investieren, sind meistens wirtschaftlich nicht so erfolgreich“
Laut Milton Friedman haben Unternehmer und Unternehmen keine soziale Verantwortung. Sie sollen schauen, dass ihr Unternehmen funktioniert, dass das Unternehmen profitabel ist, weil dadurch automatisch soziale Wohltaten für die Gesellschaft in Form von Steuern, Arbeitsplätzen und guten Produkten entstehen. Was halten Sie von dieser Aussage?
Ich würde sagen, da hat er sicher recht. Diese Unternehmen, die in irgendwelche Gutmenschensachen investieren, die sind meistens wirtschaftlich nicht so erfolgreich wie andere. Das heißt, über die Zeit verlieren die Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit, und da ist die Gefahr größer, dass die irgendwann mal vom Markt verschwinden. Und damit gehen Arbeitsplätze verloren. Und dann? Das sind ja die eigentlichen Grausamkeiten, wenn Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren, und da hängen oft auch Familien dran. Wenn die Unternehmen gut funktionieren, dann gibt es positive Effekte für die Gesellschaft, dafür muss man sie nicht extra sozial ausrichten. Das heißt natürlich nicht, es müssten keine Mindeststandards eingehalten werden. Ein Unternehmer darf natürlich keine Kinderarbeit oder Ausbeutungssituationen schaffen.
Die politische und wirtschaftliche Stimmung in Deutschland ist schlecht. Handelt es sich um eine Übertreibung oder steht es wirklich so schlecht um Deutschland?
Wenn man die augenblickliche Situation sieht, dann würde ich sagen, es steht schon schlecht. Es hat sich sehr viel geändert. Das Problem in Deutschland und in manch anderen Demokratien ist, dass es sie schon so lange gibt. Und wenn eine Demokratie immer älter wird, dann hat sie eben viele Legislaturperioden hinter sich. Und jede Legislaturperiode wird immer damit begonnen, dass immer neue Gesetze kommen. Das heißt, die Überregulierung nimmt von Mal zu Mal zu. Die Abgeordneten können ja schlecht sagen, ich mache einfach vier Jahre gar nichts.
Es wäre einen Versuch wert.
Ja, es wäre für die Gesellschaft vielleicht ganz gut. Aber leider geschieht das Gegenteil. Ein Linker muss noch mehr Wohltaten verbreiten. Ein Grüner muss sich etwas einfallen lassen, um das Land noch grüner zu machen, und so weiter. Und das führt dazu, dass über viele Jahre einfach ein überregulierter Staat entsteht, von dem der einzelne Bürger schon fast den Eindruck hat, dass der Staat übergriffig wird. Es wird detailliert alles vorgeschrieben in den Bauordnungen, in den Gewerbeordnungen, in den Gastwirtschaftsordnungen, wie man was wo alles tun darf. Und das hemmt natürlich den Einzelnen.
Wie war das früher?
Wenn man 1960 eine Firma gegründet hat, dann meldete man die an und legte los. Heute muss man ein Berichtswesen haben, jeden Monat dies und jenes melden. Wenn ich Leute einstelle, muss ich gucken, welches Geschlecht die haben, damit ich auch ja nicht irgendwas falsch mache. Ich muss schon bei meinen Toiletten darauf achten. Also es ist ein Wahnsinns-Moloch, der da mitgezogen wird. Und jede Regierung behauptet immer, jetzt wird es besser, doch es wird einfach jedes Mal immer schlimmer.
Ist da noch etwas zu retten oder sollte man gleich abhauen?
Da ist schon noch etwas zu retten. Ich will mich nicht in Parteipolitik ergehen, aber dazu braucht es eben nicht nur einen Willen, sondern auch jemanden, der es dann auch macht. Wir hatten ja einen Kanzlerkandidaten, der viel versprochen hat, dann aber nichts umgesetzt hat. Der hat gar nichts hingekriegt, ob Steuerreform, Gesundheitsreform oder Rentenreform. Im Gegenteil, das steht alles wieder auf der Kippe. Und das, obwohl nur kleine Schritte vorgesehen waren.
„Politikersein ist inzwischen eine Karrierelaufbahn“
Muss es erst noch schlechter werden, bevor es besser wird?
Nein, das würde ich nicht sagen. Ich frage mich aber schon, woher die Leute kommen sollen, die das umsetzen wollen.
Sie haben viele marode Unternehmen übernommen und wieder aufgebaut. Würden Sie sich auch vorstellen können, politisch aktiv zu werden, auf irgendeiner Ebene?
Nein, ich bin ja nicht parteipolitisch gebunden. Ich bin bewusst nicht Mitglied irgendeiner Partei geworden, und ich habe mich auch nicht besonders politisch engagiert. Das können Sie mir vielleicht ein bisschen vorwerfen als einen gewissen egoistischen Zug. Das Politikerdasein hat sich in den vergangenen 80 Jahren aber stark geändert.
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Früher spürte man die Berufung, etwas politisch zu unternehmen, und dann tat man das. Heute sind in der Politik Leute, die schon ins Studium gehen und sagen, sie wollen Politiker werden. Politikersein ist inzwischen eine Karrierelaufbahn.
Vielleicht ist das ja gerade das Problem?
Es ist insofern ein Problem, als dass heute nicht mehr in der Sache entschieden wird. Heute ist nicht mehr die Sache wichtig, sondern die Person. Wenn die CDU sagt, sie fände dies und jenes richtig und stellt das dann zur Abstimmung und die AfD oder die Linke stimmen zu, dann gibt es einen Aufschrei. Das geht nicht und das darf so nicht sein. Woher die Mehrheiten für eine richtige Sache kommen, ist doch völlig wurscht!
Bei einem Vortrag vor Studenten im vergangenen Jahr sagten Sie, die Psychologie sei ein wichtiger Faktor bei der Sanierung eines Unternehmens. Man müsse Mitarbeitern wieder Mut machen, sie aus ihrer Lethargie herausholen. Was würden Sie Politikern raten, um den Bürgern wieder Mut zu machen?
Sie sollen weniger auf Partei und Person schauen, sondern mehr auf die Sache. Und wenn die Sache passt, dann ist es egal, wer zustimmt. Es war doch gerade ein in Deutschland lange verbreiteter Grundsatz, dass die Sache wichtiger ist als die Person, die dahintersteht. Stellen Sie sich vor, an einem Ort werden regelmäßig Leute totgefahren, weshalb eine Ampel hermüsse. Und der Kommunist und der AfDler sagen, sie seien dafür. Dann kann ich doch nicht sagen, ich mache da keine Ampel hin, weil zwei Idioten auch dafür sind. Die Politik ist in dieser Hinsicht einen völligen Irrweg gegangen, deshalb sitzen wir jetzt in dieser Pattsituation, in der wichtige Sachen nicht mehr entschieden werden.
Warum engagieren sich in Deutschland nicht mehr Wohlhabende politisch?
In Deutschland gibt es sehr viel privates Geld. Anders als in den USA etwa scheuen wohlhabende Unternehmer, sich in die Politik einzumischen. Selbst in Frankreich gibt es mit Pierre-Édouard Stérin und Vincent Bolloré zwei Milliardäre, die den nächsten Wahlausgang mitbeeinflussen wollen. Sie unterstützen aber auch Brauchtumsvereine und Denkfabriken. Warum geschieht das in Deutschland nicht in dem Maße?
Ich denke, das liegt daran, dass, wenn mal einer was macht, er sofort niedergeknüppelt und viel stärker kritisiert wird, als das in anderen Ländern der Fall ist. In den USA sagt man, das sei ja toll, wenn jemand dieses oder jenes macht, auch wenn er private mit gemeinnützigen Motive mischt. In Deutschland ist aber sofort von Beeinflussung und Missbrauch des Geldes die Rede, das gegen die Demokratie sei, wo jeder nur eine Stimme hat. Das ging schon mit der Herabsenkung der nicht-meldepflichtigen Parteispenden los. Ich wäre mir gar nicht so sicher, ob derjenige, der sich einmischt, der Sache nicht einen Bärendienst erweisen würde.
Dann müsste man versuchen, diese Grundstimmung zu ändern.
Ja, bloß die ist nun eben so, wie sie ist, das hat sich über Jahre aufgebaut. Um das wieder zu ändern, dauert es sehr lange. In Deutschland haben wir eine Extremsituation.
Den anderen Pol finden wir in den USA und China vor, wo jeder ein Riesenvorbild ist, der etwas geschafft hat. In den USA gilt das auch für religiöse Gruppen, weil die ja eine Theorie entwickelt haben, wonach ein Reicher die Unterstützung Gottes hat.
Das ist calvinistische Denke.
Genau, bei uns ist es eher so, dass man über jeden, der es zu etwas gebracht hat, sagt, das kann doch nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Aber wenn jemand im Lotto zehn Millionen Euro gewinnt, dann wird er dadurch doch nicht zu einem schlechten Menschen. Ich halte diese Auffassung für ziemlich verquer. Und die kommt auch immer von Leuten, die nicht so erfolgreich sind.
Jemand wie Sie sollte aber ein ausreichend dickes Fell haben, dass ihn solche Anwürfe nicht stören und er trotzdem spendet und fördert, was er möchte.
Es ist mir auch egal. Ich mache die Dinge, die ich für wichtig halte. So wie die „Patenschaften“ bei den Taufen. Oder wie die Stipendien, die ich an der IESE Business School vergebe für katholische Studenten. Oder über das „European Heritage Project“, wo ich erhebliche Mittel dafür aufwende, denkmalgeschützte und bedeutende historische Bauten vor dem Verfall zu retten. Gerade sind wir dabei, die Sanierung des Klosters San Martino a Sezzate zu vollenden. Wir haben auch fünf oder sechs eigene Kirchen in Afrika gebaut, die für Gottesdienste genutzt werden. Wir haben eine Wallfahrt samt Maiandacht am Schloss Hofhegnenberg wieder ins Leben gerufen, wo eine heilige Marienfigur in einer feierlichen Prozession in die Schlosskirche gebracht wird, anschließend findet ein großes Fest statt, wo wir das ganze Dorf zu Bier und bayerischer Brotzeit einladen. In Oberösterreich haben wir voriges Jahr einen Pilgertag ins Leben gerufen, und damit das wieder gescheit aussieht, haben wir gemeinsam mit dem Pfarrer die Zufahrt zur Kirche saniert.
„Das ist das Schöne am Unternehmertum, dass man außer dem lieben Gott keinen Herrn über sich hat“
Das ist vorbildlich. Wie sind die Reaktionen?
Früher hätte ich gedacht, wenn ich Schlösser und Klöster saniere oder Familien ein Geschenk mache, dass das für gut befunden wird und andere zum Nachahmen anspornt. Stattdessen heißt es zum Beispiel, ich sei größenwahnsinnig geworden. Aber das ist mir alles recht egal. Das ist ja das Schöne am Unternehmertum, dass man außer dem lieben Gott keinen Herrn über sich hat. Man ist nur sich selbst und Gott gegenüber Rechenschaft schuldig. In der Politik klappt das alles nicht. Ich versuche daher, als Vorbild in den Bereichen zu wirken, die man schwer kritisieren kann.
Plötzlich betritt Löws Frau Clara den Raum. Die als Cat Lion bekannte Sängerin und Songwriterin gibt ihrem Mann einen Kuss und begrüßt den Reporter, wechselt ein paar Worte mit den beiden, lobt ihre oberbayerische Wahlheimat. Anschließend setzt sie sich an seinen Schreibtisch und arbeitet.
In einem Gespräch mit David Döbele berichteten Sie vor kurzem, dass die Stimmung unter Katholiken in Übersee deutlich besser sei: Fröhlichkeit, Engagement, Schwung. Es handelt sich um dieselbe römisch-katholische Kirche, warum ist es dort anders als hier bei uns?
Es ist ja nicht nur in den USA so, schauen Sie nach Afrika oder Asien, da wächst die Kirche – und zwar überproportional zum Bevölkerungswachstum. Ich würde also anders fragen: Warum gibt es diese Aufbruchstimmung hier bei uns im deutschsprachigen Raum nicht?
Warum nicht?
Zum einen liegt es am Rückgang der Kirchen als Institution und am Rückgang ihrer Mitglieder, was ja, wie gesagt, gegen den Welttrend ist. Zum anderen hat es historische Gründe. Ein wichtiger Grund ist die Kirchensteuer, wovon ich ein großer Gegner bin. Wenn Sie in Deutschland Jude, Moslem, Hindu oder Angehöriger einer Pfingstgemeinde sind, müssen Sie nichts zahlen, wenn Sie aber Mitglied der etablierten Kirchen sind, dann müssen sie praktisch eine Gebühr zahlen, damit Sie an den Sakramenten teilnehmen dürfen. Das ist total gegen den Sinn des Evangeliums.
„Die Kirche dient sich dem Politischen an – das ist ein Problem“
Es gibt auch gute Argumente für die Kirchensteuer. Man ist nicht abhängig von Großspendern, die eventuell Einfluss einfordern, oder man finanziert damit wichtige Wohlfahrtsarbeit.
Der große Nachteil aber ist, dass sich in Deutschland Staat und Kirche decken. Die Kirche dient sich dem Politischen an. Und genau diese negativen Auswirkungen erleben wir heute. Die Evangelische Kirche ist schon politisiert, die Katholische auf dem Weg dahin. Und das liegt eben daran, dass wir diese großen Apparate haben, die mit dem Staat verquickt sind. Nur in Deutschland, Österreich und im Elsass haben wir die Kirchensteuer, das gibt es sonst nirgends auf der Welt.
Auch als Bischof steht man wie ein großer Unternehmer in der Verantwortung für viele Menschen. Bewertet man die Kirche in Deutschland nach unternehmerischen Maßstäben, zum Beispiel nach der Quote der Gottesdienstbesucher oder dem Verhältnis von Ein- und Austritten, wie bewerten Sie dann die Arbeit der deutschen Bischöfe?
Das würde ich auch ändern. Dass ein Bischof Herr über so viele Mitarbeiter ist, haben Sie auch nur in Deutschland so. Dass die Kirche der größte Arbeitgeber Deutschlands ist, ist doch völlig irre. Ein Bistum sollte kein Arbeitgeber sein.
Zur Person Peter Löw
Peter Löw, geboren 1960 in Ludwigshafen, leistete nach seinem Abitur Wehrdienst als Fallschirmjäger und studierte im Anschluss Rechtswissenschaften an der Universität Freiburg. 1985 legte er das erste Staatsexamen ab, 1990 das Assessorexamen, 1992 wurde er an der Universität Würzburg mit einer Arbeit über die nationalsozialistische Gemeindeordnung von 1935 promoviert. Parallel zum Jurastudium begann er in Freiburg 1982 ein Geschichtsstudium, das er später an der Technischen Universität Berlin fortsetzte. 1989 promovierte er auch in diesem Fach, mit einer Dissertation an der Universität der Bundeswehr Hamburg über das preußische Heer. Außerdem absolvierte er 1991 ein wirtschaftswissenschaftliches Studium (MBA) an der privaten Wirtschaftshochschule Insead im französischen Fontainebleau. 2013 ernannte ihn die Philosophisch-Theologische Hochschule Heiligenkreuz zum Honorarprofessor für Wirtschaftsphilosophie. Seine unternehmerische Laufbahn begann Löw, den das Manager Magazin 2020 auf Platz 320 der 500 reichsten Deutschen einordnete, 1985 mit der Gründung eines Verlags, den er bis 2006 leitete. Nachdem er 1991/1992 als Berater bei McKinsey & Company tätig war, übernahm Löw nach eigenen Angaben mehr als 300 Unternehmen oder Anteile daran. So gehören ihm beispielsweise das Recyclingunternehmen Tubis AG in München, eine Reihe landwirtschaftlicher Betriebe und Weingüter sowie mehrere Restaurants und Hotels. Mit seiner 2019 gegründeten Gesellschaft „The European Heritage Project“ erwirbt er Baudenkmäler in Europa und lässt diese sanieren, so beispielsweise das Schloss Frankenberg am Steigerwald. Dort heiratete er auch 2018 seine zweite Frau Clara Löw, geborene Aitenbichler, eine Country-Pop-Sängerin aus Österreich. Löw ist achtfacher Vater und praktizierender Katholik. Als Autor veröffentlichte er unter anderem 2024 gemeinsam mit seinem Sohn Maximilian die Evangelienharmonie „Das eine Evangelium“, die die vier kanonischen Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zu einer einzigen, chronologischen Erzählung des Lebens Jesu verschmilzt.
Früher war es doch auch so, dass die Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser von Schwestern und Patres betrieben wurden, die waren nicht beim Bistum angestellt.
Wenn man sich die KPI, also die Leistungskennzahlen deutscher Bischöfe ansieht, fällt das Ergebnis recht nüchtern aus: Der Anteil der Kirchgänger sinkt, und die absolute Zahl an Mitgliedern sinkt ebenfalls. Gibt es auch positive Ausnahmen?
Ich kenne ein paar nette Bischöfe, aber die leiden alle unter der gleichen Struktur. Die Bischofskonferenz übt einen wahnsinnigen Psychodruck aus. Wenn da einer aus der Reihe ausscheren will, dann wird gleich der Hammer geschwungen. Und wenn man sich die Neubesetzungen anschaut, werden nicht charismatische, starke Führungsfiguren genommen, sondern nette Kerlchen, mit denen man es machen kann, die dann nicht sagen: Hört mal Freunde, wir müssen jetzt was ändern, und ich nehme das in die Hand.
Wird sich das unter Papst Leo XIV. ändern?
Ich hoffe es. Aber die bisherigen Ernennungen lassen mich daran zweifeln. Weil die Deutsche Bischofskonferenz einen Weg eingeschlagen hat, den keine andere Bischofskonferenz der Welt genommen hat, sollte auch einmal der Nuntius ein Machtwort sprechen. Dieser Synodale Weg, diese Absonderung von der Weltkirche, diese Nichtanerkennung von Regeln: Das ist völlig irre, was die Kameraden da treiben.
Die gesamte moderne Welt steckt in einer Beziehungskrise. Viele Menschen sehen keinen Sinn mehr darin, sich dauerhaft und verbindlich zu binden und Kinder zu kriegen. Was entgegnen Sie solchen Menschen?
Ich glaube, dass durch diese ganzen sozialen Medien eine gewisse Idealisierung von Partnerschaft eingetreten ist. Man sieht auf dem Smartphone immer diese relativ gutaussehenden Leute, die einen Partner haben und glücklich sind, und an denen will man sich messen. Der Einzelne hat heute eine zu hohe Erwartungshaltung an den Partner. Und diese Haltung richtet sich gar nicht so sehr an den Charakter, obwohl das viel wichtiger wäre, sondern an Äußerlichkeiten wie Aussehen, Kleidung, Lebensumstände, Vermögen oder sozialer Status. Viele Menschen zielen auf etwas, das viel zu hoch ist.
„Familie ist ein Geschenk, das zu viele Menschen leichtfertig ausschlagen“
Und deswegen bleiben sie lieber einsam?
Man kann sich selbst in die Isolation hineinmanövrieren, wenn man die Auswahlgruppe eines potentiellen Partners brutal reduziert. Man müsste doch eher mal den Fokus darauf lenken, dass Familie mehr ist als sozialer Status. Dass es glückliche Familien durch sämtliche soziale Schichten hindurch gibt, dass Familie eine andere Kategorie ist, die außerhalb einer sozialen Hierarchisierung liegt. Das Glück der Familie kann der Arme wie der Reiche haben. Und dieses Geschenk schlagen viele Menschen leichtfertig aus. Ich würde solchen Menschen sagen: Senkt die äußerlichen Erwartungen, lasst euch auf Kompromisse ein und seid bereit, eine Familie zu gründen. Mit 18 ist Singlesein vielleicht noch ganz aufregend, aber mit 50 oder 60 Jahren ist es eine große Katastrophe.
Sie sind von Ihrer ersten Frau geschieden.
Ja, ich bin standesamtlich geschieden, und die kirchliche Ehe wurde annulliert.
Was raten Sie Eheleuten?
Meinen Kindern gebe ich den Tipp, nicht zu früh zu heiraten. Die Ansprüche zu senken, bedeutet nicht, sich auf den Erstbesten einzulassen. Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Das widerspricht sich nicht. Man muss nicht die schönste Frau haben. Das gilt vor allem für Männer, lieber einmal mehr prüfen.
Die Prüfung findet aber vor der Ehe statt. Welchen Tipp haben Sie für Menschen in einer Beziehung?
Man muss beidseitig eine gewisse Geduld haben. Und Toleranz. Man darf den anderen nicht völlig dominieren, und jeder muss auch seine Freiräume haben. Wenn man sich gegenseitig die ganze Zeit auf dem Schoß sitzt, wird man auch ein wenig irre.
Was war der größte Fehler, den Sie je gemacht haben, und was haben Sie daraus gelernt?
Ich würde sagen, alle Fehler, die ich gemacht habe, habe ich zu Recht gemacht. Und im Endeffekt möchte ich die auch gar nicht missen, weil man lernt eben doch auch sehr viel aus den Fehlern. Hätte ich die Fehler nicht gemacht, dann hätte ich bei anderen Entscheidungen auch nicht wieder gewusst, wie man hätte reagieren müssen. Also jeder Fehler ist auch Teil der eigenen Geschichte, und aus jedem Fehler kann man lernen. Und ganz wichtig: Man muss vor allen Dingen auch aus Situationen des Scheiterns sich wieder aufrappeln und sagen: Es geht weiter. Und da hilft eben auch der liebe Gott.
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