Das innere Licht bewahren
„Ziehst du jetzt eigentlich aus Berlin weg?“ Seit dem Wahlsieg der Linken werde ich das tatsächlich gefragt. Auch Freunde sollen plötzlich erklären, ob sie der Hauptstadt noch eine Chance geben. Als müsste man nach jeder Wahl, deren Ergebnis einem nicht gefällt, die Umzugskartons aus dem Keller holen.
Die Linke verhandelt mit SPD und Grünen über eine Regierung. Sie will große Wohnungskonzerne vergesellschaften, die Stadt soll sich politisch erheblich verändern. Man kann diese Pläne ablehnen, entschieden sogar. Aber Berlin gehört weder einer Partei noch einer Regierung. Warum sollte ich die Stadt ausgerechnet denen überlassen, mit denen ich nicht einverstanden bin?
Zumal die vorherige Regierung auch nicht gerade das Gelbe vom Ei war. In ihre Amtszeit fielen ein großflächiger Stromausfall infolge eines mutmaßlich linksextremistischen Anschlags und zuletzt ein massiver Hackerangriff. Beides wirft die Frage auf, wie gut die kritische Infrastruktur dieser Stadt eigentlich geschützt ist und warum die bestehenden Sicherheitsvorkehrungen nicht ausreichten. Persönlichste Daten vieler Berliner, darunter Anschriften, Geburtsdaten und Kontoverbindungen, wurden im Netz veröffentlicht. Ob ich betroffen bin? Selbst wenn – ein Umzug wird mir wohl kaum helfen.
Das Versprechen vom Anderswo
Aber auch jenseits Berlins wird gern die Flucht empfohlen. Deutschland sei nicht mehr zu retten, hieß es mehrfach auf einer Konferenz in Zürich, an der ich teilnahm. In der Schweiz sei alles vernünftiger, in Ungarn die Politik, in Spanien wenigstens das Wetter besser. Mag sein. Nur bleibt die Frage, wie oft man seinen Lebensmittelpunkt wechseln will, bis die Welt endlich den eigenen Vorstellungen entspricht.
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Die Corona-Zeit müsste uns alle etwas gelehrt haben. Binnen weniger Wochen wurden Grenzen geschlossen, Schulen dichtgemacht, Reisen unmöglich. Die Eingriffe waren von Land zu Land sehr ähnlich. Das Gefühl, dass sich der Alltag über Nacht radikal verändern kann, war jedenfalls keineswegs eine deutsche Spezialität.
Wer damals das vermeintlich sichere Paradies suchte, musste erst einmal in Quarantäne. Natürlich kann Auswandern ein Aufbruch sein, keine Flucht. Man verliebt sich, findet Arbeit, entdeckt ein Land, in dem man lieber leben möchte. Doch wer nur wegwill, weil ihn die nächste politische Entscheidung empört, macht sein Glück von etwas abhängig, das er auch anderswo nicht beherrschen kann. Und wenn alle gehen, die etwas verändern möchten: Wer bleibt dann?
Die Angst, überflüssig zu werden
Die Unsicherheit reicht längst über die Politik hinaus. Welche Ausbildung empfiehlt man heute einem jungen Menschen? Was, wenn die Maschine den Beruf beherrscht, bevor das Studium beendet ist? Künstliche Intelligenz schreibt Texte, übersetzt, programmiert – nicht nur in Berlin, nicht nur in Deutschland. Im IT-Mekka Silicon Valley in den USA sprechen die besten Informatiker der Welt darüber, dass KI vieles von dem, was sie gelernt haben, bereits kann oder schon bald können wird.
Diese Unsicherheit betrifft auch mich. Ich kenne viele Journalisten der älteren Generation, die sehr froh sind, nicht mehr jung zu sein. Die wenigen Jahre bis zur Rente werden sie wohl auch nicht mehr durch ChatGPT oder Claude ersetzt. Ihr fortgeschrittenes Berufsleben erlaubt ihnen den Luxus, den technischen Fortschritt zum Feind zu erklären.
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Wir jüngeren Journalisten stehen hingegen vor einer Herausforderung: Was kann ich, was die KI nicht kann und vielleicht nie können wird? Die Antwort könnte gerade in diesem Beruf kaum einfacher sein: Präsenz zeigen, vor Ort mit Menschen reden, Termine wahrnehmen, über das berichten, was die KI noch nicht aus dem Netz abrufen kann. Und dann hält auch da ein Visionär dagegen: „Ich muss nicht zum Termin. Es gibt einen Livestream.“
Klar, es wäre in jedem Fall unehrlich, die Risiken kleinzureden. Nicht jeder wird von KI profitieren, und nicht jeder kann sich ohne Weiteres umschulen. Doch die eigene Zukunft schon heute abzuschreiben, weil sie anders aussehen könnte als geplant, wäre eine geistlose Kapitulation. Denn wir wissen nicht, welche Berufe ganz verschwinden und welche neu entstehen. Wir haben doch, so unser Kanzler, Fachkräftemangel, weshalb viele neue Menschen zu uns gekommen sind.
Heimat ist keine Regierungsleistung
Auch über Migration und Identität wird gestritten, oft mit dem Unterton, man müsse sich zwischen einer grenzenlosen Welt und dem Rückzug ins Private entscheiden. Ich mag die deutsche Sprache, unsere Traditionen, die Eigenheiten dieses Landes. Dass andere nationale Zugehörigkeit für unwichtig halten, verpflichtet mich nicht, es ihnen gleichzutun.
Allerdings kann ich auch nicht verlangen, dass ganz Berlin mein Wohnzimmer wird. Ich kann aber mitentscheiden, wie mein eigenes Umfeld aussieht: mit wem ich Zeit verbringe, welche Orte ich unterstütze, welche Bräuche ich weitergebe. Heimat ist nicht nur etwas, das einem die Politik erhält oder nimmt. Man muss auch selbst etwas dafür tun.
Das ist kein Ersatz für politische Auseinandersetzungen. Über Regeln des Zusammenlebens muss gestritten werden. Aber nicht jede Debatte muss man zur persönlichen Existenzkrise machen.
Nicht die Hoffnung aufgeben
Ich kenne die Einwände. Wer seine Stelle verliert oder seine Miete nicht mehr bezahlen kann, braucht mehr als einen Appell zur Zuversicht. Wer ernsthaft um seine Freiheit fürchtet, darf gehen. Das alles steht außer Frage. Mich beschäftigt etwas anderes: die beinahe lustvolle Gewissheit, dass es ohnehin nur noch bergab gehen könne.
Ich begegne ihr auch bei mir selbst. Schließlich besteht ein großer Teil meiner Arbeit darin, Missstände zu recherchieren und politische Versprechen zu hinterfragen. Gerade deshalb möchte ich nicht anfangen, die ganze Welt nur noch durch die Brille ihrer Probleme zu sehen. Zwischen berechtigter Kritik und der Überzeugung, alles sei verloren, liegt ein gewaltiger Unterschied.
Man kann eine Regierung kritisieren und trotzdem gern in ihrer Stadt leben. Man kann die Folgen von KI fürchten und dennoch neugierig bleiben. Man kann seine Heimat lieben, ohne von jedem Nachbarn zu verlangen, dass er sie genauso versteht.
Vielleicht ist das innere Licht nichts Mystisches. Es ist vermutlich schlicht die Weigerung, den eigenen Lebensmut an Wahlergebnisse, Schlagzeilen oder Zukunftsprognosen zu knüpfen. Und wer zum Bewahren seines inneren Lichts noch etwas Schadenfreude braucht, dem sei versichert: Am Ende verantwortet sich auch der Sozialist allein vor Gott. Da deckt ihn dann keine Partei.
Kommentare
Insgesamt sehr konstruktiver Artikel. Nur zum „inneren Licht“ hat der stets treffliche Gilbert Keith Chesterton („Pater Brown“) schon alles (Katholische) gesagt: „Soll Meier doch die Sonne oder den Mond anbeten, alles besser als das ‚innere Licht‘; mag Meier Katzen oder Krokodile kultisch verehren, bloß nicht den Gott in seinem Innern. Das Christentum kam zuerst und vor allem in die Welt, um mit Macht darauf zu bestehen, daß der Mensch nicht nur nach innen schauen, sondern den Blick nach außen richten, daß er mit Staunen und Begeisterung eine göttliche Gemeinschaft und einen göttlichen Lenker zur Kenntnis nehmen müsse. Die einzige Lust, die das Christsein dem Menschen bescherte, war, daß er nicht mit dem ‚inneren Licht‘ allein gelassen wurde, sondern klar und deutlich ein äußeres Licht erblickte, hell wie die Sonne, rein wie der Mond, furchtbar wie ein Heer mit fliegenden Bannern.“