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Fehlgeleitete Debatte nach WM-Aus

Das wahre Problem in Deutschland

Nach dem für Fans qualvoll mitanzusehenden Aus bei der Fußballweltmeisterschaft hauen wieder alle auf die Nationalmannschaft und ihren Trainer drauf. Und das zu Recht. 

Pardon, habe ich alle gesagt? Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und seine Claqueure tun das nicht, weil ihre Kommunikationsstrategie seit dem ausgebliebenen „Herbst der Reformen“ darin besteht, auch das peinliche Minimum zu bejubeln, nach dem Motto „50 Prozent sind Psychologie, wir müssen nur bessere Laune haben, die Realität folgt uns dann“. Und jetzt wenden sie diese Methode auch auf andere Bereiche an, nur um damit zu beweisen, wie realitätsfremd sie sind.

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Schon seit der mahnenden Niederlage gegen Ecuador finden in der digitalen Öffentlichkeit wieder emotionale Debatten statt, in der politische Ambitionen und Enttäuschungen auf den Fußballsport projiziert werden. Zwei schillernde Beispiele aus den vergangenen Tagen sind Welt-Autor und früherer -Chefredakteur Ulf Poschardt auf der einen, und AfD-Thüringen-Chef Björn Höcke auf der anderen Seite. Der eine sagt, es ist egal, wie und mit wem, Hauptsache, wir gewinnen (Poschardt). Der andere sagt, egal, ob wir verlieren, Hauptsache, es geschieht ohne zugewanderte Menschen (Höcke).

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Beide sind sich einig darin, dass der Zustand des Landes miserabel ist. Beide bewirtschaften auf ihre Weise die schlechte Laune und benennen, teilweise einig, die Schuldigen. Tatsächlich ist die Laune mies, tatsächlich liefern die Daten Erschreckendes, tatsächlich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten schleichend etwas verändert vor allem in der Mentalität. 

Als Südtiroler blickten wir früher sehnsüchtig auf das Vorbild nördlich der Alpen

Als Mensch in Oberbayern mit Südtiroler Migrationshintergrund und mehrjähriger Berlin-Erfahrung muss ich es in aller Deutlichkeit sagen: In Südtirol, wo die Macher-Mentalität noch stärker ist als in der Bundesrepublik Deutschland, wo Eros – Liebe und Leidenschaft für Größeres –, wo die Aufbruch-Stimmung noch halbwegs intakt ist, da blickt man schon seit einigen Jahren mit einer Mischung aus Unglauben, Fassungslosigkeit und Belustigung auf Deutschland. Das durfte ich am Herz-Jesu-Sonntag auf 2.600 Metern erst wieder erleben, als ich gefragt wurde, wie schlimm es denn wirklich aussehe und warum man nicht gegensteuere. Bis in die 2000er war das noch anders: Da blickten wir geschockt vom Chaoshaufen südlich von Trient sehnsüchtig auf das Vorbild nördlich der Alpen. 

Heute ist das anders. Und zwar nicht nur wegen der größtenteils eigenverschuldeten wirtschaftlichen Probleme und der ebenfalls größtenteils eigenverschuldeten migrationshintergründigen Probleme. Das Problem geht viel tiefer. Deshalb ist es auch ermüdend und destruktiv, es auf Sportler zu projizieren. Schon vor einigen Jahren zeigte sich Jochen Behle, der frühere Chefbundestrainer der Skilangläufer, empört über die mangelnde Aufopferungs-, also Leidensbereitschaft der deutschen Athleten. 

André Greipel, einer der besten deutschen Radrennfahrer aller Zeiten, konstatierte vor fünf Jahren in einem Interview zum Karriereende: „Da kann man jede Sportart nehmen. Im Nachwuchsbereich ist oft nicht mehr der Wille da, sich zu quälen. Das ist geringer geworden als bei uns damals.“ In manchen Sportarten sind die Kinder von Zuzüglern aus Osteuropa, Afrika oder Asien überproportional vertreten.

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Immerhin werden mit dem Erstarken der AfD und neuen Medienmarken die Probleme wieder benannt. Das ist ein Anfang. Doch es ist leicht, die tiefgreifenden Fehlentwicklungen zu kritisieren. Schwierig ist es, Lösungswege aufzuzeigen. 

Und an dieser Stelle lohnt ein Blick in die Geschichte. Vor wenigen Monaten schrieb Josef Jung über den Eros, das Begehren, als lebensspendende Kraft, eine Sehnsucht, ein Drängen nach Leben, Liebe und Erfüllung. „Die Sehnsucht soll den Menschen nicht beherrschen, sondern ihn tragen. Nur ein Mensch, der seine innere Spannung bewahrt, der nicht alles sofort haben will und der auf etwas Größeres hinarbeitet und hinlebt, kann wirklich lieben und wirklich frei sein.“

Ob die Ritter im Mittelalter, die innere Kraft der Bettelmönche, oder die Leidenschaft heiliger Könige: „In all diesen Fällen handelte es sich nicht um kalte Pflicht, nicht um Machtgier oder Egoismus, sondern um eine große Liebe zu etwas, das größer war als das eigene Ich. Es war die Bereitschaft, für das zu sterben, was man liebt.“ Muamer Bećirović schrieb, dass diese Selbsthingabe den heutigen Europäern fehle. „Wir sind nicht auf dieser Welt, um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Schuldigkeit zu tun“, zitierte er Reichskanzler Otto von Bismarck. Nebenbei gesagt ist das auch ein Grund für die vielen scheiternden Beziehungen: fehlende gegenseitige Selbsthingabe.

Selbsthingabe statt Spießertum

Was aber heißt das nun konkret? Zunächst einmal, dass nicht jeder dazu berufen ist. Aber eine Gesellschaft, die nur noch Spießigkeit, die selbst ein Pfarrer Hans Milch verspottete, Mittelmäßigkeit, Bauchnabelschau fördert, ist eine untergehende Gesellschaft. Es heißt nicht, materiellen Reichtum als erstrebenswertes Ziel emporzuheben, wie es viele Liberale und Libertäre tun. Wie soll das auch gehen, jungen Leuten der Generation Erben zu sagen, strengt euch an, leistet was, quält euch, dann schafft ihr es zu was – obwohl sie es schon besitzen oder in ein paar Jahren besitzen werden.

Es heißt auch nicht, wie Höcke es am Tag nach der Niederlage gegen Paraguay mit in einem X-Eintrag tat, den Menschen zu versprechen, die Geschichte zurückdrehen. Wenn in absehbarer Zeit Menschen mit Migrationshintergrund die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland ausmachen, wie soll es dann bitte gelingen, einen Massensport wie Fußball ethnisch homogen zu halten?

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Und wieso sollte man das überhaupt tun wollen, wenn die gesellschaftliche Realität längst eine andere ist als vor 70 Jahren. Es Zuwanderer gibt, die mehr für deutsche Werte brennen als biodeutsche Steuergeldempfänger in den grün-bürgerlichen Wohlstandsvierteln, und AfD-Funktionären oder -Mitarbeitern liiert sind?

Den Tiger reiten

Wir leben in einer Phase gewaltiger Transformation. In der Geschichte waren Transformationsphasen nie ruhige Phasen. Die Reibungen, Verwerfungen und Konfrontationen werden zu- und nicht abnehmen. Diese geopolitische, wirtschaftliche, technologische und damit auch gesellschaftliche Umwälzung lässt sich nicht aufhalten. Man muss den Tiger zu reiten versuchen.

Abfällig spricht der Mainstream heute von den Fanatikern, Ideologen, Verrückten und Wahnsinnigen, wenn sie mehr leisten wollen als andere. Und sie tun es im Idealfall nicht für sich, sondern für etwas, das sie übersteigt. 

Ich hatte in meiner Zeit als Skilangläufer ein paar Mal die Gelegenheit, mit dem besten Biathleten aller Zeiten, Ole Einar Bjørndalen, zu trainieren, der ein paar Jahre lang in Südtirol lebte. Was, wenn nicht ein pedantischer Fanat war das, der nichts dem Zufall überließ? Der selbst am Tag der Hochzeit in der Früh noch trainieren war.

Nicht nur in den USA oder Fernost, auch in Europa und Deutschland ist dieses kulturelle Exzellenzstreben noch immer vorhanden. Es liegt hier jedoch verschüttet unter Bergen von ersatzreligiöser Selbstgerechtigkeit, saturierter Überheblichkeit und einer alles erstickenden Diesseitsfixierung.

Das Problem, über dessen Folgen gerade halb Deutschland debattiert, ist also in erster Linie kein sportliches, kein ökonomisches und kein politisches, sondern ein kulturelles. Hut ab vor alle jenen, die auch unter diesen widrigen Umständen die deutsche Fahne hochhalten und sich selbsthingeben und aufopfern.

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