Litauen: Vom Tor der Morgenröte an die Frontlinie Europas
Vatikanische Grotten des Petersdoms, 16. Oktober 1978. Die Türen der Sixtina schließen sich hinter dem neuen Papst. Vor Michelangelos „Jüngstem Gericht“ verebbt das Nachbeben der Wahl. Johannes Paul II. geht hinab in die Grotten des Petersdoms zur Cappella Lituana, nahe dem Petrusgrab. Über dem Altar schimmert ein Mosaik: die Mater Misericordiae aus dem Tor der Morgenröte zu Vilnius. Reliefs erzählen Motive der litauischen Heilsgeschichte; eines zeigt den heiligen Josaphat (1580-1623), den Basilianermönch und Zeugen einer römisch-griechisch-katholischen Einheit.
„Und dort, zu Füßen der Jungfrau Maria, habe ich für euch alle gebetet“, wird Johannes Paul II. bekennen und seinen ersten Gang als Papst schildern, als er 1993 das befreite Litauen besucht. Seine Wahl markiert den Anfang vom Ende der Sowjetunion. Denn als erste der Sowjetrepubliken wagte das kleine Land 1990 den Weg in die Unabhängigkeit.
Belowescher Wald, Belarus, 8. Dezember 1991. Aus Litauens Unabhängigkeit „folgte eine ‘Parade der Souveränitäten’“, formuliert Wladimir Putin dreißig Jahre später. Sie führte zum Zerfall der Sowjetunion:
„Am 8. Dezember 1991 wurde das sogenannte Belovezh-Abkommen unterzeichnet, in dem es hieß, dass ‘die UdSSR als Subjekt des Völkerrechts und geopolitische Realität nicht mehr existiert’“.
Zeit und Ort sind symbolisch: Die für Putin „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ geschieht am Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens in einem umgebauten Jagdschloss der Zaren.
Wie kam es dazu – und wer trug diesen Prozess? Warum ist er ein Schlüssel, um die heutige Konfrontation im Osten Europas zu verstehen?
Heute liegt Litauen dort, wo Europas Sicherheit am brüchigsten ist: zwischen der russischen Exklave Kaliningrad (Königsberg) und Belarus, am verwundbaren Suwałki-Korridor, der das Baltikum mit dem übrigen NATO-Raum verbindet.
Deutschland stationiert dort Kampftruppen: „Die Verteidigung von Vilnius ist die Verteidigung Berlins“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz im Mai 2025 anlässlich des Aufstellungsappells der Panzerbrigade 45 der Bundeswehr in der litauischen Hauptstadt; eine Antwort auf Putins Ambitionen, den postsowjetischen Raum als russisch dominierten Integrationsraum zu begreifen.
Cappella Lituana, 5. Juli 1987. Knapp zehn Jahre nach seiner Wahl und im 600. Jubiläumsjahr der „Taufe“ Litauens weiht Johannes Paul II. dieses Land der Mater Misericordiae:
„Mutter der Barmherzigkeit, zu Dir eilt dieses Volk und stellt sich unter Deinen Schutz: Weise seine Bitten in der Not nicht zurück, bewahre es vor Gefahren, führe es zu Deinem Sohn.“
Seit Jahrhunderten verehren Litauer, Polen, Belarussen und Ukrainer die west-östliche Marienikone im Tor der Morgenröte.
Vor ihr gedenkt der polnische Papst „der sechs Jahrhunderte christlichen Lebens der Brüder und Schwestern Litauens“: „Ich bitte Dich, ihnen zu helfen, weiterhin und immerdar treu zu Christus und seiner Kirche zu stehen.“
Kaunas, 16. Februar 1989. Wiederauferstehungen beginnen im Verborgenen. Aus Gesprächen werden Versammlungen, aus Versammlungen wird eine Volksbewegung – Sąjūdis (Bewegung). An ihrer Spitze steht ein Mann der Kultur: Vytautas Landsbergis (*1932) – Pianist, Musikwissenschaftler, Professor, das Gegenteil eines Apparatschiks. Nebenbei: Einer seiner Enkel, der 1982 geborene Gabrielius Landsbergis, diente seinem Land vier Jahre als Außenminister und ist vierfacher Familienvater.
Eine vergessene Freiheitsstatue wird aufgefunden und wiedererrichtet – ein politisches Zeichen, das in liturgisches Leben eingebettet ist, wie sich Landsbergis erinnert:
„Kaum blieben uns einige Stunden Schlaf, bis wir am frühen Morgen an der feierlichen Messe in der Kathedrale teilnahmen, die von Kardinal Vincentas Sladkevičius zelebriert wurde.“
Litauens Freiheitsbewegung erwacht im Schoß der Kirche.
Vilnius, 11. März 1990. Als erste Sowjetrepublik erklärt Litauen die Wiederherstellung seiner Unabhängigkeit. Für Putin ein Zündfunke: „Die gefährlichste Zeitbombe im Fundament unserer Staatlichkeit explodiert.“ Unmittelbar vor Ostern verlangt Michail Gorbatschow den Widerruf.
Landsbergis antwortet gelassen mit dem Hinweis auf das Kirchenjahr:
„Ich erklärte den herbeigeeilten ausländischen Journalisten, dass wir in unserem Land ein religiöses Fest feiern, Ostern, das man im Kreml nicht kennt. Erst nach Ablauf dieses Festes würden wir auf das Ultimatum antworten.“
Demonstrativ und vom litauischen Fernsehen mit hoher Signalwirkung übertragen, besucht der provisorische Staatschef die Ostermesse in der Erzkathedrale von Vilnius. Litauen widersteht massivem Druck, nicht nur wirtschaftlichen Sanktionen.
Eltern erhalten Särge ihrer wehrpflichtigen Söhne, die „in Erfüllung ihrer Pflichten in der Roten Armee umgekommen“ seien. „Wurde der Sarg aber, entgegen dem Verbot des begleitenden Offiziers geöffnet“, hält Landsbergis fest, „so fanden die Eltern ihren Sohn oft zusammengeschlagen und bestialisch ermordet.“
Bald folgen historische Korrekturen: So beschließt das Parlament, der Kirche den Status zurückzugeben, den sie vor der sowjetischen Besatzung besessen hatte. Das Fest Mariä Himmelfahrt am 15. August wird sofort als staatlicher Feiertag wieder im öffentlichen Leben verankert.
Sonntag, 13. Januar 1991. Das Imperium schlägt zurück. Sowjetische Streitkräfte und Spezialeinheiten verletzen mehr als 1.000 unbewaffnete Zivilisten. Am Fernsehturm von Vilnius werden 14 Menschen getötet, meist Jugendliche. Eine Pietà auf dem Friedhof erinnert heute an sie. Der Schock schweißt Litauen zusammen. Landsbergis erinnert sich:
„Die junge Loreta, die sich mit zerbrechlichen Händen und mutigem Herzen einer unmenschlichen Mordmaschine, einem Panzer, in den Weg stellte, selbst dabei umkam und dafür andere gerettet hat, verglich ich mit Litauen in der heutigen Welt.“
Heute erinnert vor dem litauischen Parlament ein Pavillon mit Gedenktafeln und Barrikadenresten an die Opfer des Freiheitskampfes. Eindrucksvoll ist ein hölzerner Bildstock mit einer schlichten Rosa Mystica. Er vergegenwärtigt die Rosenkranzbeter, die am Parlament den Sowjetpanzern diese Marienstatuette entgegenhielten. Trotz Schießbefehls überlebten sie alle.
„Die Freiwilligen leisteten einen Eid, beichteten angesichts ihrer Bereitschaft zu sterben und wohnten den Messen bei, die nachts im Hause gelesen wurden“, schreibt Landsbergis und fährt fort:
„Auf den Barrikaden, die bald um das Gebäude errichtet wurden, tauchten Kerzen, Kreuze und eine kleine Statue der Jungfrau Maria auf, entstand ein improvisierter Altar, an dem die Geistlichen nicht nur eine Messe zelebrierten.“
Šiluva, 8. September 1991. Am Fest Mariä Geburt – erstmals wieder frei im Wallfahrtsort gefeiert – weiht Kardinal Sladkevičius, jahrzehntelang von den sowjetischen Behörden drangsaliert, gemeinsam mit den Bischöfen Litauen dem Unbefleckten Herzen Mariens. Staatschef Landsbergis ist ein Hauptunterzeichner des Weihedokuments. Die Marienweihe wird zum Akt nationaler Selbstvergewisserung. In ihrer zentralen Passage vollzieht sie eine Ganzhingabe: Litauen legt seine Zukunft, seine innere Erneuerung und seine geistliche Bewahrung in die Hand der Gottesmutter.
Ein biografisches Detail lässt tiefer blicken: Landsbergis entstammt der westfälischen Adelsfamilie von Landsberg, die im 11. Jahrhundert der Abtei Werden diente; ein Zweig siedelte im Baltikum. Diese Wurzeln erinnern an die deutsche Baltikummission unter dem Patronat Mariens. Das dritte Laterankonzil übereignete die neuen Missionsgebiete der Gottesmutter als Terra Mariana – Land Mariens. Die Weihe von 1991 steht also in einer langen baltischen Tradition.
Wenn Landsbergis auf diese Jahre zurückblickt, würdigt er nicht nur den Mut der Bürger, sondern auch den polnischen Papst. Noch als Staatspräsident lädt er Johannes Paul II. nach Litauen ein. Erst kurz zuvor hatten die letzten sowjetischen Truppen das Land verlassen.
„Ich kann sagen, dass die Befreiung Litauens und der anderen baltischen Länder zu einem großen Teil das Ergebnis der päpstlichen Politik ist. Für die Menschheit insgesamt und natürlich insbesondere für die unterjochten Nationen war sie von sehr, sehr großer Bedeutung. Der Papst hat zwar keine ‘Divisionen’, aber die größte geistliche Armee. Unsere Befreiung basierte auf Werten, Tugenden und dem Empfinden, der großen europäischen christlichen Kultur anzugehören.“
Trakai, 11. Februar 2018. Der Faden reißt nicht ab. Am Fest Unserer Lieben Frau von Lourdes und zum 100. Jahrestag der ersten Unabhängigkeit Litauens erneuern alle Bischöfe – landesweit übertragen – die Marienweihe. So spannt sich der Bogen vom Gebet eines neugewählten Papstes aus Polen in der litauischen Kapelle des Petersdoms bis in die Gegenwart.
Und doch war der Jubel über die Befreiung nur kurz. Schon 1994 verneint Landsbergis die Vorstellung, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sei der Kampf gegen den Kommunismus gewonnen: Er verändere nur sein Gesicht, dieses Böse könne auch anders heißen. Es gehe um die Verehrung von Gewalt und Macht. Namen wie ‘Kommunismus’ seien unwichtig. Der Name könne auch ‘Neue Weltordnung’ lauten. Wir müssten uns fragen, was diese ‘Neue Weltordnung’ sei. Mit sehr wenigen Ausnahmen spreche niemand über geistliche Werte. Was zähle, sei wirtschaftliche Effizienz, Einfluss- und Kontrollzonen in einer materialistischen Lebensweise, in einer Welt durch und durch säkularer Ideologien.
„Ich habe manchmal gesagt, dass es mir scheint, als seien alle westlichen Führer im Grunde Marxisten. Ich bin kein Marxist, sondern ein bündelnder und kreativer Geist, auf den unter anderem auch die Wirtschaft angewiesen ist. Deswegen denke ich immer öfter über eine Geisteskrise Europas, über Konsumismus, Habgier und Unehrlichkeit nach. Darin sehe ich die größte Gefahr.“
„Wahrheit und Recht galten nicht nur dem Osten nichts, ihre Einforderung war auch dem Westen nicht behaglich“, resümiert Landsbergis zu Beginn seiner Autobiografie „Jahre der Entscheidung“ von 1997. „Für Litauen dagegen waren Wahrheit und Recht absolute Werte. Konnte der sowjetische Osten nur über sie lachen, so mussten sie dem Westen peinlich sein, wenn er nicht zugleich unsere Auffassungen anerkennen wollte.“
Was meint er damit – und was sagt dies über die geistigen Wurzeln des aktuellen Geschehens?
Warten auf die Bekehrung Russlands
Moskau, 12. Juli 2021. Auf der Kreml-Website erscheint Putins Essay „Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer“. Die Weltpolitik steht bereits unter Spannung: Im Frühjahr hatte Russland große Kräfte an die ukrainische Grenze und auf die Krim verlegt; im Juni blieb die NATO vage. In Europa riss der Streit um Nord Stream 2 sichtbare Fugen in die westliche Geschlossenheit.
Putins Text bereitet gedanklich den Großangriff auf die Ukraine vor und macht Litauen zur Bühne. Als mittelalterliches Großfürstentum erobert es „die südlichen und westlichen russischen Gebiete“ (von den Mongolen!). Aus der Union von Lublin 1569 wird für ihn ein Konfliktherd; aus der Union von Brest 1596 macht er eine kirchliche Konfrontation: „Ein Teil des westrussischen orthodoxen Klerus unterwarf sich der Autorität des Papstes.“
„Unsere geistige Einheit wurde angegriffen“, behauptet Putin. Wodurch? „Wie zu Zeiten des Großfürstentums Litauen wurde eine neue Kirche gegründet.“ Aktuell gemeint ist zwar die orthodoxe Kirche in der Ukraine. Die tiefere Ursache ist für Putin jedoch die mittelalterliche „Latinisierung“ Osteuropas und die griechisch-katholische Kirche. Die russische Orthodoxie steht dagegen für eine „Einheit“, die er politisch beansprucht.
Im Gegensatz zum römisch-griechisch-katholischen Osteuropa vor 1795 sieht sich Putin in der „Tradition der alten russischen Staatlichkeit“ – mit Moskau als „Zentrum der Wiedervereinigung“. Vorbildlich ist für ihn die gewaltsame Russifizierung nach 1795: „Nach der Teilung des polnisch-litauischen Commonwealth gewann das Russische Reich die westlichen altrussischen Gebiete zurück, mit Ausnahme von Galizien und Transkarpatien, die ein Teil des österreichischen (und später österreichisch-ungarischen) Reiches wurden.“
Damit deutet Putin den postsowjetischen Raum als Teil einer Kontinuität, die aus seiner Sicht durch Westbindung, Pflege nationaler Identität und die Union mit dem römischen Papsttum zerrissen wurde.
In Putins Konzept einer „russischen Welt“ (Russkij mir) erscheinen Sprache, Glaube und Kultur als Bindemittel eines Raumes, den er politisch beansprucht: „Die Eingliederung der westlichen Gebiete Russlands in den Einheitsstaat war nicht nur das Ergebnis politischer und diplomatischer Entscheidungen. Ihr zugrunde lagen der gemeinsame Glaube, gemeinsame kulturelle Traditionen.“
Was ist die Konsequenz? Eigenständigkeit wird zur Gefahr. 17-mal bezieht sich Putin auf die schismatische Orthodoxie Russlands als geistiges Fundament. Die griechisch-katholische Kirche, die nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder aufblüht, steht seiner Russkij mir unmittelbar entgegen. Die befürchtete Schändung der Josaphat-Reliquien durch die sowjetischen Besatzer Wiens 1945 kommt in Erinnerung; unter dramatischen Umständen wurden die Reliquien noch rechtzeitig nach Rom überführt. Seit 1963 ruhen sie unter dem Basiliusaltar des Petersdoms.
Ukraine, 24. Februar 2022. Putin setzt um, was er ideologisch vorbereitet hat. Zwei Tage zuvor hatte Russland die ukrainischen Bezirke Donezk und Luhansk als „Volksrepubliken“ anerkannt. Deutschland stoppte die Zertifizierung von Nord Stream 2. Dann beginnt der Großangriff. In Zuge der „Zeitenwende“ ebnen die Verteidigungsminister Litauens und Deutschlands den Weg zur Stationierung einer deutschen Brigade in Litauen.
Gegen Putins Imperialismus genügt rein militärische Abschreckung nicht, auch wenn sie möglich wäre. Katholiken denken vielleicht an die Notwendigkeit einer „Bekehrung Russlands“ – in der Sprache Fatimas – als religiöser Umkehr.
Damit öffnet sich ein neuer Horizont: Kann nach einem weltpolitischen „Schock“ von der Terra Mariana im Nordosten Europas eine conversio und reparatio ausgehen, die den „Triumph des Unbefleckten Herzens“ einleitet, dem sich Litauen 1991 weihte, eine Weihe, die es 2018 erneuerte? Vorausgehen müsste eine „Bekehrung Russlands“ – die nicht auf Geostrategie zielt, sondern auf „die Möglichkeit, die authentische religiöse Seele Russlands wiederzuentdecken, nicht die des Moskauer Patriarchats, sondern die der Taufe Kiews“, wie der Historiker Roberto de Mattei 2023 formuliert.
Eine Bekehrung, die inzwischen auch der liberalistische, dabei latent marxistische und unterwanderte Westen bitter nötig hat. Abwegig ist dieser Gedanke nicht: Schließlich war es am Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens 1991, als das Ende der Sowjetunion im Beloweschen Wald besiegelt wurde.
In einem solchen Horizont läge ein umfassender römisch-griechisch-russisch-katholischer Commonwealth – konföderativ verfasst, Imperialismen überwindend und ein mögliches Fundament jener „Zeit des Friedens“, die den Völkern verheißen ist. Ein politisches Modell könnte die europäische Versöhnung nach 1945 werden: eine institutionelle Friedensarchitektur, wie sie Konrad Adenauer, Robert Schuman und Alcide de Gasperi aufgebaut haben.
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Kommentare
Mir war dieses Gesicht Litauens bislang nicht bekannt. Sehr sympathisch!