Was Bärbel Bas vom Papst lernen kann
Am Sonntag, 11. Oktober, platzte die Bombe. Nach dem traditionellen Angelus-Gebet machte Papst Leo XIV. den auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen eine Mitteilung in eigener Sache: Bei einer Untersuchung sei jüngst ein Knoten in seiner Lunge entdeckt worden, zu dessen Entfernung werde er sich in den kommenden Tagen im Krankenhaus einem Eingriff unterziehen müssen. Keine 48 Stunden später stand nach der erfolgreichen Operation fest: Der Papst hat Lungenkrebs, ihm wurde ein bösartiges Adenokarzinom entfernt. Bis zum 20. Oktober sind alle Audienzen und öffentlichen Termine abgesagt.
Für die eher gemächlichen Verhältnisse des Vatikans war die Eile in dieser Angelegenheit so ungewöhnlich, wie es die völlige Offenheit und Transparenz für die sonst übliche päpstliche Geheimniskrämerei in Gesundheitsfragen waren. Leo wollte offensichtlich verhindern, dass Spekulationen über seinen Gesundheitszustand ins Kraut schossen. Damit brach er mit einer jahrhundertealten Kultur der vatikanischen Geheimhaltung, hinter der sich nicht nur allerlei Mysterien verbargen, sondern oft genug auch zweifelhafte Machenschaften. Die neue Offenheit des Papstes zeigt uns eine Kirche, die entschlossen ist, von dieser überkommenen Praxis abzuweichen, selbst wenn es um die Gesundheit des Papstes geht.
Papst Leo: Anders als seine Vorgänger
Das steht im deutlichen Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger. Bei Johannes Paul I., dem letzten italienischen Papst, der 1978 nach nur 33 Tagen starb, sind Gerüchte zur Frage nie verstummt, ob sein Pontifikat durch einen natürlichen Tod endete oder das Ergebnis eines Mordkomplotts war. Die Parkinson-Krankheit Johannes Pauls II. wurde erst Jahre nach ihrem Ausbruch entdeckt; obwohl er sich in den qualvollen letzten Wochen seines Pontifikats nicht versteckte, sondern der Welt auf bewegende Weise einen Einblick in seine Gebrechlichkeit gewährte.
› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge
Mit Bärbel Bas ist in den vergangenen Tagen auch hierzulande eine wichtige Akteurin ins verstärkte Licht der Aufmerksamkeit gelangt. Am 12. Oktober erklärte die SPD-Vorsitzende und Bundesarbeitsministerin ihren Rücktritt von allen Ämtern, sie behält nur ihr Bundestagsmandat. Als Grund gab sie den Tod ihrer Stieftochter an, sie wolle sich nun erst einmal der Bewältigung ihrer Trauer widmen. Nachdem sich zunächst allgemeines Mitgefühl wegen der Heimsuchung erhob, die Bas getroffen hatte, mischten sich bald auch andere Töne in das öffentlich geäußerte Verständnis. Der erste Misston stammte von Bas selbst, die in ihrem Rücktrittsschreiben neben dem Trauerfall auch Angriffe aus der Union nannte, die „in dieser für mich persönlich schwierigen Zeit weiter forciert wurden“. Aus der SPD kamen weitere Attacken auf CDU-Vertreter, diese hätten sich „unwürdig und unmenschlich“ verhalten. Auf genaue Nachfrage blieben die Beschwerdeführer allerdings jeden Beleg für ihre Vorwürfe schuldig.
Schon länger Kritik
Tatsächlich hatten sich in der Union schon seit dem Sommer unzufriedene Stimmen gemehrt, die das mehr als schleppende Tempo monierten, das das Bas-Ministerium bei der Umsetzung der gemeinsam beschlossenen Reformen an den Tag legte. Auch die häufige Abwesenheit der Ministerin wurde bemängelt. Zu diesem Zeitpunkt waren aber die persönlichen Umstände und der Druck, unter dem Bas stand, noch völlig unbekannt. Nach dem Tod ihrer Stieftochter am 26. September tauchte Bas dann gänzlich ab, bis sie schließlich gut zwei Wochen später ihren Rücktritt erklärte.
› Lesen Sie auch: Der Löwe brüllt nicht
Und hier wird es, bei allem Verständnis für Bas’ Trauer, doch kompliziert. Viele Menschen haben in ihrem Leben schon den Tod eines nahen Verwandten oder Ehepartners erleben und bewältigen müssen. Noch schwieriger wird die Lage, wenn dem Tod eine Phase der Gebrechlichkeit und oft langjährigen Pflege vorangeht, die zumeist zuhause erledigt wird. Angestellte haben in einem solchen Todesfall Anspruch auf zwei, maximal drei Tage bezahlten Sonderurlaub, alles darüber hinaus geht auf eigene Kosten. Freiberufler müssen sogar auf diese eng gefassten Wohltaten verzichten und sich stattdessen Pflege und Trauer vom Privatleben abschneiden, da sie sich nicht fürs Herumsitzen bezahlen lassen können.
Mit Bärbel Bas aber haben wir eine Politikerin, die mit einem Monatsbrutto von knapp 24.000 Euro nach Hause geht und gleichzeitig ihren Dienstpflichten zuletzt nur unzureichend nachgekommen ist. Natürlich haben auch Spitzenpolitiker und -Verdiener ein Recht auf Privatsphäre, das gilt für Krankheiten, Schicksalsschläge oder sonstige Beeinträchtigungen des persönlichen Lebens. Aber wenn diese Beeinträchtigungen die Ausübung eines öffentlichen Amtes einschränken, hat die Öffentlichkeit das Recht darauf, frühzeitig davon zu erfahren. Schließlich bezahlt diese Öffentlichkeit das Ministergehalt und nun auch weiter ihre Abgeordneten-Apanage, bei zumeist deutlich niedrigeren Einkommen auch jener Steuerzahler, die von Bas noch unlängst als „einheitsbraun“ beschimpft wurden.
Transparenz als Dienst an der Öffentlichkeit
Bärbel Bas hätte mit mehr Transparenz und Offenheit sich selbst, ihrem Amt und auch dem Land einen größeren Dienst erwiesen, als sie es mit ihrer Heimlichtuerei nun beschädigt hat. Dabei gibt es in der deutschen Politik eine Reihe gegenläufiger Beispiele. Frank-Walter Steinmeier hat noch in seiner Zeit als SPD-Oppositionsführer seiner Frau eine Niere gespendet, Manuela Schwesig überstand im Amt als Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern eine Krebserkrankung. Das war nicht zuletzt möglich, weil für diese Fälle klar definierte Vertretungsregeln existierten, mit denen der Ausfall von Chef oder Chefin organisiert werden konnte.
Bärbel Bas verdient unser Mitgefühl. Aber sie könnte sich vom römischen Pontifex inspirieren lassen, was den Umgang mit persönlichen Krisen angeht, während man ein hohes Amt innehat. Der Papst scheint eine klare Strategie zu verfolgen, die anstehende Probleme nicht verschweigt. Er hat sich bewusst für die Öffentlichkeit entschieden und legt seine Schwächen und Beschränkungen offen, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen. Er macht seinen Schicksalsschlag (und was wäre eine Krebsdiagnose anderes?) nicht zu einem durch Verschwiegenheit verstärkten Zeichen von Schwäche, sondern zu einem Ausdruck der Wahrheit und damit zu einer größeren Stärke.
› Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?
Kommentare