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Moderne Weiblichkeit

Die Kämpferin als neues Leitbild

Wenn in aktuellen Streaming-Actionformaten die Lage eskaliert, entscheidet selten das Amt, die Erfahrung oder die Institution. Es entscheidet der Körper. Die Darstellung weiblicher Stärke in der globalen Streaming-Unterhaltung hat sich sichtbar verändert.

Während Frauen früher häufig als Opfer, Nebenfiguren, erotisches Beiwerk oder emotionale Stütze der Hauptfigur erschienen, werden sie heute auffallend oft als physisch dominante Kämpferinnen inszeniert – selbst dann, wenn ihre Figuren politische Führungsrollen, zivile Funktionen oder institutionelle Autorität besitzen. Handlungsmacht erscheint dabei als Robustheit: aushalten, zuschlagen, weitermachen. Was sich weniger spektakulär ins Bild setzen lässt – Urteilskraft, Strategie, Verhandlung, institutionelle Autorität –, tritt zurück.

Diese Verschiebung lässt sich an mehreren aktuellen Produktionen exemplarisch beobachten. Im Actionfilm „Heads of State“ kämpfen ein amerikanischer Präsident und ein britischer Premierminister nach einem Anschlag ums Überleben, während eine Eliteagentin – gespielt von Priyanka Chopra Jonas – zur dominierenden operativen Figur wird. 

Dramaturgie schlägt Logik

Besonders auffällig sind Szenen, in denen sie allein gegen mehrere professionell ausgebildete Gegner im Nahkampf antritt. Die Gegner sind in Überzahl und als Profis eingeführt – doch der Kampf läuft, als gälte das alles nicht. Das ist dramaturgisch effektiv – und genau deshalb aussagekräftig: Hier wird Stärke als Unverwundbarkeit erzählt. Die Darstellung folgt weniger einer plausiblen Kampfdynamik als der dramaturgischen Logik des Genres.

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Im Politthriller „G20“ verteidigt die amerikanische Präsidentin, verkörpert von Viola Davis, einen angegriffenen Gipfel ebenfalls nicht primär durch Führung oder Koordination, sondern durch eigene Kampffähigkeit. Und im Abenteuerfilm „The Bluff“ behauptet sich eine Einzelkämpferin in historischer Kulisse gegen zahlreiche Gegner. 

Trotz unterschiedlicher Genres folgt die Darstellung demselben Muster: Weibliche Handlungsmacht wird vor allem im physischen Konflikt sichtbar. Dass in „Heads of State“ und „The Bluff“ dieselbe Schauspielerin eine vergleichbar angelegte Einsatzfigur spielt, unterstreicht die Standardisierung dieses Rollenmodells. 

Der Körper wird zur Requisite

Problematisch ist dabei nicht, dass Frauen kämpfen. Problematisch ist, wie der Kampf erzählt wird. Unbewaffneter Nahkampf ist kein egalitärer Raum: Größe, Gewicht und Kraftverhältnisse sind dort keine Meinung, sondern Bedingung. Gerade in Szenen, in denen eine einzelne Figur mehrere trainierte Männer besiegt, verliert der Kampf seine physische Logik: Zahlenmäßige Überlegenheit, Ermüdung und Verletzungsfolgen werden erzählerisch neutralisiert. 

Der Körper wird zur Requisite – und der Zuschauer soll glauben, es gehe nur um Willen und Haltung. Die Überhöhung ist dramaturgisch effektiv, aber sie löst Stärke von ihren realen Grenzen – und damit von plausibler Handlungsmacht.

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Diese Entwicklung ist nicht ausschließlich auf weibliche Figuren beschränkt. Auch männliche Charaktere werden zunehmend als überlebensfähige Einzelkämpfer inszeniert, selbst wenn sie im Ausgangspunkt Politiker oder zivile Akteure sind. Doch bei Frauen fällt die Angleichung besonders auf, weil sie als Fortschritt interpretiert wird. 

Tatsächlich bleibt das zugrunde liegende Modell unverändert: Stärke wird weiterhin als physische Durchsetzungsfähigkeit definiert, lediglich der Kreis derer, die sie verkörpern dürfen, hat sich erweitert. Der Fortschritt besteht dann darin, am selben Modell teilhaben zu dürfen. Das Modell selbst bleibt: Stärke als Durchsetzung, am besten als körperliche Überlegenheit.

Das Menschenbild verschiebt sich

Die Gründe für diese Darstellungsweise liegen zum Teil in der Logik globaler Unterhaltungsformate, wie sie Streaming-Plattformen bevorzugen. Körperliche Konflikte sind visuell eindeutig, sprachunabhängig und international verständlich. Sie erzeugen unmittelbare Spannung und lassen sich ohne komplexe politische oder kulturelle Hintergründe erzählen. In einer Industrie, die auf weltweite Vermarktung zielt, wird Handlungsmacht daher bevorzugt in universell lesbare Bilder übersetzt. Was global verständlich ist, wird global produziert. 

Gleichzeitig hat diese Erzählweise Nebenwirkungen. Sie macht aus komplexen Lagen Ein-Mensch-Probleme: Was in der Realität Institutionen und Zusammenarbeit braucht, soll im Film eine Einzelne im Alleingang lösen. Politische oder organisatorische Herausforderungen erscheinen als persönliche Extremsituationen. 

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Wenn selbst Staatsoberhäupter primär durch Kampffähigkeit überzeugen, wird Macht weniger als Fähigkeit zur Orientierung, Koordination oder Entscheidung sichtbar, sondern als Fähigkeit, physisch zu bestehen. Autorität wird zur Körperleistung: Wer am Ende noch steht, hat Handlungsmacht.

Auffällig ist zudem die Isolation vieler dieser Figuren. In „Atomic Blonde“ oder „Salt“ existieren Apparate zwar, doch sie tragen nicht. Entscheidungsfähigkeit wird personalisiert. Selbst in „G20“ wird dort, wo man Koordination und Verfahren erwarten würde, Führung zur Solonummer. Netzwerke erscheinen als Kulisse; entscheidend ist die Einzelne. Damit verschiebt sich auch das implizite Menschenbild: Der kompetente Akteur ist nicht derjenige, der Prozesse gestaltet oder Kooperation organisiert, sondern derjenige, der im Ausnahmezustand allein bestehen kann.

Sind Helden nicht immer einsam?

Georg der Drachentöter, Kreta 17. Jahrhundert: Eine andere Einsamkeit

Ein Einwand liegt nahe: Sind Helden nicht immer einsam? Die großen Erzählungen der Tradition – von St. Georg bis zu anderen Gestalten der Legende – zeigen Figuren, die allein handeln, Risiken tragen und im entscheidenden Moment auf sich gestellt sind. Doch ihre Einsamkeit ist eine andere. Sie ersetzt keine Ordnung, sondern steht in Beziehung zu ihr. Der Held kämpft nicht anstelle von Gemeinschaft, Institution oder Sinnzusammenhang, sondern innerhalb eines solchen Horizonts.

In den heutigen Actionformaten verschiebt sich dieser Zusammenhang. Die Figur steht nicht nur allein – sie tritt an die Stelle dessen, was sonst tragen würde: Verfahren, Institutionen, Kooperation. Aus der punktuellen Bewährung wird ein dauerhafter Zustand. Die Einsamkeit des Helden wird zur strukturellen Isolation der Figur.

Natürlich müssen Actionformate keine politische Realität abbilden; auch physische Stärke ist als erzählerische Ressource vollkommen legitim. Unterhaltung folgt eigenen Regeln, und Überhöhung gehört zum Genre. Doch kulturelle Narrative prägen Wahrnehmungen. 

Wenn weibliche Stärke über längere Zeit vor allem als Kampffähigkeit sichtbar wird, geraten andere Formen von Handlungsmacht aus dem Blick – etwa strategische Klugheit, diplomatische Kompetenz oder institutionelle Gestaltungskraft und auch die „leisen“ Techniken der Macht: Bündnisse, Loyalitäten, manchmal auch Manipulation. Kurz: die Fähigkeiten, die in modernen Konflikten tatsächlich tragen.

Moderne Macht ist viel komplexer

Gerade in modernen Gesellschaften besteht Führung selten darin, Gegner niederzukämpfen. Sie besteht darin, widersprüchliche Interessen auszubalancieren, Unsicherheit zu moderieren und langfristige Lösungen zu ermöglichen. Diese Fähigkeiten lassen sich schwerer visualisieren, sind aber nicht weniger entscheidend. Eine Darstellung, die Stärke fast ausschließlich als physische Durchsetzung zeigt, verengt daher den Vorstellungsraum dessen, was Frauen – und Führungspersonen allgemein – leisten können.

Vielleicht ist das der eigentliche Kontrast zur Gegenwart: Während reale Konflikte selten durch Kraft und Drohgebärden gelöst werden, erzählt das populäre Streaming-Entertainment Handlungsmacht gerade als deren Steigerung. Es ist ein verständliches Bedürfnis nach Klarheit und Entscheidung – nur passt es schlecht zu einer Welt, in der die entscheidenden Schlachten meist in Gremien, Lieferketten, Rechtsordnungen und Datenströmen stattfinden, nicht im Nahkampf. 

Man kann sich Außenminister vorstellen, die Streitfragen auf offener Bühne erledigen: Handschuhe an, Blitzlicht, ein kurzer Schlagabtausch statt einer langen Nacht am Verhandlungstisch. Es wäre wenigstens eindeutig. In der Realität aber beginnt Politik dort, wo man gerade nicht zuschlägt: bei Bindung, Verlässlichkeit, Verfahren – und der Fähigkeit, Konflikte zu begrenzen, statt sie zu gewinnen.

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