Ein echter Volksvertreter
Kennen Sie den schon? „Wer glaubt, dass Volksvertreter das Volk vertreten, der glaubt auch, dass ein Zitronenfalter Zitronen faltet.“
Ja, der ist ziemlich platt, aber immerhin steckt ein Wortspiel drin. Zudem eines, das Volkes Seele ziemlich gut wiedergibt. Von Politikern in ihren Interessen vertreten fühlen sich immer weniger Bürger. Das Vertrauen, das nie besonders groß war, schwindet, wie regelmäßige Umfragen und Besuche am Stammtisch zeigen.
Das gilt auch für die Schweiz, obwohl hier die Voraussetzungen dafür gut wären, auch nach einer Wahl nah beim Volk zu bleiben. Auf der Ebene der Gesetzgeber gibt es keine Berufspolitiker. Sogar National- und Ständerat, die beiden landesweiten Kammern, sind als Milizparlament angelegt. Die Idee: Wer hier zugange ist, soll das nur in Teilzeit tun und daneben noch seinem angestammten Beruf nachgehen. So verliert man den Bezug zur Lebenswirklichkeit normaler Bürger nicht.
Faktisch viele Berufspolitiker
Es ist eine schöne Theorie, der kaum mehr einer nachlebt. Zum einen erhalten Schweizer Bundesparlamentarier unter Einrechnung aller Leistungen über 130.000 Franken pro Jahr. Damit lässt es sich schon mal leben. Dann öffnet das Amt auch die Tür zu vergüteten Ämtern und Ämtchen: Verwaltungsratssitze, Beratungsmandate, Verbandspräsidien. Solche Betätigungsfelder ebnen auch gleich den Weg für die Zeit nach der Politik. Wer mal in der Maschinerie war, muss keine Zukunftsängste mehr haben.
Nun hat einer seinen Rückzug aus der Politik zum Jahresende angekündigt, der parteiübergreifend als bunter Hund gilt: Andreas Glarner, Nationalrat aus dem Kanton Aargau, Mitglied der konservativen Schweizer Volkspartei (SVP). Seinen Namen kennt man im Unterschied zu dem der meisten seiner 245 Kollegen im Bundeshaus landesweit. Dafür sorgen die Medien, die regelmäßig in heller Aufregung über ihn schreiben.
Vor einigen Jahren publizierte Glarner die Telefonnummer einer Lehrerin, die muslimischen Kindern zu einem religiösen Fest schulfrei gab. Er verband das mit dem Hinweis, vielleicht wolle der eine oder andere ja dort anrufen, um seine Meinung zu sagen. Später verbreitete er ein KI-Video einer grünen Nationalrätin, die darin über kriminelle Türken herzog und zur Wahl der SVP aufrief. Die selbst türkischstämmige Politikerin fand die Fälschung wenig lustig und zeigte Glarner an, das Parlament entzog ihm die Immunität.
Faktentreue Provokationen
Das mag nun alles nach einem Hallodri klingen, der gern Schabernack auf Kosten anderer betreibt. Das Urteil greift zu kurz. Wann immer Andreas Glarner zu solchen Späßen greift, adressiert er real existierende Probleme. Sei es die Migration, sei es die Kriminalität, sei es der Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen. Die Wahl seiner Mittel mag fragwürdig sein, aber er spricht damit vielen aus der Seele. Während seine Politikerkollegen diplomatisch um heikle Themen herumlavieren, zückt Glarner den Zweihänder. Weil er, was seine politischen Gegner gern verschweigen, zudem äußerst dossier-, zahlen- und faktensicher ist, liegt unter seinen Provokationen stets handfestes, belegtes Material.
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Auch wer ihm billigen Populismus zugunsten der politischen Karriere vorwirft, liegt falsch. Bei den vergangenen Wahlen 2023 startete der amtierende Nationalrat auf dem zweiten Listenplatz und landete dann auf Rang fünf. Das reichte zur Wiederwahl, aber es war offensichtlich, dass selbst viele SVP-Wähler seinen Namen strichen, weil ihnen seine Art zu weit ging. Er könnte es sich einfacher machen.
Hervorragend gewählt wurde er an seinem eigenen Wohnort, dem er viele Jahre als Gemeindepräsident vorstand. Dort ist unvergessen, wie er einst lieber eine Ersatzabgabe von fast 300.000 Franken an den Kanton leistete, als Asylbewerber aufzunehmen. Kurz danach rief er zu Spenden für Menschen im Nahen Osten auf und trieb so Hunderttausende von Franken auf. Er wolle den Leuten lieber vor Ort helfen, als sie in der Schweiz aufzunehmen, so seine Begründung.
Runder Tisch statt Lösungen
Damit trifft er den Nerv vieler. Wenn, wie kürzlich aufgedeckt, über 80 Prozent der Asylbewerber aus Nordafrika Straftaten begehen, ist man als gesetzestreuer Steuerzahler wenig begeistert, wenn der Bundesrat darauf mit einem „Runden Tisch“ zur weiteren Besprechung der Lage reagiert. Noch kleiner ist die Begeisterung, wenn das zuständige Regierungsmitglied harte Maßnahmen gegen diese Gruppe ausschließt mit einem Verweis auf die „Menschenwürde“ der Nordafrikaner.
Da wird munter am gesunden Volksempfinden vorbeipolitisiert, und nichts wünscht man sich auf der Straße mehr als einen, der das ausspricht, was alle denken. Tatsache ist, dass 99 Prozent der Asylanträge aus den Maghreb-Staaten abgewiesen werden, weil kein Fluchtgrund vorliegt. Dass sich vier von fünf derjenigen, die aussichtslos um Asyl bitten, danach auf Einbrüche, Diebstähle und Körperverletzung verlegen, will der hart arbeitende Schweizer nicht akzeptieren. Auf die Hilfe der meisten Volksvertreter kann er sich aber nicht verlassen. Mit wenigen Ausnahmen. Wie eben Andreas Glarner.
Einer geht, das Volk bleibt
Die These mag steil sein, aber es ist denkbar, dass man selbst am links-grünen Rand, wo der SVP-Mann als das personifizierte Böse gilt, froh sein müsste um ihn. Er gibt so manchem Wähler das Gefühl, dass er nicht völlig allein gelassen wird nach dem Wahltag. Dass es auch Politiker gibt, die ihn nicht als Stimmvieh missbrauchen und danach alle Versprechen vergessen, sondern aus Ankündigungen Taten machen. Er verschafft der Politik Glaubwürdigkeit.
Im medialen Mainstream sieht man das natürlich anders. Bei seinem Rücktritt fielen wieder Begriffe wie „Hardliner“. Die Journalisten in ihren Redaktions-Elfenbeintürmen haben keine Ahnung, wie viele „Hardliner“ es dann in der ganz normalen Bevölkerung geben müsste. Ein Onlineportal publizierte ein lustiges Quiz, in dem man tippen musste, welche Bösartigkeiten Glarner wirklich geäußert hat und welche erfunden sind. Kleiner Spoiler: Alles, was ihm in diesem Quiz zugeschrieben wird, entspricht der Wahrheit. Die Absicht ist klar: Man wollte den Lesern vermitteln, dass das, was er sagt und tut, so furchtbar ist, dass man gar nichts erfinden muss.
Die Erleichterung über seinen Rückzug in Politik und Medien ist naiv. Andreas Glarner tritt zwar zurück, das Volk bleibt aber im Amt. Mit vielen, die seine Offenheit feierten und froh waren, dass einer sagt, was sie denken.
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