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Kolumne „Ein bisschen besser“

Stufe sieben – oder der Moment, in dem der Tag einen anderen Lauf nimmt

Als meine Frau Judith mir die Kaffeetasse in die Hand drückt und ich mit der Zeitschrift unterm Arm und der Schmutzwäsche in der anderen Hand die Treppe hoch eile, um einen chilligen Wochenendtag mit Lesen im Zimmer vom Töchterchen zu beginnen, passiert es: Auf Stufe sieben stolpere ich mit dem linken Fuß, die Wäsche fliegt runter, meine Lektüre auch, der Kaffee ergießt sich die weißverputzte Wand entlang über zwei Etagen. „Scheiße“, sage ich. „Fuck“, sagt Judith. Das Töchterchen verkriecht sich hinterm iPad. Die Hündin zieht den Schwanz ein.

Als wir im Erste-Hilfe-Modus die Wand mit dem feuchten, blauen Küchentuch abreiben, verteilt sich der angelöste Putz mit dem braunen Kaffee und dem Blau vom Lappen. Ich überlege kurz, wie es wäre, wenn aus mir ein Freskenmaler würde. Ich könnte die Decke über dem Bett mit Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies schmücken, wir würden 20 Euro Eintritt wie bei der Sixtinischen Kapelle nehmen, die Menschen würden sich die Füße platttreten, meine Frau dürfte mich Michelangelo nennen. 

Wir wären reich und glücklich. Stattdessen flucht sie, und mir wird klar, dass jetzt nur entschlossenes Handeln die Situation wenden kann. Ich bitte Judith um eine zweite Tasse Kaffee.

Der Tag verläuft ganz anders als gedacht

Ich werde die Wand neu streichen. Vorher muss ich das Parkett sauber abkleben. Und wenn ich schon an der Ecke unter der Treppe arbeite, kann ich auch gleich die dort eingelassene Lampe reparieren, die seit drei Jahren kaputt ist. Ich muss im Keller nachschauen, ob noch eine nicht eingetrocknete Farbrolle da ist. Ich brauche einen Eimer Farbe vom Baumarkt. Schlagartig wird mir klar, dass dieser Tag ganz anders verlaufen wird, als er sich eben noch angekündigt hatte.

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Judith schaut nicht tatenlos zu. Sie beschließt, dass es ein bisschen besser sei, das Projekt einer waagerechten Gardine unter dem Dachfenster in Angriff zu nehmen, das seit unserem Einzug auf Vollendung harrt. Während ich die Wand aufstemme und die Elektrik für die Lampe neu verlege, reitet ihre Nähmaschine kilometerlange Stoffbahnen ab.

„Mein Michelangelo“, haucht sie, bevor sie einnickt

Ich renne zum zweiten Mal ins Bauhaus. Zum siebten Mal in den Keller. Zwei Leitern werden aufgeklappt. Der Zollstock geschwungen. Das Knirschen der Schere grätscht ins Sabschen der Farbe. Der Bohrer glüht. Das Hemd ist durchgeschwitzt. Als wir abends ins Bett sinken, schaue ich zur nackten Decke hoch. 

„Im rechten Eck würden sich David und Goliath gut machen“, sage ich zu Judith, „und gegenüber du und Holofernes“. „Mein Michelangelo“, haucht sie noch, bevor sie einnickt. Wahrscheinlich hat es bei ihm auch mit einem verschütteten Kaffee angefangen, ist mein letzter Gedanke an diesem erfüllten Tag.

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