Die Volkserzieher sind beleidigt
Es gibt sie in jedem Land der Welt, die verhaltensauffälligen Stimmen, von denen man weiß, dass sie in schöner Regelmäßigkeit bewusst Grenzen überschreiten, um sich danach an den Reaktionen zu laben. Ein besonders aktives Schweizer Exemplar ist Mike Müller, Schauspieler und Komiker. Durch jahrelange Dauerpräsenz beim Schweizer Fernsehen kennt ihn jedes Kind. Weil seine Karriere aber, vorsichtig ausgedrückt, schwächelt, sucht er neue Bühnen.
Er hat sich für X entschieden, das einstige Twitter, das unter Elon Musk auf Meinungsfreiheit setzt. Linke wie Müller beklagen diese Entwicklung zwar, gleichzeitig profitieren sie von der Reichweite, die durch die kontroversen Debatten entstehen.
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt entschied sich der Komiker für eine Aussage, die seiner Einschätzung nach vermutlich eine Pointe enthalten sollte:
„Was ich nicht so verstehe, warum der Kanzler eines achtzig Mio.-Landes wegen einer knappen Million Nazis in einem gescheiterten Gliedstaat zurücktreten soll.“
Man könnte sich nun auf faktische Ungenauigkeiten in dem Beitrag stürzen. Beispielsweise, dass Müller aus nicht einmal 600.000 Bürgern, welche die AfD wählten, eine „knappe Million“ macht. Oder dass er Sachsen-Anhalt kurzerhand für „gescheitert“ erklärt, was er zum einen nicht im Detail ausführt und was zum anderen ja, wenn es stimmen würde, ein Beleg für die Untauglichkeit der nun abgewählten Regierung wäre.
Nazis mit Wahlzetteln
Aber auf solche Einzelheiten muss man angesichts der brachialen Wortwahl gar nicht zurückgreifen. Der Knackpunkt ist: Für den einstigen Co-Moderator einer launigen Late-Night-Show im Schweizer Fernsehen ist jeder, der die AfD wählt, ein Nazi. Das ging sogar einigen Medien zu weit, die im Vorfeld der Wahl ebenfalls großzügig mit negativen Einschätzungen der AfD waren. Was etwas doppelzüngig ist, weil auch die meisten Journalisten recht freizügig umgingen mit Vergleichen zum Nationalsozialismus beim Bestreben, die Opposition zu dämonisieren.
Auf X erntete der Komiker, der zuletzt im Schauspielhaus Zürich aufgrund leerer Ränge mit abgesagten Auftritten leben musste, neben wenigen zustimmenden Reaktionen vor allem eine Wagenladung Kritik. Diese beschäftigt ihn nicht besonders. „Nein, ich ändere nicht einen Tweet, weil sich ein paar Rechtsradikale aufregen.“ Unter denen, die ihm widersprechen, gebe es sicherlich „etliche Nazis“, so Mike Müller. Seine großzügige Auslegung des Begriffs erlaubt ihm offenbar endlos viele Sichtungen des NSDAP-Erbes.
So unappetitlich es ist, hunderttausende von Bürgern nach einer demokratischen Wahl als Nazis abzuqualifizieren, ist der X-Beitrag eines erfolglos alternden Komikers nicht das eigentliche Problem. Er bedient damit seine eigene Blase, die applaudiert und versetzt diejenige gegenüber in Schnappatmung. Das ist die übliche Mechanik der sozialen Medien. Sehr viel schwerer zu ertragen sind die feiner vorgetragenen, inhaltlich aber ähnlich gelagerten Kommentare der Schweizer Medien.
Die AfD: Wie ein Jäger, der Fallen stellt
Beim Boulevardblatt Blick beispielsweise hat die AfD die Wähler nicht etwa überzeugt, sondern sich als hinterlistiger Jäger betätigt: „Kanzler Merz tappt voll in die AfD-Falle.“ Die traditionsreiche Neue Zürcher Zeitung (NZZ) schreibt, in Sachsen-Anhalt sei „die alte Ordnung abgewählt“ worden, aber die Bürger hätten „keine neue bestellt“. Als wenn das knappe Verpassen der absoluten Mehrheit eine gewollte Strategie gewesen wäre.
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Das Onlineportal „Watson“ spricht von der Erreichung der „Schwelle zur Machtzone“ durch die AfD und beklagt, dass sich in Europa Nervosität über eine Destabilisierung Deutschlands breitmache. Als ob der große Nachbar der Schweiz vor dem letzten Sonntag ein stabiler Hort der wuchernden Kaufkraft und Sicherheit gewesen wäre.
Und schließlich kommt viel späte Einsicht. Es sei wohl auch der Versuch gewesen, die AfD zur Gefahr hochzuschreiben, der letztlich zum Erfolg geführt habe, heißt es verschiedentlich. Wer als Wähler monatelang als Rechtsradikaler oder eben auch Nazi diffamiert hat, sagt sich irgendwann: Dann gebe ich ihnen eben, was sie wollen. Diesen Effekt haben Ulrich Siegmund und seine Leute sehr viel früher wahrgenommen und lustvoll begrüßt.
Man ist beleidigt
Wieso die Wahl in einem deutschen Bundesland, das nicht einmal ein Viertel der Einwohnerzahl der Schweiz aufweist, hierzulande so elektrisiert, ist ohnehin erstaunlich. Oder vielleicht auch nicht. Ob ein Journalist in München, Berlin, Bern oder Zürich sitzt, eines haben sie alle gemeinsam: ein tiefes Unverständnis darüber, wenn die Bürger da draußen etwas tun, von dem man ihnen in tiefschürfenden Leitartikeln und Kommentaren dringlich abgeraten hat.
Was im Nachgang der Wahl als „politische Analyse“ verkauft wird, zeugt nur von einem: Man ist zutiefst beleidigt.
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