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Kulturchristentum – ein Trend?

Eine fragwürdige Neuentdeckung des Christentums

Auf den ersten Blick ist es fast wie eine Wandlung vom Saulus zum Paulus. Der weltberühmte Hetzer gegen das Christentum, der Biologe und bekannteste Vertreter des „Neuen Atheismus“, Richard Dawkins, preist plötzlich das Christentum als „bedeutsam“ und „gut“.

Der 83-jährige Brite sorgt sich offensichtlich um das Aussterben des christlichen Glaubens in Großbritannien und bekennt sich sogar zum „Team Christentum“. Er nennt sich explizit einen „Kulturchristen“, denn „natürlich“ sei er „kein gläubiger Christ“. Aber er sei froh, dass es den alten Glauben noch gebe. „Ich fühle mich im christlichen Ethos irgendwie zu Hause.“

Im Gegensatz zum Islam sei das Christentum „eine grundsätzlich anständige Religion“, so Dawkins am Ostersonntag in einem Beitrag des privaten Radiosenders LBC („Leading Britain’s Conversation“). Er sehe mit Sorge, dass trotz der schon 6.000 Moscheen im Land immer mehr muslimische Gebetsstätten entstünden.

Lebenslanger Kampf gegen das Christentum

Dawkins reflektiert im hohen Alter – nach einem lebenslangen Kampf gegen den christlichen Glauben – völlig unerwartet die Bedeutung des Christentums für die abendländische Zivilisation und Kultur. Böse Zungen könnten mutmaßen, dass sich hier jemand, dem Tod nähergekommen, zu einer transzendentalen Kehrtwende entschieden hat, bevor er seinem Schöpfer gegenübertreten muss. Was Dawkins sicher heftig bestreiten würde. 

Große Teile seines Lebenswerks können auch als eine heftige Philippika gegen den Glauben gelesen werden, ideologisch eingebettet in die materialistische, marxistische Tradition des Hasses auf die Religion, die nichts anderes als „Opium fürs Volk“ sei. 

Die neue Wertschätzung des Christentums ist aber vor allem deshalb erstaunlich, weil sich der Naturwissenschaftler in seinem Welt-Bestseller „Der Gotteswahn“ (2006) explizit für ein Verschwinden der christlichen Religion ausgesprochen hatte – ganz abgesehen von den schrillen Beschimpfungen Gottes und des „krankhaften Glaubens“. Religion sei für ihn „eine Form mentalen Kindesmissbrauchs“.  

Den Gott des Alten Testaments bezeichnete er als „homophob, frauenfeindlich, rassistisch, ein größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann“. Atheismus dagegen sei „fast immer ein Zeichen für eine gesunde geistige Unabhängigkeit und sogar für einen gesunden Geist“, so der Darwinist.   

Das Scheitern der „Neuen Atheisten“

Der britische, anglikanische Theologe Theo Hobson erinnerte Dawkins daran, wie „anmaßend und feige“ er ein Leben lang mit Religion umgegangen sei. Er habe sich publikumswirksam aus „intellektueller Feigheit" der Komplexität des Themas verweigert. 

Insbesondere nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA hätten die „Neuen Atheisten“ die Religionen allgemein beschuldigt, für solche Gewaltausbrüche verantwortlich zu sein und bewusst den Unterschied zwischen „sanftmütigen liberalen Christen“ und menschenverachtenden Islamisten verwischt. 

Hobson fand es befremdlich und vor allem nicht ausreichend, sich nun differenzierter über das Christentum zu äußern. „Ich frage mich, wie es sich anfühlt, wenn man merkt, dass man jahrzehntelang mit einem Haufen Unsinn hausieren gegangen ist.“

„Christliche Atheisten“

Der englische Publizist und christliche Apologet Justin Brierley hatte schon vor einem Jahr auf das Scheitern der „Neuen Atheisten“ verwiesen. Deren Prognose vom Tod der Religion und einer von Wissenschaft und Vernunft geprägten Zukunft habe sich keineswegs verwirklicht. „Alles, was unsere postchristliche Gesellschaft bisher hervorgebracht hat, ist Verwirrung, eine Krise der geistigen Gesundheit junger Menschen und die Kulturkriege“, meinte Brierley, der bekannt wurde für seine Diskussionen mit Atheisten.

Dawkins ist keineswegs der einzige Intellektuelle, der trotz Kirchenferne in jüngerer Zeit eine besondere Wertschätzung des Christentums formuliert. Auch der konservative Publizist und Bestseller-Autor Douglas Murray bezeichnet sich inzwischen als „christlicher Atheist“.

Vorschau Der christliche Apologet Justin Brierley
Der englische Publizist und Apologet Justin Brierley verwies schon in der Vergangenheit auf das Scheitern der „Neuen Atheisten“

Der scharfe Islamkritiker hat zwar den Glauben an Gott verloren. Seine Weltanschauung sei aber nach wie vor von seinen starken christlichen Wurzeln geprägt, betont Murray. Er habe zudem einen „großen Respekt und Bewunderung für das Christentum und die positive Rolle, die es beim Aufbau der westlichen Zivilisation gespielt hat“. Man könne nicht „das Christentum aus dem Westen herausnehmen, um etwas zu haben, das als Westen erkennbar ist“.

Auch die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali hat sich neuerdings dem Christentum zugewandt. Die niederländisch-amerikanische Politikerin, die sich immer als Atheistin bezeichnet hat, preist neuerdings die Vorzüge des „jüdisch-christlichen Erbes“. Sie begründet ihren Sinneswandel mit der Einsicht, dass „der säkulare Humanismus den Westen nicht retten kann“.

Ausbreitung des Kulturchristentums in Europa

Dawkins überraschenden Sinneswandel muss man wohl eingliedern in das wenig beachtete Phänomen des „Kulturchristentums“, das sich in Europa seit vielen Jahren ausbreitet. Während nämlich die Säkularisierung der alten Welt weiter zunimmt und die Zahl der gläubigen Christen und der Kirchenmitglieder rapide schrumpft, können heute immer größere Teile der Bevölkerung in Europa als Kulturchristen beschrieben werden – ohne dass die meisten diesen Begriff selbst verwenden. 

Denn ungeachtet des seit langem anhaltenden, deutlichen Schwunds der Kirchenmitglieder und der Gottesdienstbesucher bekennen sich nach wie vor sehr viele Europäer auch in den stark säkularisierten Ländern zu christlichen Traditionen, Ritualen und Werten. Diese Haltung kennzeichnet das moderne Kulturchristentum.

Reaktion auf Nihilismus und Islam

Es verweist auf die tiefen Wurzeln der christlichen Religionen in Europa, die auch Menschen spüren, die sich von Kirche und Religion loslösen möchten. Kulturchristentum muss aber wohl auch verstanden werden als eine Reaktion auf die wachsenden Bedrohungen Europas durch nihilistische Moden, totalitäre Tendenzen (all derer, die das Himmelreich schon bald auf der Erde verwirklichen möchten) und den sich unbeirrt ausbreitenden Islam. 

Kulturchristen fühlten sich im Gegensatz zu den „Kirchenchristen“ mit „den Grundwerten der christlichen Kultur verbunden, aber für sie haben die Lehren, die Normen, die Gesetze und die Riten der Kleriker und der Theologen keine Bedeutung mehr“, definierte der österreichische Religionsphilosoph Anton Grabner-Haider von der Universität Graz das Phänomen.

Kulturchristen schätzten christliche Grundwerte wie Friedens- und Nächstenliebe oder die Solidarität mit den Schwächeren ebenso wie christliche Kulturwerke in Architektur, Literatur oder Musik, beschreibt der Wissenschaftler. Lehren der Theologie oder der Amtskirchen – wie die Vorstellung von Himmel und Hölle oder der Erbsünde – lehnten Kulturchristen aber ab.

Ablehnung einer Gottesvorstellung

Sie seien einem naturwissenschaftlichen Weltbild verpflichtet und interpretierten das Neue Testament in einem rein symbolischen Sinn, bei der beispielsweise die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus als Menschlichkeitswerdung jedes Menschen verstanden wird. Eine Gottesvorstellung lehnen sie ab, fühlten sich aber nicht selten von Esoterik oder Astrologie angezogen, erklärt der Religionsphilosoph.  

Eine besondere Gruppe seien „kämpferische Kulturchristen“, welche die Grundwerte der christlichen Kultur gegen fremde Kulturwerte wie die des Islams verteidigen wollten. Christentum diene dabei vor allem als Abgrenzung gegen totalitäre Ideologien. Damit folgten sie „dem Modell des Herrschaftschristentums“, während die meisten Kulturchristen sich einem Verantwortungschristentum verpflichtet fühlten. 

Eine klare Grenze zwischen Kirchenchristen und Kulturchristen lasse sich aber gar nicht ziehen, „denn oft sind die Übergänge auch in einer Lebensgeschichte fließend“, meint Grabner-Haider.

Christliche Kultur ohne Gottesbezug nicht vorstellbar

Auch der Theologe Hobson hinterfragt die Option, Kulturchrist sein zu können ohne Glaubensinhalte. Eine christliche Kultur ohne Gottesbezug und ohne Gestaltungswillen der Gläubigen sei gar nicht vorstellbar. Hobson mutmaßt, dass viele Kulturchristen, wären sie „ganz ehrlich“, zugeben müssten, dass sie durchaus „ein bisschen glauben“. Auch wenn es „den wissenschaftlichen Verstand verwirrt, aber religiöser Glaube ist eben nicht schwarz oder weiß“.

Eine Unterscheidung zwischen einem gläubigen Christen und einem kulturellen Christen sei anzuzweifeln, „denn Religion ist Kultur“, so Hobson. Der Glaube sei nicht oder nicht nur ein unsichtbares Ding im Kopf, „er nimmt die Form der Kultur an“.

„Wiedergeburt des Glaubens an Gott“

Dawkins Aufsehen erregendes LBC-Interview hat vor allem in Großbritannien große Wellen geschlagen. Denn die späten Einsichten des Biologen unterstreichen die Thesen Brierleys, der 2023 mit seinem Buch „Die überraschende Wiedergeburt des Glaubens an Gott“ („The Surprising Rebirth of Belief in God“) viel Aufsehen erregt hat. Die konservative Zeitschrift The Spectator aus London widmete dem Thema in diesem Jahr mehrere Beiträge, titelte sogar „Eine Wiedergeburt des Christentums in Großbritannien“. 

Das Königreich gehört zu den europäischen Ländern, in denen vor allem wegen der Immigrationswellen der letzten beiden Jahrzehnte der Islam eine immer größere gesellschaftliche und politische Bedeutung gewonnen hat. Das mag ein Hintergrund sein, warum in Debatten immer häufiger „christliche Werte“ beschworen werden.

In Großbritannien zumindest gibt es aber auch – ganz abgesehen von der wachsenden Rolle des Kulturchristentums – das Phänomen, dass sich einige populäre Intellektuelle von religiöser Metaphysik und kirchlichen Ritualen angezogen fühlen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei laut Brierley das Werk des britischen Schriftstellers Tom Holland.

Sogar säkularer Humanismus hat Wurzel im Christentum

In seinem Buch „Herrschaft“ („Dominion“) schildert der Historiker die überragende Bedeutung des Christentums für die Errungenschaften und die Ethik des Abendlands. Die Lehren des Jesus von Nazareth bedeuten laut Holland unabhängig von seinem metaphysischen Status als Gottessohn einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte. 

„Der Einfluss des Christentums auf die Entwicklung der westlichen Zivilisation war so tiefgreifend, dass man ihn gar nicht mehr sieht.“ Sogar der säkulare Humanismus, die liberale Demokratie oder die wissenschaftliche Revolution hätten ihre Wurzeln im Christentum. Seine eigenen Studien veranlassten den Agnostiker Holland, wieder auf seine Kirche zuzugehen. 

Einige britische Intellektuelle ließen sich von Holland inspirieren, so Brierley. Es gebe eine unerwartete Neugier am Christentum. Der englische Tech-Pionier Jordan Hall beispielsweise habe sich von einem bekennenden Atheisten zu einem praktizierenden Christen gewandelt. 

Einige britische Intellektuelle folgen sogar den Spuren von Ex-Premierminister Tony Blair, der 2007 zum katholischen Glauben konvertierte. Dazu gehört der Autor Paul Kingsnorth. Die Zerstörung der Erde und der Kulturen durch Industrie und Liberalismus entziehe dem „Leben jeglichen Sinn, jede Wahrheit“, so der Zivilisationskritiker und Umweltaktivist. Sein langer, spiritueller Weg habe beim Christentum und seinem Eintritt in die kleine, rumänisch-orthodoxe Kirche seine Erfüllung gefunden.

Jordan Peterson ringt mit dem Glauben

Der einflussreiche kanadische Psychologe und Publizist Jordan Peterson demonstriert seit längerer Zeit seine Wertschätzung des christlichen Wertesystems – auch wenn er sehr damit ringe, sich als Christ zu bekennen. Während er aber früher von der christlichen Religion als einer „nützlichen Fiktion" bei der Suche nach dem Sinn des Lebens sprach, zeigt er sich seit einigen Jahren zunehmend offen für den Glauben.

„Ich handle, wie wenn es Gott gäbe – und ich habe Angst, dass das stimmen könnte“, formulierte Peterson 2021 seine innere Zerrissenheit, nachdem er eine schwere Krankheit und eine Medikamentensucht überstanden hatte. „Ich bin über meinen eigenen Glauben erstaunt, ich verstehe das nicht“, gestand er in einem sehr persönlichen und emotionalen Gespräch mit dem orthodoxen Ikonenschreiber und YouTuber Jonathan Pageau.

Die unsichtbare Welt der Moral sei durchaus „sehr real, auch wenn es nicht die objektive Welt ist. Diese beiden Welten kommen in Christus zusammen, das scheint mir seltsam plausibel“, sagt der Bestseller-Autor in dem YouTube-Gespräch. Seine Frau Tammy Peterson trat jetzt in der Osternacht 2024 in die katholische Kirche ein. Während eines schweren Krebsleidens fand sie durch das Rosenkranzgebet zum Glauben. Jordan Peterson wurde in einem kürzlich geführten Interview mit dem katholischen Fernsehsender EWTN gefragt, ob er sich auch zum katholischen Glauben hingezogen fühle. „Es gibt viele Dinge, die der katholische Glaube richtig macht. Ich schätze ihn“, sagte der Psychologe, betonte aber gleichzeitig: „Jeder ist auf seinem eigenen Weg unterwegs. Tammy auf ihrem, ich auf meinem.“

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Säkularisierung lastet auf Europa

Die Zuwendung mancher Intellektueller zum Christentum in jüngster Zeit steht im tiefen Widerspruch zu den gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte in so gut wie allen europäischen Ländern. 

Vor allem die um sich greifende Säkularisierung lastet auf den christlichen Kirchen Europas. Derzeit wird die Gesamtzahl der Christen in Europa auf rund 550 Millionen (von insgesamt etwa 750 Millionen Menschen) geschätzt. Das US-Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center erwartet einen Rückgang der Kirchenmitglieder bis zum Jahr 2050 um rund 100 Millionen auf dann etwa 454 Millionen. Gleichzeitig steige die Zahl der Muslime deutlich an. Die Zahl der Gesamtbevölkerung ändert sich demnach nicht wesentlich. 

Die Entwicklung wachsender Kirchenferne lässt sich auch in traditionell zutiefst katholischen Staaten wie in Irland, Italien, Spanien oder Polen beobachten. In Italien bezeichneten sich jüngst bei einer repräsentativen Umfrage etwa 30 Prozent als Atheisten.

Schrumpfungsprozess der Kirchen scheint unaufhaltbar

In Deutschland vollzieht sich die Entfremdung der Bevölkerung von den christlichen Kirchen ähnlich wie zuvor schon in den skandinavischen Ländern, in den Niederlanden, aber auch in Belgien und Frankreich. 2019 gehörten in Deutschland mit etwa 44 Millionen Mitgliedern (23 Millionen Katholiken, 21 Millionen Protestanten) mehr als die Hälfte der Bevölkerung zu den beiden großen christlichen Kirchen. 2023 war diese Zahl auf etwa 40 Millionen Menschen gesunken. 1990, kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands, gehörten noch rund 70 Prozent der Bevölkerung den beiden Kirchen an. 

Das Christentum könnte aus Europa zunehmend verschwinden, fürchtet der Luxemburger Kardinal Jean-Claude Hollerich. „Der Schrumpfungsprozess ist erschreckend“, schreibt Hollerich in seinem kürzlich veröffentlichten Buch „Was auf dem Spiel steht“. Religion gehöre immer weniger zur europäischen Identität. In der katholischen Kirche glaubten viele noch, dass Europa christlich sei. Das stimme aber nicht mehr.

Vorschau Kardinal Robert Sarah
Kardinal Robert Sarah warnt vor dem weiteren Vordringen des Islams in Europa. Diese Entwicklung könne nur ein „starkes Christentum“ aufhalten

Der afrikanische Kardinal Robert Sarah warnt vor der Aufgabe christlicher Werte in Europa und das weitere Vordringen des Islams. Dieser drohe, auch Europa zu erobern, Kultur und Moral zu prägen. Diese Entwicklung aufhalten könne nur ein „starkes Christentum“, so der Präfekt der vatikanischen Gottesdienstkongregation in einem Interview des katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“. 

Es sei dabei ein großer Fehler, wenn sich die Kirche vor allem politisch engagiere, „statt sich um das Seelenheil ihrer Gemeinden zu kümmern“, meinte der Kardinal.

Reaktion auf Nihilismus und Islam

Die jüngsten Entwicklungen verweisen trotz aller Säkularisierungstendenzen auf eine neue Bedeutung des Christentums in Europa. Zumindest für manche Theologen wie Brierley ist die neue Anziehungskraft des Christentums auch innerhalb der geistigen Eliten des Westens ein Zeichen dafür, dass der säkulare Humanismus gescheitert ist. Die Rückbesinnung auf das Christentum hat aber sicher auch viel mit den wachsenden Sorgen über die Ausbreitung des Islams in Europa zu tun.  

Fraglich bleibt, ob das Kulturchristentum dazu beiträgt, dass Europa auch in Zukunft ein christlich geprägter Kontinent bleibt. „Als staatstragende Kraft hat die Religion ausgedient, aber als gesellschaftliche Kraft kommt den Religionen eine durchaus für Europa tragende Rolle zu“, interpretierte der Religionssoziologe Martin Riesebrodt mit großem Optimismus diese Entwicklung. 

Viele Wissenschaftler und Theologen sehen das anders. Vor allem in den Kirchen wird bezweifelt, ob das Kulturchristentum ein Weg sein könnte, christliche Werte als essenzielle Wesenselemente europäischer Gesellschaften zu bewahren.  

„Das Christentum ist nicht nur ein nützliches Rettungsboot für gestrandete Intellektuelle. Wenn es nicht buchstäblich wahr ist, ist es nicht wertvoll“, schreibt Brierley. Es sei wichtig, ob Jesus Christus tatsächlich von den Toten auferstanden ist. „Wenn Christus nicht auferstanden ist, ist dein Glaube vergeblich, und du bist noch in deinen Sünden.“

Christentum kann man nicht „nachspielen“

Auch der ehemalige Bischof des ungarischen Bistums Vác (Waitzen), Miklós Beer, warnte vor einem Kulturchristentum, das sich lediglich aus der Tradition oder der Ethik erklärt. „Wir leben unser friedliches kulturchristliches Leben in der Welt der schönen Fresken unserer Kirchen und bemerken gar nicht, wie weit wir uns von Christus entfernt haben“, hielt die Zeitschrift Christ in der Gegenwart in einer Meldung fest. Europa werde nicht christlicher, „wenn noch mehr Basiliken renoviert werden oder wenn noch mehr Politiker über den Schutz des Christentums sprechen“.

Der irische Schriftsteller C. S. Lewis (1898–1963) hatte einst geschrieben: „Der Einfluss des Christentums auf das Abendland ist untrennbar mit dem lebendigen Glauben derjenigen verbunden, die seine Institutionen und Werte begründet haben. Hätten die Menschen nicht tatsächlich an das christliche Versprechen der Erlösung geglaubt und wären sie nicht in der Lage gewesen, im Angesicht des Todes zu hoffen, hätten sie nicht den Mut gehabt, die Welt im Namen Jesu zu verändern.“

Wenn konservativ eingestellte Intellektuelle das Christentum nur „nachspielen“, ohne wirklich daran zu glauben, wird diese „neutheistische“ Bewegung unweigerlich verblassen, meint Tom Holland. Das Christentum dürfe nicht zu „einem nützlichen politischen Werkzeug“ verkommen, um beispielsweise den Islam abzuwehren; denn dann verliere der christliche Glaube „seine lebensspendende Kraft“.

 

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Kommentare

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Kommentar
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Andreas Graf
Vor 1 Monat 1 Woche

Intellektuelle Atheisten, neuerdings Kulturchristen, schöpfen ihre Daseinsberechtigung im Abarbeiten und Bekämpfen des Christentums. Was wollen sie denn noch bekämpfen, wo nichts mehr ist? Das ist das Dilemma der Atheisten. Von einer Wiedergeburt des Glaubens an Gott möchte ich da nicht sprechen, denn das setzte eine echte Bekehrung voraus. Atheisten wollen im Blickfeld bleiben und letztlich mit ihrem Gelaber Geld verdienen. Verschwinden wird das Christentum aus Europa übrigens nicht. Der Same, den Jesus Christus in die Erde gelegt hat, bringt immer hundertfache Frucht. An Arbeitern im Weinberg Gottes wird es nie mangeln. Man vergesse neben den Kirchenfürsten nicht die stillen unscheinbaren betenden Gärtner im banalen Alltag. Die wird es immer geben, die Restkirche, die wie der hl. Apostel Johannes als letzter Verbliebener mit Maria am Kreuz ausharrt. Atheisten sehen nur die Institution der Kirche, die in Wirklichkeit der mystische Leib Jesus Christi ist. Maranatha - Herr Jesus komm!

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Harald Wellmann
Vor 1 Monat 1 Woche

Was für eine Hybris! Anstatt den Kulturchristen vorzuwerfen, das Christentum zu entkernen, wäre es doch an den Kirchenchristen, Brücken zu bauen, um die Kulturchristen für diese oder jene Kirche zu gewinnen.

Auch wenn der Kulturchrist kein Gläubiger ist, so ist er doch vielleicht ein Zweifelnder oder ein Suchender.

Solange christliche Kirchen ihre (ehemaligen) Mitglieder wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer politischen Überzeugung oder ihres Impfstatus ausgrenzen, bleibt für diese das Kulturchristentum als letzte Verbindung zum "echten" Christentum.

Die Geringschätzung des Kulturchristentums durch die Kirchenchristen wird den Kulturchristen darin bestärken, in den Kirchen fehl am Platze zu sein.

Kann man Christ ohne Gemeinde sein? Wo findet man eine Gemeinde außerhalb der großen Kirchen?

Kleinere christliche Kirchen oder Freikirchen fallen gerade durch Abwesenheit von Kultur (Ritus, Musica sacra) auf und bieten einem Kulturchristen keinen Ansatzpunkt.

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Gernot Schmidt
Vor 1 Monat 1 Woche

Ich kann dem Autor zum Teil beipflichten, zum Teil nicht.
Der Mitgliederschwund der Kirchen liegt zum großen Teil an der Verweltlichung des "Bodenpersonals" selbst, das heißt: Abkehr von den tiefen Glaubensinhalten, hin zum Kulturchristentum! Die Kirchen selbst entkernen sich.
Ich halte es für durchaus positiv, wenn Atheisten beginnen, die Kirchen wertzuschätzen. Hieraus kann durchaus eine bewußte Glaubensentscheidung erwachsen. Aber zumindest wird der Wert und die Stellung der Kirchen nicht bekämpft.

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Adriano Bauer
Vor 1 Monat 1 Woche

Generell stimme ich dem Autor zu, allerdings ist das kulturelle Christentum meist nur eine vorübergehende Erscheinung. Der heutige Zeitgeist und die daraus resultierende geistige Leere hat mich aus meinem Agnostizismus zunächst in das Kulturchristentum geführt. Es hat aber nur Monate gedauert, bis ich wieder voll gläubig geworden bin, weil ein kulturelles Christentum kein Fundament bietet, sondern schnell in den Relativismus zurückfällt. Ich denke, die meisten Menschen erkennen früher oder später, dass diese Geisteshaltung inkonsequent gedacht ist. Deswegen sollten wir "Kulturelle Christen" als Menschen verstehen, bei welchen die Mission am ehesten Früchte trägt. Daraus folgt im übrigen, dass der Verweis auf das kulturelle Christentum auf harte Atheisten zum Missionszweck angewandt werden kann.

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Kurt-J. Gleichmann
Vor 1 Monat 1 Woche

• Das "Christentum" steht oder fällt, wie ein Mantel, mit seinem Inhalt.
• Inhalt des christlichen Glaubens ist JESUS der Gekreuzigte, Auferstandene, Menschenveränderer, Versöhner, Wiederkommende, Heiland und Herr.
• "Kultur" ist Folge von Kultus, ("Pflanzung, Bebauung, Acker"). Ohne gute, lebendige Saat ist der Acker übel, tot.
• Christus kam nicht, um Stimmung zu machen, sondern das Instrument zu stimmen. Als Heiland und Herr. Er sagt (Mt. 12): Ist der Baum gut, wird die Frucht gut.
• Die weltweite Christenheit begann, von Christus ermächtigt, im kraftvollen Zeugendienst durch Verbreitung des Evangeliums. (Zeugen = "Märtyrer", oft mit dem eigenen Blut bezahlt = "Same der Kirche". In der ganzen Welt wird die Lebensbotschaft verkündet, erfahren, gelebt, bis zur Rückkehr des Königs. Der Countdown läuft.

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Thorsten Paprotny
Vor 1 Monat 1 Woche

Der Begriff „Kulturchristentum“ hat eine lange, wesentlich protestantisch kolorierte Vorgeschichte. Mir scheint es durchaus berechtigt zu sein, kritisch darüber nachzudenken, wie dies Laszlo Trankovits in seinem Beitrag anstellt. - Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass Kulturchristen sich zu Christus bekehren und damit zur Kirche des Herrn bekennen.

2020 schrieb ich eine kritische Betrachtung zum „Kulturchristentum“:
https://de.catholicnewsagency.com/article/1077/warum-katholiken-keine-k…

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Dinah
Vor 1 Monat 1 Woche

Kulturchristen sind hier wohl als Menschen zu verstehen, die der äußeren Erscheinungsform der Kirche in gewisser Weise zeitweise anhaften. Das ist völlig in Ordnung, so hat der Herrgott die Welt und den Menschen geschaffen. Wenn es kalt ist, braucht der Mensch draußen einen Mantel. Und selbstverständlich ist ihm der Rock nicht so nah wie das Hemd, das er näher an seinem Herzen trägt. Aber nicht nur die Gemeinschaft der Menschen in und um die Kirche, sonder jeder Einzelne tickt doch so; mal ist er näher an Gott und mal ist er weiter entfernt, so erfahren wir uns doch in Zeit und Raum. Vertrauen wir dem Herrgott, es hat schon alles und jeder seine Berechtigung.

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Andreas Graf
Vor 1 Monat 1 Woche

Intellektuelle Atheisten, neuerdings Kulturchristen, schöpfen ihre Daseinsberechtigung im Abarbeiten und Bekämpfen des Christentums. Was wollen sie denn noch bekämpfen, wo nichts mehr ist? Das ist das Dilemma der Atheisten. Von einer Wiedergeburt des Glaubens an Gott möchte ich da nicht sprechen, denn das setzte eine echte Bekehrung voraus. Atheisten wollen im Blickfeld bleiben und letztlich mit ihrem Gelaber Geld verdienen. Verschwinden wird das Christentum aus Europa übrigens nicht. Der Same, den Jesus Christus in die Erde gelegt hat, bringt immer hundertfache Frucht. An Arbeitern im Weinberg Gottes wird es nie mangeln. Man vergesse neben den Kirchenfürsten nicht die stillen unscheinbaren betenden Gärtner im banalen Alltag. Die wird es immer geben, die Restkirche, die wie der hl. Apostel Johannes als letzter Verbliebener mit Maria am Kreuz ausharrt. Atheisten sehen nur die Institution der Kirche, die in Wirklichkeit der mystische Leib Jesus Christi ist. Maranatha - Herr Jesus komm!

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Harald Wellmann
Vor 1 Monat 1 Woche

Was für eine Hybris! Anstatt den Kulturchristen vorzuwerfen, das Christentum zu entkernen, wäre es doch an den Kirchenchristen, Brücken zu bauen, um die Kulturchristen für diese oder jene Kirche zu gewinnen.

Auch wenn der Kulturchrist kein Gläubiger ist, so ist er doch vielleicht ein Zweifelnder oder ein Suchender.

Solange christliche Kirchen ihre (ehemaligen) Mitglieder wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer politischen Überzeugung oder ihres Impfstatus ausgrenzen, bleibt für diese das Kulturchristentum als letzte Verbindung zum "echten" Christentum.

Die Geringschätzung des Kulturchristentums durch die Kirchenchristen wird den Kulturchristen darin bestärken, in den Kirchen fehl am Platze zu sein.

Kann man Christ ohne Gemeinde sein? Wo findet man eine Gemeinde außerhalb der großen Kirchen?

Kleinere christliche Kirchen oder Freikirchen fallen gerade durch Abwesenheit von Kultur (Ritus, Musica sacra) auf und bieten einem Kulturchristen keinen Ansatzpunkt.

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Andreas Graf
Vor 1 Monat 1 Woche

Kulturchristen werden von Kirchenchristen nicht geringgeschätzt. Eine echte Bekehrung ist eine Frucht des Gebetes, nicht endloser Diskussionen. Darin mangelt es, im Vertrauen an die Wirkmacht des Gebetes. Beten ist die beste Form der Mission. Deshalb sind und waren z. B. Klöster so wichtig. Alle Missionare in früheren Zeiten bereiteten ihre Mission zuvor mit Gebet vor. Das Gebet ist die Brücke, die Christen bauen müssen, damit die Kulturchristen in der Institution der Kirche auch den mystischen Jesus Christus entdecken.