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Kolumne „Berliner Luft“

Als die Dinge noch echt waren

„Früher hat man sich über jede neue Bahn gefreut. Heute freut man sich über jede alte“, höre ich einen Fahrgast sagen, als am Sonntag eine fast hundert Jahre alte U-Bahn durch Berlin fährt. Selten habe ich mich so auf eine Fahrt gefreut. Auf der U4 zwischen Nollendorfplatz und Innsbrucker Platz ist eine U-Bahn unterwegs, die am 25. Oktober 1926 erstmals zugelassen wurde, erzählt der Begleiter. Ob sich im Jahr 2126 wohl jemand für unsere heutigen Plastikbahnen interessieren wird?

Ich habe eine Schwäche für das alte Berlin. Für historische Fotografien, alte Häuser und natürlich die Fernsehserie „Babylon Berlin“. Für eine Welt, die in meiner Vorstellung wohl schöner ist, als sie vermutlich war. Als ich von der Sonderfahrt erfuhr, wollte ich nicht der Technik wegen mitfahren, sondern um zu betrachten, wie sich Berlin damals wohl angefühlt haben könnte.

Messinggriffe statt Plastik

Schon die gelben, robusten Wagen sind eine Erscheinung. Drinnen glänzen Haltegriffe aus Messing, die Wände sind mit Holz verkleidet, an der Decke hängen Kugelleuchten mit warmem Licht. Ich lasse mich auf eine der weinroten, gepolsterten Sitzbänke fallen. Kunstleder zwar, aber ausgesprochen schick. Über unseren Köpfen reihen sich kleine Fenster und hölzerne Lüftungsklappen. Früher durfte in eigens dafür vorgesehenen Wagen geraucht werden. Über einigen Sitzen bitten Schilder darum, Plätze für „Gebrechliche“ freizumachen. So steht es tatsächlich da. Das würde heute wohl niemand mehr drucken.

100 Jahre alte U-Bahn: Drinnen glänzen Haltegriffe aus Messing, die Wände sind mit Holz verkleidet, von der Decke spenden Kugelleuchten warmes Licht
Zerkratzter Kunststoff und Graffiti in neuer U-Bahn: Ob sich in 100 Jahren noch jemand daran zurückerinnern möchte?

Auch die Abfertigung ist eine kleine Aufführung. Mitarbeiter in Uniform machen Ansagen im Wagen und auf dem Bahnsteig, ganz ohne Lautsprecher. Zehn Helfer sind im Einsatz, sechs allein für den Türdienst. Alles wirkt förmlich, aber nie steif. Wie oft fragt man sich heute in der U-Bahn, ob überhaupt noch jemand für irgendetwas zuständig ist? Hier jedenfalls hat alles seine Ordnung. Und die Menschen wirken nicht nur beschäftigt – sie sind es auch.

Hier ist der Berliner ganz bei sich

Noch mehr als die Ausstattung überraschen mich die Fahrgäste. Hier ist der Berliner ganz bei sich. Niemand zankt herum, niemand pöbelt, niemand drängelt.

Man schaut, staunt, kommt miteinander ins Gespräch. Ich frage mich, wann ich zuletzt eine so friedliche U-Bahn-Fahrt erlebt habe. Selbst die Berliner Schnoddrigkeit scheint Pause zu machen. Vielleicht weil niemand hetzt. Oder weil dieser Zug etwas ausstrahlt, dem man mit Achtung begegnet.

Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass unsere Umgebung womöglich mehr mit unserem Verhalten zu tun hat, als wir glauben. Wer zwischen Messinggriffen und roten Polstern sitzt, benimmt sich vielleicht anders als zwischen zerkratztem Kunststoff und Graffiti. Ich schaue die Fahrgäste an. Sollten sie für diese Fahrt nicht anders gekleidet sein? Sportschuhe, Jeans und Bomberjacken passen nicht recht hierher, selbst wenn sie von teuren Marken stammen. Es matcht nicht, wie die coolen Kids im Internet sagen.

Kolumnistin Jana Hermann bestaunt die historische U-Bahn

Bloß keine schmucklose Eisenkonstruktion!

Dass früher selbst ein Bahnhof schön sein sollte, zeigt die Geschichte der Bülowstraße. Sie galt Anfang des 20. Jahrhunderts als Prachtboulevard. Als dort die Hochbahn gebaut werden sollte, bestanden die Anwohner auf einer repräsentativen Gestaltung. Eine schmucklose Eisenkonstruktion wollten sie vor ihren Häusern nicht sehen. Der Architekt Bruno Möhring entwarf einen Bahnhof im Jugendstil mit geschwungenen Eisenstützen und verzierten Portalen.

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Ich stelle mir vor, mit welcher Selbstverständlichkeit die Anwohner damals auf eine ansprechende Gestaltung ihrer Straße bestanden. Und frage mich, ob man heute noch auf die Idee käme, von einer Verkehrsgesellschaft zu verlangen, dass ein Bahnhof nicht nur funktioniert, sondern auch schön aussieht. Wir sind doch schon glücklich, wenn der Aufzug funktioniert. Oder wenigstens die Rolltreppe.

Eine Bahn für die besseren Leute?

Allerdings hatte diese schöne Welt ihre Schattenseiten. Die ersten U-Bahn-Strecken erschlossen unter anderem das wohlhabende Charlottenburg, später auch die Villenkolonien von Dahlem. Es gab eine zweite und dritte Wagenklasse; für Millionen einfache Berliner blieb die Straßenbahn das wichtigste Verkehrsmittel. Erst 1927 verschwand die Klassentrennung in der U-Bahn und die zweite Klasse wurde zum Raucherwagen umfunktioniert.

Hochbahnhof Bülowstraße: Die Anwohner bestanden auf einer repräsentativen Gestaltung
Bahnhof Nollendorfplatz: Schmucklose Eisenkonstruktion

Heute teilen sich Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Einkommen die Wagen. Auch Obdachlose suchen in Zügen Schutz; ich sehe sie oft auf den Sitzbänken schlafen. Die sozialen Unterschiede sind nicht verschwunden. Sie sitzen nur nicht mehr in getrennten Wagenklassen. Und die Wohlhabenden? Die nehmen ohnehin lieber ein Taxi oder Uber.

Die Vergangenheit lässt sich leicht lieben

Meine Begeisterung für das alte Berlin hat eine Schlagseite. Ich bewundere zwar Gründerzeitfassaden und denke selten an die überfüllten Mietskasernen dahinter. Ich finde die Kleidung auf alten Fotografien elegant, frage mich aber gar nicht, wie unbequem sie gewesen sein muss. Und ich freue mich über einen alten U-Bahn-Wagen, obwohl ich ihn auf dem täglichen Arbeitsweg womöglich verflucht hätte.

U-Bahn aus dem Jahr 1926: Eine Erscheinung

Trotzdem finde ich, dass wir etwas verloren haben: den Anspruch, dass Dinge schön und beständig sein dürfen. Heute muss vieles billig, leicht und austauschbar sein. Kunststoff ist praktisch, keine Frage. Aber wird jemand in hundert Jahren mit derselben Begeisterung eine unserer heutigen Bahnen betrachten? Was bleibt von uns, wenn wir nicht mehr leben, um zu zeigen, wie wir gelebt haben?

Lieber heute als gestern

Möchte ich im Berlin des Jahres 1926 leben? Ganz sicher nicht. Ich schätze die Freiheiten unserer Zeit und überhaupt, ganz ohne sachliche Erklärung, Gottes Entscheidung, dass ich jetzt lebe.

Als ich die historische U-Bahn verlasse, bin ich froh, dass es Menschen gibt, die solche Fahrzeuge erhalten. Sie zeigen, dass Fortschritt nicht bedeuten muss, alles Alte wegzuwerfen. Im Gegenteil, sie zeigen, dass wir uns öfter fragen sollten, ob das Neue wirklich immer eine Verbesserung ist.

Ich glaube jedenfalls, dass jeder Mensch in seiner eigenen Zeit genau richtig ist. Die Gegenwart ist alles andere als vollkommen, aber sie ist unsere. Wir dürfen die Vergangenheit bewundern, von ihr lernen und manches an ihr schöner finden. Aber wir müssen sie nicht zurückhaben wollen. Es war eine wunderbare Fahrt, gerade weil ich am Ende wieder aussteigen konnte. Genau deshalb gilt für mich, für uns: Was war, ist nicht wahr.

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