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Ein Jahr Papst Leo XIV.

Franziskus II.?

Papst Leo XIV., der mit den Fragezeichen. So titelte Corrigenda exakt am heutigen Tag vor einem Jahr, nachdem das Konklave den US-Amerikaner Robert F. Prevost zum Nachfolger Petri gewählt hatte. Eine der wichtigsten Fragen, die Katholiken unter den Nägeln brannte: Bedeutet Leo XIV. Kontinuität oder Bruch mit Franziskus? Jetzt ist Papst Leo XIV. ein Jahr im Amt. In einer Woche soll seine erste Enzyklika erscheinen. Und auch sonst gab und gibt es reichlich zu berichten über das erste Jahr dieses Pontifikats. Freilich lässt sich nach einem Jahr kein Fazit ziehen, kein abschließendes Urteil bilden. Doch es zeichnen sich Linien ab. In welche Richtung sie deuten, darüber lässt sich freudig diskutieren. Die Autoren Josef Jung und Marco F. Gallina verfolgen dasselbe vatikanische Geschehen, deuten es aber teilweise klar unterschiedlich. Sie haben Argumente für die Kontinuitäts- wie für die Bruch-These.

Ein Franziskus mit menschlichem Antlitz

Der Papst ist kein moderner Politiker. Er repräsentiert zweitausend Jahre lateinisch-christlicher Frömmigkeit. Noch in den 1960er-Jahren wurde er mit der Tiara gekrönt, und im Krönungseid gelobte er, „nichts an der Überlieferung … zu schmälern, zu ändern oder darin irgendeine Neuerung zuzulassen“. Tiara und Eid sind abgeschafft, doch das Amt bleibt zutiefst vormodern: Nach can. 331 CIC hat der Papst die „höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt“ und kann in Glaubens- und Sittenfragen unfehlbar entscheiden.

Am 8. Mai 2025 wurde der Amerikaner und Augustiner Robert Francis Prevost zum Papst gewählt und nannte sich Leo XIV. Er trat in sichtlich konservativerer Kleidung als sein Vorgänger Franziskus auf die Loggia: nicht im schlichten weißen Talar, sondern mit alter Stola und roter Mozzetta — eher in der Linie Benedikts XVI. Auftritt, Kleidung und Name waren bewusst traditionell gehalten. Damit verbanden sich viele Hoffnungen.

Franziskus hatte viel Porzellan zerschlagen: Er strich Ehrentitel und Beförderungen vatikanischer Prälaten zusammen, schlug einer Gläubigen demonstrativ auf die Hand, verweigerte Pilgern den Handkuss und mahnte, Katholiken sollten sich „nicht wie die Kaninchen vermehren“. Bücher wie „The Dictator Pope“ zeichneten das Bild eines autoritären Regiments. Hinzu kamen die liturgische Restriktion durch „Traditionis custodes“ (2021), die Pachamama-Szenen im Vatikan 2019, die Segensregelung für Paare in „irregulären Situationen“ durch „Fiducia supplicans“ (2023), die Aushöhlung des Kardinalskollegiums durch eine ungeordnete persönliche Auswahl, der Becciu-Prozess und das Geheimabkommen mit der Volksrepublik China zur Bischofsernennung. Würde Leo nun der Versöhner sein? Ein Gelehrtenpapst wie einst Leo XIII.?

Bemerkenswert ist, dass Leo bereits in seiner Antrittsrede positiv auf seinen Vorgänger Bezug nahm. „Bruder Leo“ war auch der Name des ersten Gefährten des heiligen Franz von Assisi – er stand dem Gründer beim Sterben zur Seite und führte sein Werk fort. Ähnlich treu verhält sich Leo XIV. zu seinem Vorgänger Franziskus, aber mit weniger Hitzköpfigkeit, weniger Ungeschick und weniger Skrupellosigkeit. Er wurde zu Lebzeiten Franziskus’ stark gefördert und in Position gebracht: 2014 Bischof von Chiclayo, 2023 Präfekt des Dikasteriums für die Bischöfe und im selben Jahr Kardinal. Diese Karriere wäre ohne das ausdrückliche Vertrauen des verstorbenen Papstes nicht möglich gewesen.

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Leo ist ein Kind Chicagos und der liberalen Theologie der dortigen Catholic Theological Union (CTU), einer der maßgeblichen US-Ausbildungsstätten nachkonziliarer und befreiungstheologischer Prägung. „Soziale Gerechtigkeit“ ist dort ein Grundpfeiler der theologischen Ausbildung. Er ist Gegner der Abtreibung, ebenso dezidiert aber auch der Todesstrafe – obwohl deren Zulässigkeit lehramtlich bestätigt wurde. Wenn man seine Äußerungen genau verfolgt, kann man annehmen, dass Leo ein Anhänger der „Seamless Garment“-Ethik („nahtloses Gewand“) ist. Dieses Konzept wird auch „Consistent Life Ethic“ („konsequente Lebensethik") genannt und geht auf den Chicagoer Kardinal Joseph Bernardin zurück. In seiner Grundsatzrede an der Fordham University im Jahr 1983 legte Bernardin dar, dass der katholische Schutz des Lebens ein breites „Spectrum of Life Issues“ („Spektrum von Lebensfragen“) umfasse. In Anlehnung an das Johannesevangelium, das das Untergewand Christi als „ohne Naht von oben bis unten ganz durchgewoben“ (Joh 19,23) beschreibt, argumentierte Bernardin, dass Themen wie Abtreibung, Todesstrafe, Krieg, atomare Aufrüstung, Armut und Euthanasie eine moralische Einheit bildeten. Als gleichrangige Angriffe auf die Menschenwürde dürften diese Aspekte nicht isoliert betrachtet oder gegeneinander ausgespielt werden.

Konservative Kritiker werfen diesem Ansatz seit jeher vor, er nivelliere die moralische Schwere der Abtreibung, indem er sie auf eine Stufe mit anderen sozialethischen Fragen stelle oder zu wenig davon abhebe. In der Tradition Bernardins steht Leo XIV. auch dann, wenn er immer wieder den Vorrang von Gerechtigkeitsfragen gegenüber sexualmoralischen Themen betont.

Als Freund der Tradition ist Leo XIV. bisher nicht in Erscheinung getreten. Die für Juni 2026 angekündigten Bischofsweihen der Priesterbruderschaft St. Pius X. lehnt er entschieden ab; eine Papst-Audienz mit deren Generaloberem wurde nicht gewährt, und im Glaubensdikasterium steht laut Berichten gerüchteweise die Exkommunikation nicht nur der beteiligten bisherigen und neugeweihten Bischöfe, sondern möglicherweise ebenso aller Priester der Piusbruderschaft im Raum, was eine deutlich härtere Strafe wäre als bei Lefebvres Bischofsweihen 1988. Eine Freigabe der überlieferten römischen Liturgie hat nicht stattgefunden. Aus seiner peruanischen Missionarszeit existieren Bilder mit indigenen Pachamama-Darstellungen.

Vielen Beobachtern gilt er als jener Kandidat, der bewusst von liberalen US-Kardinälen wie Cupich (Chicago), Tobin (Newark), Gregory (em., Washington) und McElroy (Washington) installiert wurde, um eine kirchlich-amerikanische Opposition gegen die Politik Donald Trumps zu personifizieren.

Wer ist Leo? Ein Franziskus mit menschlichem Antlitz. Er formuliert gerne so, dass beide Seiten ihn für sich beanspruchen können. Auf der einen Seite plädiert er für die Geltung des natürlichen Sittengesetzes, auf der anderen Seite empfängt er – anscheinend ohne ihn zu kritisieren oder zurechtzuweisen, sondern eher zu ermutigen – den umstrittenen Jesuiten James Martin, dessen pastorales Programm seit Jahren eine Werbung für die Anerkennung von LGBTQ-Sexualität ist, das das Sittengesetz bewusst negiert.

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Viel Kritik rief zuletzt die von Leo approbierte lehrmäßige Note „Mater populi fidelis“ (2025) hervor. Darin werden traditionelle marianische Lehren in Zweifel gezogen, besonders mit Blick auf die Muttergottes als coredemptrix, also Miterlöserin. Was über Jahrhunderte Lehrtradition war und von Leo XIII. über Pius X. und Pius XI. bis Johannes Paul II. der Sache nach bestätigt wurde, soll nun aus angeblicher ökumenischer Rücksichtnahme relativiert werden.

Geradezu absurd wirkt der Empfang von Sarah Mullally, der „Erzbischöfin“ von Canterbury im Vatikan — einer Frau, die sich nach katholischem Verständnis im Schisma und in Häresie befindet. Außerdem erkennt die katholische Kirche die anglikanischen Weihen nicht an (Leo XIII., Bulle „Apostolicae Curae“, 1896). Dennoch wurde sie wie eine gültige bischöfliche Amtsträgerin empfangen und Erzbischof Flavio Pace ließ sich sogar von ihr „segnen“. Zusätzlich war im offiziellen Kommuniqué vom „gemeinsamen Glauben“ die Rede, obwohl die Unterschiede im Glauben eklatant sind. 

Aufmerksamkeit erregte auch ein Tweet des Papstes vom 13. April 2026 während seiner Algerienreise. Darin sprach er von einer „Gemeinschaft zwischen Christen und Muslimen“ unter dem „Mantel Unserer Lieben Frau von Afrika“, die alle als Kinder in „unserem gemeinsamen Streben nach Würde, Liebe, Gerechtigkeit und Frieden“ versammle. Die Aussage wirft Fragen auf: In Algerien dürfen Christen nicht missionieren und gelten nicht als gleichberechtigte Gemeinschaft. Der Islam lehnt Maria als Muttergottes ab. Historisch wurde die Muttergottes auch angerufen, um islamische Eroberungskriege in Europa abzuwehren – etwa in der Schlacht von Lepanto 1571.

Ähnlich wie Leo formulierte bereits Johannes Paul II. beim Assisi-Treffen 1986: „Nie mehr Gewalt! Nie mehr Krieg! Nie mehr Terrorismus! Möge im Namen Gottes jede Religion der Welt Gerechtigkeit und Frieden bringen, Vergebung, Leben und Liebe!“ Doch solche abstrakten Appelle wirkend zunehmend phrasenhaft. Der Wunsch nach Liebe, Gerechtigkeit und Frieden, der die Welt verbessern soll, ohne Bezug auf Christus zu nehmen, passt eigentlich besser zu John Lennon als zur Kirche. Wenn sich Päpste dieser Sprache bedienen, versteht man, warum „Imagine" heute in Kirchen gespielt wird.

Was kann man abschließend sagen? Wie Bruder Leo, der treue Gefährte des Franz von Assisi, führt auch Leo XIV. den Weg seines Vorgängers fort – aber mit mehr Anstand, mehr Würde und mehr Freundlichkeit. Eine Wende, wie viele Konservative sie erhofft hatten, erfolgt bisher nicht. Wer darauf wartet, wird enttäuscht.

Ein Jahr Papst Leo XIV.: Chronologie der wichtigsten Ereignisse und Stationen

8. Mai 2025: Aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle steigt weißer Rauch auf. Kardinal Robert Francis Prevost ist gerade im vierten Wahlgang zum 267. Papst gewählt worden. Der damals 69 Jahre alte US-Amerikaner, der auch die peruanische Staatsbürgerschaft besitzt, nimmt den Namen Leo XIV. an. Die ersten Worte, die er von der Benediktionsloggia des Petersdoms an die Gläubigen richtet, lauten: „La pace sia con tutti voi.“ („Der Friede sei mit euch allen.“)

18. Mai 2025: Papst Leo erhält die päpstlichen Insignien, Pallium und Fischerring, und feiert auf dem Petersplatz mit Zehntausenden Gläubigen und zahlreichen Staatsgästen die offizielle Amtseinführungsmesse. 

2. und 3. August 2025: Leo feiert mit mehr als einer Million Jugendlichen in Rom das Weltjugendtreffen. Er ruft die Jugendlichen dazu auf, als „Pilger der Hoffnung“ Zeugen des Friedens und des Glaubens in einer oft säkularen Welt zu sein.

22. August 2025: Nach gut 100 Tagen im Amt ruft der Papst zum Fest der Gottesmutter Maria Königin zu einem weltweiten Gebets- und Fastentag für den Frieden auf.

1. September 2025: Papst Leo empfängt den US-Jesuitenpater James Martin zu einer Privataudienz. Martin tritt seit Jahren als lautstarker und umstrittener Verfechter der LGBTQ-Bewegung in Erscheinung. Nach der Audienz tritt Martin in der Show des liberalen katholischen US-Comedians Stephen Colbert auf und erklärt: „Die Botschaft, die ich von ihm [Leo] erhalten habe, lautet, dass er die Willkommenskultur von Papst Franziskus fortsetzen will und möchte, dass ich das öffentlich kundtue.“

5. bis 7. September 2025: Zum ersten Mal findet eine offizielle LGBTQ-Wallfahrt in den Vatikan statt. Rund 1.400 Pilger nehmen teil und durchschreiten am 6. September die während des Heiligen Jahres geöffnete Heilige Pforte des Petersdoms. Einen persönlichen Empfang durch Papst Leo, wie ihn einige gefordert hatten, gibt es nicht.

7. September 2025: Leo spricht den als „Influencer Gottes“ bekannten Jugendlichen Carlo Acutis heilig, der im Alter von 15 Jahren 2006 verstorben war. Grund für die Heiligsprechung sind Acutis’ vorbildliches Leben sowie zwei anerkannte Wunder. Der junge Mann gilt als erster Heiliger der Millennial-Generation. 

4. Oktober 2025: Der Papst veröffentlicht sein erstes Lehrschreiben in Form einer Apostolischen Exhortation, die den Titel „Dilexi te“ („Ich habe dich geliebt“) trägt. Der Untertitel lautet: „Über die Liebe zu den Armen“. Leo betont darin die kirchliche Verantwortung im Umgang mit Armut und Wirtschaft und führt den von Franziskus geprägten Einsatz für soziale Gerechtigkeit fort.

25. Oktober 2025: US-Kardinal Raymond Burke feiert im Petersdom eine heilige Messe im überlieferten, tridentinischen Ritus. Die Messe findet im Rahmen einer Rom-Wallfahrt von traditionsverbundenen Gläubigen aus mehreren Ländern statt. Papst Leo hatte die Feier genehmigt.

4. November 2025: Das Glaubensdikasterium veröffentlicht die von Leo approbierte lehrmäßige Note „Mater populi fidelis“ („Mutter des gläubigen Volkes“). Der Vatikan betont darin Marias einzigartige Mitwirkung im Heilswerk, grenzt sie jedoch von der Einzigartigkeit Christi als Erlöser ab und lehnt den Titel „Miterlöserin“ für Maria ab. Traditionalistische Strömungen in der Kirche kritisieren die Note scharf.

18. Dezember 2025: Leo löst den als konservativ angesehenen Timothy Dolan als Erzbischof von New York ab, dem zudem ein gutes Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump nachgesagt wird. Zum Nachfolger macht der Papst den als liberal geltenden Ronald Hicks, der bislang Bischof von Joliet nahe Chicago im Bundesstaat Illinois war. 

2. Februar 2026: Der Generalobere der traditionalistischen Piusbruderschaft (FSSPX), Pater Davide Pagliarani, gibt bekannt, dass die Bruderschaft am 1. Juli 2026 zwei neue Bischöfe weihen will – im Zweifel auch ohne die Erlaubnis des Papstes. Darauf warnt der Präfekt des Glaubensdikasteriums, Kardinal Víctor Manuel Fernández, die Piusbrüder vor einem Schisma. Ein Dialogversuch zwischen Vatikan und Bruderschaft endet erfolglos. Nach wie vor ist unklar, wie Papst Leo reagieren wird, wenn die Piusbrüder die Weihen tatsächlich ohne sein Mandat durchführen.

14. März 2026: Anders als sein Vorgänger Franziskus entscheidet sich Leo, wieder in die offiziellen Gemächer des Apostolischen Palastes zu ziehen, die zuvor zehn Monate lang renoviert worden waren.

25. März 2026: Papst Leo XIV. ruft die französischen Bischöfe dazu auf, die zahlreicher werdenden Anhänger des überlieferten römischen Ritus, der sogenannten Alten Messe oder tridentinischen Messe, einzubeziehen. Auch fordert das Kirchenoberhaupt, die katholischen Schulen zu bewahren.

31. März 2026: Leo ruft in seinem Gebetsanliegen für April dazu auf, für Priester in Krisen zu beten. Priester seien weder „Funktionäre noch einsame Helden“, sondern „geliebte Söhne, demütige und geschätzte Jünger und Hirten, die durch die Gebete ihrer Gemeinde gestützt werden“, betont der Heilige Vater.

5. April 2026: Papst Leo spendet zum ersten Mal den Ostersegen „Urbi et Orbi“. In seiner Ostermesse ruft er zum weltweiten Frieden auf.

13. bis 23. April 2026: Leo besucht Afrika und reist nach Algerien, Kamerun, Angola sowie Äquatorialguinea. Auf der Reise prangert der Papst die Korruption und die große Schere zwischen Arm und Reich an. Wie in den Wochen zuvor sind seine Ansprachen während der Reise zudem geprägt von Appellen zum Frieden, was US-Präsident Donald Trump als Kritik am US-israelischen Angriff auf den Iran interpretiert. Trump schießt daraufhin verbal scharf gegen Leo und wirft ihm vor, der Papst sei „schwach im Umgang mit Kriminalität und eine Katastrophe in der Außenpolitik“. Zudem behauptet der US-Präsident, ohne ihn wäre Leo nicht zum Papst gewählt worden. Leo macht deutlich: „Ich habe weder Angst vor der Trump-Regierung noch davor, die Botschaft des Evangeliums laut zu verkünden.“ Kritik ruft der Heilige Vater auch hervor, als er während der Reise nach Algerien in einem Tweet von der „Gemeinschaft zwischen Christen und Muslimen“ unter dem Mantel „Unserer Lieben Frau von Afrika“ spricht. Die Kritiker werfen ihm vor, die Christenverfolgung durch Islamisten zu verharmlosen und eine Gemeinschaft zwischen Islam und Christentum zu konstruieren, die es nicht gibt. Verteidiger sagen, die Mutter Gottes sei seit je eine wichtige Figur bei der Bekehrung von Moslems.

27. April 2026: Leo empfängt im Vatikan die anglikanische Erzbischöfin Sarah Mullally. Das Treffen gilt als Zeichen für Fortschritte im ökumenischen Dialog – was wiederum Lob wie auch Kritik hervorruft.

6. Mai 2026: Der Vatikan reagiert auf das Ansinnen der deutschen katholischen Bischofskonferenz, künftig auch homosexuelle Paare und Paare in irregulären Lebenssituationen segnen zu wollen. Der Präfekt des Glaubensdikasteriums, Kardinal Víctor Manuel Fernández, stellt klar, dass Rom die deutschen Pläne ablehnt. Zuvor hatte schon der Papst am 23. April auf dem Rückflug von seiner Afrikareise erklärt: „Der Heilige Stuhl hat bereits mit den deutschen Bischöfen gesprochen. Der Heilige Stuhl hat deutlich gemacht, dass wir mit der formellen Segnung von Paaren – in diesem Fall homosexuellen Paaren oder Paaren in irregulären Lebenssituationen – nicht einverstanden sind, sofern dies über das hinausgeht, was Papst Franziskus, wenn man so will, ausdrücklich zugelassen hat.“

7. Mai 2026: Vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen ihm und der Trump-Administration empfängt Papst Leo US-Außenminister Marco Rubio im Vatikan. Noch ist nichts öffentlich darüber bekannt, wie das Gespräch verlaufen ist.

Leo nicht durch die „franziskanische Brille“ betrachten

Er hat die Mozzetta an. Das ist die auffälligste Änderung des Pontifikats: Leo XIV. tritt bei öffentlichen Besuchen und bei der Messe wieder so würdevoll auf, dass die Vogue ihn zu den bestgekleideten Persönlichkeiten 2025 kürte. Dazu residiert der Pontifex wieder in den apostolischen Gemächern und auf der Sommerresidenz Castel Gandolfo, um auf Tuchfühlung mit dem katholischen Volk zu gehen.

Nicht nur stilistisch hat der am 8. Mai 2025 zum Nachfolger Petri gewählte Robert Prevost mit seinem Vorgänger gebrochen. Auch intellektuell sind die Zeiten des Buona-Sera-Populismus vorbei. Der Augustiner auf dem Thron hat von der ersten Predigt an die abwägende, theologische Form gewählt.

Der Ton des neuen Pontifex hat dabei nicht wenige irritiert. Die verschiedenen Lager in der Katholischen Kirche – ob progressiv, konservativ oder traditionell – interpretieren die Worte des Papstes immer noch nicht im leoninischen Sinne, sondern oft im franziskanischen. Die Bergoglio-Jahre haben sie geprägt. Der Hang, Leo immer noch nicht als eigenen Papst zu sehen, sondern Franziskus zum Maßstab zu machen, ist groß. So ist Leo in ihren Augen eben doch ein „Franziskus II.“ – im Guten wie im Schlechten.

Dabei pflegt der erste US-amerikanische Papst sehr eigene Akzente. Anders als sein Vorgänger hat er sein Versprechen gewahrt, ein Zuhörer zu sein. Leo poltert nicht. Seine Rolle ist die des Versöhners – deshalb wurde er gewählt, daher handelt er so, wie er handelt. 

Dennoch hat er mehrfach überrascht. So bereits bei seiner ersten Generalaudienz vor Journalisten, bei der er sie zur wahrheitsgemäßen Berichterstattung aufforderte. Später, im Januar 2026, verurteilte er die „Orwellsche Sprache“ die unter dem Deckmantel von Inklusivität die Meinungsfreiheit gefährde. Zugleich hat Leo die Christenverfolgungen in der Welt immer wieder verurteilt. Dabei wies er auch Kardinalsstaatssekretär Paolo Parolin in seine Grenzen, indem er den Konflikt in Nigeria als religiös motiviert bezeichnete. Parolin hatte zuvor die Angriffe der islamistischen Fulani-Milizen auf christliche Bauern als „sozialen“ Konflikt bewertet.

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Nichtsdestotrotz hat man auch hier den Papst durch die „franziskanische“ Brille sehen wollen. Wenn der Pontifex von „Religionsfreiheit“ spricht, will man darin eine Gleichheit aller Religionen erkennen, obwohl Religionsfreiheit ein Wert ist, von dem die Christen als größte und am meisten verfolgte Religionsgruppe am meisten profitieren. Andere attestierten Kritiker Leo eine zu große Toleranz gegenüber dem Islam – etwa, nachdem er beim Libanon-Besuch zu einem guten Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen aufrief; was angesichts der Situation im Libanon gar nicht anders möglich ist angesichts der schwierigen konfessionellen Lage.

Wieder andere störten sich daran, dass Leo vom Mantel Marias sprach, der sich über Christen und Muslimen ausbreitete. Dabei war das weniger Anbiederung als vielmehr der Rekurs auf eine lange Tradition. Dass die Muslime über Maria zu Christus finden, ist ein Topos, der sich schon in den mittelalterlichen Cantigas de Santa Maria aus dem 13. Jahrhundert wiederfindet. Damals befand sich Spanien noch mitten in der Reconquista. 

Dabei hat es Leo – anders als seine Vorgänger – bisher unterlassen, in der Türkei oder Algerien in einer Moschee zu beten. Stattdessen bot er in Istanbul den muslimischen Vertretern Rosenkränze an. Dem „tutti, tutti, tutti“ (alle, alle, alle) von Franziskus fügte Leo die Forderung nach vorheriger Umkehr hinzu. Auf seiner Afrika-Reise warnte er sogar explizit vor synkretistischen Strömungen. Einzig hinter die Ächtung der Todesstrafe, wie sie seit Franziskus gilt, kommt der US-Amerikaner offenbar nicht zurück.

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Im Konflikt mit Trump hat der Pontifex deutlich gezeigt, dass er sein Pontifikat nicht als Vorlage für Tagespolitik und Mediengeschehen begreift. Auf Trumps Angriff reagierte er gelassen. Auch der wiederholte Versuch von Medien, ihn in „Stellung“ zu bringen, versagte. Leo ist kein Anti-Trump, sondern Verkündiger des Evangeliums. Im Mittelalter kannten die Katholiken ihren Papst – so sie nicht in Italien lebten und er in die dortige Kirchen- wie Außenpolitik eingriff – nur aus der Messe, wo man für ihn betete. Ab dem 20. Jahrhundert wurde der Pontifex zur Medienikone und kam durch Radio und Fernsehen direkt ins Wohnzimmer. Damit verbunden war auch eine Form des Medienkultes. Franziskus etwa hat sehr genau gewusst, wie er die Medien bediente – auch durch provokante Interviews mit dem Atheisten Eugenio Scalfari in der linken Tageszeitung Repubblica. Leo schlägt einen anderen Kurs ein.

Freilich ist die Aufbruchstimmung vorbei – wie jede Aufbruchstimmung nach einem Jahr verschwunden ist. Aber ein Pontifikat ist keine Legislatur, die man nach 100 Tagen bewertet. Angesichts der vermutlich zwei Dekaden, in denen Prevost amtieren wird, eine sehr kurze Zeitspanne, um Resümee zu ziehen. Erwartungen können nur enttäuscht werden, wenn man sie zuvor unrealistisch hochgeschraubt hat – etwas, das ebenfalls ein politisches, kein kirchliches Phänomen ist. Das Auseinanderhalten von Politik und Religion, so zeigte es auch die Trump-Affäre, ist für viele Katholiken schwierig geworden. Leo hat bei seinem ersten Auftritt auf der Loggia mit dem österlichen Friedensgruß begonnen; er hat diese Linie durchgezogen.

Die großen Entscheidungen stehen noch bevor. Das gilt für den Konflikt mit der Piusbruderschaft und ihren anberaumten Bischofsweihen im Sommer, sowie mit der katholischen Kirche in Deutschland, die provokant eine rote Linie nach der nächsten übertritt. Der direkte Widerspruch zu Marx zeigt, dass Leo Versöhner bleiben will, aber nicht an der Lehre rüttelt. 

Am 15. Mai soll seine erste Enzyklika erscheinen. Die Themen: Frieden, Gefahren für die Menschheit und Künstliche Intelligenz. Offenbar will der Nachfolger des „Arbeiterpapstes“ Leo XIII. an dessen große Lehrschreiben anknüpfen. Bis dahin lässt sich feststellen: Im Vatikan ist mit Leo eine lang vermisste Kontinuität, Ruhe und Berechenbarkeit eingekehrt.

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