Brot und Spiele im Schnee und schlechte Politik
Zehn Medaillen hat die Schweiz zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Zeilen bei den Olympischen Winterspielen in Italien gewonnen. Die magische Zahl musste ich mir übrigens zuerst bei Google beschaffen. Freihändig hätte ich keinen blassen Schimmer, wer mit welcher Fertigkeit in Mailand oder Cortina Gold, Silber und Bronze ergattert hat.
Ich leiste mir dieses Nichtwissen aus nacktem Desinteresse und dieses wiederum mit gutem Grund. Seit ich im Mai 1972 geboren wurde, fanden 14 dieser Winterspiele statt. Ich kann verlässlich sagen, dass keine dieser Austragungen mein Leben verändert hat. Erinnern kann ich mich knapp daran, dass die Athleten auf Skiern, in Bobs und auf Kufen einst im norwegischen Lillehammer um Medaillen gekämpft haben. Aber auch das nur, weil sehr viel später die großartige Fernsehserie „Lilyhammer“ erschien.
Dort beschließt ein geschnappter Mafioso, mit Hilfe eines Zeugenschutzprogramms sein neues Leben in Lillehammer zu beginnen, weil er so großartige Erinnerungen an seinen Besuch der Winterspiele 1994 hat. Bei seiner Ankunft stellt er aber fest, dass mit dem Ende des Wettbewerbs auch jeder Glanz aus dem Ort verschwunden ist. Es ist nun ein verschlafenes Nest, nicht gemacht für einen Gangster aus New York.
Die Entzauberung der Vergangenheit, die Flüchtigkeit des Events: Das ist eine wunderschöne Metapher für das, was alle vier Jahre geschieht. Oder genau genommen so gut wie jedes Jahr und überhaupt andauernd.
Die Helden als Mittel zum Zweck
Wenn ein Anlass zu Ende geht, hat der andere längst begonnen. Olympische Sommerspiele, olympische Winterspiele, Fußball-WM, Fußball-EM, Wimbledon, Tour de France, dazwischen als Dauerberieselung die Champions League und die Formel 1: Man lässt uns gar nicht mehr durchatmen.
Nun informieren mich sämtliche Schweizer Medien, dass mein Heimatland seinen Status als Macht des alpinen Skisports einmal mehr unter Beweis gestellt hat. Wenn unsere Helden zurückkehren, wird es Empfänge geben, rauschende Feste unter einem rot-weißen Fahnenmeer. Ich gönne das den Siegern, denn sie haben ohne Frage Höchstleistungen vollbracht. Aber gleichzeitig habe ich den schweren Verdacht, dass sie auch nur Mittel zum Zweck sind.
Läuft in einer Beiz, wie man die Schweizer Dorflokalitäten nennt, ein Skirennen, fiebert der Stammtisch mit und jubelt, wenn es für einen Podestplatz reicht. Es ist derselbe Stammtisch, der am Tag davor über „die da oben“ lamentiert hat, über eine Politik, die keinen Sinn für die Bedürfnisse der einfachen Leute hat und sowieso nur ihre eigenen Interessen schützt.
Es ist, als würden Hundertstelsekunden auf der eingeblendeten Uhr auf dem Bildschirm alle Sorgen und Zweifel wegfegen, als wäre die Schweiz, die zunehmend den politischen Kompass und damit ihre Identität verliert, auf einen Schlag eine andere Schweiz, wenn da nur einer schneller als alle anderen die Ziellinie überquert.
Beruhigung für Volkes Seele
Es ist die gute alte Mechanik von panem et circenses, Brot und Spiele, wie sie der römische Satiriker Juvenal vor fast 2.000 Jahren beschrieben hat. Das Motto: Halte die Menschen bei Laune mit Spektakel, dann vergessen sie den ganzen Rest.
Die Krankenkassenprämien steigen Jahr für Jahr, das Leben wird immer unbezahlbarer, die Volksrechte werden zunehmend zur Theorie, und wer sich darüber beklagt, dem droht ein Strafverfahren: Das ist alles zwar nicht schön.
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Aber nun wird alles gut, denn Franjo von Allmen, ein 24-jähriger Zimmermann aus dem kleinen Ort Boltigen im Kanton Bern, holt auf Skiern drei Goldmedaillen, ein historisches Ereignis. Es ändert zwar nichts an der Lebensrealität des durchschnittlichen Schweizers – zu denen von Allmen nicht mehr gehört, er scheffelt nun Millionen –, aber es beruhigt Volkes Seele. Wir sind immer noch wer. Wir haben es den anderen gezeigt. Auch wenn es natürlich nicht wir waren, sondern ein Ausnahmetalent mit Ausnahmewillen und Ausnahmekräften.
Es ist verblüffend, wie gut das funktioniert. Natürlich werden die erwähnten Themen nach den Winterspielen wieder aufs Tapet kommen. Sicher werden die nächste Erhöhung der Krankenkassenprämien und der zunehmende Dichtestress und all die anderen Erschwernisse im Alltag wieder für polternde Fäuste und laute Stimmen am Stammtisch sorgen.
Aber nicht für lange. Denn ab Juni kicken sie wieder, die Fußball-Nationalteams, und die Schweiz hat sich für die WM qualifiziert und sich viel vorgenommen. Eben: Es geht Schlag auf Schlag.
Dankbar für die Ablenkung
Man kann nun einwenden: Bei Julius Caesar, der „Brot und Spiele“ damals auf ein neues Level brachte, war es Kalkül, aber die aktuellen Regierungen sind ja nicht schuld daran, dass die FIFA und die UEFA den Ball rollen lassen und die FIS die Pisten für den nächsten Großanlass präpariert. Die Ablenkungen der Neuzeit sind also mehr dem Zufall – und dem Kommerz – geschuldet als einer politischen Strategie.
Mag sein. Aber wir dürfen davon ausgehen, dass die Mächtigen zumindest nichts dagegen haben, dass dramatische Duelle und gewonnene Medaillen die Massen auf andere Gedanken bringen und dieses Gefühl der Euphorie gern bewirtschaften.
Nehmen wir den Schweizer Verteidigungsminister Martin Pfister (Die Mitte). Der hat vor Kurzem einen Vorschlag präsentiert, wie die Schweizer Armee aufgerüstet werden könnte. Bluten sollen die Konsumenten über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer. Das ist die unfairste Steuer von allen, denn wenn der Laib Brot und der Liter Milch plötzlich mehr kosten, trifft das den am meisten, der am wenigsten hat.
Inmitten der hitzigen Debatten darüber reiste Pfister – der auch für Sport zuständig ist – nach Italien und begann, Hände zu schütteln. Auch Bundesrat Ignazio Cassis ließ sich mit Sportlern ablichten. Die Politiker sonnten sich im Glanz der Schweizer Athleten, zu deren Erfolg sie rein gar nichts beigetragen haben. Julius Caesar würde ihnen anerkennend zunicken – panem et circenses in Reinkultur.
Natürlich verstummt die Kritik an Pfisters Plänen deshalb nicht, aber immerhin verschafft er sich eine Verschnaufpause. Der Stammtisch ist für einige Tage milde gestimmt, und vielleicht erinnert er sich ja im richtigen Moment, beispielsweise vor einer Abstimmung, an den Triumph der Schweiz und lässt sich noch einmal für das gewinnen, was die Regierung dieses Landes gerne hätte.
Lieber Siege im Marathon
Vielleicht, vermutlich sogar, ist das nur die miesepetrige Perspektive von einem, der dem Sport generell nichts abgewinnen kann. Der es lieber sehen würde, wenn sein Land in anderen Bereichen punkten würde. Mit einem klaren Bekenntnis zur Souveränität, mit einem selbstbewussten Auftritt gegenüber den Handelspartnern, mit Stolz auf das, was die Schweiz ausmacht.
Denn das sind langfristige Werte, während Medaillen oft genug ein Zufallsspiel sind, bei dem ein einzelner Ausrutscher entscheidet. Wenn überhaupt, würde ich über eine Medaille im Marathon jubeln. Das ist die Disziplin, in der die Schweiz in diesen Zeiten glänzen muss. Im Marathon der politischen Eigenständigkeit.
Kommentare
Vielleicht gehört es zur conditio humana, dass es vollkommen politisch uninteressierte Mitbürger gibt. Die Klage darüber ist uralt; politisches Desinteresse würde sich wohl auch ohne Sport oder andere öffentliche Unterhaltungen kaum ändern.