Geld stinkt eben doch
Es ist August, es ist heiß, und das sprichwörtliche Sommerloch der Medien hat die Dimension eines Kraters erreicht. Die nationale Politik pausiert, Aufreger fehlen, und der Stammtisch, der nach dem Ende der großen Sommerferien wieder zusammenfindet, ringt um Themen, die man diskutieren könnte.
Wir können aufatmen. Es gibt wieder eines.
Geliefert hat den aktuellen Anlass ein junger Mann namens Roman. Airpods in den Ohren, teure Sonnenbrille im Gesicht, die Haare akkurat nach hinten geliert, immer „im Schuss“, wie man in der Schweiz sagt, wenn man es eilig hat. Roman flaniert nicht gemütlich durch Zürich, eine mächtige Kraft zieht ihn durch das Zentrum. Zeit ist Geld für ihn, und dennoch bleibt er stehen, als ihn ein Mann mit Mikrofon anspricht. Es ist ein Reporter des Schweizer Fernsehens für eine Serie, in der zufällige Passanten über ihr Leben befragt werden.
Roman nimmt sich kurz Zeit, und zumindest für eine kleine Weile ist sein Leben nun ein völlig anderes. Denn was er sagt, geht viral. Und mit einem Mal wird der junge Zürcher zur Projektionsfläche. Jeder, der eine Tastatur hat, sagt, was vom Gesagten zu halten ist. Und es wird schnell deutlich: Die Schweiz hält wenig davon.
Großverdiener mit abstrakter Arbeit
Er sei ein „Sales Guy“, sagt Roman in der Aufnahme. Er beschreibt in einem wilden Mix aus Schweizerdeutsch und englischen Versatzstücken, wie er für eine amerikanische Vermögensverwaltung mit Geld hantiert, dass er diesen Job liebt und mit diesem „multiple hundert“ verdient, also einige hunderttausend Schweizer Franken pro Jahr.
Die entstandene Aufregung ist außerhalb der Schweiz vielleicht schwer verständlich. Dort kennt man Zürich als internationalen Finanzplatz, auf dem täglich tausende vom Schlag von Roman durch die Stadt hetzen und nur kurz Pause machen von dem abstrakten Geschäft, in dem Vermögen herumgeschoben werden im Versuch, für den Arbeitgeber oder den Kunden mehr daraus zu machen.
Dennoch tun sich Schweizer schwer damit, wenn einer selbstbewusst vor die Kamera tritt, diese Tätigkeit als überaus befriedigend wahrnimmt und mitteilt, damit selbst reich zu werden. Derzeit schreiben sich Kommentatoren in den sozialen Medien die Finger wund über Roman, gießen literweise Häme aus, nennen ihn wechselweise arrogant und widerlich.
Andere sollten nicht mehr haben
In der Schweiz spricht man nicht über Geld, wenn man es hat. Verdient man viel, sagt man auf eine entsprechende Frage, dass man „gut durchkommt“. Steigt man aus dem dicken Auto, betont man, es sei ein Leasing, das über die Firma läuft. Empfängt man Gäste in der durchgestylten Penthouse-Wohnung, erklärt man, damals glücklicherweise ein Schnäppchen gemacht zu haben.
Schweizer tun das nicht etwa, weil sie Geld nicht mögen. Sie mögen es sogar so sehr, dass der Gedanke sie fertig macht, ein anderer könnte mehr haben. Und dieser andere hat das in aller Regel gar nicht verdient. Steht man selbst ganz oben in der Ernährungspyramide, nimmt man entsprechend Rücksicht auf die andern. Wobei Ausnahmen erlaubt sind.
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Ein Verhaltensökonom beschreibt das Phänomen im Tages-Anzeiger. So haben wir beispielsweise keine Probleme damit, dass Roger Federer im Lauf seiner Karriere zig Millionen angehäuft hat und das weiter tut, denn wir konnten ihm ja dabei zusehen, wie er das macht, und waren von der Leistung angetan. Gut, der Mann hat lediglich einen Filzball über ein Netz gedroschen, aber er tat das über viele Jahre besser als jeder andere. Prädikat: verdient.
Roman hingegen kennen wir nicht. Wir wissen oder ahnen nur, dass er an einem Computer sitzt, Aktienkurse studiert und danach irgendetwas mit „Exchange Traded Funds“ macht, was auch immer das sein soll. Es klingt jedenfalls nicht nach Arbeit. Verabschiedet er sich von der Kamera mit einem breiten, zufriedenen Grinsen und der Mitteilung, er verdiene „multiple hundert“, dann macht sich Neid breit.
Das ist zum einen kein schönes Gefühl, es nagt an einem. Und zum andern ist es nicht zielführend. Man könnte sich als Betrachter Roman auch zum Vorbild nehmen, sein etwas aufgesetztes „Denglisch“ mal ausgenommen. Wer das Gefühl hat, zu kurz zu kommen, müsste sich brennend dafür interessieren, wie dieser Jungspund zu „multiplen hundert“ pro Jahr kommt und sich fragen, wie man es an diesen Punkt schafft, statt in den Kommentarspalten zu jammern.
Gönnen statt neiden
Natürlich ist der neue virale Star eine fleischgewordene Karikatur. Er wirkt, als würde ein Comedian sämtliche Klischees über die Zürcher Finanzwelt vorführen. Bester Beleg dafür ist, dass derzeit tatsächlich diverse Clips kursieren, in dem andere Romans Auftritt kopieren. Im Maßstab 1:1, ohne etwas beizufügen. Das Original bietet genug Stoff.
Man könnte aber auch ganz anders auf ihn reagieren. Hat er sich nicht gerade, trotz seines sicher hektischen Lebens, Zeit genommen für einen wildfremden Mann mit Kamera? Hat er die sehr persönlichen Fragen nicht alle spontan und ehrlich beantwortet? Das alles, ohne sich auch nur ansatzweise lustig zu machen über Leute, die weniger verdienen oder einer anderen Arbeit nachgehen? Außerdem mag er offenbar, was er tut, und gibt das strahlend zu Protokoll. Ist ihm das nicht zu gönnen?
Nur, wenn man dasselbe von sich auch sagen kann. Neid verrät immer mehr über denjenigen, der ihn empfindet, als über das Zielobjekt des Neids. Und nebenbei bemerkt bezahlt Roman angesichts seines Gehalts vermutlich auch „multipel“ Steuern. Was ihn zur tragenden Säule der Gesellschaft macht, die ihn gerade in der Luft zerreißt.
Der medial unerfahrene junge Mann hätte übrigens leicht aus der Nummer kommen können. Die Standardantwort vor der Kamera hätte lauten müssen: „Ich bin im Finanzbereich tätig, ich verdiene gut, eigentlich zu viel für das, was ich tue, andere sollten besser bezahlt werden, in der Pflege beispielsweise.“
Hätte er das getan, würde ihm derzeit vermutlich gerade ein Denkmal gesetzt.
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Kommentare
Es ist ein vor allem unter Libertären beliebtes und gleichzeitig einfältiges Paradigma, jede menschliche Reaktion, die nicht Bewunderung ist, sofort als "Neid" zu labeln. Der Spott über diese Person ist keineswegs, weil sie Geld verdient, gerne auch viel. Sondern weil sie in ihrer armselig-grotesken Aufmachung und gleichzeitigem Unfug-Geschwätz für unmittelbaren Spott sorgt, der nicht moralisch als "Neid" bezeichnet werden muss, weil es schlicht keiner ist. Jeder, der das dazugehörige Video sieht, wird das eigentlich sofort verstehen...