Der Löwe brüllt nicht
Seit knapp anderthalb Jahren ist Robert F. Prevost als Papst Leo XIV. der 266. Nachfolger des Apostels Petrus in Rom. Sein Auftreten stößt meistenteils auf Sympathie, ja sogar Bewunderung. Aber langsam, ganz allmählich, beginnt sich der eine oder andere zu fragen, wann dieses Pontifikat endlich in Gang kommt, wann Papst Leo richtig „loslegt“.
Eine italienische Zeitung überschrieb einen Artikel zum Thema mit dem Wortspiel „Warum der Löwe nicht brüllt“ (für „Leo“, lateinisch „Löwe“). Nicht, dass eine besondere Notwendigkeit für Tempo bestünde oder baldige grundstürzende Maßnahmen. Am kommenden Montag, dem 14. September, wird Leo 71. Nach vatikanischen Maßstäben ist er damit noch ein junger Mann, als begeisterter Tennisspieler kann der sportliche Bischof von Rom auf eine lange Amtszeit hoffen. Insofern sollte es nicht allzu sehr überraschen, wenn Leo keine Eile an den Tag legt.
Blickt man allerdings auf Leos Vorgänger in den vergangenen 50 Jahren, so fällt auf, dass sie die Zügel meist sehr bald in die Hand nahmen, um den Kurs vorzugeben, auch und gerade der junge und energische Johannes Paul II., der im Alter von 58 Jahren auf den Stuhl Petri kam. Papst Franziskus nahm nur fünf Monate nach Amtsantritt eine wichtige Weichenstellung im Vatikan vor, als er den von seinem Vorgänger geerbten Kardinalstaatssekretär Bertone entließ und durch Pietro Parolin ersetzte.
Neuer Papst, altes Personal
Mittlerweile sorgt die Personalpolitik Leos hier und da für lange Gesichter. Der von Franziskus zum Präfekten des Glaubensdikasteriums ernannte Kardinal Víctor Manuel Fernández, einer der profiliertesten Vertreter der theologischen Linie des vergangenen Pontifikats, ist bis heute im Amt. Leo XIV. betraute ihn sogar mit mehreren teilweise sehr schwierigen Missionen. So führte er die Verhandlungen mit der Priesterbruderschaft St. Pius X., ein Unterfangen, das nicht nur krachend scheiterte, sondern im Sommer zu einem veritablen Schisma führte.
Auch sonst sorgt die Situation im Vatikan bei manchen für gerunzelte Brauen. Nicht nur, dass wichtige Leitungsebenen bis heute meistenteils mit Figuren aus der Bergoglio-Zeit besetzt sind. Darüber hinaus gibt es nach wie vor einen breiten informellen Einfluss in Richtung von Anliegen, die Franziskus sehr am Herzen lagen. Dabei spielt zum Beispiel die vom argentinischen Papst sehr protegierte Laiengemeinschaft Sant’Egidio im vatikanischen Apparat nach wie vor eine zentrale Rolle. Neben ihrem Einsatz für sozial Benachteiligte teilte die Organisation mit Papst Franziskus das Engagement für den interreligiösen Dialog und den Frieden.
Mit ihren Inhalten prägt sie bis auf den heutigen Tag die Öffentlichkeitsarbeit des Vatikans, nicht durch Mitglieder in Spitzenpositionen, aber über strategische Kooperationen und thematische Schnittmengen.
Sant’Egidio ist überall
Bei Großereignissen wie den internationalen Friedenstreffen im Colosseum oder dem Weltkindertreffen tritt Sant’Egidio als Hauptmitveranstalter neben dem Vatikan auf. Das früher als Radio Vatikan bekannte Medienportal Vatican News fungiert dabei als exklusiver Kommunikationspartner. Auf der Ebene der Berichterstattung wird die Präsenz der Gemeinschaft besonders deutlich.
Pressemitteilungen, Initiativen und Statements von Sant’Egidio werden im vatikanischen Nachrichtenapparat mit einer Priorität und Frequenz behandelt, die normal katholischen Laienorganisationen sehr selten zuteilwird. Es ist also weniger entscheidend, wer im Organigramm welche Position besetzt, als welche Themen, Netzwerke und Deutungsmuster sich im vatikanischen Apparat etabliert haben.
Doch Papst Leo wäre nicht Papst Leo, würde er sich allzu einfachen Zuweisungen nicht wieder entziehen. Zur Überraschung der meisten berief er im Juni mit Maria Montserrat Alvarado nicht nur eine Frau an die Spitze des Kommunikationsdikasteriums, sondern eine Laiin, die nicht einmal Theologie studiert hat. Dafür ist Alvarado eine erfahrene Journalistin: Bis zu ihrem Amtsantritt im November leitet sie noch das Mediennetzwerk EWTN News, das als Speerspitze eines an der Tradition orientierten und konservativen Katholizismus gilt.
Diese Ernennung ist weit mehr als eine Personalie unter vielen, sie besitzt Symbolkraft über die Tagesaktualität hinaus. Papst Leo legt ausgerechnet den Bereich der Kommunikation, in dem Franziskus seinen Stil und Inhalt besonders konsequent durchgesetzt hat, in die Hände einer Amerikanerin aus einem dezidiert konservativen katholischen Medienmilieu.
Nur ein höflicher Bergoglio?
Dieses Einerseits-anderseits erzeugt unter konservativen Katholiken allerdings einiges Schwanken zwischen Hoffnung und Ungeduld. Kritikern fehlt gewissermaßen die Durchschlagskraft, sie fragen sich, ob Papst Leo am Ende nur „ein höflicher und kultivierter Bergoglio“ ist, wie es aus Kurienkreisen heißt, mit denselben Zielen, aber einer „päpstlicheren“ Ästhetik und Wirkung.
Die Wahrnehmung der Widersprüchlichkeit macht sich an einer ganzen Reihe weiterer Äußerungen und Maßnahmen fest. So rief Papst Leo etwa im März die französischen Bischöfe dazu auf, die Gläubigen, die sich der traditionellen lateinischen Messe im tridentinischen Ritus verbunden fühlen, nicht an den Rand zu drängen, sondern sie im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils mit einzubeziehen.
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„Angesichts des Wachstums der Gemeinschaften, die der Alten Liturgie verbunden sind“, verfolge „der Heilige Vater mit besonderer Aufmerksamkeit“ dieses Thema, ließ Leo den Bischöfen in einem Brief von Kardinalstaatssekretär Parolin ausrichten. Es sei „besorgniserregend, dass sich wegen der Feier der Messe, die doch das Sakrament der Einheit ist, eine schmerzhafte Wunde in der Kirche immer weiter auftut“.
Zugleich hat er aber bisher keine Anstalten gemacht, die von seinem Vorgänger mit dem Motu proprio „Traditionis custodes“ erlassenen strikten Regeln zur Einschränkung der vorkonziliaren Liturgie wenigstens in Teilen zurückzunehmen. Papst Benedikt XVI. hatte erst 2007 mit „Summorum Pontificum“ die Messfeier nach dem Missale von 1962 für Priester und Gemeinden deutlich vereinfacht. Liturgiepräfekt Kardinal Arthur Roche, einer der maßgeblichen Verantwortlichen der Bergoglio-Weisung, erklärte im Juli in unmissverständlicher Härte, „Papst Leo wird ‘Traditionis custodes’ nicht ändern, und er wird auch nicht zu ‘Summorum Pontificum’ zurückkehren“. Hier scheint ein Muster des bisherigen Regierungsstils erkennbar zu werden: Leo ändert den Ton, aber (noch?) nicht die Norm.
Segnung nein, aber …
Als Papst Prevost im April die förmliche und ritualisierte Segnung homosexueller Paare in deutschen Bistümern kritisierte und klarstellte, sie entsprächen nicht den Vorgaben des Vatikans, atmeten viele lehramtstreue Katholiken auf. Unzählige deutsche Gemeinden hatten das Schreiben „Amoris laetitia“ von Papst Franziskus bewusst missverstanden und daraus die Erlaubnis für eine Art kirchlicher Ehesegnung für homosexuelle Paare abgeleitet, obwohl sogar Bergoglio das schon ausgeschlossen hatte.
Doch fast am selben Tag machte die Erlaubnis des Erzbistums München für ebensolche Feiern die Runde, für die sogar eine Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“ existiert. Eine größere Öffentlichkeit erfuhr ebenfalls im April, dass die Deutsche Bischofskonferenz über einen „Queerbischof“ verfügt, der die katholische Lehrtradition faktisch über Bord wirft, um an ihre Stelle tagespolitische Mainstream-Beliebigkeit zu setzen.
Wer nun erwartet, dass zu all diesen Vorgängen und Äußerungen aus Rom ein klärendes, gar disziplinierendes Wort kommt, um fehlgegangene Hirten wieder auf Kurs zu bringen, sieht sich enttäuscht. Es scheint, als ob die leise vermittelnde Haltung Papst Leos ihn von allzu deutlichen Positionierungen zurückschrecken lasse.
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Auch die Behandlung der Angelegenheit des Mosaikkünstlers und Ex-Jesuiten Marko Rupnik wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Den slowenischen Priester und Künstler, Schöpfer leicht gruseliger, hohläugiger Ikonen, umgeben schon seit Jahrzehnten handfeste Missbrauchsvorwürfe sexueller wie psychischer und geistlicher Art. 2023 wurde er aus dem Jesuitenorden geworfen, nachdem sich Vorwürfe erhärtet hatten, er habe immer wieder junge Frauen vergewaltigt.
Mit der noch immer nicht bewältigten Altlast seines Vorgängers, der sich dabei merkwürdig erratisch verhielt – Rupnik wurde erst exkommuniziert, was dann wieder zurückgenommen wurde –, muss sich nun Leo beschäftigen.
Weiter Intransparenz und Geheimnistuerei
Im Oktober 2025 begann im Vatikan ein Strafprozess gegen den Ex-Jesuiten, nachdem nach erheblichem öffentlichem Druck die kirchenrechtliche Verjährungsfrist für die Delikte aufgehoben worden war. Eine Anklage vor einem ordentlichen staatlichen Gericht hat Rupnik nicht mehr zu fürchten, weil die im Raume stehenden Straftaten nach italienischem beziehungsweise slowenischem Recht verjährt sind. Über den Stand des Verfahrens im Vatikan ist nichts bekannt, nicht einmal die Namen der fünf Richter. Kirchliches Prozessrecht erlaubt es den Opfern von Straftaten nämlich weder als Nebenkläger aufzutreten noch überhaupt den Prozess zu verfolgen. Die Anwältin der Betroffenen, Laura Sgrò, kritisierte denn auch die vatikantypische Intransparenz und Geheimnistuerei.
Papst Leo persönlich hält Rupnik auf maximale Distanz. Im Juni 2025, nur einen Monat nach seiner Wahl, ordnete der Papst die Entfernung aller Bilder Rupniks von Internetseiten oder Veröffentlichungen des Vatikans an. Und nur wenige Wochen vor Prevosts Frankreichbesuch Ende September wurde bekannt, dass sämtliche Rupnik-Mosaiken an der Rosenkranz-Basilika in Lourdes auf Dauer verhüllt werden.
Damit legt Leo in Sachen Rupnik eine deutlich größere Entschiedenheit an den Tag als sein Vorgänger. Umso schwerer wiegt, dass der Vatikan beim eigentlichen Verfahren weiterhin jene Intransparenz praktiziert, die schon unter Franziskus für Empörung gesorgt hatte.
Leo wird kein Gegen-Franziskus werden
Insgesamt scheint Leo XIV. bis jetzt der Papst der behutsamen Verschiebungen zu sein. Er setzt durchaus eigene Akzente, ohne dabei mit seinem Vorgänger zu brechen; er korrigiert, ohne zu widerrufen. Das ist nicht so spektakulär wie das Auftreten seiner Vorgänger, muss aber deshalb nicht weniger wirksam sein.
Leo XIV. wird kein neuer Johannes Paul II. oder gar ein Anti-Franziskus werden. Aber was will er dann? Nach anderthalb Jahren sollte allmählich erkennbar werden, wohin er die Kirche führen will.
Der Löwe muss nicht brüllen. Aber irgendwann sollten die Gläubigen die Stimme des Hirten hören.
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