Missbrauch eines Dramas
40 Tote, weit über 100 meist Schwerverletzte, ein kollektives Trauma: Was in der Neujahrsnacht in einer Bar in der Tourismusdestination Crans-Montana geschah, ist in erster Linie ein schwer erträgliches Schicksal unzähliger direktbetroffener Angehöriger. Glückliche, feiernde, meist junge und sogar minderjährige Menschen wurden das Opfer einer Feuersbrunst in einem Kellerklub.
Es vergingen aber nur wenige Tage, bis aus den Flammen ein Politikum wurde. Völlig Unbeteiligte missbrauchten die Tragödie, um den eigenen politischen Wünschen Auftrieb zu verleihen.
Die Schweiz konnte nach der schicksalshaften Nacht auf die Solidarität anderer Staaten zählen, als sich abzeichnete, dass eine so große Zahl von Brandopfern nicht vollumfänglich im eigenen Land behandelt werden kann. Das ist einerseits eine schöne Geste, andererseits entspricht sie auch einfach den üblichen Gepflogenheiten unter zivilisierten Nachbarn.
Solidarität nur für EU-Mitglieder?
Die Schweiz selbst steht seit langem in der Tradition der grenzüberschreitenden Hilfe und ist beispielsweise mit ihrer Expertise in der Suche von Opfern nach Naturkatastrophen eine gefragte und immer willige Unterstützerin.
Nun hat sie umgekehrt Zuwendung erfahren und zeigt dafür auch Dankbarkeit. Das hielt den ehemaligen TV-Moderator und Schauspieler Viktor Giacobbo, glühender Befürworter eines Schweizer EU-Beitritts, nicht davon ab, das eigene Land als unsolidarischen Bittsteller zu brandmarken. „Vielleicht begreifen Schweizer EU-Gegner jetzt, was europäische Gemeinschaft eben auch bedeutet“, schrieb er auf X mit Verweis auf die Hilfe aus europäischen Ländern.
Als ob die Voraussetzung für diese Hilfe die Zugehörigkeit zu einem Staatenbund oder eine andere institutionelle Verbindung wäre. Menschlichkeit, würde man meinen, sollte dafür reichen.
Brandkatastrophe und Zwangsgebühren
Noch einen Schuss absurder war die Reaktion des Regisseurs Luki Frieden, ebenfalls auf X. Dessen Fokus gilt dem Kampf gegen eine Reduktion der Zwangsgebühren für die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG, über die im März abgestimmt wird. Es fällt selbst einem findigen Geist schwer, einen Zusammenhang zwischen dieser Entscheidung und einer Brandkatastrophe zu finden. Aber Frieden schaffte es.
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Dass die SRG beschloss, eine große Livesendung zur Verleihung der jährlichen Schweizer Sportpreise zwei Tage nach dem Unglück in Crans-Montana zu verschieben, weil der Zeitpunkt für Feierlichkeiten unpassend erschien, nahm er zum Anlass, diese Prioritätensetzung zu loben und als Argument für eine Ablehnung der Gebührenreduktion zu verwenden.
Eine Abstimmungsparole auf dem Rücken von Toten, Verletzten und trauernden Angehörigen: Es ist ein Schulbuchbeispiel für die politische Instrumentalisierung eines schrecklichen Ereignisses.
Gegen das Wallis gekachelt
Oder Jörg Kachelmann, ein in Deutschland wohlbekannter Schweizer Meteorologe, dem seine einstige Leidenschaft offenbar nicht mehr reicht und der einen großen Teil des Tages damit verbringt, in den sozialen Medien mal vor dem Tod durch Holzöfen und mal vor der Gefahr von rechts zu warnen.
Auch er war, bevor die Toten von Crans-Montana überhaupt identifiziert waren, mit seiner ganz eigenen Interpretation der Ereignisse am Start. Den Kanton Wallis, wo sich das Unglück ereignete, stellte er kurzerhand als Hort der Vetternwirtschaft und Korruption dar und präsentierte gleichzeitig seine juristische Expertise darüber, was nun umgehend geschehen müsste.
Selbstverständlich ist die Überprüfung der Arbeit der Behörden bei einem Vorgang dieser Art ein Thema. Man sollte das aber den offiziellen Organen überlassen und ihnen die nötige Zeit dafür einräumen. Jörg Kachelmanns persönliche Erfahrungen in einer Gefängniszelle verleihen ihm kaum die Expertise, die Notwendigkeit einer Untersuchungshaft zu beurteilen.
Persönliche Schicksale missbraucht
Die Ironie liegt darin, dass Viktor Giacobbo, Luki Frieden und Jörg Kachelmann zu der Gruppe Leute gehören, die sich selbst unaufhörlich öffentlich als moralische Instanz gebärden. Sie sind Teil der „Linken und Netten“, wie man sie in der Schweiz gern nennt; eine Gruppe, die allen Andersdenkenden bei jeder Gelegenheit vorwirft, Hass und Hetze zu verbreiten und angebliche Einzelfälle, beispielsweise bei der Ausländerkriminalität, für ihre politische Agenda zu missbrauchen. Ohne Zweifel fällt ihnen selbst nicht einmal auf, dass sie es sind, die das gerade tun.
Während andere noch fieberhaft damit beschäftigt waren, bangenden Angehörigen Gewissheit über das Schicksal geliebter Menschen zu verschaffen, versuchten Schreibtischtäter, ihre persönliche Haltung zu völlig anderen Themen mit Hilfe der Toten von Crans-Montana zu verkaufen. Es ist so erstaunlich wie erschütternd, wie leicht es den selbsternannten Hütern der Moral fällt, persönliche Schicksale für ihre eigenen politischen Zwecke zu missbrauchen.
Was sich offenbar keiner von ihnen gefragt hat: Wie muss man sich als trauernder Vater, als trauernde Mutter fühlen, wenn man mitbekommt, wie das alles auf dem Rücken ihrer Kinder geschieht?
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