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Kolumne „Ein bisschen besser“

Wir wollen unser Land nicht zurück

Jetzt, wo es mit dem Fußball nicht so geklappt hat, fragen wir uns, wo wir mit unserem Nationalstolz hinsollen. Judith und ich sind an sich keine Fußball-Gucker, aber Fußball-Weltmeisterschafts-Gucker sind wir schon. Das hängt nicht mit der Schönheit von Pässen, der Laufleistung von Spielern und den Paraden von Torwarten zusammen. Sondern es liegt daran, dass wir zumindest alle vier Jahre einmal aus voller Lunge „Deutschland vor“ brüllen wollen.

Selbstverständlich ist das nicht. In unserem Düsseldorfer Stadtviertel schon gar nicht. Wir wohnen hier in einem Quartier, wo die Lastenräder rumpeln und ab 29 Grad Väter in Sandalen „Latte on the rocks“ auf Spielplätzen trinken. Da gibt es manchmal Missverständnisse. Da ist „Deutschland vor“ nicht angesagt.

Das Land, das Deutschland einmal war …

Wenn ich meine Frau frage, was sie an diesem Land so mag, kommt sie immer schnell auf die Abwechslung da draußen zu sprechen. Sie ist Fotografin und beobachtet dieses Land durch ihre Linse. Mal steht sie hoch auf einem Kranausleger und verschafft sich den Überblick. Mal ist sie auf Weltreise gewesen. Da musste sie immer ins Flugzeug steigen, damit es draußen anders wird. Als Frau aus Düsseldorf weiß sie, dass sie nur die 23 Kilometer bis Köln fahren muss, um hast-du-nicht-gesehen in einem anderen Land zu sein. Das ist natürlich sehr schön.

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Schön sei auch, füge ich hinzu und denke an all die, die grölend „ihr Land zurückwollen“, dass wir hier seit Jahren unter dem Motto „Ein bisschen besser“ den größten Unfug verzapfen können. Inzwischen lesen das Tausende und niemand hindert uns an unserem Unsinn. Wir dürfen das in unserem Land. Dafür schätzen wir es. In dem Land dagegen, das Deutschland einmal war, bin ich in Ostberlin durch zwei Herren in Zivil von der Straße gefischt worden, weil ich eine West-Zeitung unterm Arm hatte. Dieses Land will ich nicht zurück.

Die Sache mit der Würde

Und dann ist da noch die Sache mit der Würde. Der unantastbaren. Sie ist ein hervorragendes Prinzip in unserem Land. „Ehrwürdige“ rufe ich Judith zwar nicht täglich zu, aber versprochen haben wir uns, dass der andere neben uns stets Mensch bleiben darf. Das gilt immer und selbst dann, wenn Judith zum Beispiel morgens zwischen halb sieben und halb neun ein Motzbär ist.

„Du müsstest Dich mal abends erleben, wenn der Tag nicht so lief“, sagt Judith, und es könnte jetzt schnell ein Wort das andere geben. Stattdessen schweigen wir würdevoll. Das sind wir uns schuldig. Anschließend tasten wir sogar nacheinander. Und das ist natürlich auch sehr schön.

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