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Kolumne „Ein bisschen besser“

Bürgerrat, ach, hör auf uns!

Wir waren nicht eingeladen. Ich weiß nicht, wie es passieren konnte, aber meine Frau Judith und ich gehörten jetzt nicht zu den 160 staatlich Geladenen, die den Bürgerrat gebildet und die Bundesregierung in Ernährungsfragen beraten durften.

Dabei sind wir ausgewiesene Ernährungsexperten. Ich esse zum Beispiel morgens seit mehr als einem halben Jahrhundert ein Brot mit Camembert und kann deswegen fernab aller Label zu Tierwohl und biologischer Landwirtschaft versichern, dass Menschen, die jeden Morgen ein Camembertbrot essen, garantiert mehr als 50 Jahre alt werden können, und auch die Kühe etwas von mir haben. Jedenfalls monetär.

Über eine angemessene Dosis Riesling referieren

Judith dagegen beginnt den Tag mit einem Käffchen und einem Zigarettchen, am liebsten beides zusammen auf dem Balkon. Danach geht es für uns beide los. Das Töchterchen frühstückt im Kindergarten Gurke, Müsli und Karotte. Wenn wir sie wieder abholen, hat sie meistens Appetit auf Crêpes mit Nutella am französischen Büdchen.

All diese wertvollen Hinweise hätten wir selbstlos im Bürgerrat einbringen können. Wir hätten sicher auch über die richtige Rolle von einer angemessenen Dosis Riesling referiert.

Nun denn. Jetzt ist herausgekommen, was herauskommen musste: Ein staatliches Label für bewusstes Einkaufen, staatliche Lebensmittelkontrollen und höhere Steuern für Ungesundes.

Wenn wir uns unsere Staatsvertreter anschauen, trauen wir dem nicht

Wir trauen dem nicht, denn wenn wir uns unsere Staatsvertreter so anschauen, geht das ja queerbeet: Da gibt es Dicke und Dünne, Hemden und Wonneproppen. Wenn die das jetzt kontrollieren – „Ich weiß ja nicht“, sage ich zu Judith, wackle bedenklich mit dem Kopf und rolle mit den Augen.

Judith deutet das richtig, während sie den ganz leicht angebrannten Grünkohl vom Topfboden rubbelt. Ich finde diesen Hauch von Kohle im Kohl ein bisschen besser, und da bei uns zu Hause Gott sei Dank keine Demokratie wie im Bürgerrat herrscht, habe ich meinen Geschmack kurzerhand zur häuslichen Benchmark erhoben.

„Du hast ganz schön Glück mit mir“, sagt Judith. Ich rolle mit den Augen, und sie deutet es wieder richtig und gibt mir noch vor dem Essen einen solchen Kuss, dass ich fast satt bin.

Ja, so sieht unsere ausgewogene Gemeinschaftsverpflegung aus.

 

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