Direkt zum Inhalt
Friedhofskultur

Verlöscht uns das ewige Licht?

Die Schleier der Endlichkeit sind im nebelgrauen Monat November bei Christen katholischer und evangelischer Konfession auf besondere Weise gegenwärtig. Am 2. November, einen Tag nach dem Hochfest Allerheiligen, feiert die katholische Kirche das Fest Allerseelen. Protestanten gedenken am Toten- oder Ewigkeitssonntag, der jeweils am letzten Sonntag des Kirchenjahres, also vor dem 1. Advent, begangen wird, der Verstorbenen.

Grablichter werden gesegnet und aufgestellt. Noch immer besuchen Angehörige Friedhöfe und verharren im stillen Gedenken und Gebet an den Stätten, an denen die Gebeine ihrer Hinterbliebenen ruhen, aber deutlich weniger als früher. Die Friedhöfe, auch die Trauer- und Bestattungskultur haben sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gravierend verändert.

Einst liebevoll geschmückte Familiengräber wirken wie vergessen und verwildert, ganze Gräberfelder werden nur selten noch auf städtischen Friedhöfen von Angehörigen besucht. Die Säkularisierung, auch die Verdunstung des christlichen Glaubens zeigt sich hier auf eine bezeichnende Weise. Katholiken beten für ihre Verstorbenen, dass das „ewige Licht“ ihnen leuchten solle, also dass sie in Frieden ruhen mögen, bis zu dem Tag, an dem sie von den Toten auferstehen und sich in Gott vollenden.

Vier Fünftel aller Bestattungen sind Urnenbeisetzungen

Auch für dieses Licht des Glaubens stehen die Gedächtniskerzen auf den Gräbern. Einer Umfrage aus diesem Jahr zufolge glauben nur noch 38 Prozent der bekennenden Katholiken und 29 Prozent der Protestanten an die leibliche Auferstehung Jesu. So dürfte also die Mehrheit der Christen in Deutschland auch das Jüngste Gericht, die Wiederkehr des Herrn und die Auferstehung der Toten für ein bloßes Gerücht halten.

Die Friedhöfe hierzulande, besonders in den Städten, spiegeln die Facetten des Glaubensschwundes deutlich und klar erkennbar wider. Noch vor zwanzig Jahren etwa reservierten sich manche Zeitgenossen Grabplätze auf Friedhöfen. Die Nachfrage war noch hoch. Heute liegen große Flächen brach, aber Felder für anonyme, also namentlich nicht gekennzeichnete Bestattungen weiten sich stark aus.

Im Jahr 2024 waren 81 Prozent aller Bestattungen Urnenbeisetzungen; darin eingeschlossen sind auch Wald-, See- und Baumbegräbnisse. Führend sind Bundesländer im Osten, Thüringen etwa mit 96 Prozent. Aber auch in Bayern werden nur noch 23 Prozent der Beisetzungen als Erdbegräbnis begangen. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2022 wird von 74 Prozent der Befragten die Friedhofspflicht oder der Friedhofszwang, also die Pflicht zur Bestattung an dafür vorgesehenen Orten, als „veraltet“ angesehen. Seit dem 27. September 2025 erlaubt das Bundesland Rheinland-Pfalz Ausnahmen, dazu gehört, dass die Urne auch zu Hause aufbewahrt oder die Asche frei verstreut werden darf.

Im 19. Jahrhundert widerstand die Kirche noch

Die Feuerbestattung entstand im Kreis der „Freidenker“, also der bekennenden Atheisten, und sie ist noch vergleichsweise jung. Im ausgehenden 19. Jahrhundert gab es deutliche Widerstände der christlichen Kirchen gegen diese Beisetzungsform. Doch die Feuerbestattung hat triumphiert. Der Kulturwissenschaftler Norbert Fischer erläutert in „Feuerbestattung: Die Technisierung des Todes“ die wesentlichen Aspekte, die mit der Einführung der Urnenbeisetzung im ausgehenden 19. Jahrhundert verbunden waren:

„Mit der Feuerbestattung war eine mechanistisch-materialistische Vorstellung vom Körper verbunden, der zufolge dieser als bloße Zusammensetzung einzelner Teile galt. Parallel zur bürgerlichen ‘Feier’ des Todes im Gesamtkunstwerk des landschaftlichen Parkfriedhofes schritt die Entzauberung von Sterben und Tod voran. Der Tod erschien nun immer mehr in seiner bloßen technischen Materialität. Für den Umgang mit Tod und Trauer wurden praktisch-rationale Aspekte wie Hygiene und Technik entscheidend.“

In Gotha wurden 1878, in Heidelberg 1891 das erste Krematorium eingeweiht. Die Vordenker dieser Bewegung waren sich des Traditionsbruchs durchaus bewusst. Die linke Ideologie der Gottlosigkeit, der die Vordenker und -kämpfer der Feuerbestattung angehörten, folgte dem säkularen Credo des atheistischen Materialismus.

Sakral anmutende Fassade mit turmartigem Rauchabzug: Neues Krematorium auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf von 1928-32 nach Entwürfen von Fritz Schumacher. Die Innenraumgestaltung greift Gedanken des zeitgenössischen Kirchenbaus auf

Der Vorsitzende des Hamburger Feuerbestattungsvereins, Eduard Brackenhoeft (1845-1914), gab sich pragmatisch und empfahl:

„Jeder neue Brauch wird am leichtesten dann volkstümlich und hat am ehesten dann Aussicht auf Verallgemeinerung, wenn er sich möglichst dem Hergebrachten anschließt. Ist doch die Abweichung von der Sitte oft einer der Hauptvorwürfe, die man den Freunden der Feuerbestattung macht.“

Die Trauerfeier war und findet öffentlich statt, die Einäscherung erfolgt im Verborgenen. Der Leichnam wird nicht der Erde, sondern der Technik übergeben. Mancherorts werden Trauergäste heute von der Beisetzung der Urne ausgeschlossen, wenn diese von der Friedhofsverwaltung in einem anonymen Bestattungsfeld versenkt wird, so dass bewusst niemand erfährt, wo genau die Asche des Verstorbenen beigesetzt ist.

Auf dem Vatikanum knickte die Kirche ein

Anfänglich leisteten die christlichen Kirchen Widerstand gegen die Feuerbestattung, heute dienen ehemalige Pfarrkirchen nicht selten als Kolumbarien. Dort aufgereiht stehen vasenförmige Urnen – darunter mittlerweile auch von verstorbenen katholischen Priestern. Die übliche Verweildauer beträgt zwanzig Jahre, ehe die Asche auf einem anonymen Bestattungsfeld beigesetzt wird. Noch im Codex Iuris Canonicis von 1917 war kirchenrechtlich verbindlich festgeschrieben: „Einem Gläubigen, der die Verbrennung seines Leichnams anordnet, wird das kirchliche Begräbnis zur Strafe entzogen.“

› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge

Erlaubt wurde die Feuerbestattung erst 1963 im Zusammenhang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. In einer Instruktion vom 24. Oktober 1964 wurde die Einäscherung zwar zugelassen, mit der Einschränkung, dass der Vorzug dieser Bestattungsart nicht ein Ausweis der Ungläubigkeit ist – wie dies der Katechismus der Katholischen Kirche noch heute festschreibt: „Die Kirche gestattet die Einäscherung, sofern diese nicht den Glauben an die Auferstehung des Fleisches infrage stellen will.“

Warum aber wählen gläubige Christen für sich eine Bestattungsform, deren Ursprünge auf die „Freidenker“ zurückgehen und in atheistischen Regimen, etwa in der DDR, gefördert wurde? Dies war, so scheint es, ein Zugeständnis an den Zeitgeist.

Kreislauf der Natur oder Auferstehung und ewiges Leben?

Urnen werden häufig in einem sogenannten Ruheforst oder Friedwald beigesetzt oder auf der Nord- und Ostsee hinabgelassen. Wer die Seebestattung wählt, bekennt sich faktisch zum Kreislauf der Natur, nicht aber zum christlichen Glauben. Die Urne dürfte nicht beigesetzt werden, bestünde sie nicht aus wasserlöslichem, biologisch abbaubarem Material. Sobald die Urne den Meeresboden erreicht hat, beginnt der Auflösungsprozess, der wenige Stunden bis mehrere Tage dauert.

Gusseiserne Grabkreuze aus dem 19. Jahrhundert auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte

Die Urne zerfällt, die Asche wird vollständig vom Wasser aufgenommen. Menschlich verständlich mögen Kostengründe sein, der Aufwand der Grabpflege, auch das Lebensalter der Hinterbliebenen oder, bei Kinderlosigkeit, die Sorge darum, dass die Grabstätte einfach verfällt.

Besonders schön ist ein Erinnerungsort auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, der Gedenkstein von Bundespräsident Johannes Rau (1931-2006), dessen Inschrift lautet: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth.“ Auch jedes schlichte Kreuz auf einer mit Gras bewachsenen Fläche bezeugt noch den christlichen Glauben. Das Totengedenken und die Gedächtnispflege gehören zu den Zeichen der abendländisch-christlichen Kultur, die nicht säkularer Traditionsbestand, sondern ein Verweis ist auf die Verbindung von Himmel und Erde, auf den Glauben an die Auferstehung. Friedhöfe verweisen zudem bis heute auf die unantastbare Würde des Menschen und damit auch seines vergänglichen Leibes.

Ein zarter Keim der Hoffnung

An ein hoffnungsvolles Zeichen in der Bestattungskultur mag darum auch erinnert werden. Nicht alles nämlich war früher anders oder gar besser, denn in so mancher Familie, so manche Hinterbliebene denken auch zurück an im Mutterleib verstorbene ungeborene Kinder, die geliebt und gewollt waren und deren Eintritt ins Erdenleben sehnsüchtig erwartet wurde. Wie sehr litten Eltern und Geschwister früher darunter, dass es keinen Ort und keinen Stein für die Trauer um ein ungeborenes totes Kind, ein „Sternenkind“, gab.

Kinder, die im Mutterleib lebten und starben, aber als still geborene Kinder nirgends bestattet werden konnten, wurden als „Fehlgeburt“ oder „Totgeburt“ bezeichnet und auf erschreckende, zutiefst inhumane Weise förmlich entsorgt. Diese unheilige Praxis bleibt ein schmerzhaftes Erbe des christlichen Abendlandes. Dankenswerterweise hat sich dies in jüngster Zeit geändert.

Vielleicht lässt sich darin ein zarter Keim der Hoffnung entdecken, dass auch eine Erneuerung der christlichen Bestattungskultur möglich sein könnte. Katholiken, die dem Alten Ritus verbunden sind, hören in der Messe zu Allerseelen im Graduale das Gebet: „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihnen. In ewigem Gedenken lebt der Gerechte fort, vor Unglückbotschaft braucht er nicht zu bangen.“ Darin finden gläubige Christen bis heute Zuversicht.

Wünschenswert wäre, dass unsere Friedhöfe, als Orte der Trauer, auch wieder die Hoffnungsbotschaft ausstrahlen könnten, die über die Endlichkeit des Lebens und dieser Welt hinausreicht.

› Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?

17
2

1
Kommentar

Kommentare