Herr Poschardt, was ist der Sinn des Lebens?
Die deutsche Politik versinkt im Chaos. Die Bundesregierung könnte jede Woche auseinanderbrechen. Und in den Bundesländern bahnen sich Koalitionen an, die das alte Parteiengefüge endgültig auflösen. Vielleicht ist es aber auch eine schöpferische Disruption? So ein bisschen könnte man das auch über das Büro von Ulf Poschardt sagen. Der Axel-Springer-Journalist zählt zu den bekanntesten und kontroversesten des Landes. Obwohl formal in keiner Führungsposition mehr, arbeitet er noch in dem selben Büro wie vor drei Jahren, als er noch Chefredakteur der Welt-Gruppe war und ihn Corrigenda schon mal interviewt hatte. Damals stand die Union in Umfragen bei 27 Prozent und die AfD bei 21. Heute genießt die AfD 30 Prozent des Wählerzuspruchs, die Union kratzt an der 20-Prozent-Schwelle. Und Ulf Poschardt ist nach einer Station als Welt-Herausgeber inzwischen „Freiester Mitarbeiter“. Und er ist fleißiger Artikel-, Bücher- und Videoproduzent. Nach dem Bestseller „Shitbürgertum“ veröffentlichte er 2026 „Bückbürgertum“ und vor dem Erscheinen des geplanten „Fightbürgertum“ soll in wenigen Wochen noch „Shitbürgertum – Der Untergang“ in die Buchläden kommen.
Jetzt hat ihn Corrigenda abermals im Axel-Springer-Neubau zum Interview getroffen. Weil trotz der vielen Inhalte in der Öffentlichkeit nicht ganz klar ist, was diesen Mann antreibt. Wo er weltanschaulich wirklich steht. Und ob er all das, was in diesen Monaten von sich gibt, wirklich ernstmeint, da es sich teilweise ja auch stark widerspricht. Der promovierte Philosoph, stolze Halbdäne, Methodistensohn und Vater stand ausführlich Rede und Antwort.
Herr Poschardt, glauben Sie all das, was Sie derzeit auf Social Media von sich geben?
Ja.
Sie teilen obskure antichristliche rechte X-Nutzer und bejubeln auf Instagram Jens Spahns Leihmutterschaft. Gleichzeitig aber geben Sie sich als Christ und wollen die Kirche verteidigt wissen. Ist das nicht widersprüchlich?
Ich hoffe, alle Menschen sind widersprüchlich. Die Menschen ohne Widersprüche sind im Zweifel rührende Kreaturen mit Schmalspurprogramm. Zu Jens Spahn oute ich mich hier: Ich kenne ihn ziemlich gut und auch seinen Mann. Und jetzt kommen wir zu einer ethisch interessanten Fragestellung, was auch die konzeptionelle Bürgerlichkeit betrifft: Er ist schwul, der Herr hat ihn so geschaffen, er ist gläubig, er wünscht sich eine Familie. Und wo kommen eine bürgerliche Gesellschaft und ein christliches Menschenbild am besten zusammen? Bei der Familie. Vater sein, Nachwuchs in die Welt setzen. Und dieser konservative Familienwunsch steht im Konflikt mit der Homosexualität.
Ein unauflösbarer Konflikt.
Da könnten wir jetzt eine riesige Diskussion aufmachen. Worum es mir aber geht: Dieses vorschnelle Richten über Jens Spahn, wie das in Partei und Medien geschehen ist, da fehlte das Sowohl-als-auch, und das habe ich angemerkt. Er hat ja auch Verantwortung übernommen. Leihmutterschaft ist ein hochkomplexes Thema, dem man mit 240 Anschlägen nicht gerecht wird. In dieser Konstellation kam es nur zur zweitbesten Lösung. Ich habe noch viele weitere Fragen. Aber ich habe Glück: Ich bin halt ein langweiliger heterosexueller Christ, der zwei wunderbare Söhne hat.
Sie haben Clara von Nathusius verteidigt, die pro Abtreibung und Leihmutterschaft ist. In Berlin geht das Gerücht um, sie sei von Spahn vorgeschickt worden.
Ach, das ist wirklich typisch Berlin. Berlin ist so kotzlangweilig. Die einen sehen aus wie Dennis Radtke, die anderen wie Markus Feldenkirchen. Diese Typen gibt es hier in tausendfacher Ausführung. Clara macht einfach, was sie denkt, und sie ist unabhängig. Das müssen Linke wie Rechte lernen: Dass der Bürgerliche eine widersprüchliche Figur ist, dass Leute wie Frau von Nathusius nicht einfach irgendwo festbetoniert stehen. Aber das kapieren die Linken und Rechten nicht. Der Intellektuelle und auch eine Politik-Influencerin verstehen sich relativ zum Ganzen der Gesellschaft: Wenn die Gesellschaft sich in die eine Richtung lehnt, musst du in die andere gehen. Und wenn die Gesellschaft dann in die andere Richtung geht, musst du wieder zurück. Du bist der Ausgleich. Deine eigene Position ist immer relativ zum Großen und Ganzen. Die innere Kohärenz ist gar nicht so wichtig. Ich bin nur ganz glücklich, wenn ich meine Doktorarbeit, die ich noch als Linker geschrieben habe, heute mit ein paar kleinen Änderungen wieder veröffentlichen kann, und es ist eine wunderbare Freiheitserzählung.
„An mir ist wenig konservativ“
Wenn man Ihren Namen recherchiert, stößt man immer wieder auf Beschreibungen wie libertär, konservativ, neokonservativ oder teilweise auch rechts. Dabei merkt man in Ihrem öffentlichen Auftreten immer wieder eine große Sympathie für die Sozialdemokratie an, vor allem für die dänische. Ist Ihr eigentliches Ideal doch nicht das konservative Bürgertum, sondern die alte Sozialdemokratie?
Es gibt dieses wunderbare Zitat von Ralf Dahrendorf, der gesagt hat: Das konservativste Milieu in der Bundesrepublik ist der konservative Sozialdemokrat. Dem Hamburger Facharbeiter in seinem kleinen Reihenhäuschen braucht man, glaube ich, nicht mit Transfrauen oder übertriebener Mülltrennung kommen. Letztlich sind das aber alles nur Begriffe, die nicht so interessant sind. Schön ist doch, wenn jeder in mir das Feindbild identifiziert, das er gut und richtig findet. An mir ist wenig konservativ. Warum? Weil ich mich gar nicht dafür interessiere, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind.
Sondern?
Es gibt eine zu große Unruhe, wenn sich die Dinge nicht verändern. Insofern bin ich auch ein Fan von Franz Josef Strauß. Den hat man immer falsch verstanden als Posterboy des Konservatismus, dabei hat er den Bürgerlichen klargemacht, dass sie an der Speerspitze des Fortschritts marschieren müssen, um dann zu entscheiden, was bewahrt werden muss und was nicht.
Heute gibt es aber keine Konservativen und Bürgerlichen, die das Gramsci-Projekt der kulturellen Dominanz erfolgreich schaffen würden, weil sie die Gegenwart nicht lesen können. Die einzigen, die das verstanden haben, sind lustigerweise Dieter Stein von der Jungen Freiheit und lustigerweise die Süddeutsche Zeitung, die genau kapiert haben, was ich geschrieben habe.
Also sind Sie kein Konservativer?
Konservativ ist bei mir nur die Ableitung dieses Straußschen Diktums. Wobei mein Job in diesem nicht-linken Diskursfeld darin besteht, die Avantgarde lesbar zu machen. Auch für diejenigen, die wie Sie das christlich-jüdische Abendland bewahren möchten. Da bin ich dabei, aber ich komme kulturell und gesellschaftlich von einem anderen Punkt.
Sie sprachen sich eben gegen den Stillstand aus. Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt fuhr die CDU – namentlich Friedrich Merz und Philipp Amthor – die Kommunikationsstrategie, gegen die „Disruption“ zu argumentieren und „für Stabilität“. Mit Disruption meinten die beiden Christdemokraten die Veränderung des Parteiensystems durch den Aufstieg der AfD. Herr Poschardt, Sie schrieben auf X, Sie wählten CDU oder FDP. Wenn aber die CDU die Partei des Stillstands ist und die FDP nicht mehr existiert, wen wählen Sie dann?
Für Unternehmer, Startups, Manager, für die wir den MEGA-Podcast machen, für die gibt es keine Partei mehr. Die wissen nicht, wen sie wählen sollen. Früher gab es die FDP. Die hat aber unter der Ampel-Regierung gelitten. Danach kamen Friedrich Merz und Carsten Linnemann, bei denen wir gedacht haben, Links ist vorbei, jetzt kommt endlich ordoliberale Politik in der Tradition von Ludwig Erhard. Das war aber ein noch größerer Reinfall. Wir sind politisch heimatlos.
„Am Ende haben Frauen einfach die größeren Eier als die Männer“
Wie geht es weiter?
Ich glaube, dass es politische Disruption braucht. Hier komme ich zurück auf Ihre Frage zur Sozialdemokratie. Als halber Däne blicke ich dorthin, auf die Geschichte dieses wunderbaren Landes, auf seine Tradition, auf seine Art des Protestantismus. So eine Rede, wie die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sie an Weihnachten hält, wie sie über Migration spricht, das würde sich nicht mal Alice Weidel trauen. Und dann sage ich den dänischen Sozialdemokraten, dass die deutschen Genossen sie für rechts halten.
Wie reagieren die darauf?
Die sagen, das ist unverschämt. Und sie sagen: Die Migranten schicken ihre Kinder nicht an die Bonzenschulen in den Kopenhagener Villenvierteln, sondern an die Schulen, wo unsere Wähler sind. Die Migranten konkurrieren um die Jobs mit unseren Wählern. Und unsere Wähler sind es, denen die Sicherheit abhandenkommt. Sicherheit ist ein Klassenfaktor. Das ist dänischer Pragmatismus. Oder sagen wir so: Es gibt eine handwerkliche Ebene von Politik, die dann funktioniert, wenn Leute – bitte diese Formulierung zu entschuldigen – „große Eier“ haben. Frederiksen, Meloni, Margaret Thatcher. Am Ende haben Frauen einfach die größeren Eier als die Männer. Sie sehen, ich argumentiere genderfluide.
Auch Alice Weidel?
Sie überzeugt mich nicht. Ich finde sie uncharismatisch und unsympathisch.
Nur sie oder die gesamte AfD? Dort gibt es auch Ordoliberale.
Der charismatischste Politiker dort ist Ulrich Siegmund, der einen ziemlich gelungenen Wahlkampf gemacht hat.
Wie sähe parteipolitische Disruption aus?
Die SPD muss eine Mischung aus dänischer und schwedischer Sozialdemokratie werden, Vermögenssteuer abschaffen, Erbschaftssteuer abschaffen, Entbürokratisierung, harte Migrationspolitik. Das würde die Parteienlandschaft schon einmal krass verändern. Die CDU müsste sich daran erinnern, wo sie herkommt. Die Dennis Radtkes und Ruprecht Polenz’ müsste man – wie in einer dystopischen „South Park“-Folge – aus der Partei werfen. (lacht)
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Und die FDP müsste die Ökos und Volts rausschmeißen. Und wenn dann noch die AfD ihren rechtsextremen Bullshit-Rand rauswirft, haben wir eine andere Republik. Hier steht jeder an seiner Front und kann in seinem eigenen Laden dafür sorgen, dass es besser wird.
Sie kommen in Ihren Büchern und Podcasts immer wieder auf Karl Marx zu sprechen. Bringt man das Land wirtschaftlich mit Karl Marx wieder nach vorne oder mit Adam Smith, den Sie ja weniger zitieren als Marx?
Ich komme aus der letzten Blüte der Theorie der marxistischen Gruppe. Für mich ist Denken Werkzeug und Waffen. Und bei der marxistischen Gruppe habe ich mir wertvolle Superwaffen geholt. Denn natürlich ist das antiidealistische, eisige, brutale, kühl einordnende marxistische, materialistische Denken eine Befreiung. Es wird alles in ein Säurebad gelegt und es überlebt nur die Struktur. Das ist fürs Denken hilfreich. Dumm ist nur, wenn man wie meine alten marxistischen Freunde auf der Schallplatte hängen bleibt. Die marxistische Theorie ist nur eine von 15 Folien, mit denen ich arbeiten kann. Heute verwende ich Marx gegen Marx, so wie ich alles gegen das verwende, wo es eigentlich herkommt.
„Ich liebe die Moderne!“
70 Prozent der Wahlberechtigten mit AfD-Wahlabsicht haben bei einer Umfrage im Oktober 2025 angegeben, dass ihre Wahlentscheidung auf Enttäuschung und Unzufriedenheit über die anderen Parteien beruht. Sind das alles „Ihre Leute“?
Nö, ich finde die AfD unwählbar wegen ihrer Ränder und ich finde es dort echt ekelhaft. Erinnern Sie sich an meine Diskussion mit Höcke, wo er mich animieren wollte, mit ihm zusammen Sport zu machen, das sah aus wie eine alberne Ballett-Süßmaus. (lacht)
Es ging um die deutsche Fußballnationalmannschafft, die ihm zu wenig ethnisch deutsch war.
Ja, und sowas finde ich ebenso provinziell wie ekelhaft. Gleichzeitig rege ich mich auch auf über Kylian Mbappé, der sich geweigert hat, das Ceuta-Shirt richtig zu tragen.
Die Spieler von Real Madrid sollten damit Solidarität mit den Einwohnern von Ceuta zeigen, die von einer riesigen Migrationswelle überschwemmt worden waren.
Mbappés Aktion war richtig dumm, aber dennoch ist in mir kein Funke Ressentiment gegen andere Hautfarben. Das wäre einfach unaufgeklärt und mittelalterlich. Und bei Höcke war das offensichtlich, dass er das hat. Und solche Ressentiments und Rassismus sind für mich ein No-Go. Mit so jemandem habe ich nichts gemeinsam.
Es gibt auch in der AfD Debatten über den Umgang mit Migranten, die ja oft auch den Verfall Deutschlands klarer sehen und schärfer kritisieren als so mancher Deutscher.
Guckt euch eine Demo gegen Rechts an, oder eine Fahrraddemo, die sind kartoffelweiß. Bei meinen Lesungen hingegen kommen auch Leute mit Migrationshintergrund. Das Beste war, als mich Felix Banaszak von den Grünen angriff und mich ein Follower mit dem denkbar arabischsten Namen verteidigt hat. Ich verstehe nicht, wieso die AfD da nicht anders agiert. Denn es sind ja republikanische Gründe, warum wir keine Lehrer und Richter mit Kopftuch haben wollen, oder keine Mädchen mit Hidschab, oder diese radikalen Moscheen schließen wollen. Es sind keine rassischen Gründe. Es geht um unsere Verfassung und unsere Werte. Und wer damit ein Problem hat, der soll gehen.
Diese Werte kamen nicht aus dem Nichts, sondern, um Theodor Heuss zu bemühen, von den drei Hügeln: Golgotha, der Akropolis in Athen und dem Kapitol in Rom.
Ja.
Kommt dieser Aspekt in Ihren Büchern nicht zu kurz? Geht der Niedergang oder das, was Sie als Shit- und Bückbürgertum beschreiben, nicht viel weiter zurück?
Niedergang gibt es immer, und gleichzeitig Aufstieg. Ich bin nicht Oswald Spengler. Ich habe die Entwicklung seit 1945 nachgezeichnet …
… der Niedergang des Christentums und damit der drei Hügel begann früher.
Ja, alles beginnt früher. Aber ich liebe die Moderne! Ich halte die Zeit zwischen dem 19. Jahrhundert und 1933 für den Peak Civilisation. Auch die Nachkriegsmoderne war kulturell in weiten Teilen großartig. Gleichzeitig setze ich da mit harter Kritik an. Mir geht es nicht darum zu sagen, dass das eine vollumfänglich gut und das andere in Gänze schlecht ist, ich versuche zu differenzieren. Mit der bundesrepublikanischen Kultur fremdle ich weitgehend. Bis auf Karl Heinz Böhrer: Was würde der heute zu den intellektuellen Mainzelmännchen sagen, die in Deutschland einer angepasster als der andere die Debatten prägen.
„Jede Gesellschaft, die das Elternsein ideologisch und kulturell kaputtzutreten versucht, verstößt gegen existenzielle Selbstverständnislogiken“
Wir sehen, dass die Heirats- und Geburtenraten sinken. Was halten Sie von der Idee, dass die wirtschaftliche und kulturelle Krise in Deutschland zunächst einmal eine Krise von Ehe und Familie ist und dass Lösungen auch da ansetzen müssten?
Das finde ich rührend, hat aber, glaube ich, nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Ich bin ja nicht beziehungsfähig (lacht), und es tut mir leid, das Ihnen gegenüber sagen zu müssen, aber ich glaube, es gibt auch andere Familienmodelle, in denen man ein guter Vater oder eine gute Mutter sein kann. Die Moderne und die Postmoderne haben eine Ausdifferenzierung von Lebensmodellen geschaffen, die Kinder als entscheidendes Kriterium für eine gelingende Existenz auf verschiedene Weise möglich machen. Ich will es mal ganz pathetisch sagen: In der Sekunde, wo du das erste Mal einen Säugling in deinen Armen hältst, und es ist dein Fleisch und Blut, da enden alle Sinnfragen. Wenn man ohne Transzendenz, ohne Gottes Segen und Geleit auskommen will, dann ist dieser Moment das alles Entscheidende für deine Existenz. Deswegen können wir uns gemeinsam unterhaken und mit rhetorischen Baseballschlägern auf andere losrennen, die da etwas dagegen haben. (lacht)
Zu dieser Postmoderne gehören aber auch jene, die sich strikt gegen Ehe und Familie aussprechen.
Jede Gesellschaft, die das Elternsein ideologisch und kulturell kaputtzutreten versucht, verstößt gegen existenzielle Selbstverständnislogiken. Diese ganzen Diskussionen um Regretting Motherhood und Regretting Fatherhood sind doch Shitdiskussionen. Genauso wie die, die sagen, dass wir alle trans oder was auch immer seien. Deswegen hat auch Donald Trump gewonnen und deshalb wird hoffentlich auch Marco Rubio gewinnen. Ich habe den linkesten Redakteurinnen gratuliert, wenn sie schwanger wurden, und sie bedankten sich überglücklich dafür. Aber jede junge Frau, die von diesem Wahnsinn infiziert ist, und sich aus kulturellen Gründen dem Kinderwunsch versagt: Das tut mir im Herzen weh, das ist unglaublich bedauerlich.
Es gibt auch Gegenbewegungen. Religion ist bei vielen Jugendlichen wieder interessanter geworden. Sie sprechen und schreiben oft über finanziellen Erfolg, Selbstverwirklichung, aber braucht die Generation Erbe nicht mehr? Strebt die nicht nach Höherem?
Obwohl ich als linkes Methodistenkind ja praktisch zum Missionieren geboren und gezüchtet wurde, ist mir das vollkommen fremd. Im Protestantismus laufen diese Pfade aber eng zusammen: wirtschaftlicher Erfolg und gottgefälliges Leben. Aber ich moralisiere nicht. Ich moralisiere auch nicht christlich. Und ich moralisiere nicht das christlich-jüdische Abendland.
Hedonistisch würde ich begründen, dass ein Leben mit Gebet ein glücklicheres, besseres und gesünderes Leben ist. Ich falte meine Hände und sende eine Message an jemanden, von dem ich glaube, dass er mich hört. Selbst wenn es niemanden geben sollte, ist die Idee des Gebets, des Dankes und der Fürbitte etwas, das gut für dich ist. Der Moment der Stille und der Einkehr, der Moment der Segnung und des Abendmahls sind gut, auch wenn sie die transzendentale Obdachlosigkeit nur scheinbar beenden. Wir haben bei all dem Frömmeln vergessen, dass die Religion, insbesondere die christliche Religion, zum Funktionieren und Gelingen der Gesellschaft einen unfassbaren Beitrag geleistet hat. Der Protestantismus hat auch immer Probleme mit Leuten wie mir gehabt.
Es laufen Wetten in unserer Redaktion, wann Ulf Poschardt zum Katholizismus konvertiert.
Ich würde nicht dagegen wetten.
Herr Poschardt, was ist der Sinn des Lebens?
Meine Kinder.
Was ist Freiheit? Und gibt es eine objektive Schönheit?
Sie haben vorhin gesagt, die Moderne sei das Nonplusultra. Wie sieht es mit der modernen Ästhetik aus? Wie und wo man lebt, das färbt auf einen ab. Früher stand die Kirche im Zentrum des Dorfs und der Stadt, der Rest wurde drumherum gebaut. Wie sieht Ihre ideale moderne Stadt aus?
Das ist eine super Frage, weil manchmal muss man die Kirche im Dorf lassen. Die Frage ist die: Will man die mittelalterliche weltanschauliche Logik, bei der die Kirche im Zentrum steht? Vielleicht noch das Schloss. Es gibt die Sichtachsen und die Architektur der Macht. Ich komme aus Nürnberg, der schönsten mittelalterlichen Stadt. Aber das Deutschland heute ist hässlich geworden. Wenn ich jetzt 2026 sagen würde, wir bauen die Stadt wieder auf, dann muss es Sinn machen auch mit den Menschen, die hier leben. Wenn wir so viele Christen haben, dass wir an jedem Platz eine schöne Kirche bauen müssen, dann freue ich mich darüber. Die Kirchen können halt nicht mehr so aussehen wie 1600. Zeitgenössische Architektur kann sehr schön sein. Ich bin überhaupt nicht dogmatisch. Wenn wir eine Universität als Gemeindezentrum haben, dann ist das schön, weil sich drumherum das Leben bildet. Es kann auch ein Museum sein. Oder ein Rathaus wie in Kopenhagen. Was die Gravitas städtebaulich ist, ist letztlich egal. Die Kirche muss ihren Platz haben, die Synagoge und die aufklärerische Moschee von Seyran Ates.
Ist Schönheit objektiv?
Nein. Man sieht aber, dass es Schönheitskonzeptionen über verschiedene Kulturen hinweg gibt.
Menschen empfinden gewisse Proportionen und Harmonien schön. Das lässt sich mathematisch erklären mit Phi, dem goldenen Schnitt.
Ja, da gibt es schon was.
Also doch nicht „nein“?
Ja, so ist das bei mir, alles ist im Prozess. Es ist streitbar, wie man wo welche Schönheit identifiziert.
Ein anderer zentraler Begriff bei Ihnen ist der der Freiheit. Was ist Freiheit?
Das zu fragen ist schon eine Art Unfreiheit. Freiheit ist der unbedingte, radikale, absolute Wille, sich von niemandem und durch nichts irgendwas sagen zu lassen. Wenn man diesen Freiheitswillen nicht uneingeschränkt fühlt, ist man kein Liberaler. Das ist aber das Problem am Liberalismus: Viele Menschen haben kein Problem mit Anpassung und Opportunismus. Deswegen ist übrigens auch der Kinderwunsch so interessant.
Zur Person Ulf Poschardt
Dr. Ulf Poschardt, geboren1967 in Nürnberg, ist „Freiester Mitarbeiter“ im Medienhaus Axel Springer. Von 2016 bis 2024 war er Chefredakteur von WeltN24 (Welt, Die Welt, Welt am Sonntag, Welt (TV)), danach anderthalb Jahre Herausgeber von Welt, Politico und Business Insider. Zuvor war Chefredakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung sowie der deutschen Ausgabe der Vanity Fair. Poschardts Vater war ein methodistischer Laienprediger, seine Mutter stammt aus Dänemark. Er studierte Journalistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Philosophie an der von den Jesuiten geführten Hochschule für Philosophie München. In seiner Dissertation an der Humboldt-Universität Berlin befasste er sich mit der Kulturgeschichte des DJs von 1904 bis in die 1990er Jahre. Poschardt ist unter anderem Träger des Ludwig-Erhard-Preises für Wirtschaftspublizistik und des Verdienstordens der Ukraine dritter Klasse sowie Vater zweier Kinder. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschienen von ihm „Bückbürgertum“ (2026, Westend) und „Shitbürgertum.“ (2025, zunächst im Selbstverlag, dann bei Westend). In Kürze erscheint „Shitbürgertum – Der Untergang“. Zusammen mit dem Ökonomen Daniel Stelter macht er zudem den Podcast „Make Economy Great Again“. Poschardt ist Vater zweier Söhne, von seiner Frau lebt er getrennt.
Was hat der mit Freiheit zu tun?
Ein Kind zu bekommen ist die schönste Art und Weise diesen Freiheitswunsch einzuhegen. Wenn du ein guter Vater oder eine gute Mutter sein willst, musst du mindestens die ersten Jahre ganz, ganz, ganz viel von den Freiheiten aufgeben.
Es ist Hingabe.
Genau, du musst spüren, dass du dich hingibst. Und trotzdem bist du jede Sekunde glücklich darüber, auch in der Belastung. In der Biografie des radikalen Freiheitswillens gibt es Dellen. Das weiß man auch, wenn man wie ich das protestantische Arbeitsethos geerbt hat und ein Workaholic ist. Da fragt man sich dann auch: Wann bin ich denn so richtig frei? Ich antworte dann: Ich entscheide mich in Freiheit genau dafür.
Also ist doch niemand so richtig frei.
Doch, wenn man im Tempel der Freiheit lebt und betet, und dennoch etwas macht, wofür man in der Freiheitswährung einen großen Preis zahlt, dann ist das eine freie Entscheidung. Freiheit ist nicht Hippietum, sondern eine komplexe Konstruktion. Es ist ein hochindividuelles, eigenwilliges, in kompletter Freiheit errichtetes Sinnzeichen und Denksystem.
„Interessant ist das Disruptive an den Rechten. Wir haben gemeinsame Dinge, die wir kaputt machen wollen“
Wir müssen über die Rechten sprechen, die kulturell und politisch gerade am Gewinnen sind. Die setzen den aktuellen Problemen auch Romantik, Technikskepsis, das Eigene entgegen. Liegt darin ein Ausweg aus der Krise?
Die bieten auf jeden Fall einen konsistenteren Ausweg an. Wenn man ein rechts-identitäres Lebens- und Gesellschaftskonzept hat, ist das ja sehr überschaubar, es ist eine völkische Provinzialität. Deswegen kommen die ja auch aus ihren Ecken da nicht richtig raus. Gleichzeitig bin ich auch sehr neugierig, was das anbelangt, und ich finde es wichtig, mit denen zu reden. Es ist ja auch interessant, dass die gerade alle mit mir reden wollen.
Schwingt da eine gewisse Annäherung mit?
Ich finde deren Lebensentwurf und Weltanschauung uninteressant. Interessant ist aber das Disruptive an denen. Ich finde das gut, dass wir gemeinsame Dinge haben, die wir kaputt machen wollen. Wenn ihnen das vor mir gelingt, freue ich mich darüber.
Gerade kam durch eine AfD-Anfrage im Bundestag heraus, dass in Deutschland rund eine Million abgelehnter Asylbewerber leben. Wie viele Ausländer müssten unter einem Kanzler Poschardt das Land verlassen?
Diese eine Million hat hier nichts verloren. Wir schieben viel zu wenig ab. Das Problem ist aber: Ich kenne zwei Schüler, die 2016 nach Deutschland kamen, ein Einser-Abi ansteuern, der Vater arbeitet Nachtschicht, um seinen Kindern das Beste zu ermöglichen – und jetzt wurden sie abgeschoben. Da kriege ich so einen Hals. Gleichzeitig haben wir Diskussionen, ob jemand mit Haftbefehl hierbleiben darf.
Das sind jetzt einzelne Fälle, der Staat muss klare Regeln haben. Also sagen Sie, wer leistet, darf bleiben, und wer nicht leistet, muss gehen?
Vielleicht erinnern Sie sich noch an diese Partei, sie nannte sich FDP, die hat den Vorschlag gemacht, dass wir einen weichen Wechsel anbieten: Wer sich reinhängt, darf bleiben. Mein Podcast-Produzent kam 2015, der arbeitet wie ein Tier. Natürlich muss der bleiben. Meloni macht das in Italien ähnlich. Die Leute, die nach dem 7. Oktober „Juden ins Gas“ rufen und keinen deutschen Pass haben, die müssen alle konsequent raus. Es geht nicht nur um Leistung, sondern auch um Werte. Die dänischen Sozialdemokraten handhaben es so: Wer straffällig wird, fliegt raus.
„Die Würde ist eine Haltungsfrage“
In „Bückbürgertum“ schreiben Sie auf Seite 38 folgende Zeilen: „Menschenwürde ist nichts, was Menschen einfach immer schon besitzen – und was ihnen von staatlichen und gesellschaftlichen Ordnungen lediglich bestätigt werden muss. (…) Das Leben wird erst dann würdevoll, wenn die Menschen ihm selbst durch ihr Handeln einen Wert zusprechen.“ Wenig später schreiben Sie vom unbedingten Würde-Verständnis des Christentums, nach dem sich die menschliche Würde aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen speist. Was gilt denn nun?
Da merkt man, dass Katholiken der Kant doch fremd ist. Kant sagt: Wenn man die Gottesebenbildlichkeit ernst nimmt, dann ist es ein moralischer Auftrag, dem gerecht zu werden, also dass man so lebt, dass das Leben selbst Würde verschafft.
Poschardt steht auf, geht zum Bücherregal und greift sich sein Buch „Bückbürgertum“ heraus, blättert kurz darin und fährt fort.
Das habe ich einem linken Professor zu verdanken, Arnd Pollmann: Die Würde ist eine Haltungsfrage. Deswegen habe ich das Kant-Zitat ganz vorne drinnen: „Wer sich zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, dass er mit Füßen getreten wird.“ Und hier würde ich sagen: Die meisten Leute auf LinkedIn verhalten sich wie Würmer.
Das sagt aber auch schon Jesus im Gleichnis mit den verliehenen Talenten. Die Frage ist aber, was mit denen ist, die ihrem Leben qua ihres Handelns keine Würde verschaffen können.
Darf ich ein Zitat vorlesen, weil mir das wirklich wichtig ist: „Die Würde des Menschen liegt nicht in seiner Demut, sondern in seiner Fähigkeit, über das Kriechende in sich hinauszuwachsen.“ Darum geht's! Indem er den Wurm in sich erkennt und überwindet, verwandelt er sich selbst aus einem Wesen der Schwere in eins, das das Leben bejaht und schöpferisch tätig wird.
Was ist mit behinderten Kindern? Oder Menschen, die nach einem schweren Schicksalsschlag nicht mehr in diesem Sinne handeln können?
Darüber reden wir hier ja nicht, das ist doch klar.
Heute ist fast nichts mehr klar. In den Niederlanden wurde vor wenigen Wochen ein zweijähriges Kind auf Wunsch der Eltern durch den Staat euthanasiert. In Kanada werden ältere Menschen, die ins Krankenhaus kommen, auch wenn sie nur gestürzt sind und sich etwas gebrochen haben, gefragt, ob sie sich nicht umbringen möchten.
Das ist überhaupt nicht mein Punkt. Kant meint die, bei denen es auch in der Macht steht, das zu tun. Die Fürsorge und die Unterstützung für diejenigen, die hilfsbedürftig sind, das ist super wichtig. Und dieses Menschenbild können wir auch ableiten aus der Elternlogik: Das Kind ist ja auch absolut hilfsbedürftig, ist nicht überlebensfähig und angewiesen auf die Fürsorge anderer. Das ist doch selbstverständlich und alles andere ist faschistisch. Aber mein Punkt ist der: Die, die es können, müssen sich alle anstrengen. Die Familie mit einem Kind mit Downsyndrom, das dann den Führerschein macht, dieser Ehrgeiz ist super. Oder wenn ich sehe, was manche Blinde bei den Paralympics leisten: Die sind nicht Wurm, aber die, die sehen können und sich nicht anstrengen, sind es.
Sie sind pro life.
Ja, ganz ehrlich: zu tausend Prozent!
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Kommentare
Sein Freiheitsbegriff, sich „von niemandem und durch nichts irgendwas sagen zu lassen", ist im Kern das alte Non serviam. Bezeichnend ist, dass er die Wahrheit streift, sobald er von seinen Söhnen spricht: Hingabe, Verzicht, und gerade darin Glück. Genau das ist christliche Freiheit. Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen.