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Kolumne „Kaffeehaus“

In die Stadt? Oder lieber aufs Land?

Ein Bekannter beschrieb mich kürzlich als typischen Stadtmenschen. Er solle mich nicht unterschätzen, sagte ich, denn ich könne auch Ziegen melken, Obstbäume veredeln und einen Gemüsegarten anlegen. Er hatte aber nicht Unrecht: Die Stadt reizt mich, selbst in der großen bunten Stadt Brüssel fühle ich mich wie ein Fisch im Wasser.

Doch ich kann verstehen, warum es so viele junge Familien zunehmend aufs Land zieht: Sie wollen einen gesunden und im guten Sinne nachhaltigen Lebensstil führen und ihre Kinder vor den Lastern der Großstadt schützen. Das ist richtig und konsequent. Vielleicht werde ich mich eines Tages auch für ein ruhigeres Leben auf dem Land entscheiden.

Wie meine Eltern damals. Als ich im Vorschulalter war und zwei kleine Schwestern hatte, beschlossen sie, die schöne Stadtwohnung gegen ein altes Haus auf dem Land zu tauschen. Zum Leidwesen meiner Großeltern landeten wir in einem renovierungsbedürftigen Haus in einem kleinen Dorf. Meine Eltern waren schon damals Trendsetter: Wir lebten vegetarisch, hatten einen Gemüsegarten, Hühner und Ziegen.

Wir liefen oft mehrere Kilometer zur Kirche und spielten in den Grünflächen des Gartens und auf den Wiesen. Im Sommer sammelten wir Heu für die Ziegen, kochten Marmelade aus Kirschen und Erdbeeren und schwammen im See. Im Winter rodelten wir den alten Weinberg hinunter, liefen Schlittschuh auf dem See und hörten uns abends Märchen an. Alle zwei Jahre wurde unsere Familie durch ein kleines Geschwisterchen bereichert.

Die Schattenseiten von „Bullerbü“

Das klingt wie „Kinder aus Bullerbü” und war auch so. Aber es war auch anstrengend und unbequem. Das vergessen manchmal die Romantiker, die sich nach einem heilen Leben auf dem Land sehnen. In der Schule war ich ein Fremdkörper und das Wichtigste spielte sich für mich immer in der Familie ab. Darin, denke ich, liegt auch der Reiz des Landlebens für die Konservativen: Sie wollen den Fokus auf das Familienleben und die eigenen Werte und Ideale richten.

Inzwischen sind die Großstädte ein buntes Paradies für Progressive geworden. Sie fühlen sich in den Hipster-Cafés und -Boutiquen wohl, sie mögen es, sich mit ihren Lastenfahrrädern über Autofahrer zu erheben und genießen das breite Freizeitangebot für ihren Nachwuchs. Sie mögen die Idee, dass es bunt und vielfältig ist und man nicht auf eine schlichte, homogene Dorfgemeinschaft angewiesen ist.

Wenn ich darüber nachdenke, warum ich die Stadt liebe, fallen mir vor allem praktische Gründe ein wie der kurze Weg zur Schule oder ins Büro. Aber ich liebe auch die zahlreichen kulturellen Angebote und die interessanten Menschen, denen ich täglich begegne. Auch die Anonymität der Stadt empfinde ich nicht als unangenehm, im Gegenteil, sie vermittelt mir ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit.

Aber genau das ist das Problem: In einer Stadt kann man sich mit Gleichgesinnten vernetzen, aber im Grunde ist jeder auf sich allein gestellt. Das ist schön und gut für diejenigen, die es sich leisten können. Solidarität und Zusammengehörigkeit finden in kleinen Kreisen wie Kirchengemeinden oder gehobenen Vierteln statt, aber ansonsten ist jeder seinem Schicksal überlassen.

Familie und Dorfgemeinschaft sind die Zukunft

Auf dem Lande ist das anders. Man kennt sich und hilft sich gegenseitig. Nicht umsonst heißt es, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen. Die Dorfgemeinschaft ist ein nachhaltigeres Modell für alle, denen Wurzeln wichtig sind und die etwas hinterlassen wollen. Gerade heute, wo alle Strukturen zerbröckeln und der Zusammenhalt in der Gesellschaft immer kleiner wird. Auch die Krise der mentalen Gesundheit ist vor allem ein Problem der Städte und des von Gemeinschaften losgelösten Individuums.

Kleine Gemeinschaften wie die Familie und die Dorfgemeinschaft sind deshalb die Zukunft, wenn man gesund, gut und im Einklang mit den eigenen Werten leben will. Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie sich damals für „Bullerbü“ entschieden haben und uns den Sinn für Natur, Familie und Gemeinschaft vermittelt haben.

 

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