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„Jetzt erst mal Sunday Depression“

Rechtsruck-Angst ist die neue Klima-Angst

Die Zeiten von Klima-Angst sind vorbei, der letzte Schrei ist Rechtsruck-Angst. Die hört sich so an: „Horror“, „Sind alle fertig“, „Jetzt erst mal Sunday Depression“, „Ich bin so müde von der Empörung“, „Will move to a different country“. Würde ahnungslosen und von sozialen Medien unberührten Marsmännchen dieser Tage nach der EU-Wahl ein Blick in die linksliberale Instagramblase gewährt, würden sie mit Sicherheit denken, in Deutschland, Österreich oder Europa wäre ein Krieg ausgebrochen oder ein Diktator hätte die Macht an sich gerissen. 

Die zitierten Aussagen stammen aus den Instagram-Accounts von Millenials, die entweder Sinnfluencer, Aktivisten, Künstler, Buchautoren, Kolumnisten oder NGO- beziehungsweise Startup-Gründer sind – oder eine Mischung aus mehreren dieser Berufe. In diesem Milieu scheint ob der EU-Wahl („Rechtsruck“) eine kollektive Psychose ausgebrochen zu sein.

Wahlergebnisse, die buchstäblich zum Weinen bringen

Die Ursache: Die Wahl ist nicht in ihrem Sinne ausgegangen. Die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, der Rassemblement National in Frankreich, die Fratelli d’Italia – sie alle haben zu viele Stimmen erhalten. Die Grünen hingegen zu wenige. So lässt sich das Problem auf den gemeinsamen Nenner herunterbrechen.

Symbolisch für die Vielzahl an Weltuntergangsstimmung verbreitenden Instagrameinträgen steht eine von Kristina Lunz veröffentlichte Nachricht, die sie vermutlich von einem Follower erhalten hatte: „Ich hab noch nie nach Wahlen geweint, aber heute kann ich nicht anders. Ich bin 25, in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber habe mich nie fremder gefühlt als heute.“

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Der 25-Jährige Follower teilt Lunz mit, dass er sein Masterstudium in Politikwissenschaft abgebrochen habe mit der Begründung: „Ich kann nicht mehr, ich kann mich nicht privat und beruflich den ganzen Tag mit diesen Themen beschäftigen“. Dann dankt er Lunz für ihren Kampf für Demokratie – „in Anbetracht der shitty Umstände“. Lunz schickt der Person „eine große Umarmung“ und verspricht, „dass wir, ganz viele, weiter dafür kämpfen werden, dass du dich wohl und sicher fühlst“.

Würde man sich diese Zeilen durchlesen ohne den Kontext zu kennen, man könnte meinen, Widerstandskämpferin Lunz erhalte diese Aufmunterungsmessage aus einem Bombenbunker von jemandem, der gerade Haus und Heim verloren hat.

Kampagne wird unterstützt von linken NGOs

Kristina Lunz ist nicht irgendwer. Die 34-jährige Feministin ist Mitgründerin des Centre for Feminist Foreign Policy (CFFP), welches in engem Austausch mit der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) steht. Noch kurz vor der Wahl am vergangenen Sonntag investierte das CFFP in Werbeplakate, die zum Urnengang ermutigen sollten. Der Slogan lautete: „Für Frauen, gegen Rechte. Nein zu Hass und Hetze! Ja zu Frauenrechten und Demokratie!“

Abgebildet sind Lunz und andere Frauen aus dem oben genannten Milieu. Unterstützt wurde die Kampagne unter anderem von der Amadeu-Antonio-Stiftung, Amnesty International oder dem deutschen Verein Pro Choice.

 

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Nun ja, zu ihrer Zufriedenheit ist die EU-Wahl nicht ausgegangen, gelinde gesagt. Veröffentlichte „Fanpost“ auf einigen Instagramaccounts der Kampagnen-Mitwirkenden klingen so: „Ich habe so Weltschmerz seit gestern. Alles fühlt sich so machtlos an. Ich schicke Liebe“. Eine andere Followerin schrieb: „Ich kann nicht mehr, ich schäme mich so sehr für meine Generation“. Die Anti-Rechts-Aktivistin antwortete: „Alles wird gut, versprochen“.

Auch ÖRR nimmt EU-Wahl-Depression in den Blick

Die Instagramstory, in der die Betroffenheitsposts zusammengefasst sind, ist sogar mit dem passenden Soundtrack unterlegt: Der Song „Mona Ki Ngi Xica“ des angolanischen Musikers Bonga Kuende ist all jenen gewidmet, so die Neue Zürcher Zeitung, die unter politischen Zwängen leiden und solchen, die dagegen aufbegehren.

Als Beobachter ist man geneigt zu sagen: Liebe linke Parteien, wollt ihr euch nicht zusammentun und euren depressiven und verzweifelten Wähler_innen und solchen, die unter Rechtsruck-Anxiety leiden, einen Besuch beim Psychotherapeuten zahlen oder zumindest alle zu einem professionell begleiteten Stuhlkreis einladen?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk reagierte bereits auf die sich in den sozialen Medien ausbreitende Hysterie mit einem Hilfestellungs-Instagrambeitrag unter dem Titel „Mood nach der EU-Wahl“. Zu finden ist er auf dem Account „Mädelsabende“, einem Projekt von ARD und ZDF.

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Dort soll die von Rechtsruck-Angst geplagte Community beruhigt werden mit Sätzen wie „Du bist nicht allein, wenn du dir Sorgen wegen der Ergebnisse machst“. Oder: „Du bist nicht allein, wenn du kein Bock mehr auf die Diskussion auf Social Media hast.“ Einen ähnlichen Beitrag gab es im September 2023 vom WDR, nur dass es nicht um Rechtsruck-Gefühle, sondern um sogenannte Klima-Gefühle ging.

Gefühle haben höheren Stellenwert als Fakten und Vernunft

Eigentlich sind Gefühle etwas Privates. Doch wir leben in Zeiten, in denen das Innere öffentlich – die sozialen Medien sind die neue Öffentlichkeit – nach außen gekehrt wird und einen höheren Stellenwert zugesprochen bekommt als Vernunft und Fakten. 

Doch der Versuch sei unternommen, die Rechtsruck-Angst-Geplagten mittels Fakten zu beruhigen: 28 Prozent der 16- bis 24-Jährigen und 25 Prozent der 25- bis 34-Jährigen wählten Kleinstparteien. Unter denen ein Großteil der Stimmen auf solche fiel, die ähnliche Anliegen haben wie die Grünen. Die Partei „Volt“ etwa wählten neun Prozent der unter 24-Jährigen. Sie fordern beispielsweise, dass die EU bis 2024 klimaneutral wird. Auch in der Migrationspolitik ist die violette Partei klar links positioniert.

Zählt man die linksprogressiven Parteien zusammen, für die sich Wähler unter 25 Jahren entschieden, kommt man auf über 50 Prozent. Zählt man die Ergebnisse der Parteien rechts der Mitte zusammen, kommt man auf 43 Prozent. Bei den 25- bis 34-Jährigen ist die Verteilung ähnlich.

Ein zaghafter Hauch in Richtung rechts

In Österreich lagen die Sozialdemokraten (SPÖ) mit den Freiheitlichen (FPÖ) bei den unter 29-Jährigen gleichauf (beide kamen auf jeweils 20 Prozent). Am stärksten zugelegt hat in dieser Kategorie die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ). Diese erreichte zehn Prozent – so viel wie in keiner anderen Altersklasse.

In anderen EU-Ländern stimmten die Jungen noch weniger für Mitte-Rechts-Parteien. Unter den italienischen 18- bis 29-Jährigen war die sozialdemokratische PD am beliebtesten.

Die Zahlen zur EU-Wahl belegen, dass von einem erdrutschartigen Rechtsruck nicht gesprochen werden kann. Eher von einem kleinen Lüftchen, einem zaghaften Hauch Richtung mehr rechts. Wer dennoch unter Rechtsruck-Angst leidet, sollte das Smartphone einmal beiseitelegen, in die frische Luft gehen oder gleich einen Psychotherapeuten aufsuchen. Den Rechtsruck- und Klimaangst Geplagten sei prinzipiell geraten, sich mit den Stoikern auseinanderzusetzen. Diese sahen als wichtigen Garant für ein glückliches Leben das Freisein von vernunftwidrigen Affekten.

 

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Fabian Voigt
Vor 3 Wochen 5 Tage

Klasse Kommentar. Habe ähnliche Untergangsstimmung auf Twitter (X) erlebt. So als hätte die Linke nicht fastr alle Medien, Politik und andere Schalthebel der Macht in der Hand.

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Ulrich Hansbuer
Vor 1 Monat

Gut beobachtet

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Fabian Voigt
Vor 3 Wochen 5 Tage

Klasse Kommentar. Habe ähnliche Untergangsstimmung auf Twitter (X) erlebt. So als hätte die Linke nicht fastr alle Medien, Politik und andere Schalthebel der Macht in der Hand.

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Ulrich Hansbuer
Vor 1 Monat

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