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Kolumne „Der Philosoph“

Ein Blick auf das brennende Frankreich mit Elias Canetti

Frankreich brennt. Massen an jungen Männern aus den Banlieues ziehen plündernd und brandschatzend durch Paris, Lyon, Marseille und Grenoble. Die Bilder vermummter Horden, von Polizisten in militärisch wirkender Montur, Räumpanzern, zertrümmerten Geschäften und abgefackelten Straßenzügen verbieten es eigentlich, von „Protesten“ zu sprechen. Die Aufnahmen erinnern vielmehr an ein Kriegsgebiet. Der Auslöser der schweren, bürgerkriegsähnlichen Unruhen war der Tod des 17-jährigen Algeriers Nahel (oder Naël), der am 27. Juni 2023 im Rahmen einer Verkehrskontrolle von einem Polizisten erschossen wurde. Dieser sitzt seither in Untersuchungshaft.

Während die Aufstände weiterlaufen und der Vorfall des getöteten Teenagers juristisch noch lange nicht geklärt ist, sucht man in den Medien nach den tieferliegenden Ursachen dieses massiven Gewaltausbruchs. An der bloßen Empörung über eine Ungerechtigkeit kann es nicht liegen. Denn als der abgelehnte syrische Asylbewerber Abdalmasih H. am 8. Juni in Annecy mit einem Messer auf vier kleine Kinder und zwei Passanten einsticht, ereignet sich in Frankreich keine vergleichbare Eruption eines vermeintlich gerechten Zorns.

Vielversprechender scheint es mir, die Ausschreitungen als ein Massenphänomen in den Blick zu nehmen. Und dafür dürfte es zumindest aus philosophischer Sicht keine bessere Grundlage geben als Elias Canettis (1905–1994) „Masse und Macht“ aus dem Jahr 1960. Mit diesem Werk legte der spätere Literaturnobelpreisträger eine geniale Analyse des vielgestaltigen Phänomens der Masse vor und brachte zu diesem Zweck Anthropologie, Soziologe, Religionswissenschaft und Philosophie auf einzigartige Weise miteinander in Verbindung.

Aufstände: Canetti spricht von „Umkehrungsmasse“

Die Art der Masse, die für ein Verständnis der aktuellen Geschehnisse in Frankreich am relevantesten sein dürfte, nennt Canetti die „Umkehrungsmasse“. Ihr Zustandekommen stellt den Versuch dar, die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. „Die Umkehrung“, so Canetti, „setzt eine geschichtete Gesellschaft voraus“, das heißt konkret: „Die Abgrenzung bestimmter Klassen gegeneinander, von denen eine mehr Rechte als die andere hat, muss eine Weile bestanden, sie muss sich im täglichen Leben der Menschen lange fühlbar gemacht haben, bevor ein Bedürfnis nach einer Umkehrung entstehen kann.“

Man darf diese Zeilen nicht im Sinne eines wohlfeilen Moralismus verstehen. Es geht Canetti nicht darum, die Gewalt, die von der Masse ausgeht, moralisch zu legitimieren, indem er die Täter zu Opfern ihrer Umstände erklärt. Der Begriff der Umkehrungsmasse ist analytisch, nicht moralisch gemeint.

Entscheidend ist außerdem der Hinweis auf das Fühlbarwerden einer Unterdrückung. Dass sich die maghrebinischen und afrikanischen Einwanderer, aus deren Kreis sich der Kern der aktuellen Umkehrungsmasse zusammensetzt, unrechtmäßig diskriminiert und ausgegrenzt fühlen, kann man schwerlich bestreiten. Auch dass es sich de facto um Zukurzgekommene, individuell Machtlose handelt, die ihre Frustration als Masse entladen wollen, dürfte wenig kontrovers sein.

Die Rolle der Religion nicht ausblenden

Warum gerade diese Menschen sich zu einer Umkehrungsmasse zusammenfügen, wird neben dem lapidaren, aber korrekten Hinweis auf ihre schiere Zahl die Rolle der Religion nicht ausblenden können. Canetti hat in seinem Werk nicht umsonst auf den besonderen Massencharakter des Islam und auf das für ihn typische Bestreben hingewiesen, nicht nur den Glauben, sondern vor allem auch den eigenen Machtbereich auszuweiten.

Das für die Umkehrungsmasse ausschlaggebende Gefühl der Herabsetzung führt Canetti auf tiefsitzende „Befehlsstachel“ zurück: „Jeder Befehl hinterlässt in dem, der gezwungen ist, ihn auszuführen, einen peinlichen Stachel zurück. […] Menschen, denen viel befohlen wird und die von solchen Stacheln ganz erfüllt sind, verspüren einen starken Drang, sich ihrer zu entledigen.“ Der Aufstand, die Revolte, die Revolution wären demnach letztlich nichts anderes als Versuche, diese Stacheln loszuwerden, indem man als Masse erreicht, wozu man als Einzelner unfähig ist, nämlich die Befehlsgebenden zu Befehlsempfängern herabzusetzen.

Die Situation in Frankreich sprengt allerdings Canettis Analyserahmen ein Stück weit. Das Entstehen einer Umkehrungsmasse konnte Canetti sich nur als Ergebnis einer längeren innenpolitischen Entwicklung oder aber als das Resultat einer Eroberung – der Herrschaft fremder Herren über Einheimische – denken.

Auch Frankreich hat freilich eine koloniale Vergangenheit, die bei den Versuchen, die aktuellen Ereignisse zu begreifen, immer wieder als Erklärung herangezogen wird. Aber dieser Gedanke überzeugt nicht. Denn die Aufstände finden eben nicht etwa im besetzten Algerien statt, sondern in Frankreich, das trotz aller gefühlter Befehlsstachel paradoxerweise ein Migrationsmagnet für arabische und afrikanische Zuzügler bleibt.

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Veritas
Vor 7 Monate 4 Wochen

Ein interessanter Ansatz, der mir bislang nicht bekannt war, vielen Dank.
Doch ich glaube, man muss gar nicht so philosophisch argumentieren, weil die Ursachen viel banaler sind: junge Männer mit viel Energie, aber ohne große, ambitionierte und realistische Ziele, gesellschaftlich voranzukommen.

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Veritas
Vor 7 Monate 4 Wochen

Ein interessanter Ansatz, der mir bislang nicht bekannt war, vielen Dank.
Doch ich glaube, man muss gar nicht so philosophisch argumentieren, weil die Ursachen viel banaler sind: junge Männer mit viel Energie, aber ohne große, ambitionierte und realistische Ziele, gesellschaftlich voranzukommen.