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Zukunftsangst

Bloß nichts falsch machen

Und nach dem Abitur, was steht dann an? In den Achtziger- und Neunzigerjahren gab es zahlreiche junge Erwachsene, die verkündeten, sie würden „erst mal vier Wochen Interrail machen“. Manche verlängerten sogar auf einige Monate oder gar ein Jahr. Die Fahrkarten waren heiß begehrt und gingen zu Hunderttausenden über den Schalter. Quer durch Europa mit dem Zug, mal nach Stockholm, mal nach Madrid, mal nach Venedig. Nur mit einem Tramperrucksack ausgerüstet und mit viel Neugier. Einfach schauen, was so kommt. Bloß keine großen Pläne machen. Natürlich hatte man dann eine Lücke im Lebenslauf, aber egal, das spielte keine Rolle. Denn damals ging es zuallererst darum, das Leben zu entdecken und nicht durchzutakten.

Wie anders ist es doch heute. Lücken im Lebenslauf sind fast so verwerflich, als hätte man sich einer terroristischen Vereinigung angeschlossen. Es versteht sich daher von selbst, einen beruflichen Marathon hinzulegen, von einem Praktikum zum nächsten, von einem Job zum nächsten, von einer Qualifikation zur nächsten, und das bitte ohne Atempause. Auch im Privatleben darf kein Schlendrian einziehen. Die Partnersuche hat gezielt zu erfolgen, man date, was man daten kann. Hochzeit, Reihenhaus, Kinder – auf gehts. Und bitte keine Abweichungen.

„Ein sozioökonomisches Fehlkonstrukt“

Woher kommt diese Entwicklung, die eher nach einem Rückfall klingt als nach einem fortschrittlich-flexiblen Lebensmodell? Wieso hat sich ausgerechnet die junge Generation der Durchtaktung ihres Lebens verschrieben? Die Schweizer Autorin Yvonne Eisenring, inzwischen 36 Jahre alt, hat darauf zwar keine Antwort, aber sie beschreibt in ihrem Buch „Life Rebel“ ganz genau, wie es sich anfühlt: „Denn auch wenn heute gerne betont wird, wie offen alle sind und wie anders es als früher ist, spürt man ganz genau, was man mit dreißig sein und tun sollte – besonders für uns Frauen gibt es klare Vorstellungen. Bei jeder Gelegenheit wird man gefragt, ob man bald verheiratet oder schwanger sein wird.“ Sie macht deutlich, dass ein Ausbüchsen nicht möglich ist: „Ist man noch nicht mit der Familienplanung beschäftigt, sollte man wenigstens eine perfekte Karriere hinlegen.“

Yvonne Eisenring selbst hat das Spiel trotzdem nicht mehr weiter mitgespielt. Es schien ihr, als sei sie in eine Sackgasse geraten und schließlich, mit 30 Jahren, hat sie ihrem Leben eine neue Richtung gegeben und andere Prioritäten gesetzt. Und das bedeutete erst mal, dass sie sich in den Zug gesetzt hat und Richtung Paris gefahren ist; anschließend lebte sie in fünf weiteren Städten. Was sich anhört wie ein kleines Revival der längst verpufften Interrail-Ära, dürften viele ihrer Generation vielleicht als abenteuerlich empfinden, aber, um nicht rauszufallen aus den vorgegebenen Koordinaten, nicht unbedingt als nachahmenswert. 

Yvonne Eisenring kennt die gängigen Vorbehalte. Ohne festen Job, ohne festen Wohnsitz, ohne festen Partner habe sie sich, wie sie schreibt, gefühlt wie ein „gescheiterter Plan, ein sozioökonomisches Fehlkonstrukt“.

Transgender macht es auch nicht besser

Nun gibt es auch in der nachfolgend jüngeren Generation, der sogenannten Gen Z, also die zwischen 1995 und 2010 Geborenen, keine nennenswerten Lockerungen. Der Fahrplan, den man abzuarbeiten hat, ist genau und langfristig festgelegt. Familien- und Jobplanung sind dezidiert: in x Jahren Hochzeit, in x Jahren Kinder und so weiter. Sicher, die Wokeness erlebt ihren Hype, darin eingepreist ist die Transgenderideologie, wonach angeblich jeder sein Geschlecht nach Belieben wählen und wechseln könne. 

Das mag maximale Freiheit und Flexibilität vorgaukeln und auch einen gewissen Teil junger Menschen ansprechen, dürfte aber die meisten noch verwirrter zurücklassen, als sie es ohnehin schon sind. In einer Welt der Polykrisen, wo Pandemien und Kriege ausbrechen und die Wirtschaft den Bach runtergeht, und ohnehin beständig die Apokalypse nahe scheint, braucht es dringend ein sicheres Gelände, in dem man sich bewegen kann.

Die Angst vor der Zukunft gehört zur Generation Z und auch zur Generation Alpha wie die freie Liebe zur 68er-Generation. In der im Jahr 2021 durchgeführten Trendstudie „Jugend in Deutschland“ antworteten 56 Prozent der befragten Jugendlichen, die Klimakrise würde sie besonders besorgen. Ein Jahr später hingegen nannten 68 Prozent Krieg als größte Zukunftsangst. So oder so, die Zukunft scheint stets überschattet und ungewiss. Das schafft große Verunsicherung, auch Gefühle der Ohnmacht, und in der Folge steigt das Bedürfnis danach, zumindest das kontrollieren zu können, was man kontrollieren kann, eben die eigene kleine Welt. Je mehr Globalismus, desto stärker ist die Sehnsucht nach Überschaubarkeit.

Jeder Fehltritt muss verhindert werden

Vorgegebene Muster bieten da einen Halt, wo sonst keiner mehr ist. Um diese Ankerpunkte nicht auch noch zu verlieren, muss jede Abweichung, jeder Fehltritt verhindert werden. Die Angst vor „falsch“ getroffenen Entscheidungen ist groß. Es mögen alle Türen offenstehen, aber welche ist die „richtige“?

Umso wichtiger ist nicht nur ein genauer Fahrplan, sondern auch Vorbilder, die Orientierung geben, die zeigen, dass man richtig liegt, solange man ihnen folgt. Entscheidende Leitfiguren sind in den sozialen Medien zu finden, die sogenannten Influencer. Deren Markt boomt vor allem, weil zig Instagramer und TikToker entscheidende emotionale Bedürfnisse stillen. Zu vielen haben die Vertreter der Generationen Z und Alpha eine Beziehung entwickelt wie zu einer älteren Schwester beziehungsweise einem älteren Bruder, dem man vertrauen kann, dass er weiß, wo es langgeht.

Familie: kein Auslaufmodell

Die vermarkteten Entwürfe sind zwar oft eklatant überzeichnet, völlig selbstverständlich sieht man sich bereits als nächste Berühmtheit oder Retter der Welt, doch auch hier sind die Parameter genau festgesetzt. Die hohen Erwartungen an sich selbst, die sich daraus ergeben, erzeugen freilich Druck. Zugleich sind auch groß gefasste Pläne und Träume ein nächster Versuch, Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen.

Dass die Gen Z auffällig stark auf die Geborgenheit in der eigenen Familie setzt, ist nur umso verständlicher. Sie scheint oft die einzige Rückzugsmöglichkeit zu sein und gibt den ersehnten Rückhalt in einer chaotischen Welt. Daher ist der Drang, sich vom eigenen Elternhaus zu lösen, wesentlich weniger ausgeprägt als bei früheren Generationen. Das bedeutet auch, allen Unkenrufen zum Trotz, dass Familie alles andere als ein Auslaufmodell ist. Denn wahr bleibt: Wer Trost braucht, sucht vor allem das Verständnis und die Umarmung eines vertrauten Menschen. Da hilft kein Like und auch kein Smiley.

 

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Andreas Graf
Vor 2 Wochen 6 Tage

Nanu, bei der Spurensuche irgendwo hängengeblieben? Im Surrealismus der Moderne gibt es kein Lösungen. Erzbischof Marcel Lefebvre sagt einmal: "Die Zukunft liegt in der Vergangenheit!" - Eben in der Tradition, die die Gen Z aufgegeben hat.

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Andreas Graf
Vor 2 Wochen 6 Tage

Nanu, bei der Spurensuche irgendwo hängengeblieben? Im Surrealismus der Moderne gibt es kein Lösungen. Erzbischof Marcel Lefebvre sagt einmal: "Die Zukunft liegt in der Vergangenheit!" - Eben in der Tradition, die die Gen Z aufgegeben hat.