In der Höhle des Löwen für das Gute gestritten
Er gilt als einer der Väter der Verfassung der Republik Chile von 1980: Jaime Guzmán Errazúriz. Heute vor 35 Jahren traf den Abgeordneten des Oberhauses (Senat) die Mörderkugel kommunistischer Terroristen vor dem Campus Oriente der Päpstlichen Katholischen Universität Chiles (PUC) in Santiago de Chile. Er hatte gerade eine Vorlesung gehalten. Er verstarb an demselben Abend im Krankenhaus.
Der 1946 geborene Guzmán hatte sich seit seiner Studienzeit in den 60er Jahren als Vordenker der Bewegung des „Gremialismo“ einen Namen gemacht. Im Deutschen kann man den Begriff „Gremio“ mit „Gilde“, „Zunft“ oder auch „Gewerkschaft“ wiedergeben: selbstverwaltete gesellschaftliche Vereinigungen mit bestimmtem Ziel (Berufs- und Arbeitervertretungen, Sportverbände oder religiöse Gemeinschaften zum Beispiel).
Es handelt sich aber nicht um politische Vertretungen im Rahmen eines „Ständestaates“ (wie etwa im Österreich der 1930er Jahre). Derlei hatte der Schüler Guzmán noch dem Vorbild Franco-Spaniens entlehnt. Der Student und Jurist verwarf es und wandte sich einem sozusagen „zivilgesellschaftlichen“ Ansatz zu. An der katholischen Soziallehre als Leitstern änderte sich nichts.
Tradition, Familie, Privateigentum und papsttreu bis ins Mark
Guzmán stand früh der zuerst aus Brasilien stammenden Bewegung „Tradition, Familie, Privateigentum“ (TFP) nahe, die nicht die schroffe Haltung mancher „Traditionalisten“ gegenüber dem Zweiten Vatikanischen Konzil und den neueren Päpsten teilt. Guzmán berief sich in seinen zahlreichen Kolumnen mehrfach auf Paul VI. und Johannes Paul II.
Manchen chilenischen Bischöfen warf er mangelnde Abgrenzung von der „Befreiungstheologie“ vor – die Hans Graf Huyn als eine marxistische Gnosis bezeichnete, in welcher Christus ein Sozialrevolutionär sei, und die, wie er zeigte, vom KGB gefördert wurde und hauptsächlich auf Lateinamerika und seine sozialen Brennpunkte berechnet war. Auch wurde kritisiert, dass der Erzbischof von Santiago, Kardinal Silva, während des dreiwöchigen Besuchs Fidel Castros in Chile 1971 die systematischen Menschenrechtsverstöße in Kuba nicht öffentlich benannte, zumal er sich ab 1973/74 umso mehr als Kritiker der chilenischen Militärregierung (die bis 1990 bestand) hervortat.
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Dem Militärputsch 11. September 1973 waren Anmaßungen und Rechtsbrüche (gerichtlich wie parlamentarisch festgehalten) der regierenden „Volkseinheit“ voraufgegangen. Verstaatlichungen, Schulpläne (mit Beratung aus Ost-Berlin) und Bestrebungen nach einer Einheitsgewerkschaft waren auf Protest gestoßen, zumal der rechtmäßig gewählte, aber nicht mehr rechtmäßig handelnde Präsident Salvador Allende seine Parteilichkeit kaum verbarg. Die anfänglich Allende unterstützenden Christdemokraten versagten ihm die Gefolgschaft (vgl. Mario Puelma „Die Zerschlagung einer Demokratie“, erstmals 1974).
Es handelte sich nicht um einen US-gelenkten Putsch, wenngleich Washington die zivile antimarxistische Opposition unterstützt hatte (so wie Moskau und Havanna die Regierung).
Guzmán wurde Mitglied der Verfassungskommission
Die politisch unbedarften Militärs unter Führung von General Augusto Pinochet Ugarte brauchten befähigte Berater. Guzmán nahm an der kurz nach dem Staatsstreich gegründeten Kommission teil, welche eine neue Verfassung ausarbeiten sollte, und wirkte an der Prinzipienerklärung der Junta im März 1974 mit.
Guzmán wies schon am 25. Oktober 1973 auf Art. 21 Abs. 2 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland hin, der die Möglichkeit des Verbots verfassungswidriger Parteien enthält. In antimarxistischer Formulierung wurde Ähnliches in die neue Verfassung eingeflochten. Eine neue „geschützte“ (protegida) Demokratie sollte weniger anfällig für Demagogie und Klassenkampf sein, was aber eher an die „wehrhafte Demokratie“ der Bundesrepublik denken lassen sollte als an die „illiberale Demokratie“ eines Viktor Orbán etwa. Das Frauenwahlrecht wurde in den Verhandlungen der Kommission nicht angefochten.
Bei einem Festakt in Chacarillas im Juli 1977 stellte General Pinochet denn auch die geplanten Phasen der Rückkehr zur Demokratie vor – derweil er politische Gegner foltern ließ. Die Rede hatte ihm Guzmán geschrieben. Ein Kernsatz der Rede: „Freiheit und Demokratie können nicht überleben, wenn sie nicht gegen jene verteidigt werden, die sie zerstören wollen.“
Hier ist zum berechtigten Einwand, wieso Guzmán dann eine Diktatur, während der schwere Menschenrechtsverletzungen begangen wurden, unterstützt habe, zu bemerken, dass er die Verbrechen von Anfang an aufzuklären und einzudämmen suchte.
„Die Familie ist das Fundament der Gesellschaft“
Im Sinne des „Gremialismo“ suchte Guzmán auf die Transition hin zur sogenannten „neuen Institutionalität“ einzuwirken. Den gesellschaftlichen Zwischeninstanzen kam eine depolitisierende Rolle zu. Während „kollektivistische Ideologien einen totalitären oder totalisierenden Staat vergöttlichen“, sollten die Gremien unabhängig sein. „Die freie Gesellschaft hingegen gründet sich auf die geistige Würde des Menschen und dessen daraus folgenden Vorrang gegenüber dem Staat. Die Autonomie der intermediären Körperschaften (...) ergibt sich als wesentliche Folge“ (6. Mai 1983).
Daher wandte Guzmán sich auch gegen die, welche einem angeblich auf den „natürlichen Körperschaften der Gemeinschaft“ beruhenden Staat den Vorzug gaben (22. August 1979).
Beinahe am Beginn der Verfassung, die schließlich 1980 in Kraft trat, heißt es daher nach wie vor: „Die Familie ist das Fundament der Gesellschaft. Der Staat erkennt die intermediären Gruppen, durch die die Gesellschaft sich strukturiert und organisiert, an und garantiert ihnen die zur Erfüllung ihrer Ziele angemessene Autonomie.“ Das Recht, in einer sauberen Umwelt zu leben, blieb ebenfalls unangetastet.
Das menschliche Lebensrecht zu schützen war Guzmán ein besonderes Anliegen
Bis 2017 gehörte das Gebot zum Schutz des ungeborenen Menschenlebens (schon 1976 per Dekret verankert) dazu. Lange hatte es den von Guzmán (2. April 1989) für die Zeit nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Weltsozialismus vorhergesagten Angriffen auf Familie und Christentum widerstanden. Der Schutz des menschlichen Lebensrechts war Guzmán ein besonderes Anliegen: „Wenn nun das Recht auf Leben den Höhepunkt der Menschenrechte darstellt, dann ist das Recht auf Geburt offensichtlich das Recht, das die Ausübung aller anderen Rechte ermöglicht“ (20. November 1988).
Zur „Geburtenkontrolle“-Kampagne ab 1965 (begonnen unter den „Christdemokraten“) schrieb Guzmán (Realidad, Jg. 1, Nr. 7, 1979), diese habe „zu Abtreibungen und zur Sterilisation zahlreicher Frauen, insbesondere in den Bevölkerungsgruppen mit geringerem Bildungsstand oder geringerem Einkommen“ geführt. Bedeutend war dabei die „Asociación de Protección de la Familia“ (Verein zum Schutz der Familie), deren begrifflicher Zynismus dem von „Planned Parenthood“ und „Pro Familia“ nicht nachsteht. Guzmán benannte zudem eine „klare Einmischung der großen Weltmächte“ in den antinatalistischen Kampagnen. So weit, so traurig wie bekannt.
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Die Position der neuen Regierung war eine andere: „Dem Staat“, so schreibt Guzmán, Pinochet zitierend, „ist es nicht gestattet (...), durch Initiativen, die auf eine Erhöhung oder Senkung der natürlichen Geburtenrate abzielen, einzugreifen.“
Guzmán zitierte dazu auch Miguel Kast, den jung verstorbenen Bruder des seit März amtierenden neuen deutschstämmigen Präsidenten Chiles José Antonio Kast; Miguel war damals Direktor der Nationalen Planungsbehörde, später Arbeitsminister und Leiter der Zentralbank: „Aufgrund des Gebots der Unantastbarkeit und des Respekts vor jedem menschlichen Leben lehnen wir abtreibende Verhütungsmethoden ab.“ Hingegen betreffe die Entscheidung über nicht-abtreibende Verhütungsmethoden „allein den Einzelnen und dessen ethische und persönliche Werte“.
Guzman schrieb: „In diesem Bereich, gemäß der Befugnis, die das Lehramt der katholischen Kirche seit jeher für sich beansprucht hat (...), ist die Enzyklika ‘Humanae Vitae’ von Papst Paul VI. verankert.“
Ideal des subsidiären Staats
Diese freundliche Unterscheidung zwischen geistlicher und staatlicher Zuständigkeit in der westlichen Tradition der „Zwei-Schwerter“-Lehre (gemäß dem Herrenwort in Mt 22,21: „Gebet mithin, was des Kaisers ist, dem Kaiser, und was Gottes ist, Gott“) hebt den chilenischen Ansatz von pseudo-natalistischen Beispielen ab, die nicht von einem richtigen Menschenbild, sondern von materialistischen Gründen getragen sind – von Hitler und Stalin über Pétain bis Ceaușescu und Putin, wobei in der Russischen Föderation die Zahlen der vorgeburtlichen Tötungen weiter erschreckend hoch sind.
Karl Ernst Jarcke (Berater Metternichs, mit weniger Erfolg) bekannte 1847: „In dieser, von Gott selbst gesetzten Trennung der Gewalten, in diesem Bestehen einer vom Staate unabhängigen Kirche und in allen den Folgerungen, die sich an diese Doppelheit schließen“, liege „die Erlösung der Gesellschaft. Erst auf diesem Boden konnte (...) jene Freiheit der Individuen, der Familien, der Congregationen erwachsen“, das, was Jarcke den „germanischen Staat“ nannte. 1846 hatte er darauf hingewiesen, dass „Staats- und Zwangswohlthätigkeit (...) aufhört ein freier Act der Liebe zu seyn“. Auch insofern, neben der Leugnung des Eigentumsrechts, ist der moderne Sozialismus dem Christentum fremd.
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Bezeichnend für die Vorstellung eines subsidiären, weder untätigen noch aber ausufernden Staates ist dabei Guzmáns Sicht auf das elterliche Erziehungsrecht. Die Verpflichtung des Staates sieht Guzmán darin, „die Ausübung dieses Rechts zu schützen“, aber falls dies nicht ausreiche, ergänzend tätig zu werden und „Bildungseinrichtungen auf verschiedenen Ebenen zu schaffen und zu erhalten“ (Protokoll der Verfassunggebenden Kommission, 5. August 1975). Vor diesem Hintergrund ist die 1980 beginnende Dezentralisierung des Schul- und Hochschulwesens zu verstehen.
Eine interessante Einzelheit: Guzmán setzte sich für das Wahlrecht von Analphabeten ein, auch, da es Armut sei, die viele an der Grundschulbildung hindere (Verfassunggebende Kommission, 5. April 1978).
„Soziales Engagement zugunsten der Ärmsten ist dabei ein besonderes Anliegen“
Leider hält sich das Klischee vom marktradikalen Kahlschlag in Chile. Zwar sollte die private Initiative auch in der Wirtschaft das Hauptgewicht erhalten. Guzmán bemerkte aber: „Anstatt Ressourcen von Aufgaben abzuziehen, die Einzelpersonen angemessen übernehmen können (wie zum Beispiel Unternehmensführung und -besitz), können diese Ressourcen in Bereiche gelenkt werden, die der Privatsektor naturgemäß nicht angemessen bewältigen könnte. Soziales Engagement zugunsten der Ärmsten ist dabei ein besonderes Anliegen“ (20. November 1988). Die 1971 erfolgte Verstaatlichung der für Chile bedeutsamen Kupferindustrie wurde nie rückgängig gemacht (die Enteigneten wurden 1974 einvernehmlich entschädigt).
Die libertären „Chicago Boys“, eine Gruppe chilenischer Wirtschaftswissenschaftler, die zumeist in Chicago studiert hatten – Miguel Kast gehörte zu ihnen –, sahen Staatsintervention kritischer. Guzmán aber war sich bewusst, dass, „wenn ein beträchtlicher Anteil einer Gesellschaft nicht vom herrschenden politischen und sozialen System profitiert“, dieser „zu einem Nährboden für demagogische oder extremistische Abenteuer wird“ (22. März 1985).
Nach dem Sturz der kleptokratischen Somoza-Diktatur in Nicaragua schrieb er: „Korruption (...) macht die Betroffenen zu leichten Opfern des Marxismus“ (25. Juli 1979). Scharfe Kritik übte er hier an den USA, welche die Somoza-Dynastie installiert und gehalten, dann aber fallengelassen hätten.
In Nicaragua setzten sich die marxistischen „Sandinisten“ durch, welche sich der „Befreiungstheologie“ bedienten und eine „Volkskirche“ gegen die hierarchisch verfasste stellten. Die chilenischen Bischöfe, so konnte Guzmán feststellen, warnten vor einem solchen Ansatz, den er als „Instrument eindeutig marxistischer Herkunft und Inspiration“ bezeichnete (13. August 1982). Zum Beleg zitierte er aus der „nicaraguensischen Messe“: der Friedensgruß Christi werde ersetzt durch „Der Friede Sandinos sei mit dir“ (der namensgebende „Revolutionär“), darauf werde geantwortet: „Und mit dem Geist der Revolution.“
Skeptisch gegenüber Gorbatschows Perestroika
Guzmán war überzeugter Antimarxist, aber konnte ebenso mit Recht sagen: „Ich bin zutiefst antifaschistisch“ (27. Mai 1978).
Sein Blick war wachsam gegenüber den Maskierungen des Kommunismus, etwa in der „Perestroika“ („Doch das Imperium ist nach wie vor da, und der moralische Kompass der Doktrin, die es antreibt, ist derselbe geblieben“, 8. Juni 1988), wie gegenüber dem Pseudo-Antikommunismus (heute neu auftretend – Trevor Loudon spricht von der „Woken Rechten“), von dem Plinio Corrêa de Oliveira, der spätere Gründer von TFP, 1939 anlässlich des Hitler-Stalin-Pakts sagte, „die sogenannte Rechte“ sei „letztlich nichts weiter als eine Scheinrechte, die einen zutiefst linken Lehrinhalt“ verberge.
Daher wandte Guzmán sich auch gegen die, welche die Demokratisierung behindern wollten. „Aufgefordert, ihre Alternative zu spezifizieren, deuten diese lediglich auf eine mögliche Verewigung des gegenwärtigen Regimes in einer Art ‘Militärstaat’ hin oder berufen sich auf ‘die natürlichen und repräsentativen Organe der Gemeinschaft’“ (22. August 1979). Zum 50. Jahrestag der im Herbst 1933 erfolgten Gründung der spanischen „Falange“ schrieb er: „Indem er sich im Namen einer angeblichen nationalen Einheit statt im Namen einer Klasse proklamiert, trägt der daraus entstehende Totalitarismus – anstelle des marxistischen Stempels – den des faschistischen Nationalismus. Aber er ist ebenso totalitär. So einfach und so wiederholt wie vor einem halben Jahrhundert.“
Entsprechend riet Guzmán (23. März 1984) der Regierung, „sich weder von marxistischen Provokationen noch von antidemokratischen Einflüssen mitreißen zu lassen“, die sich „mit hinterhältiger, verführerischer Geschicklichkeit um die Macht herum entfalten“.
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Die Öffnung der Berliner Mauer beschrieb Guzmán als freudigen Anlass für die freiheitsliebenden Männer und Frauen in der ganzen Welt (19. November 1989), aber er stellte auch fest: „Die vom Kommunismus unterdrückten Völker geben sich nicht mit einer bloßen Reform des Systems zufrieden; sie fordern dessen vollständige Ersetzung durch ein System echter religiöser, politischer und wirtschaftlicher Freiheit“ (31. Dezember 1989).
„Jaime hat sich von Anfang an für das Thema Menschenrechte interessiert“
Zu den schweren Menschenrechtsverletzungen in Chile selbst erklärte Guzmán öffentlich in einem Interview, er habe sich immer damit befasst, „im Gegensatz zu vielen, die während des Wirtschaftsbooms, als die Taschen voller waren, die Augen vor diesem Thema verschlossen haben“ (11. Juli 1985).
Ein Weggefährte, Juan Pablo Illanes, bestätigte 2003, dass Guzmán schon in den ersten Jahren der chilenischen Militärregierung – als manche über dem Wirtschaftsaufbauplan anderes vergaßen – bemüht um die Aufklärung von hauptsächlich der Geheimpolizei DINA angelasteten Verbrechen war:
„Ich lebte 1973 und danach außerhalb Chiles und war zum Zeitpunkt des Putsches nicht hier. Als ich zurückkam, hat mich das Thema der Menschenrechtsverletzungen wirklich zutiefst erschüttert. (...) ich dachte, das sei alles Teil der linken Propaganda. Aber hier stieß ich auf den Fall zweier Freunde von mir, von denen einer gestorben war (...) Ich versuchte, mit jedem, den ich traf, über das Thema zu sprechen, und im Allgemeinen weckte das Thema bei fast niemandem großes Interesse. Das ist die harte Wahrheit. In der chilenischen Gesellschaft waren die Menschen viel mehr mit den Wirtschaftsreformen und der Preisfreigabe, der Senkung der Zölle beschäftigt als mit den Menschenrechten, mit einer einzigen Ausnahme: Jaime Guzmán.
Wenn man das Thema bei ihm ansprach, wurde Jaime hellhörig, er interessierte sich dafür, machte sich Sorgen, hörte zu und informierte sich darüber. Ich erinnere mich, dass ich ihm einmal folgende Bemerkung zu einem Film über die Nazis gemacht habe, in dem die Deutschen sagten, sie hätten nicht gewusst, was geschehen war, und nun würde man ihnen vorwerfen, es nicht gewusst zu haben. (...) Ich habe Jaime wohl gesagt, dass man uns das eines Tages vorwerfen würde und dass es sich für uns lohnen würde, nachzuforschen und zu versuchen, alles zu erfahren. (...) Er ermittelte, sprach darüber und engagierte sich (...).
Also, Jaime wurde zum Feind Nummer eins von General [und Geheimdienstchef, die Red.] Manuel Contreras, der ihn bedrohte, ihn ständig vor Pinochet zu diskreditieren versuchte und alles tat, um ihm zu schaden. (…) es herrschte eindeutig eine Feindschaft innerhalb der Regierung zwischen denen, die die nationale Sicherheit übertrieben darstellten und alles verfolgten, was nach Kommunismus roch oder was gefährlich sein könnte auf der einen, und denen auf der anderen Seite, die an das Gesetz glaubten. Denn die Menschenrechte sind ein wesentlicher Bestandteil des traditionellen Rechts. Ich denke dabei an die Bürgerrechte, an die individuellen Rechte, an die Bedeutung des Einzelnen und der Person – ein Thema der Rechten, nicht der Linken. Die Linke steht für Kollektivierung und die Bedeutung der Gesellschaft, aber auch für den vergleichsweise geringen Wert des Einzelnen.“
Guzmán gehörte also zu denen, die auf das Recht der Person – jeder Person – pochten. Im Widerspruch zu seiner Haltung und auch den offiziellen Verlautbarungen der Militärregierung wurden die Menschenrechte mit Füßen getreten, tausendfach auf schlimmste Weise insbesondere in den ersten Jahren ab September 1973.
Raúl Lecaros bezeugte 2008: „Jaime hat sich von Anfang an für das Thema Menschenrechte interessiert (...) Ich bin mit Jaime zum Nationalstadion gegangen, wo er einen Häftling besuchen wollte, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere. Er ging ins Stadion, ich wartete draußen auf ihn, ich konnte nicht rein, es war sehr schwierig. Jaime ging rein (...) Er gewann sofort einen sehr schlechten Eindruck von der DINA. Jaime hatte von Anfang an eine klare Vorstellung davon, wer Contreras war, und er machte keinen Hehl daraus, dass er dafür kämpfte, dass die DINA abgeschafft wurde, bis er es schließlich schaffte.“
Es ist reizvoll, hier das Beispiel El Salvadors anzuführen, wo sich die Latifundieneigner den „campesinos“, den Kleinbauern und Landarbeitern, gegenüber despotisch und ausbeuterisch aufführten. Dagegen trat der Erzbischof von San Salvador auf, der von „Linkskatholiken“ vereinnahmte und, der üblichen Dialektik gemäß, von „Konservativen“ daher beargwöhnte hl. Oscar Romero – ein rechtgläubiger Hirte, der mit der „Befreiungstheologie“ nichts im Sinne hatte und sich wie gegen Macht- und Eigentumsmissbrauch, so auch gegen Klassenkampf und Abtreibung aussprach. Er wurde am 24. März 1980 von „Todesschwadronen“ während der hl. Messe ermordet. Beide – der Blutzeuge von El Salvador und der chilenische Intellektuelle und Politiker – fielen Totalitaristen und Nihilisten zum Opfer, für welche der Zweck die Mittel heiligte.
„Ich kam immer zu dem Schluss, dass es meine moralische Pflicht war“
Nach den Referenden von 1978 (über den Kurs der Militärregierung), 1980 (über die Verfassung) und 1988 (über eine weitere Amtszeit Pinochets) fanden 1989 in Chile erstmals seit 1973 Parlaments- und, infolge der knappen Niederlage Pinochets, auch Präsidentschaftswahlen statt. Guzmán wurde für die 1983 von ihm gegründete und 1987 als Partei registrierte Unión Demócrata Independiente (UDI) in den Senat gewählt. Die Transition war in einen weiteren Abschnitt getreten.
Drei Wochen vor seinem Tod zog Guzmán Bilanz über seine Mitwirkung an der Militärregierung:
„Ich habe lange darüber nachgedacht, in meinem Gewissen und vor Gott, aber ich kam immer zu dem Schluss, dass es meine moralische Pflicht war, in der Regierung zu bleiben, um am Prozess der Normalisierung und Institutionalisierung mitzuwirken, der es ermöglichen würde, die Menschenrechtsverletzungen zu überwinden und dazu beizutragen, dass das Regime in einer vollwertigen Demokratie mündet, wie es sich die Streitkräfte 1973 zum Ziel gesetzt hatten. Ich glaube, der Ausgang zeigt, dass ich mich nicht geirrt habe.“
Das tödliche Attentat auf den Senator am Abend des 1. April 1991 erschütterte ganz Chile.
Einen Monat nach der Ermordung Guzmáns veröffentlichte Johannes Paul II. die Enzyklika „Centesimus annus“. Darin spricht der Papst, durchaus ähnlich wie Oliveira, Romero und auch Guzmán, von Kräften, „die sich dem Marxismus durch die Erstellung von Systemen ‘nationaler Sicherheit’ entgegenstellen. Ihr Ziel ist, die ganze Gesellschaft bis in die feinsten Verästelungen zu kontrollieren, um marxistische Infiltration zu verhindern. Sie verherrlichen und steigern die Macht des Staates und wollen so ihre Völker vor dem Kommunismus bewahren. Dabei geraten sie aber ernstlich in die Gefahr, jene Freiheit und jene Werte des Menschen zu zerstören, in deren Namen man sich diesem entgegenstellen muss.
Eine weitere praktische Antwort wird schließlich von der Wohlstands- oder Konsumgesellschaft verkörpert. Sie sucht den Marxismus auf der Ebene eines reinen Materialismus zu besiegen, (...) Einerseits ist es wahr, dass dieses soziale Modell den Zusammenbruch des Marxismus aufzeigt (...) Andererseits stimmt es mit ihm aber in Wirklichkeit überein, insofern es (...) den Menschen völlig auf den Bereich der Wirtschaft und die Befriedigung materieller Bedürfnisse reduziert.“
Gesellschaftspolitische Fragen unter dem Blick des Glaubens der Kirche
Auch Guzmán war sich bewusst gewesen, dass „kein politisches oder wirtschaftliches System (wie die politische Demokratie oder die soziale Marktwirtschaft) die tiefsten Sehnsüchte des Menschen befriedigen“ kann, dass „seine transzendente Würde nach Antworten auf das Leid, den Tod und die endgültige Bestimmung des Daseins“ verlangt.
„Der praktische Materialismus des Konsumismus, der heute den Westen zerfrisst, stürzt Millionen von Menschen in Leere, Langeweile und Realitätsflucht. (...) Wie Johannes Paul II. der chilenischen Jugend sagte, müssen wir auf Christus blicken und in ihm das Antlitz Gottes selbst entdecken. Das ist keine rein religiöse Frage. Es geht dabei um unsere gesamte persönliche und gesellschaftliche Zukunft. Die gegenwärtige Situation der Menschheit macht dies besonders deutlich.“ (11. Februar 1990)
Guzmáns Erbe und Vermächtnis bleiben lebendig
Guzmán teilte mit der von ihm bewunderten „Hispanidad“, deren „evangelisierender Geist (...) uns die christliche Zivilisation vermittelte“ (14. Oktober 1985), „die sittliche Überzeugung von der wesentlichen Gleichheit aller Menschen. Denn ungeachtet der Hierarchien und ihrer zufälligen Unterschiede besitzen alle Menschen die gemeinsame Würde als Kinder Gottes. Und man ist nur dann Bruder – und damit entsteht die Herausforderung, sich auch so zu verhalten –, wenn ein gemeinsamer Vater existiert und anerkannt wird“ (14. Oktober 1990).
Als Katholik bekannte Guzmán Christus als „Sohn Gottes, der Mensch geworden ist“ (14. April 1987). Dazu gehörte seine Überzeugung, dass Maria „Mutter Gottes, der Menschheit und der Kirche“ ist, „wie Christus selbst es vom Kreuz aus deutlich machen würde“ (7. Dezember 1986).
Guzmáns Vermächtnis widmet sich die nach ihm benannte Stiftung. Die Straße, in welcher der Ort des Anschlags, der Campus Oriente der PUC, sich befindet, trägt ebenfalls seinen Namen. Der Historiker José Manuel Castro beschäftigt sich ausführlich mit Guzmáns politischem Erbe.
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